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Titel
Geheimes Deutschland. Stefan George und die Brüder Stauffenberg


Autor(en)
Riedel, Manfred
Erschienen
Umfang
267 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gunilla Eschenbach, Deutsches Literaturarchiv Marbach

Nachdem die 60. Wiederkehr des 20. Juli 1944 auf neue Publikationen über die Stauffenberg-Brüder verzichten musste, hat Manfred Riedel, Emeritus für Philosophie der Universität Halle-Wittenberg, nun eine monografische Studie zur Geisteswelt der Hitler-Attentäter vorgelegt. Riedel widmet sich damit einem in der Stauffenberg-Literatur eher unterbelichteten Thema. Es ist ein ungewöhnliches Buch, das es unternimmt, anhand von Gedichten den untergründigen Wegen deutschen Geistes nachzuspüren. Ausgangs- und Endpunkt der Darstellung sind die Persönlichkeiten der Brüder Alexander, Berthold und Claus Stauffenberg. Alle drei waren Mitglieder des George-Kreises. In den verdienstvollen Biografien Peter Hoffmanns[1] und Christian Müllers[2] wurde auf die Beziehung Claus von Stauffenbergs zu dem Dichter Stefan George (1868–1933) nur punktuell eingegangen. In Jo Baiers vieldiskutiertem Fernsehfilm „Stauffenberg“ (ARD, Februar 2004) blieben Fragen nach der geistigen Prägung gänzlich offen. Georges Einfluss auf die drei Brüder Stauffenberg war indes, so Riedel, über Georges Tod hinaus bestimmend für ihren Lebensweg. In George hätten die Stauffenbergs ihren „Musageten“ gefunden, „einen Seelenführer im kultischen Wortsinn [...], der sie gegen den nationalsozialistischen Führerkult immunisierte“. Die Brüder Stauffenberg waren zwar „Staatsdiener im Dritten Reich“, dienten aber „insgeheim“ dem „inneren Staat“, dem „Geheimen Deutschland“ im Sinne Georges (S. 186ff.).

Um sich dem mythopoetischen Konzept des „Geheimen Deutschlands“ zu nähern, greift Riedel auf eine Methode zurück, die der im George-Kreis verbreiteten Auffassung Rechnung trägt, dass „in der dichtung eines volkes sich seine lezten [sic] schicksale enthüllen“.[3] Denn er geht bei seinen geschichtsphilosophischen Überlegungen von Gedichten aus. Ein direktes Vorbild für Georges Prophetengestus war Hölderlin, dessen politische Dichtung die Utopie eines geistigen Deutschlands entwarf. Riedel betont am Beispiel von Hölderlins Hymne „Germanien“ die europäische Dimension dieser Vision. Hölderlins „Geheimes Deutschland“ verzichtete auf das Bilderarsenal nationalistischer Reichsutopien; es war ein Reich der Sprache und des Geistes „ohne Barbarossatraum und wiederbelebte Kaiser“ (S. 58). Die metaphorische Lesart behält Riedel auch bei Georges politischer Dichtung bei, dessen Reichsmetaphorik zwischen „geistigem Reich“ und realpolitischer Gestaltung oszillierte und zumindest in der Rezeption eine politische Konkretisierung zuließ.

Im Gegensatz zu einer thematisch ähnlich gelagerten Studie Werner Bräuningers[4] vermeidet Riedel ideologische Verzerrungen ebenso wie unzulässige Harmonisierungen der unterschiedlichen Auffassungen im George-Kreis selbst. So kommen auch die Spannungen zwischen deutschen und jüdischen Mitgliedern des Kreises deutlich zum Ausdruck. Anhand der Beziehungen zwischen dem überlebenden Alexander von Stauffenberg und dem exilierten Historiker Ernst Kantorowicz („Prolog“) sowie dem ebenfalls ins Exil gegangenen Dichter Karl Wolfskehl („Epilog“) werden Möglichkeiten und Grenzen einer deutsch-jüdischen Gemeinschaft nach 1945 deutlich. Den Beteiligten ging es nicht zuletzt um die Frage, ob der Geist des „Geheimen Deutschlands“ bei den Hitler-Attentätern gewesen sei oder ob dieser Geist ab 1933 zusammen mit den jüdischen Angehörigen des Kreises Deutschland verlassen habe. Die Antworten fielen unterschiedlich aus. Riedel hat den Mut, seine Darstellung mit diesem Dissens zu beschließen.

Auf die Frage nach den politischen Implikationen in Georges Vorstellung vom „Geheimen Deutschland“ kommt Riedels Argumentation immer wieder zurück. Nachdrücklich betont Riedel die Unterschiede zwischen Blut- und Boden-Ideologie und dem Heimatbegriff Georges im Sinne von Sprachheimat. Den militärisch-industriellen Bismarckstaat nennt Riedel die materialistische Gegenwelt zum geistigen Reich im Sinne Georges, welches die europäische Überlieferung von „Antike, Christentum und Humanismus“ umfasste. Diese Opposition ist hinlänglich bekannt. Ihr lässt Riedel indes eine zweite, ergiebigere folgen, nämlich diejenige zwischen dem „anderen Deutschland“ und dem „Geheimen Deutschland“ Georgescher Prägung (S. 168). Riedel zeigt, dass beide Begriffe eine je völlig unterschiedliche politische Semantik besitzen und auf völlig verschiedene geistige Wurzeln zurückzuführen sind. War das „Geheime Deutschland“ ein Schlüsselwort konservativer Opponenten zum Bismarckreich, so entstand das „andere Deutschland“ als ein Kampfbegriff linker und rechter Opposition gegen die Weimarer Republik. Hitler bezeichnete sich, wie Riedel nachweist, schon 1928 als „fanatischer Kämpfer für ein anderes Deutschland“ (S. 168). Das „andere Deutschland“ wurde zum politischen Schlüsselbegriff rechter oder linker Ideologien. Die europäische Perspektive, welche das „Geheime Deutschland“ besaß, ging je nach ideologischem Vorzeichen zugunsten internationaler Erweiterung oder nationalistischer Verengung verloren (S. 168f.). Damit mahnt Riedel Differenzierungen an, die in der Widerstandsliteratur bisher nicht gesehen wurden. Die Rede vom „anderen Deutschland“, die in schöner Regelmäßigkeit in den Gedenkreden zum 20. Juli wiederkehrt, erweist sich vor dem Hintergrund dieser Begriffsgeschichte als problematisch.

In gleicher Weise trennt Riedel die scheinbar nationalistische Sprache des späten George von prophetischer Sprache (S. 120). Für Riedel haben die Zukunftsvisionen von Gedichten wie „Geheimes Deutschland“ bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt (S. 123). Er grenzt die von George beschworene Figur des „Helfers“ von nationalsozialistischen Führerphantasien ab (S. 120f.) und überträgt sie im Gegenteil auf die Hitler-Attentäter selbst, wenn er das Freundespaar in „Goethes lezte [sic] Nacht in Italien“ mit den griechischen Tyrannenmördern Harmodios und Aristogeiton in Beziehung setzt (S. 122). Diese Deutung schließt sich eng der Auffassung Alexander von Stauffenbergs an, der es denn auch unternahm, das erfolgte Attentat wiederum Literatur werden zu lassen. „Als Georgeaner“ wusste er – so Riedel über Alexander von Stauffenberg –, dass das heroische Opfer „besser kraft des dichterischen Wortes bewahrt werden könnte als durch Geschichtsschreibung; so wie auch die attischen Tyrannenmörder über Bilder aus Kunst und Dichtung unsterblich wurden, obwohl die Tyrannis [...] fortbestand.“ (S. 220) An Stellen wie diesen werden die Grenzen zwischen Riedels eigener Auffassung und der Geschichtsdeutung des Kreises fließend.

Riedel übernimmt die hermeneutische Methode des George-Kreises. Zu Beginn seiner Studie bezieht er sich auf die Gespräche zwischen Alexander von Stauffenberg und Ernst Kantorowicz über die Möglichkeit, den 20. Juli episch zu bearbeiten. Dichtung war für Kantorowicz ein „Inspirationsquell von Geschichtsdeutungen“. Er trat dafür ein, „eine ‚primäre Quelle’ wieder in gebundener Form“ erscheinen zu lassen. Als Zeitzeuge und Dichter sei Alexander von Stauffenberg für diese Aufgabe geeignet (S. 22). Riedel liest und interpretiert die Lyrik Georges und seines Kreises in diesem Sinne als Zeitdokument. Aus germanistischer Perspektive hätte man sich eine größere Methodenvielfalt gewünscht. Fiktionale Texte, Poesie zumal, wollen immanent und mit den Methoden der Literaturwissenschaft interpretiert sein, bevor man auf dieser Grundlage aus ihnen weltanschauliche Gesinnungen und politische Programme erkennen kann. Aber trotz dieses Desiderats entfaltet Riedels Studie mit großer Weitsicht und Tiefenschärfe ein geistesgeschichtliches Panorama und leistet damit einen bedeutenden Beitrag zur zeithistorischen Forschung. Das schwer greifbare Konzept vom „Geheimen Deutschland“ erscheint nach der Lektüre deutlicher konturiert.

Anmerkungen:
[1] Hoffmann, Peter, Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Brüder, Stuttgart 1992, 3. Aufl. 2004.
[2] Müller, Christian, Oberst i.G. Stauffenberg. Eine Biographie, Düsseldorf 1970 (Nachdruck unter dem Titel „Stauffenberg. Eine Biographie“, Düsseldorf 2003).
[3] George, Stefan, Blätter für die Kunst, 11./12. Folge, 1919, Vorrede (bei Riedel irrtümlich nachgewiesen mit: Lobrede auf Hölderlin, in: George, Stefan, Sämtliche Werke, Bd. 17: Tage und Taten. Aufzeichnungen und Skizzen, Stuttgart 1998, S. 60).
[4] Bräuninger, Werner, Claus von Stauffenberg. Die Genese des Täters aus dem Geiste des Geheimen Deutschland, Wien 2002.

Zitation
Gunilla Eschenbach: Rezension zu: : Geheimes Deutschland. Stefan George und die Brüder Stauffenberg. Köln  2006 , in: H-Soz-Kult, 31.01.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8292>.
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Veröffentlicht am
31.01.2007
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