K. M. Girardet: Die Konstantinische Wende

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Titel
Die Konstantinische Wende. Voraussetzungen und geistige Grundlagen der Religionspolitik Konstantins des Großen


Autor(en)
Girardet, Klaus M.
Erschienen
Umfang
204 S.
Preis
€ 44,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrich Lambrecht, Institut für Geschichte, Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz

In den Jahren 2006 und 2007 ist das Interesse nicht nur der Fachwissenschaft, sondern auch einer breiteren Öffentlichkeit auf Konstantin den Großen gerichtet. Dafür sorgt das Gedenken an die Ausrufung Konstantins zum Augustus nach dem Tode seines Vaters Constantius Chlorus in York am 25. Juli 306 ebenso wie die für 2007 vorgesehene Konstantin-Ausstellung in Trier. Nicht zuletzt wegen der mit Konstantin einsetzenden Christianisierung des römischen Staates ist die Thematik durch sehr heterogene Interessen beeinflusst. Die schon zur Zeit Konstantins nachweisliche legendenhafte Überformung seiner Religionspolitik verstellt ebenso wie die frühen und späteren Äußerungen von Gegnern dieser grundsätzlichen Neuausrichtung im Vergleich zu der religiösen Haltung seiner Vorgänger nur zu oft den Blick auf eine sachliche Würdigung der "Konstantinischen Wende" im Lichte der zeitgenössischen Quellen. Daher ist es sehr zu begrüßen, dass Klaus Martin Girardet, der sich seit Jahrzehnten mit der Religionspolitik Konstantins befasst[1], jetzt zur Orientierung und Standortbestimmung auf einem unübersichtlichen Feld widersprüchlicher Quellenaussagen, Interpretationen und Schlussfolgerungen in monografischer Form einen wissenschaftlichen Wegweiser zur sachgerechten historischen Einschätzung von Quellen und Literatur über die Konstantinische Wende vorlegt.

Die Monografie besteht aus zwei im Jahre 1998 als unselbständige Veröffentlichungen vorgelegten Beiträgen, die nun in einem Buch zusammengeführt sind. Der Aufsatz "Christliche Kaiser vor Konstantin d. Gr.?" (S. 13-38) [2] geht der Frage nach, ob bereits Vorgänger Konstantins Christen gewesen seien, wie immer wieder, auch in der neueren Forschung, behauptet wird. Girardet kann für alle in Rede stehenden Kandidaten, für Tiberius und Hadrian als angebliche Sympathisanten des Christentums wie für Alexander Severus, Philippus Arabs, Constantius Chlorus und Maxentius als angebliche Christen auf dem Kaiserthron, den Nachweis führen, dass derartige Behauptungen nicht stimmen. Die entsprechenden Aussagen und Hinweise gehen überwiegend auf christliche Apologeten zurück oder sind aus ihnen abgeleitet (bzw. für Hadrian und Alexander Severus durch heidnische Apologeten hervorgerufen, die den Ausschließlichkeitsanspruch des Christentums brandmarken wollen), ohne dass sie einer Überprüfung durch weitere, vor allem zeitgenössische Quellen standhalten könnten. Die christliche Wende wird also zu Recht mit Konstantin in Verbindung gebracht.

Den größten Teil des Buches nimmt die Untersuchung "Die Konstantinische Wende und ihre Bedeutung für das Reich. Althistorische Überlegungen zu den geistigen Grundlagen der Religionspolitik Konstantins d. Gr." (S. 39-155) [3] in Anspruch. Hier stehen die mit dieser Wende Konstantins verbundenen Fragen im Vordergrund: In Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur der letzten Jahrzehnte betrachtet Girardet "die der Hinwendung Konstantins zum Christentum vorausgehenden, sie konstituierenden und ihr folgenden Grundsatzentscheidungen des Kaisers, die das Christentum in seine neue Rolle innerhalb des spätantiken Römerreiches eingeführt haben" (S. 46). Anlass hierzu gibt vor allem das disparate Bild, das die wissenschaftliche Literatur der jüngeren Zeit bietet: Die Wende ist "umstritten", wird "sogar rundweg infrage gestellt oder abgelehnt" (S. 47), sodass Girardet sie auf streng quellenbezogener Basis "mit teils bekannten, teils neuen Argumenten zu verteidigen" (S. 48) sucht. Beim Blick auf die Literaturlage stellt Girardet nicht Extrempositionen in den Mittelpunkt, sondern konzentriert sich auf eine solche wie die Jochen Bleickens[4], der sich ernsthafter Resonanz sicher sein kann, wenn er in Anknüpfung an ältere Positionen etwa Jakob Burckhardts und Henri Grégoires den Zusammenhang von Religionspolitik und individueller Glaubenshaltung Konstantins leugnet, stattdessen das bloße Machtkalkül des Kaisers wirken sieht und darüber hinaus Anhängern der inneren Wende Konstantins Quellengläubigkeit vorwirft und sie ideologischer Befangenheit verdächtigt.

In den Mittelpunkt der Überprüfung, ob Konstantin eine Wende vollzogen hat, rückt Girardet das Verhalten des Kaisers unmittelbar nach dem Sieg über den Bürgerkriegsgegner Maxentius an der Milvischen Brücke. Als wichtigstes Indiz für eine keineswegs allmähliche, sich bis in die Zeit der Alleinherrschaft hinziehende Transformation der religiösen Überzeugungen Konstantins, vielmehr für einen "qualitativen Sprung" (S. 57), in dessen Folge er sich jetzt als Christ zu erkennen gibt, nennt Girardet in Fortführung von Argumenten Johannes Straubs [5] den Verzicht auf das Götteropfer beim triumphalen Einzug in Rom am 29. Oktober 312. Diesem Ereignis und Konstantins Verhalten aus diesem Anlass ordnet er weitere Quellenzeugnisse aus der vorausgehenden und folgenden Zeit zu und befragt sie nach ihrer Plausibilität bezüglich der von Konstantin Ende Oktober 312 für alle sichtbar vollzogenen Wende: die Bedeutung des Galeriusedikts vom 30. April 311, das Christogramm als Konstantins christliches Schutzzeichen, die Aussetzung der Säkularfeier 313. Für die noch weiterhin beibehaltene heidnische Symbolsprache etwa der Münzen nimmt Girardet "den politischen Instinkt und das politische Fingerspitzengefühl dieses ersten christlichen Herrschers angesichts der quantitativen Relation zwischen Christen und Nichtchristen im Reich" (S. 80) in Anspruch.

Die folgenden Ausführungen zu staatsrechtlichen Aspekten des kaiserlichen Amtes, zum christlichen Monotheismus und Universalismus, wie er sich in kaiserlichen Dokumenten seit der Wende niederschlägt, sowie zur Christianisierungspolitik und ihren Konsequenzen für die Haltung des Kaisers gegenüber Nichtchristen, Häretikern und Christen dienen der argumentativen Untermauerung der Wende Konstantins, des "qualitativen Sprungs". Sie sind teilweise bis in die späteren Regierungsjahre Konstantins weiterverfolgt, um in der Kontinuität die Wirksamkeit der Wende zu dokumentieren. Girardet wendet sich entschieden gegen eine Trennung der religiösen und der machtpolitischen Argumente im Zusammenhang mit der christlichen Wende, wie sie von einem Teil der heutigen Forschung vorausgesetzt wird, das widerspreche antikem Denken. Auch die monotheistisch-universalistischen Aspekte des Christentums träten zeitig etwa in den Briefen nach Afrika im Zusammenhang mit dem donatistischen Streit zutage. Gegenüber Nichtchristen verzichtet Konstantin aus Motiven der Sicherheitspolitik auf Gewalt, aber ein "Pluralismus der Religionen ist unter dem Vorzeichen des christlichen Wahrheits- und Absolutheitsanspruchs [...] unmöglich" (S. 114). Dieses Prinzip der Duldung gilt allerdings nicht christlichen Abweichlern gegenüber, da die Vorstellung von der Wirkungsmacht des Christengottes den christlichen Einheitsgedanken bedingt. Unter diesen Voraussetzungen bedeutet es keinen großen Schritt, den christlich-monotheistischen Universalismus gedanklich mit dem römischen Weltherrschaftsanspruch zu verknüpfen und hier Konstantins Selbstverständnis als Monarch verankert zu sehen.

Girardets Plädoyer ist im besten Sinne ein Führer nicht nur durch die Literatur zur Konstantinischen Wende, sondern vor allem auch zu den Quellen im Zusammenhang mit der Wende, in deren sachgerechter Interpretation der Appell begründet liegt, von ihnen aus die Konstantinische Wende zu beurteilen und nicht von Interessen aus, die ihre Impulse letztlich doch eher aus quellenfernen Motiven beziehen, auch wenn deren Vertreter diese Sichtweise umgekehrt gerade bei den Anhängern der Auffassung von der Wende Ende 312 repräsentiert sehen mögen. Die umfangreiche Bibliografie (S. 157-189) auf neuestem Stand erleichtert den Überblick über und den Einblick in die vielfältigen und umstrittenen Tendenzen der neueren Forschung zur Konstantinischen Wende, deren Folgen bis heute die "spezifisch europäische Form von Politik, Kultur und Zivilisation" (S. 155) mitbestimmen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Girardet, Klaus Martin, Kaisergericht und Bischofsgericht. Studien zu den Anfängen des Donatistenstreites (313-315) und zum Prozess des Athanasius von Alexandrien (328-346), Bonn 1975, und zahlreiche Aufsätze desselben Verfassers.
[2] Zuerst erschienen in: Kneißl, Peter; Losemann, Volker (Hgg.), Imperium Romanum. Studien zu Geschichte und Rezeption. Festschrift für Karl Christ zum 75. Geburtstag, Stuttgart 1998, S. 288-310.
[3] Zuerst erschienen in: Mühlenberg, Ekkehard (Hg.), Die Konstantinische Wende, Gütersloh 1998, S. 9-122.
[4] Vgl. Bleicken, Jochen, Constantin der Große und die Christen. Überlegungen zur konstantinischen Wende, München 1992; abgelehnt von: Bringmann, Klaus, Die konstantinische Wende. Zum Verhältnis von politischer und religiöser Motivation, in: HZ 260 (1995), S. 21-47.
[5] Vgl. vor allem: Straub, Johannes, Konstantins Verzicht auf den Gang zum Kapitol, in: Historia 4 (1955), S. 297-313 (wiederabgedruckt in: Ders., Regeneratio Imperii. Aufsätze über Roms Kaisertum und Reich im Spiegel der heidnischen und christlichen Publizistik, Darmstadt 1972, S. 100-118).

Zitation
Ulrich Lambrecht: Rezension zu: : Die Konstantinische Wende. Voraussetzungen und geistige Grundlagen der Religionspolitik Konstantins des Großen. Darmstadt  2006 , in: H-Soz-Kult, 26.06.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7592>.
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26.06.2006
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