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Titel
Visual History. Ein Studienbuch


Hrsg. v.
Paul, Gerhard
Erschienen
Göttingen 2006: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
379 S.
Preis
€ 21,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Miriam Y. Arani, Berlin

Termingerecht zum den „GeschichtsBildern“ gewidmeten Historikertag hat Gerhard Paul ein Studienbuch zur „Visual History“ herausgegeben. Der Flensburger Professor zählt zu den wenigen, die innerhalb der Geschichtswissenschaft seit vielen Jahren eine Auseinandersetzung mit Bildern vorantreiben. In seinem einführenden Überblick zum gegenwärtigen Stand der historischen Bildforschung hebt Paul vor allem die Fotogeschichte[1] und die methodischen Überlegungen zur Historischen Bildkunde hervor. An letzterer kritisiert er deren starke kunstgeschichtliche Orientierung, die den visuellen Massenquellen und neuen Bildmedien nicht gerecht werde. Paul begreift materielle und immaterielle Bilder als Kommunikationsmedien, die Geschichte nicht nur reflektieren, sondern auch beeinflussen – als „Motoren“, die Geschichte vorantreiben: Sie formen die Erinnerung und befördern Imaginationen, die sich wiederum auf das menschliche Handeln auswirken. Die Beiträge des Sammelbands liefern hierzu auf das 19. und 20. Jahrhundert konzentrierte Fallstudien.

Die Veröffentlichung ist in vier große Teile gegliedert, von denen der erste Teil Beiträge zu verschiedenen Bildgattungen und methodischen Fragen umfasst. Martina Heßler präsentiert aus wissenschafts- und technikgeschichtlicher Perspektive ein Sehmodell der Frühen Neuzeit und zwei naturwissenschaftliche Einzelbilder des 20. Jahrhunderts. Marita Krauss widmet sich privaten „Alltagsfotografien“ aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und demonstriert anhand zweier Fallstudien, dass private Fotografien Zugänge zu Lebens- und Wahrnehmungswelten ermöglichen, die sich durch andere Quellen nicht oder nur bedingt erschließen lassen. Günter Riederer diskutiert den Spielfilm als historische Quelle. Michael Sauer interpretiert Plakate als „Quellen zur Politik- und Mentalitätsgeschichte“. Seine Analyse der visuellen Botschaften politischer Plakate überzeugt, doch er irrt, wenn er von Werbeplakaten auf die Mentalität einer Gesellschaft schließt; Werbebilder sind keine Selbstzeugnisse der Verbraucher/innen.[2]

Der zweite Teil des Buches behandelt im weitesten Sinn visuelle Selbst- und Fremdbilder der Deutschen. Frank Becker arbeitet am Beispiel dreier deutscher Historiengemälde und Grafiken aus der Zeit des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 deren zeitspezifische Bedeutung heraus: Sie brachten ein ‚verbürgerlichtes’ nationales Selbstverständnis der Deutschen in Abgrenzung zu Frankreich zum Ausdruck. Jens Jäger widmet sich der visuellen Konstruktion Afrikas anhand von Fotografien und Postkarten aus den ehemaligen deutschen Kolonien. Da Jäger bereits eine Einführung in die Historische Bildforschung vorgelegt hat, durfte man eine überzeugende Interpretation der Bilder erwarteten. Doch diesbezüglich enttäuscht der Beitrag; seine Verwerfung der ethnologischen Sekundärliteratur zum Thema ist unverständlich.[3] Klaus Hesse rekonstruiert die Entstehungsbedingungen dreier Fotos von Judendeportationen aus Mainfranken in der NS-Zeit; den körpersprachlichen Botschaften der zuschauenden Bevölkerung misst er einen besonders hohen Quellenwert bei. Cord Pagenstecher macht die Bilderwelt des deutschen Massentourismus nach 1945 zum Gegenstand einer gelungenen quantitativen und qualitativen Analyse.

Im dritten Teil stehen die „Bildersprachen des Politischen“ im Zentrum der Aufmerksamkeit. Astrid Wenger-Deilmann und Frank Kämpfer arbeiten zentrale körpersprachliche Botschaften und symbolische Gesten in der visuellen Kommunikation heraus: Handschlag, Zeigegestus und Kniefall. Bernhard Fulda zeigt am Beispiel des Karikaturisten Hans Schweitzer („Mjölnir“), wie wichtig es bei der Nutzung von Karikaturen als historischen Quellen ist, die Entstehungs- und Verbreitungsgeschichte des Gesamtwerks eines Urhebers zu berücksichtigen. Clemens Zimmermann gibt einen Überblick zur visuellen Repräsentation des italienischen Duce in der zeitgenössischen Druck- und Filmpublizistik. Gerhard Paul rekonstruiert die Rezeption des Bildmotivs einer pilzförmigen Detonationswolke der amerikanischen Atombombe 1945 und verfolgt es bis in die politische Bildwelt des geteilten Deutschlands hinein. Thomas Loch analysiert die Nachwuchswerbung der Bundeswehr anhand zweier Werbeanzeigen; er begreift Werbung als zweckorientierte Kommunikation einer Organisation mit sich verändernden Zielgruppen.

Der vierte und letzte Teil vereint Beiträge zur visuell vermittelten deutschen Geschichte seit 1945. Christoph Hamann analysiert die Entstehung, Gestalt und Rezeption eines Fotos des Torhauses von Auschwitz-Birkenau, das zu einem „Schlüsselbild“ für die Erinnerung an den Holocaust in der westdeutschen Bildpublizistik wurde. Frank Bösch diskutiert die ZDF-Fernsehdokumentation „Holokaust“ (2000). Habbo Knoch interpretiert eine Bildreportage von Hilmar Pabel über den Eichmann-Prozess in der Illustrierten „Quick“, verzichtet aber leider auf eine genauere Einordnung der Zeitschrift und des Bildreporters.[4] Stefan Wolle skizziert die Vielfalt visueller Medien und Bilder, die die DDR in der erweiterten Bundesrepublik repräsentieren. Thomas Lindenberger analysiert drei neuere Spielfilme, die diesen untergegangenen Staat zum Rahmen oder zur Grundlage ihrer Filmerzählung machen.

Meist thematisieren die Beiträge die Gestalt, den Gebrauch und die Rezeption der Bilder; ihre Entstehungszusammenhänge werden seltener behandelt. Die Mehrzahl der Autor/innen beschränkt sich auf die Rekontextualisierung der Bildinhalte einer minimalen Auswahl von Einzelbildern. Cord Pagenstecher untersucht als einziger dezidiert Bilder als visuelle Massenquellen. Wie Paul in seiner Einführung anmerkt (S. 27), mangelt es bisher an einer Methodenreflexion hinsichtlich der Rezeption. So schließt Habbo Knoch beispielsweise recht leichtfertig von einem einzigen Illustriertenbericht auf die Mentalität der gesamten Gesellschaft (S. 304). Ein Desiderat geschichtswissenschaftlicher Bildforschung bleibt weiterhin die visuelle Konstruktion ethnischer Gruppenidentitäten und die Ausübung von sozialer Kontrolle durch Bilder (S. 25); ein Beitrag zur Visualisierung von Fremden in den deutschen Massenmedien des 20. Jahrhunderts wäre sinnvoll gewesen.[5]

Aus einer kunst- und medienwissenschaftlichen Perspektive fällt auf, dass es vielen der Autor/innen an Grundbegriffen zur differenzierten Analyse der Medienwelten und der medienspezifischen Gestaltungsformen mangelt, obwohl solche Begriffe durchaus existieren.[6] Zwar werden vermehrt Worte wie „Ikone“, „ikonisch“ und „ikonografisch“ benutzt, doch die Herkunft und Bedeutung dieser Begriffe bleibt unbestimmt. Häufig finden sich unpräzise Formulierungen, wenn es um das Bildliche geht. Manche Autoren neigen zu einer Ontologie des Bildlichen, die zu voreiligen Generalisierungen führt. Die seit mehreren Jahren laufende Diskussion über eine interdisziplinäre Bildwissenschaft findet keinerlei Erwähnung. Implizit offenbart sich ein höchst ambivalentes Verhältnis zu den Kunstwissenschaften und zur Ethnologie. Die geringe Bereitschaft, deren Zugänge und Erkenntnisse aufzunehmen, schlägt sich unter anderem im praktischen Umgang mit den Bildern nieder: Das Buch enthält insgesamt 60 Abbildungen, die pro Beitrag nummeriert sind. Da aber in den Texten Abbildungsverweise meist fehlen, müssen die Leser herumblättern, um festzustellen, ob die jeweils erwähnten Bilder abgedruckt sind oder nicht. Gelegentlich sind die Bildbeschriftungen irritierend, beispielsweise wenn die Reihenfolge aufgezählter Personennamen nicht mit der Anordnung der bezeichneten Personen auf dem Bild übereinstimmt (S. 189).

Trotz dieser Einwände sind die meisten der in diesem Buch zusammengestellten Beiträge lesenswert. Indem er Bilder als handlungsleitende Medien begreift, vertritt Gerhard Paul eine interessante These, die alle Beiträge umrahmt. Die Stärke der Veröffentlichung liegt in der präzisen historischen Kontextualisierung der Inhalte und Gebrauchsweisen von (Geschichts-)Bildern.

Anmerkungen:
[1] Vgl. hierzu kürzlich das Forum „German History after the Visual Turn“ bei H-German (September 2006): <http://www.h-net.org/~german/discuss/visual/visual_index.htm>.
[2] Vgl. Prokop, Dieter, Der Kampf um die Medien, Hamburg 2001, S. 246ff.
[3] Vgl. Alsheimer, Rainer, Bild als missionarisches Traktat. Protestantische Fotos des 19. Jahrhunderts aus Westafrika, in: Ziehe, Irene; Hägele, Ulrich (Hgg.), Fotografien vom Alltag – Fotografieren als Alltag, Münster 2004, S. 149-166; siehe ebd. Auch: Hägele, Ulrich, Visual Anthropology oder Visuelle Kulturwissenschaft?, S. 27-48.
[4] Vgl. Kasper, Josef, Belichtung und Wahrheit, Frankfurt am Main 1979, S. 66f.; Eskildsen, Ute (Hg.), Fotografie in deutschen Zeitschriften 1946–1984, Stuttgart 1985; Loewy, Hanno, „... ohne Masken“. Juden im Visier der „Deutschen Fotografie“ 1933–1945, in: Deutsche Fotografie. Macht eines Mediums 1870–1970, Ausstellungskatalog, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Köln 1997, S. 135-149.
[5] Vgl. Shaheen, Jack G., Reel Bad Arabs: How Hollywood Vilifies a People, New York 2001; Friedrich, Annegret und u.a. (Hgg.), Projektionen – Rassismus und Sexismus in der Visuellen Kultur, Marburg 1997.
[6] Nützliche fachspezifische Grundbegriffe finden sich beispielsweise in: Belting, Hans u.a. (Hgg.), Kunstgeschichte. Eine Einführung, Berlin 2003; Faulstich, Werner (Hg.), Grundwissen Medien, München 2004; Prokop, Dieter, Die Unzufriedenheit mit den Medien. Das Theorie-Erzählbuch der neuen kritischen Medienforschung, Hamburg 2002; Kandorfer, Pierre, DuMont’s Lehrbuch der Filmgestaltung, Köln 1994.

Zitation
Miriam Yegane Arani: Rezension zu: Paul, Gerhard (Hrsg.): Visual History. Ein Studienbuch. Göttingen  2006 , in: H-Soz-Kult, 16.11.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8159>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.11.2006
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