G. Budde u.a. (Hrsg.): Transnationale Geschichte

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Titel
Transnationale Geschichte. Themen, Tendenzen und Theorien


Hrsg. v.
Budde, Gunilla; Conrad, Sebastian; Janz, Oliver
Erschienen
Göttingen 2006: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
320 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Andreas Eckert, Historisches Seminar, Universität Hamburg

Der zweite Teil der dem Themenbereich der transnationalen Geschichte gewidmeten Festschrift für Jürgen Kocka ist einigen „Feldern“ gewidmet, in denen transnationale Perspektiven bereits eine längere Tradition haben oder in jüngerer Zeit an Konjunktur gewonnen haben. Eingeklemmt zwischen Gerald Feldmans Überlegungen zu „Business History, Comparative History, and Transnational History“ und David Sabeans Reflektionen über die Mikrogeschichte findet sich Marcel van der Lindens knapper Aufriss einer „transnationalen Arbeitergeschichte“, einem Feld, das der Autor bereits in früheren Studien intensiv beackert hat, nicht zuletzt mit wichtigen programmatischen Texten.[1] Ausgehend von van der Lindens Überlegungen soll im Folgenden die Bedeutung des Feldes „Arbeit“ für die transnationale und Globalgeschichte, aber auch die Bedeutung globalhistorischer Perspektiven für die Geschichte der Arbeit kurz skizziert werden. Das Thema „Arbeit“ hat auch Jürgen Kocka seit geraumer Zeit immer wieder beschäftigt und gerade in jüngerer Zeit zu einigen Beiträgen geführt, welche die transnationale Dimension dieser Thematik betonten.[2]

Hintergrund für die gegenwärtig zu beobachtende partielle Befreiung der Geschichte der Arbeit aus dem einstmals stählernen Gehäuse der Nationalgeschichte bilden nicht zuletzt Ansätze der „Weltgeschichte“ oder „Globalgeschichte“, welche in der internationalen Geschichtswissenschaft seit geraumer Zeit Konjunktur haben und inzwischen auch hierzulande eine verstärkte Rezeption erfahren.[3] Was sich hinter diesen Konzepten verbirgt, darüber beginnt sich allerdings erst allmählich Klarheit herauszubilden. Einigkeit besteht weitgehend darin, dass Weltgeschichte nicht die Geschichte „von allem“ sein kann, weder einen additiv-enzyklopädischen Anspruch haben sollte noch bloß die räumlich gedachte Erweiterung der Nationalgeschichte sein darf. „Globalgeschichte“ wird in der Regel als die Geschichte großräumiger Beziehungen aufgefasst. Diese Beziehungen können auch zwischen kleinen Einheiten bestehen, zwischen Nationen, aber auch zwischen Regionen oder sogar, vor allem migrationsgeschichtlich fassbar, zwischen lokalen Punkten in weit voneinander entfernten Teilen der Welt. Der Charme einer globalen Perspektive liegt nicht zuletzt darin, dass sie die auf größere Einheiten fokussierende, allerdings überwiegend am Nationalstaat orientierte Narrative der Sozialgeschichte ebenso sprengt wie sie dem Lokalen und Regionalen gerade aufgrund der zunehmenden Durchlässigkeit staatspolitischer Grenzen neue Bedeutung zuweist, ohne eine streng mikrohistorische Perspektive einzunehmen.

Verflechtungen und Vernetzungen sowie das Schlagwort der „entangled histories“ sind eng mit neuen welt- und globalgeschichtlichen Perspektiven verbunden. Die genannten Stichworte rekurrieren auf die Einsicht, dass die Entstehung und Entwicklung der modernen Welt als „gemeinsame Geschichte“ gedeutet werden kann, in der verschiedene Kulturen und Gesellschaften eine Reihe zentraler Erfahrungen teilten und durch ihre Interaktionen und Interdependenz die moderne Welt gemeinsam konstituierten. Andererseits führten Interaktion und Interdependenz zugleich zu Abgrenzungen und dem Bedürfnis nach Partikularität. Das Paradigma der Interaktion darf überdies nicht dazu führen, Ungleichheit, Macht und Gewalt aus den Augen zu verlieren. Interaktionen etwa zwischen Europa und der außereuropäischen Welt waren in der Regel hierarchisch oder gar repressiv. Die häufig gebrauchten, betulich-freundlichen Begriffe „interkulturelle Beziehungen“ und „Kulturkontakt“ verdecken diese Hierarchien sowie die Tatsache, dass diese Beziehungen und Kontakte zumeist in einem imperialen Rahmen standen, mithin von Machtfragen nicht zu trennen sind.[4]

Bisherige Debatten über Welt- und Globalgeschichte kranken nicht zuletzt daran, dass sie vor allem als Auseinandersetzungen um die theoretische Lufthoheit geführt werden. So reizvoll es aus systematischer und ideenhistorischer Sicht sein kann, über die Unterscheidung von „Universalgeschichte“, „Weltgeschichte“, „Globalgeschichte“ und „Transnationaler Geschichte“ gelehrt zu disputieren, so wenig darf die Debatte hier verharren. Ebenso wenig Sinn macht es natürlich, transkulturelle und transnationale Verflechtungen an sich zu rekonstruieren; eine solche Rekonstruktion bedarf vielmehr der Konkretisierung ihrer eigentlichen Gegenstände. In diesem Zusammenhang fällt auf, dass die konkrete Bearbeitung globalhistorischer Probleme bislang eher zurückhaltend angegangen wurde.[5] Das Thema „Arbeit“, dessen gleichsam globalgeschichtliche Dimension kaum von der Hand zu weisen ist, bietet sich für eine Verbindung globaler Perspektiven mit lokalem Einfühlungsvermögen an.

Arbeit war eine wichtige Kategorie für die klassische Gesellschaftstheorie der Moderne, die sich mit Namen wie John Locke, Karl Marx und Max Weber verbindet. In neueren theoretischen Entwürfen ist der Begriff der Arbeit weitaus weniger zentral. Als typisch kann Luhmanns System gelten, für das Gesellschaft ausschließlich aus Kommunikation besteht und Arbeit deshalb höchstens als kontingenter Umweltfaktor in Betracht kommt.[6] Parallel dazu wird in wissenschaftlichen Gegenwartsdiagnosen das „Ende der Arbeitsgesellschaft“ verkündet. Doch leiden derartige Diagnosen zum einen unter einer begrifflichen Engführung, die Arbeit auf Erwerbs- oder gar Lohnarbeit reduziert, zum anderen blicken nur wenige bei ihren Analysen über den Tellerrand der kapitalistischen Industrienationen des späten 20. Jahrhunderts. Doch allein eine transkulturelle Perspektive sowie Definitionen des Arbeitsbegriffs jenseits rein instrumenteller Beschreibungen belegen bereits den unverändert großen gesellschaftlichen Stellenwert von Arbeit und die Vielfalt möglicher kategorialer Zugänge.[7]

Der Stand der historisch orientierten sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschung zu „Arbeit“ in den westlichen Industrieländern spiegelt hingegen eine gewisse Ratlosigkeit wider. Das Thema „Arbeit“ gehört einerseits zu den besser erforschten Gebieten der Geschichtswissenschaft, andererseits wirkt die Geschichte der Arbeit als Untersuchungsfeld noch unstrukturiert.[8] Es dominiert eine Unsicherheit im Umgang mit dem Thema, die verknüpft ist mit einer allgemeinen Ernüchterung hinsichtlich der Möglichkeiten und der intellektuellen Ausstrahlungskraft der „Labour History“, jedenfalls in Bezug auf die Industriestaaten.[9] Hingegen hat das Interesse an der Geschichte der Arbeit in vielen außereuropäischen Regionen, insbesondere in Südasien, eher zugenommen. Historiker/innen der Arbeit beschäftigen sich hier nicht allein mit der Geschichte der Arbeiterbewegung, sondern vor allem auch mit den produktiven wie reproduktiven Aspekten des Lebensalltags der Arbeitenden.[10] In diesem Zusammenhang argumentiert etwa Ahuja, „dass die Entwicklung von Arbeitsverhältnissen und -kulturen in Südasien und die europäische Geschichte der Arbeit seit mindestens zwei Jahrhundert miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig beeinflusst haben“.[11] Diese Verknüpfung und Beeinflussung erfolgten vor dem Hintergrund eines übergreifenden politischen und ökonomischen Kontextes, der Rahmenbedingungen schuf, die in beiden Weltregionen wirksam wurden. Dieser Kontext erwuchs aus jenem historischen Phänomen, das gemeinhin Kolonialismus genannt wird. Dieser gemeinsame historische Kontext impliziert gemeinsame Entwicklungstrends, aber, so Ahuja unter Berufung auf Eric Wolf, nicht notwendigerweise die Einebnung von Differenz und Ungleichheit. Im Gegenteil: Die ungleichmäßige Entwicklung der kapitalistischen Arbeitsmärkte bewahrte nicht nur Differenzierungen, sondern vertiefte sie sogar und erzeugte sie immer wieder neu.[12]

In jüngster Zeit hat es überdies Versuche gegeben, über intertemporale und transkulturelle Vergleiche zu neuen Ufern zu gelangen und frische Perspektiven der Erforschung von Arbeit zu eröffnen. Ein Resultat dieser Bemühungen war die „Provinzialisierung“ des ebenso gängigen wie eingeschränkten Begriffes von „Arbeit“ als Erwerbs- und Lohnarbeit, aber auch die Hinterfragung eines allzu ideologischen Umgangs mit Konzepten wie etwa „Kinderarbeit“.[13] Freilich besteht die Gefahr, Konzepte von Arbeit etwa in außereuropäischen Gesellschaften, die sich von Konzepten in Industrieländern unterscheiden, allzu kulturalistisch und exotisierend als „ganz anders“ zu deuten. „Arbeit“ hat etwa in Europa und Afrika verschiedene Bedeutungen angenommen, dennoch bleiben, das betont auch van der Linden, diese Bedeutungen aufeinander bezogen.[14]

Eine transnationale oder globale Perspektive auf die Geschichte der Arbeit kann also nicht heißen, die vertraute Arbeitsgeschichte des Westens lediglich ein wenig zu erweitern und zu komplizieren oder den Fokus des Interesses stärker auf die außereuropäische Welt zu verschieben. Noch reicht es aus, historische Verflechtungen nur zu entdecken, sie müssen auch analysiert werden. Abschließend seien zwei mögliche Bereiche einer Global Labour History genannt. So könnte erstens gefragt werden, inwieweit die Intensivierung internationaler Austauschbeziehungen (von Dingen und Menschen) seit 1800 die Definitionen und Perzeptionen von Arbeit verändert hat. Die globale Verflechtung von Arbeitswelten, so die zu überprüfende Annahme, hat dabei nicht nur zu einer Stereotypisierung („fauler Neger“) und einer oft mit Zwang verbundenen Anpassung der „Peripherie“ an ein europäisches Zentrum geführt, sondern auch die Arbeitsbegriffe in Europa nachhaltig verändert. Die zunehmende Verflechtung veränderte, zweitens, nicht nur die Perzeption der Arbeit, sondern auch die Arbeitspraxen. Dabei wird zu fragen sein, inwieweit die nationale Ordnung der Arbeit, die sich im 19. Jahrhundert durchsetzte, eingeschrieben war in ein komplexes Geflecht internationaler Austauschbeziehungen. Die These, dass die Herausbildung der „modernen“ Arbeit vor dem Hintergrund einer zunehmend globalisierten Weltordnung (gekennzeichnet durch Imperialismus sowie durch die Intensivierung von Migration und Handelsströmen) geschah, müsste kritisch überprüft werden. Anregung bieten in diesem Zusammenhang Hinweise aus der Sklavereiforschung, die besagen, dass auf den großen Plantagen in der Karibik industrielle Fertigungsmethoden und eine kapitalistische Arbeitsorganisation vorweggenommen wurden („factories in the field“), die auch die Arbeitswelt in Europa maßgeblich beeinflussten.[15] Ebenso wird kritisch zu prüfen sein, ob es tatsächlich einen gradlinigen Trend in Richtung „freie Lohnarbeit“ gegeben hat. Last but not least wird eine transnationale Perspektive auf die Geschichte der Arbeit nur dann fruchtbar sein können, wenn sie nicht allein auf Lohn- und Erwerbsarbeit fokussiert, sondern freie und unfreie, bezahlte und unbezahlte Arbeit gleichermaßen berücksichtigt.

Anmerkungen:
[1] Linden, Marcel van der, Die Geschichte der Arbeiterinnen und Arbeiter in der Globalisierung, in: Sozial.Geschichte 1 (2003), S. 10-40; ders., Vorläufiges zur transkontinentalen Arbeitergeschichte, in: Geschichte und Gesellschaft 28,2 (2002), 291-304; ders., Transnational Labour History, Aldershot 2003.
[2] Vgl. etwa: Kocka, Jürgen, Mehr Lust als Last. Arbeit und Arbeitsgesellschaften in der europäischen Geschichte, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 2 (2005), S. 185-206; der folgende kurze Text basiert auf Vorüberlegungen für eine derzeit laufende, von Jürgen Kocka und mir organisierte, vom Land Berlin, vom Wissenschaftskolleg zu Berlin sowie vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin finanziell und organisatorisch unterstützte Konferenzreihe zu „Global Labour History“.
[3] Dies ist etwa ablesbar an der Anfang 2005 initiierten Internet-Debatte in „geschichte transnational“ zum Thema „Transnationale Geschichte und Globalisierung“ sowie an der Etablierung von „Global Studies“-Studiengängen mit historischer Ausrichtung im Rahmen der neuen BA/MA-Struktur, so etwa in Leipzig.
[4] Grundlegend in deutscher Sprache: Conrad, Sebastian; Randeria, Shalini, Einleitung. Geteilte Geschichten – Europa in einer postkolonialen Welt, in: dies. (Hrsg.), Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt am Main 2001; guter, freilich sehr US-zentrierter Überblick bei: Manning, Patrick, Navigating World History, New York 2003; ferner: Hopkins, A.G. (Hrsg.), Globalization in World History, Cambridge 2002; am intensivsten wird hierzulande das Thema „Welt-/Globalgeschichte“ gegenwärtig wohl im Bereich der Didaktik diskutiert, vgl.: Popp, Susanna; Forster, Johanna (Hrsg.), Curriculum Weltgeschichte. Globale Zugänge für den Geschichtsunterricht, Schwalbach im Taunus 2003; Osterhammel, Jürgen, „Weltgeschichte“. Ein Propädeutikum, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 56,9 (2005), S. 452-79.
[5] Eine löbliche und viel gelobte Ausnahme ist etwa: Bayly, Christopher A., The Birth of the Modern World 1780-1914. Global Connections and Comparisons, Oxford 2004.
[6] Vgl. Kößler, Reinhart; Wienold, Hanns, Arbeit und Vergesellschaftung. Eine aktuelle Erinnerung an die klassische Gesellschaftstheorie, in: Peripherie 85/86 (2002), S. 162-83.
[7] Vgl. etwa: Spittler, Gerd, Arbeit. Transformation von Objekten oder Interaktion mit Subjekten, in: ebd., S. 9-31; ders., Hirtenarbeit. Die Welt der Kamelhirten und Ziegenhirtinnen von Timia, Köln 1998.
[8] Kocka, Jürgen, Arbeit als Problem der europäischen Geschichte, in: Bierwisch, Manfred (Hrsg.), Die Rolle der Arbeit in verschiedenen Epochen und Kulturen, Berlin 2003, S. 77f.
[9] Vgl. Berlanstein, Lenard R. (Hrsg.), Rethinking Labor History. Essays on Discourse and Class Analysis, Urbana-Champaign 1993; Linden, Marcel van der (Hrsg.), The End of Labor History, Cambridge 1993.
[10] Exzellenter Überblick bei: Ajuha, R., Geschichte der Arbeit jenseits des kulturalistischen Paradigmas. Vier Anregungen aus der Südasienforschung, in: Kocka, Jürgen; Offe, Claus (Hrsg.), Geschichte und Zukunft der Arbeit, Frankfurt am Main 2000, S. 121-34.
[11] Ebd., S. 122.
[12] Das zeigt etwa: Conrad, Sebastian, Circulation, ‚National Work’ and Identity Debates About the Mobility of Work in Germany and Japan, 1890-1914, in: Lepenies, Wolf (Hrsg.), Entangled Histories and Negotiated Universals. Centers and Peripheries in a Changing World, Frankfurt am Main 2003, S. 260-280; jetzt auch: ders., Globalisierung und Nation im deutschen Kaiserreich, München 2006.
[13] Eckert, Andreas, Familie, Sklaverei, Lohnarbeit. Kinder und Arbeit in Afrika im 19. und 20. Jahrhundert, in: Sozialwissenschaftliche Informationen 27,3 (1999), S. 131-36; Liebel, Manfred, Kinderarbeit in nicht-westlichen Gesellschaften und Kulturen, in: Peripherie 85/86 (2002), S. 108-43.
[14] Eckert, Andreas, Geschichte der Arbeit und Arbeitergeschichte in Afrika, in: Archiv für Sozialgeschichte 39 (1999), S. 502-30.
[15] Entsprechende Hinweise etwa bei: Mintz, Sidney, Die süße Macht. Kulturgeschichte des Zuckers, Frankfurt am Main 1992; oder auch bei: Wirz, Albert, Sklaverei und kapitalistisches Weltsystem, Frankfurt am Main 1984.

Zitation
Andreas Eckert: Rezension zu: Budde, Gunilla; Conrad, Sebastian; Janz, Oliver (Hrsg.): Transnationale Geschichte. Themen, Tendenzen und Theorien. Göttingen  2006 , in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 16.10.2006, <www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/rezbuecher-8225>.
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16.10.2006
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