M. Wienfort: Adel in der Moderne

Titel
Adel in der Moderne.


Autor(en)
Wienfort, Monika
Erschienen
Göttingen 2006: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
192 S.
Preis
€ 14,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martin Kohlrausch, DHI Warschau

Die Geschichte des Adels nach 1800 war in den vergangenen zehn Jahren zweifelsohne eine der erfolgreichsten Subdisziplinen der Geschichtswissenschaft. Mitte der 90er-Jahre als Forschungsfeld kaum konturiert und bis auf wenige Pionierstudien im vor- und außerwissenschaftlichen Bereich verortet, hat eine Reihe von Forschungsprojekten und Einzelstudien innerhalb kurzer Frist ein differenziertes und dichtes Bild entstehen lassen.[1] Logische Folge und Bestätigung dieser Leistung sind nun erste Synthesen, die – wie der vorliegende Band – zudem belegen, dass das Thema auch in die Curricula der neuen BA-Studiengänge Eingang gefunden hat.[2] Monika Wienforts Überblick zum Adel in der Moderne ist der erste Band einer neuen, bei UTB, verlegten Reihe, die sich vorrangig an Studenten wendet und zwischen Lehrbuch und Überblicksdarstellung changiert. Eine konzise Zusammenfassung der Forschung mit entschlossenen Schwerpunktsetzungen wird ergänzt durch – eigens hervorgehobene – Definitionen und Erläuterungen, einen Quellenteil sowie eine strukturierte und kommentierte Bibliographie.

Inhaltlich ist der Band etwas enger und zugleich weiter als der Titel suggeriert. Adel heißt vorrangig deutscher Adel, wiewohl Bezüge vor allem nach Großbritannien regelmäßig hergestellt werden, Moderne hingegen meint das ganze 19. und 20. Jahrhundert mit Fokus auf dem Kaiserreich. Beides ergibt sich aus thematischer Relevanz und Dichte der Forschung und ist so überzeugend wie die akzentuierte Gliederung. Wienfort schlägt fünf Schneisen: Adelspolitik und ‚Adelspolitiker, Grundbesitz und Vermögen, Karrierewege, Ehe und Familie und schließlich eine besonders instruktive Darstellung von „Selbstverständnis, Selbststilisierung und Adelskultur“. Das heißt Wienfort folgt nicht starren überkommenen Kategorien, sondern betont entschieden die für den modernen Adel wesentlichen Felder.

Dadurch gelingt es – vor allem für die adlige Inszenierung – über das hinauszugehen, was von einem Lehrbuch erwartet werden kann und neue Interpretationen in die Diskussion einzubringen. Der Adel wie wir ihn zu kennen glauben – und dem für die politische Entwicklung des Kaiserreichs eine solch immense Bedeutung zugeschrieben wird – dies macht Wienfort im Einklang mit der neueren Forschung sehr deutlich, entstand im 19. Jahrhundert. Zumindest für Preußen gilt, dass Adlige es nun erfolgreich verstanden, traditionelle Betätigungsfelder z.B. als Dienst an der Nation im Militär erscheinen zu lassen, bzw. sich als quasi naturgegebene Rekrutierungsbasis des expandierenden Beamtentums eines immer noch monarchisch strukturierten Staates zu etablieren. Wirtschaftlich, politisch, rechtlich und auch medial wurde zumal der preußische Adel erst nach 1800 geprägt. Im ausgehenden 19. Jahrhundert beginnt auch der Bedeutungsgewinn kultureller Konzepte zur Selbstdefinition des Adels, nachdem ‚Adelsräume’ wie Schlösser, Güter, aber auch direkte politische Einflussnahme an Bedeutung massiv verloren hatten – ein durchaus erfolgreiches, wenn auch langfristiges ambivalentes Unterfangen. Die „Meister der Sichtbarkeit“ (Heinz Reif) kamen den Bedürfnissen der neuen Regenbogenpresse jedenfalls genauso entgegen wie den reduktiven Mechanismen der Zeichner des Simplicissimus.

Hier zahlt sich der scharfe Blick Wienforts für die konstruktivistische Dimension des ‚Junkers’ – als ‚Schlagbild’ ebenfalls ein Produkt des 19. Jahrhunderts – aus. Dem nicht zuletzt durch Max Weber in politischer Absicht verzerrten Bild des wirtschaftlich rückständigen und national unzuverlässigen Ostelbiers setzt Wienfort die weitaus differenzierteren Ergebnisse der jüngeren Forschung entgegen. Die immer noch zu konstatierende Niedergangsgeschichte geht nicht vollständig in einem simplen Fortschritt/Rückschritt-Schema auf. Dabei sind erhebliche Beharrungserfolge, insbesondere auf den großen und ertragreichen Gütern zu verzeichnen, wie ein rapider – gefühlt dramatischer – Niedergang in der Weimarer Republik. Es ist diese Dynamik, einhergehend mit einer bereits im Kaiserreich einsetzenden – und scharf mit England kontrastierenden – Verengung adligen politischen Engagements auf das konservative Spektrum, die den Weg erheblicher Teile vor allem des ostelbischen Adels in den Nationalsozialismus ebnete und schließlich zur „freiwillige[n] Integration weiter Teile des Adels in die nationalsozialistische Volksgemeinschaft“ führte (S. 57). Trotz aller Differenzierungen – durch anschauliche Einzelbeispiele – belegt, kommt also keineswegs ein ‚revisionierter’ Adel zum Vorschein. Zu Recht betont Wienfort die ungehemmt gruppenegoistische Rolle des grundbesitzenden preußischen Adels in der Weimarer Republik bereits vor der Hindenburg-Kamarilla, in der führende Standesvertreter noch weitaus bornierter als in den gehässigsten Simplicissimuskarikaturen auftraten.

Im Einlassen mit dem Nationalsozialismus hat sich allerdings wohl keine soziale Gruppe so geschadet wie der Adel. Die Abtrennung der Ostgebiete des Reiches und die Bodenreform in der SBZ als unmittelbare Kriegsfolgen betrafen die große Masse des Adels – die landläufig als Junker verstandenen ‚Ostelbier’ – und beendeten dessen spezifische Lebens- und Wirtschaftsform für immer. Das Ende der Geschichte des deutschen Adels war dies aber nicht. Vielmehr gilt, wie Wienfort im Anschluss an Weber ausblickend urteilt, dass „der Adel auch im 21. Jahrhundert weiter besteht, solange er Glauben für seine Adelsqualität findet – in den eigenen Reihen und in der massenmedialen Öffentlichkeit“. Insofern bleibt der Adel auch ein Thema für die Zeitgeschichte. Zumindest in zweierlei Hinsicht eröffnet eine Geschichte des Adels in der Bundesrepublik Erkenntnischancen: zum einen als wesentlicher Bestandteil einer bundesrepublikanischen Elitengeschichte, zum anderen als geradezu Webersche Versuchsanordnung. Nicht nur seiner Privilegien, sondern auch seiner (land-) wirtschaftlichen Grundlage entledigt, musste sich deren Adel nun in einer meritokratischen Gesellschaft behaupten. Dass dies in – soweit die bisher noch karge Forschung dieses Urteil zulässt – bemerkenswerter Weise gelang, verweist auf die erhebliche Integrationskraft der Bundesrepublik, aber eben auch auf spezifisch adlige Startvorteile, die – neben teils nicht unerheblichen Lastenausgleichsgeldern – auch in der scheinbar nivellierten westdeutschen Gesellschaft zum Tragen kamen.

Dies verweist noch einmal auf eine Gabe zur Selbsterfindung und Neudefinition – man denke an die Erinnerungsliteraturwellen der Weimarer- und der Bundesrepublik – und die Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit des ‚realen’ Adels. Dass dieser ‚reale Adel’ nur in seiner Unterschiedlichkeit zu verstehen ist, und überhaupt erst im 19. Jahrhundert – und auch nur teilweise – als nationales Phänomen, ruft Wienfort immer wieder in Erinnerung. In der Betonung der Unterschiede zwischen den verschiedenen Adelslandschaften und –typen – die weit über die Kluft zwischen Grund- und Gutsherrschaft hinausgingen – werden die Spezifika eines Standes bzw. einer sozialen Gruppe deutlich, die sich mit Kategorien der Bürgertumsforschung klarer als bisher analysieren aber nicht vollständig erfassen lassen. Zum Teil kann sich auch dieser Überblick von diesem Dilemma nicht ganz frei machen, wenn z.B. Phänomene wie das Vereinslebens gegenüber genuin adligen, aber aus heutiger Sicht irrational bzw. irrelevant erscheinenden Feldern (wie der Jagd) etwas über Gebühr zur Geltung kommen. Uneingeschränkt überzeugend ist hingegen die starke Betonung der Familie in ihrer innerhalb des Adels sehr umfassenden und lebensprägenden Bedeutung.

Diese bemerkenswerte und rundum überzeugende Verdichtungsleistung ist also, trotz aller notwendigen Knappheit, mehr als ein Studienhandbuch und eine Bestandsaufnahme eines mittlerweile vielschichtigen Forschungsfeldes. Vielmehr liefert Wienfort wichtige Ansatzpunkte und Ausgangspunkte für die nächste Differenzierungs- wie Abstraktionsstufe eines Gegenstandes, der als Forschungsthema nun etabliert ist.

Anmerkungen
[1] Als Übersicht über Themen und Forschungsstand und stellvertretend für zahlreiche Einzelstudien vgl. die Beiträge in: Eckart Conze, Monika Wienfort (Hg.), Adel und Moderne. Deutschland im europäischen Vergleich im 19. und 20. Jahrhundert, Köln u.a. 2004, sowie die von Heinz Reif herausgegebene Reihe ‚Elitenwandel in der Moderne’ mit bisher sieben Bänden.
[2] Vgl. Heinz Reif, Adel im 19. und 20. Jahrhundert, München 1999. Eckart Conze, Kleines Lexikon des Adels. Titel, Throne, Traditionen, München 2005.

Zitation
Martin Kohlrausch: Rezension zu: : Adel in der Moderne. Göttingen  2006 , in: H-Soz-Kult, 31.05.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8240>.