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Titel
Hitlers Heerführer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42


Autor(en)
Hürter, Johannes
Erschienen
München 2006: Oldenbourg Verlag
Umfang
719 Seiten
Preis
€ 49,80
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Alexander Brakel Johannes Gutenberg-Universität Mainz

"Wir müssen von dem Standpunkt des soldatischen Kameradentums abrücken. Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad. Es handelt sich um einen Vernichtungskampf. […] Wir führen nicht Krieg, um den Gegner zu konservieren." Mit diesen Worten, die der deutsche Generalstabschef, Generaloberst Franz Halder am 30. März 1941 in sein Tagebuch notierte, hatte Hitler die Wehrmachtsführung auf den bevorstehenden Krieg gegen die Sowjetunion einzustimmen versucht. Knapp drei Monate später sollte sich erweisen, inwieweit die Generalität diese Anweisungen umzusetzen bereit war.

Dieser Frage, der Frage nach dem Verhalten der obersten Generalität der deutschen Wehrmacht im Krieg gegen die Sowjetunion, geht Johannes Hürter in der vorliegenden Studie nach, die im Rahmen des 1998 begonnenen Großforschungsprojekts des Instituts für Zeitgeschichte zur Erforschung der Wehrmacht in der NS-Diktatur entstanden ist. Diese Frage ist nicht erst, wohl aber verstärkt seit der so genannten ersten "Wehrmachtsausstellung" des Hamburger Instituts für Sozialforschung verstärkt auch in der historischen Forschung diskutiert worden, bisher aber entweder nur anhand kleinerer geographischer Ausschnitte [1], anhand einzelner Personen [2] oder ohne weitgehende empirische Basis. [3]

Hürter wählt dagegen als Untersuchungsgegenstand sämtliche Oberbefehlshaber der drei östlichen Heeresgruppen sowie sämtlicher an der Ostfront in der Zeit 1941 bis 1942 eingesetzter Armeen und Panzergruppen; insgesamt 25 Personen. Als Zeitrahmen der Studie steckt er das erste Jahr des Krieges ab, das er zu Recht als "die wohl aktivste und wichtigste Phase der deutschen Kriegführung in der Sowjetunion" bezeichnet (S. 16). Die Darstellung setzt allerdings deutlich früher, genauer gesagt mit dem Kaiserreich ein, in dem sämtliche der untersuchten Generale ihre Sozialisation erfahren haben, und fährt mit einer Schilderung ihres weiteren Lebensweges im Ersten Weltkrieg, in der Weimarer Republik sowie in den ersten Jahren des „Dritten Reichs“ fort. Die Beleuchtung des Herkommens seiner Protagonisten und ihrer biographischen Prägung soll laut Hürter dazu dienen, ihr Verhalten in der NS-Diktatur einzuordnen. Das größte Manko dieser Vorgehensweise besteht, wie Hürter selbst einräumt (S. 20), in den äußerst rar gesäten Selbstzeugnissen aus dieser Zeit, die genauere Aussagen über ihre persönlichen Einstellungen kaum zuließen. Dadurch muss die Darstellung häufig sehr allgemein bleiben, und bringt zudem nur wenige Erkenntnisse, die über den bisherigen Forschungsstand hinausgehen. Obwohl unerlässlich für das Gesamtverständnis, hätte diesem Teil eine Straffung gut getan.

Mit der Untersuchung des "Ostfeldzuges" beginnt der eigentliche Hauptteil der Studie. An eine ausführliche Darstellung der Vorbereitung des Krieges schließen sich Kapitel über den Umgang mit den gegnerischen Soldaten, der Partisanen und der Zivilbevölkerung an. Ein besonders ausführliches Kapitel untersucht die Haltung der Oberbefehlshaber zum Judenmord in ihrem Befehlsbereich und die Mitwirkung "ihrer" Truppen daran. Diese Gliederung ist beinahe schon klassisch und findet sich in dieser Form auch in zahlreichen anderen Studien zum Thema. [4] Das Besondere an Hürters Darstellung besteht nicht zuletzt darin, dass er daneben auch der Ebene der operativen Kriegführung breiten Raum widmet. In der Fixierung auf den Komplex der Wehrmachtsverbrechen hat die historische Forschung in den letzten Jahren diesen Aspekt zunehmend vernachlässigt. Wie Hürter richtig schreibt, handelt es sich jedoch dabei um den Bereich, den die untersuchte Generalität höchstwahrscheinlich als ihr eigentliches Aufgabenfeld beschrieben hätte (S. 351). Hürters Entscheidung, die Leistung der Spitzenmilitärs auch an ihren originär militärischen Leistungen zu messen, ist deswegen absolut nachvollziehbar.

Die Ergebnisse dieser Betrachtung passen sich zudem nahtlos in die übrige Analyse ein: Hürter beschreibt die Tätigkeit der obersten Generalität als eine Mischung aus Entmachtung und Selbstentmachtung, die sich auf alle ihre Verantwortungsbereiche erstreckte und bereits vor Beginn des Unternehmens "Barbarossa" ihren Anfang nahm, als die Oberbefehlshaber die traditionelle militärische Zuständigkeit für die Sicherung ihrer rückwärtigen Gebiete an die SS und die ihrer wirtschaftlichen Nutzung an den Wirtschaftsstab Ost abgaben. Über die Beschränkung ihrer eigenen Aufgaben hinaus, bedeutete dieser Schritt auch die stillschweigende Hinnahme der verbrecherischen Politik Hitlers, gegen die Teile der Generalität sich im Krieg gegen Polen noch gewandt hatten. Auch gegen die explizit von der Wehrmacht auszuführenden verbrecherischen Befehle hegte sich kein Widerstand. Diese Entwicklung setzte sich auch während des Krieges fort: Die Spitzenmilitärs ließen Kommissare erschießen, duldeten den Judenmord und unterstützten ihn mitunter sogar, und zeigten keinerlei Skrupel, mit aller Gewalt gegen die sowjetische Zivilbevölkerung vorzugehen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen erwiesen sie sich als gut funktionierendes Instrument in den Händen Hitlers im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Ausschlaggebend hierfür war, so Hürter, neben einer Teilidentität der Ziele vor allem die unhinterfragte Annahme, dass in einem totalen Krieg sämtliche Mittel geduldet seien, die der schnellen Erringung des Sieges dienten. Hinzu sei die Überzeugung gekommen, mit den Bewohnern der Sowjetunion primitiven Menschen gegenüberzustehen, die zum einen nur durch "harte Behandlung" vom Widerstand gegen die Deutschen abgehalten werden könnten, und deren Leben zudem nur ein niedriges Gut darstellte. Vor allem die Hoffnung auf einen schnellen Sieg habe die Generalität selbst in den Fällen zum verstummen gebracht, in denen sie Hitlers Vorgaben abgelehnt hätten.

Aber selbst in ihrem ureigensten Bereich, der militärischen Führung setzte die Generalität sich nicht gegen Hitler durch, sondern entmündigte sich im Vertrauen auf ihn selbst. Als etwa im Oktober 1941, nicht Hitler, sondern Generalstabschef Franz Halder den Oberbefehlshabern der Heeresgruppen einen neuen Angriffsplan vorlegte, der die erschöpften deutschen Kräfte vollkommen überfordern musste, fand niemand der Verantwortlichen den Mut oder die Notwendigkeit, sich diesen Absichten in den Weg zu stellen. Und nachdem einige Wochen später das Unternehmen gescheitert war und die Front auseinanderzubrechen drohte, waren es nicht die Generale mit ihrer jahrlangen militärischen Ausbildung, die sie stabilisierten, sondern der Weltkriegsgefreite Hitler. Damit war zugleich ein Wendepunkt in der Kriegführung eingetreten: Von nun an mischte sich der "Führer" immer stärker in militärische Entscheidungen ein und setzte sich damit gegen die Oberbefehlshaber durch. Der freiwilligen Entmündigung der Generalität folgte somit ihre Entmachtung.

Das Besondere an Hürters Arbeit ist neben dem breiten Untersuchungsgegenstand vor allem die reichhaltige Quellenbasis, die es ihm erlaubt, die bisher geäußerten Annahmen zum Verhalten der Führungsschicht der Wehrmacht im Vernichtungskrieg zu verifizieren. So greift er beispielsweise viele der Thesen auf, die Jürgen Förster und Rolf-Dieter Müller bereits vor über zwanzig Jahren vorgetragen haben [5], aber stellt sie auf eine ungleich breitere empirische Basis, die erstmals gesicherte Aussagen über einen breiteren Personenkreis zulässt. Es ist zu wünschen, dass andere Historiker Hürters Beispiel folgen und genauso sauber gearbeitete Grundlagenstudien für die Zeit ab Mitte 1942 und die übrigen Kriegsschauplätze, etwa für Italien oder den Balkan vorlegen. Für die bereits angekündigten weiteren Studien des IfZ zur Geschichte der Wehrmacht hat Hürter mit der vorliegenden Arbeit den Maßstab vorgegeben.

[1] Siehe z. B. Hürter, Johannes, Die Wehrmacht vor Leningrad. Krieg und Besatzungspolitik der 18. Armee im Herbst und Winter 1941/42, in: VfZ 49 (2001), S. 367-440.
[2] Siehe z. B. Hartmann, Christian, Halder. Generalstabschef Hitlers 1938-1942, Paderborn [u. a.] 1991.
[3] Siehe z. B. Bartov, Omer, Hitlers Wehrmacht. Soldaten, Fanatismus und die Brutalisierung des Krieges, Reinbek 22001.
[4] Siehe z. B. Manfred Oldenburg, Ideologie und militärisches Kalkül. die Besatzungspolitik der Wehrmacht in der Sowjetunion 1942, Köln/Weimar/Wien 2004; Arnold, Klaus Jochen, Die Wehrmacht und die Besatzungspolitik in den besetzten Gebieten der Sowjetunion. Kriegführung und Radikalisierung im "Unternehmen Barbarossa". (= Zeitgeschichtliche Forschungen 23), Berlin 2005.
[5] Siehe die entsprechenden Beiträge in: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Bd. 4: Der Angriff auf die Sowjetunion. Hrsg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt. Freiburg i. Br. 1983.

Zitation
Alexander Brakel: Rezension zu: : Hitlers Heerführer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42. München  2006 , in: H-Soz-Kult, 16.10.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8209>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.10.2006
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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