R. Griffin u.a.: Fascism Past and Present, West and East

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Titel
Fascism Past and Present, West and East. An International Debate on Concepts and Cases in the Comparative Study of the Extreme Right


Autor(en)
Griffin, Roger; Loh, Werner; Umland, Andreas
Erschienen
Stuttgart 2006: Ibidem Verlag
Umfang
510 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Arnd Bauerkämper, Berliner Kolleg für Vergleichende Geschichte Europas

Ist angesichts der jüngsten Krisen- und Gewalterfahrungen erneut über den „Faschismus“ zu diskutieren? Nicht erst seit dem Hinweis des amerikanischen Präsidenten Bush auf einen „Islamofaschismus“ wird über diese Frage diskutiert. Demgegenüber schien die vergleichende Faschismusforschung noch in den späten 1980er-Jahren ein „alter Hut“ zu sein, wie der englische Historiker Timothy Mason kurz vor seinem Tod bedauerte.[1] Während der Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen vor allem marxistisch orientierte Faschismuskonzepte nachhaltig diskreditierte, erlebten Totalitarismustheorien eine Renaissance. In den frühen 1990er-Jahren wirkte die deutsche Faschismusforschung deshalb wie ein „Scherbenhaufen“.[2] Im Gegensatz zum wiedervereinigten Deutschland, wo nur noch wenige Wissenschaftler/innen wie Sven Reichardt und Wolfgang Wippermann Studien zum Faschismus in der europäischen Zwischenkriegszeit vorlegten, haben vor allem in Großbritannien Historiker/innen wie Roger Griffin, Roger Eatwell, Kevin Passmore, David Roberts und Aristotle Kallis der konzeptionellen Debatte kräftige Impulse verliehen. Besonders Griffins Definition des Faschismus als „palingenetischer Ultra-Nationalismus”, die auf die Krisenerfahrung als Resonanzboden und eine umfassende Erneuerung der nationalen Gemeinschaft als Triebkraft faschistischer Bewegungen abhebt, hat eine heftige Kontroverse ausgelöst, die in Deutschland freilich weithin unbeachtet geblieben ist.[3]

Die Diskussion erreichte einen neuen Höhepunkt, nachdem Roger Griffin im Jahre 2004 in der Zeitschrift „Erwägen – Wissen – Ethik“ nicht nur sein Verständnis des Faschismus bekräftigt, sondern das Konzept auch auf die Nachkriegsgeschichte ausgedehnt hatte. Überdies kritisierte er die Fixierung der deutschen Zeitgeschichtsschreibung auf den Nationalsozialismus. Mit dem von Roger Griffin, Werner Loh und Andreas Umland herausgegebenen Band wird diese neuere theoretisch-konzeptionelle Debatte dokumentiert, die sich in den insgesamt 58 Beiträgen auf drei Problemkreise konzentriert.

Erstens ist Griffins Anspruch eines zunehmenden Konsenses über ein Faschismusverständnis in Frage gestellt worden, das die radikal-populistische Erneuerungsprogrammatik einer mythologisierten nationalen Gemeinschaft akzentuiert. Während Aristotle Kallis und Wolfgang Wippermann die Beschränkung auf die Ideologie akzeptiert und nur deren Reduktion auf den „palingenetischen Ultranationalismus“ kritisiert haben, ist Griffins Definition von anderen Wissenschaftler/innen grundsätzlicher kritisiert worden. So hat Stanley Payne das Konzept als zu unspezifisch verworfen, da nahezu alle radikal nationalistischen Ideologien einen populistischen Erneuerungsanspruch aufwiesen. Über diese Kritik hinausführend ist von Roger Eatwell nicht nur vor einer Fixierung auf die affektive Anziehungskraft gegenüber den ökonomischen Angeboten der faschistischen Ideologie gewarnt, sondern auch der Stellenwert der Propaganda, der Repräsentationstechniken und des politischen Stils faschistischer Bewegungen hervorgehoben worden. Ähnlich hat Sven Reichardt argumentiert, dass die Handlungspraxis der Faschisten, vor allem ihre Mobilisierungsdynamik, die ausgeprägte Militanz und „Charismagläubigkeit“ (S. 199), den flexibel strukturierten Bewegungen Attraktivität verliehen hätte. Der Faschismus müsse deshalb kontextualisiert und historisiert werden.

Auch andere Historiker/innen wie Roberts haben die Wandlungsfähigkeit und Ambivalenz des Faschismus betont. Gegenüber dem „positiven“ Integrationsangebot der faschistischen Bewegungen hat besonders Alexander de Grand den Terror und die Gewalt hervorgehoben, die im faschistischen Italien und im „Dritten Reich“ letztlich Konformität erzwungen hätten. Zudem verdecke eine Fixierung auf die faschistische Ideologie die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozesse, die sich in den Diktaturen vollzogen. Weitaus grundsätzlicher hat Kevin Passmore vor einem neuen Essentialismus in der Faschismusdiskussion gewarnt. Noch schärfer ist dieser Vorwurf vom Doyen der deutschen Faschismusforschung, Ernst Nolte, gegen Griffin gerichtet worden. Die Polemik erreichte ihren Gipfelpunkt mit der Stellungnahme Friedrich Pohlmanns, der Griffin der willkürlichen Konstruktion eines persönlichen Wirklichkeits- und Feindbildes beschuldigt hat.

Die Beiträge diskutieren zweitens Griffins Plädoyer für einen Faschismusbegriff, der über die Jahrzehnte von 1918 bis 1945 hinausreicht. In seinem Grundsatzartikel hat der englische Historiker argumentiert, dass der Faschismus vielschichtig sei und sein Potential zum Formenwandel nicht unterschätzt werden dürfe. Einem Wurzelstock ähnlich, seien neofaschistische Gruppen – im Gegensatz zu den faschistischen Bewegungen der Zwischenkriegszeit – nicht hierarchisch strukturiert, sondern horizontal miteinander verflochten. Zudem hätten sie ihren Kampf für eine nationale oder ethnische Erneuerung auf die supranationale Ebene verlagert. Demgegenüber hat Ernst Nolte sein Konzept einer „Epoche des Faschismus“ verteidigt, das er bereits in den 1960er-Jahren entwickelte.[4] Dabei hat er vor allem auf die engen Beziehungen verwiesen, die rechtextremistische Gruppen gegenwärtig (anders als bis 1945) zu Sympathisanten in der „nicht-christlichen Welt“ (S. 165) unterhielten. Ebenso wie Alexander De Grand, dessen Diskussionsbeitrag die umfassende Gewalt- und Krisenerfahrung im Weltkrieg und unmittelbar nach 1918 als Gründungsimpuls faschistischer Bewegungen in den Mittelpunkt rückt, hält auch Reichardt an der „Epochengebundenheit“ (S. 373) des Faschismus fest. Im Anschluss an die Studien Wolfgang Schieders ist von ihm dabei auf die Leitbildfunktion des italienischen Faschismus verwiesen worden.[5]

Auch Roberts hat für eine Bindung des Faschismusbegriffs an den spezifischen Kontext der Zwischenkriegszeit plädiert, da die totale Niederlage Deutschlands und Italiens den Zukunftsoptimismus der Faschisten irreversibel gebrochen habe. Die Programmatik der „neuen Rechten“ sei deshalb nicht ultra-nationalistisch, wie auch Martin Durham konstatiert hat. Überdies sei ein breites Faschismusverständnis nicht geeignet, die neuen politischen Herausforderungen durch rechtsextremistisch-populistische Gruppen zu erkennen. Diese Einwände zuspitzend, hat A. James Gregor für ein analytisch trennscharfes Konzept plädiert, das die Abgrenzung faschistischer Bewegungen von anderen politischen Gruppen ermöglicht, und damit nicht nur Griffins breite Definition abgelehnt, sondern auch die ihr zu Grunde liegenden Begriffe wie „Ultranationalismus“ und „Palingenese“ als zu unscharf zurückgewiesen. Demgegenüber hat Wippermann konzediert, dass die Niederlage der „Achsenmächte“ im Zweiten Weltkrieg zwar die Epoche, nicht aber die Geschichte des Faschismus beendet habe. Dabei ist von ihm besonders auf die Affinität „rechtsextremistischer“ und faschistischer Bewegungen im Hinblick auf ihre Ideologie und ihren politischen Stil hingewiesen worden. Der amerikanische Politikwissenschaftler Jeffrey Bale hat sogar gefordert, den Faschismusbegriff auch auf außereuropäische Räume zu beziehen. Zur „Reichweite“ des Konzepts hat sich zwischen Alexander Umland und A. James Gregor eine heftige Kontroverse über die Interpretation und Kennzeichnung des radikalen Nationalisten Aleksandr Dugin im postkommunistischen Russland entwickelt, die in dem Band gleichfalls dokumentiert ist.

Wie das Buch zeigt, wird drittens immer noch heftig diskutiert, ob „Faschismus“ lediglich auf die von Mussolini 1919 gebildeten Kampfgruppen und die Diktatur des „Duce“ bezogen oder als darüber hinaus reichender Gattungsbegriff verwendet werden könne. Unter dem Eindruck des pauschalen Faschismusverdikts dogmatischer Marxisten, aber auch des – in vieler Hinsicht singulären – Holocaust ist schon früh vor einem inflationären Gebrauch des Terminus gewarnt worden.[6] Diese komplexe Diskussion verkürzend, hat Griffin deutschen Zeithistoriker/innen eine Blickverengung vorgeworfen, die das Paradigma vom „deutschen Sonderweg“ maßgeblich gefördert und der „Historikerstreit“ (1986-88) noch verfestigt habe. Es sei deshalb erforderlich, dass einige deutsche Wissenschaftler/innen „zurück in die Schule“ gingen (S. 61). Demgegenüber haben in der Kontroverse Historiker/innen wie David Baker betont, dass keineswegs ausschließlich deutsche Zeithistoriker/innen, sondern auch herausragende englische Geschichtswissenschaftler/innen wie Ian Kershaw auf einer klaren terminologischen und konzeptionellen Unterscheidung zwischen Faschismus und Nationalsozialismus bestanden haben.[7]

Sicherlich kann nicht bestritten werden, dass die neuere anglo-amerikanische Faschismusdiskussion in Deutschland, wo der nationalgeschichtliche Interpretationsrahmen weiterhin dominiert, bislang kaum rezipiert worden ist. Es bleibt aber fraglich, ob die Lektüre der Diskussionsbeiträge, die der Band enthält, die Diskussion über den Faschismus auch unter deutschen Historiker/innen erneut anregen wird. Im Gegensatz zu den Studien, die er in den 1990er-Jahren vorlegte, hat Griffin mit seinem Hauptartikel ein breites Spektrum von Forschungsproblemen eröffnet, so dass der anschließenden Diskussion die Fokussierung fehlt. Dieses Defizit beseitigt Walter Laqueurs Nachwort keineswegs. Auch wenn man seine Befürchtung, dass die Intensität der wissenschaftlichen und publizistischen Debatte über den Faschismus in Zukunft zurückgehen wird, ebenso wenig teilt wie Gregors Enttäuschung über den Verlauf der mäandrierenden Kontroverse, ist Ratlosigkeit nicht zu verkennen. Insgesamt hat die Diskussion vor allem Erkenntnisse zum Umgang mit Begriffen, Idealtypen und Konzepten in der Zeitgeschichtsschreibung eröffnet, weniger aber die jeweilige Erklärungskraft der unterschiedlichen Untersuchungsansätze zu faschistischen Bewegungen und Regimes gezeigt. In heuristischer Sicht ist deshalb weiterhin ein idealtypisch verwendetes, auf die Geschichte Europas von 1918 bis 1945 bezogenes Gattungskonzept des Faschismus vorzuziehen, das die Genese, Ideologie, Mitglieder- und Wählerbasis ebenso einbezieht wie die Organisationsstruktur und den politischen Stil faschistischer Bewegungen und (den davon zu unterscheidenden) Regimen. Darüber hinaus versprechen historisch-vergleichende und verflechtungsgeschichtliche Forschungen gegenüber einer isolierenden Analyse neue Einsichten in die – z.T. asymmetrischen – Wechselbeziehungen zwischen den Faschisten. Letztlich werden sich Theorien und Konzepte bei der Interpretation der konkreten Handlungspraxen von Faschisten in den jeweiligen Konstellationen bewähren müssen.

Anmerkungen:
[1] Mason, Timothy W., Whatever happened to ,Fascism’, in: Childers, Thomas; Caplan, Jane (Hgg.), Reevaluating the Third Reich, New York 1993, S. 253-262, hier S. 255 (hier wie im Folgenden meine Übersetzung, A.B.).
[2] Wippermann, Wolfgang, Vom „erratischen Block“ zum Scherbenhaufen. Rückblick auf die Faschismusforschung, in: Nipperdey, Thomas (Hg.), Weltbürgerkrieg der Ideologien. Antworten an Ernst Nolte, Berlin 1993, S. 207-215.
[3] Vgl. aber: Reichardt, Sven, Was mit dem Faschismus passiert ist. Ein Literaturbericht zur internationalen Faschismusforschung seit 1990, Teil 1, in: Neue Politische Literatur 49 (2004), S. 385-406; Bauerkämper, Arnd, Der Faschismus in Europa 1918-1945, Stuttgart 2006, S. 29-34. Zit. nach: Griffin, Roger, Introduction, in: ders. (Hg.), International Fascism. Theories, Causes and the New Consensus, London 1998, S. 1-20, hier S. 13. Ähnlich schon in: ders., The Nature of Fascism, London 1991, S. 26, 32, 44.
[4] Nolte, Ernst, „Epoche des Faschismus“. Sinn und Konsequenzen eines Begriffs, in: ders. (Hg.), Marxismus – Faschismus – Kalter Krieg. Vorträge und Aufsätze 1964-1976, Stuttgart 1977, S. 193-208. Vgl. auch ders., Der Faschismus in seiner Epoche. Action française. Italienischer Faschismus. Nationalsozialismus, München 1963.
[5] Besonders: Schieder, Wolfgang, Das italienische Experiment. Der Faschismus als Vorbild in der Krise der Weimarer Republik, in: Historische Zeitschrift 262 (1996), S. 73-125. Vgl. auch: ders., Art. „Faschismus“, in: van Dülmen, Richard (Hg.), Fischer Lexikon Geschichte, Frankfurt am Main 2003, S. 199-221.
[6] Vgl. Allardyce, Gilbert, What Fascism Is Not: Thoughts on the Deflation of a Concept, in: American Historical Review 84 (1979), S. 367-398; Martin, Bernd, Zur Tauglichkeit eines übergreifenden Faschismus-Begriffs. Ein Vergleich zwischen Japan, Italien und Deutschland, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 29 (1981), S. 48-73.
[7] Kershaw, Ian, Hitler and the Uniqueness of Nazism, in: Journal of Contemporary History 39 (2004), S. 239-254.

Zitation
Arnd Bauerkämper: Rezension zu: : Fascism Past and Present, West and East. An International Debate on Concepts and Cases in the Comparative Study of the Extreme Right. Stuttgart  2006 , in: H-Soz-Kult, 11.10.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8246>.
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11.10.2006
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