D. Seybold: Geschichtskultur und Konflikt

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Titel
Geschichtskultur und Konflikt. Historisch-politische Kontroversen in Gesellschaften der Gegenwart


Autor(en)
Seybold, Dietrich
Erschienen
Bern 2005: Peter Lang/Bern
Umfang
385 S.
Preis
€ 60,70
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Cornelia Siebeck, Graduiertenkolleg "Interkulturelle Kommunikation - Interkulturelle Kompetenz", Kulturwissenschaftliches Institut Essen/Technische Universität Chemnitz

In seiner Dissertation hat Dietrich Seybold es sich zum Ziel gesetzt, eine „Phänomenologie, eine Analytik ‘der’ Geschichtsdebatte der Gegenwart zu liefern“ und die „Geschichtswissenschaft der Gegenwart in dieser sozialen Umwelt zu ‘verorten’“ (S. 5). Empirischer Gegenstand der Untersuchung sind geschichtspolitische Debatten zwischen 1989 und 2001. Nicht nur der Titel lässt eine theoretische Reflexion und Analyse aktueller geschichtskultureller Problemlagen erwarten; dieser Anspruch wird im Buch selbst wiederholt formuliert. Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Geschichtswissenschaft und Gedächtniskultur fügt sich in einen reflexiven Historiographiediskurs, den Seybold allerdings kaum zur Kenntnis nimmt.[1]

Unter der Überschrift „Die Konsenskrise in der Geschichtskultur“ (S. 11) skizziert Seybold seinen Ausgangspunkt, der nicht nur hinter dem derzeitigen Diskussionsstand zur Geschichtskultur zurückbleibt, sondern auch hinter aktuellen soziologischen Forschungsansätzen[2]: „Am Ende einer Geschichtsdebatte ist Gesellschaft – vielleicht – wieder geeint [...]. Es ist gesellschaftliches Einvernehmen, das auf dem Spiel steht; Einvernehmen über ein Selbstverständnis von Gesellschaft und über gemeinsame Zukunftsorientierung.“ (S. 12) Im Stile klassisch-moderner Kulturkritik konstatiert Seybold „Gewissheitsschwund“ in Bezug auf „politische und gesellschaftliche Leitbilder“ sowie eine grundlegende Krise bezüglich der „Fundamente eines Gemeinwesens“, die seiner Ansicht nach „in Geschichtsbildern ‘ruhen’“ (S. 13). Bereits hier deutet sich mangelnde theoretische Reflexion an: Gab es in den Geschichtskulturen des 20. Jahrhunderts jemals einen breiten und dauerhaften ‘Konsens’? Die konflikthafte Thematisierung von Geschichte begann nicht erst 1989; sie kann vielmehr als eine spezifisch moderne Form der gesellschaftlichen Selbstreflexion verstanden werden.[3]

Für sein „Projekt einer kritischen Theorie der Geschichtspolitik“ (S. 40f., S. 193ff.) bedient Seybold sich nicht, wie man vielleicht erwarten würde, des intellektuellen Stils der ‘Frankfurter Schule’, sondern wählt eine „wissenssoziologische“ (S. 32) Terminologie. Zugunsten von Geschichtstheorie, Soziologie und Politikwissenschaft grenzt sich Seybold von einem „kulturwissenschaftlichen Zusammenhang“ ab (ebd.), den er umfassend kritisiert (S. 157ff.). Seybold will nicht nur die Fachwissenschaft, sondern auch „alternative Geschichtsschreibung“ (S. 19) in den Blick nehmen: „Im Zwischenbereich von Wissenschaft und Politik reagiert eine Vielzahl von Akteuren auf Bedürfnisse, die Wissenschaft nicht abdeckt. Diese Grauzone ist zur Kenntnis zu nehmen, denn in postmodernen Gesellschaften ist eine Situation verschärfter Konkurrenz entstanden: Fachhistorie ist bei weitem nicht der einzige Produzent historischer Orientierungsangebote.“ (S. 20) Diese Erkenntnis ist nach rund zwei Jahrzehnten intensiver Diskussion über geschichtskulturelle und gedächtnistheoretische Fragestellungen banal.

Hinsichtlich seines Gegenstands – geschichtspolitische Konflikte der 1990er-Jahre, von Frankreich über Japan bis nach Israel – hat Seybold sich „[k]eine räumliche Beschränkung“ auferlegt (S. 24). Als empirisches Material zieht er vorrangig deutschsprachige „Korrespondentenberichte“ heran, speziell aus „Frankfurter Allgemeiner Zeitung“ und „Neuer Zürcher Zeitung“. Ansonsten greift er hauptsächlich auf deutsch- und englischsprachige Literatur zurück. Diese problematische Quellen- und Literaturgrundlage rechtfertigt er mit einer Art humanistischem Eurozentrismus: „Geschichtswissenschaft [ist] universalistisch [...]. Es handelt sich – in unterschiedlichen Ausprägungen zwar – überall doch um die gleiche Institution ‘Wissenschaft’, die Erfahrungen mit Geschichtsdebatten macht.“ (S. 25f.) Abgesehen davon, dass Wissenschaftler aus postkolonialen Gesellschaften diese Perspektive kaum teilen dürften, klingt hier auch eine weitere fundamentale Schwäche der Arbeit an: Journalistische Berichte aus dem deutschsprachigen Raum können nicht als „eminent wichtige Quelle“ (S. 24) für eine Analyse geschichtspolitischer Debatten in nicht deutschsprachigen Gesellschaften dienen. Die primäre Aufgabe solcher Berichte ist es, mit den Fragen und Interessen deutschsprachiger Leser auf ‘Fremdes’ zu blicken. So ergibt sich schon aus der Anlage von Seybolds Arbeit ein mangelnder Einblick in die zu beschreibenden Gesellschaften.

Entsprechend ist im Abschnitt über ‘Neue Historiker’ in Israel und ‘postzionistische’ Debatten der israelischen Öffentlichkeit nichts über konkrete Hintergründe wie den ersten Libanonkrieg, die erste Intifada und den Oslo-Prozess zu lesen (S. 122ff.). Ein weiteres Beispiel für Seybolds realpolitisches Desinteresse sind die Kapitel über das von ihm ausführlich behandelte ‘Kolumbusjahr’ (S. 59ff. und die Fallstudie S. 219ff.): Die Konflikte um die ‘Entdeckung Amerikas’ hätten sich durch „irrwitzige Überlagerung nicht nur einzelner Stimmen, sondern überhaupt der Signale einer nördlichen und einer südlichen Geschichtskultur“ ausgezeichnet (S. 61). Diese Konstellation erschiene weniger ‘irrwitzig’, würden realpolitische Umstände mitberücksichtigt. In Seybolds ‘Fallstudie’ US-amerikanischer Diskurse kommen lateinamerikanische Perspektiven zwar vereinzelt vor, beispielsweise der Aufstand der indigenen Bevölkerung in Südmexiko 1994, dessen mediale Symbolfigur ‘Subcommandante Marcos’ auch geschichtspolitisch argumentierte. Die Hintergründe dieser Revolte jedoch – die prekäre Situation der mexikanischen Landbevölkerung sowie eine deren Lebensgrundlagen zerstörende Freihandelspolitik – lässt Seybold völlig außer Acht.

Fallstudien und theoretische Reflexion werden kaum aufeinander bezogen, was darauf hindeutet, dass Seybolds theoretische Annahmen nicht induktiv aus dem empirischen Material erwachsen sind. Dies wird auch in einem Zitat des Schlusskapitels deutlich: „Das theoretisch Vorgedachte wurde veranschaulicht, ein Material ‘durchdrungen’ und strukturiert.“ (S. 312) Ein deduktiver Denkstil und die Abwesenheit nachvollziehbarer forschungsleitender Paradigmen sind ein typisches Manko des interdisziplinären Gedächtnisdiskurses.[4] Bezüglich der Frage nach dem Verhältnis zwischen Geschichtswissenschaft und Geschichtspolitik bleibt Seybold ebenfalls hinter dem aktuellen Diskussionsstand zurück.[5]

Resümierend plädiert Seybold für das „kritische Potential eines Historismus [...], der nach der Erkenntnis strebt, wie es sich im einzelnen verhält“ (S. 213): „Akzeptable Geschichtspolitik, im eigentlichen Sinne legitimes Handeln, ist aus Sicht der hier entworfenen Theorie ein Handeln, das allen Formen der Kritik standhält, die selbst standortgebunden ist.“ (S. 215) Zwar birgt Geschichtswissenschaft in der Tat ein kritisches Potenzial gegenüber ideologisch motivierten Gedächtniskonstruktionen, aber auch der Historiker ist letztlich standortgebunden, und eine ‘Rückbesinnung’, wie Seybold sie vorschlägt, ist nachgerade naiv. Sinnvoll wäre es allerdings – durchaus auch im Sinne des Historismus –, den historischen Einzelfall jeweils genau zu betrachten, um Aussagen treffen zu können, die über Allgemeinplätze hinausreichen. In Bezug auf geschichtspolitische Kontroversen bedeutet dies, sorgfältig nach unterschiedlichen Akteuren, deren Zielen sowie den dahinter verborgenen Ideologien, Mentalitäten und Machtstrukturen zu fragen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. z.B. Niethammer, Lutz, Gedächtnis und Geschichte. Erinnernde Historie und die Macht des kollektiven Gedächtnisses, in: WerkstattGeschichte 30 (2001), S. 32-37; Burke, Peter, Geschichte als soziales Gedächtnis, in: Assmann, Aleida; Harth, Dietrich (Hrsg.), Mnemosyne. Formen und Funktionen der kulturellen Erinnerung, Frankfurt am Main 1991, S. 289-304; Erll, Astrid, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung, Stuttgart 2005, S. 42ff.
[2] Seybold betont die ‘soziologische’ Ausrichtung seiner Forschungsarbeit.
[3] Zum Zusammenhang zwischen Moderne und ‘Gedächtniskrise’ vgl. Terdiman, Richard, Present Past. Modernity and the Memory Crisis, Ithaca 1993.
[4] Vgl. z.B. Confino, Alon, Collective Memory and Cultural History: Problems of Method, in: American Historical Review 102 (1997), S. 1386-1403; Olick, Jeffrey K., Collective Memory: The Two Cultures, in: Sociological Theory 17 (1999), S. 333-348; vor allem aber die Kritik von Kansteiner, Wulf, Finding Meaning in Memory. A Methodological Critique of Collective Memory Studies, in: History and Theory 41 (2002), S. 179-197.
[5] Vgl. Erll, Kollektives Gedächtnis (Anm. 1).

Zitation
Cornelia Siebeck: Rezension zu: : Geschichtskultur und Konflikt. Historisch-politische Kontroversen in Gesellschaften der Gegenwart. Bern  2005 , in: H-Soz-Kult, 02.02.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7601>.
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Veröffentlicht am
02.02.2007
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