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Titel
Friedenspädagogik im Kaiserreich. Ein Lesebuch


Autor(en)
Lipp, Karlheinz
Erschienen
Baltmannsweiler 2006: Schneider Verlag Hohengehren
Umfang
221 Seiten
Preis
€ 18,00
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Reinhold Lütgemeier-Davin, Kassel

Kriegsbejahende und friedenshemmende Traditionen beherrschten eindeutig das Schulwesen des Deutschen Kaiserreichs. Selbst zaghafte Ansätze einer individualistischen, tendenziell unsystematischen Friedenserziehung waren auf den Hochschulen nicht institutionalisiert und nur in einzelnen Schulen und bei wenigen weltoffenen Lehrern schwach verankert. Sie blieben in jedem Fall ohne wesentliche politische Relevanz und von geringer Reichweite und Wirkung; deshalb verwundert es nicht, dass eine grundlegende wissenschaftliche Analyse friedenspädagogischer Bemühungen vor 1914 noch aussteht.

Akademisch gebildete Lehrer standen gemeinhin feindlich oder zumindest in Distanz zu internationalen Bestrebungen. Allein einige Volksschullehrer und Pfarrer zeigten sich gegenüber friedenspolitischen Überlegungen aufgeschlossen und engagierten sich teilweise in der 1892 gegründeten Deutschen Friedensgesellschaft. Im Schulwesen des Kaiserreichs insgesamt allerdings dominierten militaristische Denk- und Verhaltensweisen, die erfolgreich eine Kriegsmentalität, eine Bereitschaft der jungen Generation zum Krieg erzeugten. Sozialdarwinistische und fatalistische Vorstellungen vom Krieg überformten die wilhelminische Gesellschaft wie das Subsystem Schule. Institutionelle Vorgaben wie Lehrpläne und Lehrbücher ignorierten Völker versöhnende Ansätze in Politik, Recht, Völkerrecht, Kultur und Literatur um die Jahrhundertwende.

Die Matrix der autoritären Gesellschaft mit ihrem normativen hierarchisch-autoritären Leitbild ist gut erforscht. Nur Weniges sei hier angedeutet: Die Studie von Marieluise Christadler [1] und die Aufsatzsammlung der Arbeitsgruppe „Lehrer und Krieg“ [2] stehen z.B. für eine kritische Aufarbeitung einer Erziehung zum Krieg als Teil des bürgerlichen Militarismus, der die mentalen Voraussetzungen für das sog. Augusterlebnis 1914 schuf. Als aufschlussreiche und sehr eindringliche Detailstudie mit didaktischen Anteilen ist die Darstellung und Dokumentation von Heinz Lemmermann [3] zu nennen.

Von den organisatorisch schwachen Friedensvereinen gingen zwar Impulse für eine Förderung von Friedensgesinnung und Friedenshandeln aus, systematische friedenspädagogische Ansätze, die in Hochschule, Schule, Didaktik und die gebräuchlichen Unterrichtsmittel hineinwirken, sind aber vor 1914 nicht auszumachen. Der Begriff „Friedenspädagogik“ wird offensichtlich erst nach 1918 mit Friedrich Wilhelm Foerster in der Erziehungswissenschaft geläufig [4], wenngleich nicht populär. Foerster begab sich allerdings mit seiner prononciert vorgetragenen Forderung nach einem Vorrang der Friedens- vor der „Wehrkraftpädagogik“ im Bildungswesen in eine Außenseiterposition unter seinen Kollegen an den Universitäten – und dies gar in einer Zeit, in der die Auswirkungen militaristischen Denkens und militaristischer Praxis in Form der Kriegsniederlage offensichtlich gewesen sein müsste.

Die Dokumentensammlung des Berliner Studienrates Karlheinz Lipp evoziert im Titel die Systematik einer Pädagogik, die es im Kaiserreich überhaupt nicht gab. Der Untertitel allerdings verrät, dass lediglich Bruchsteine unterschiedlicher friedenspädagogischer Ansätze geboten, Facetten von Überlegungen ausgelotet werden sollen, die zwar nicht repräsentativ für die Epoche, aber gleichwohl fortschrittlich, ihrer Zeit weit voraus und unter Gegenwartsbezügen als erinnernswert erscheinen.

Das Lesebuch ist in sechs ungleich lange Kapitel gegliedert. Der Abschnitt „Grundsätzliche Positionen“ macht mehr als ein Drittel des Buches aus. Hier finden sich kritische Anmerkungen zur Militarisierung der Pädagogik. Gerade die Abwehrstellung gegenüber militaristischen Tendenzen zeigt, dass sich die pazifistisch gesonnenen Praktiker in einer Minderheitenposition gegenüber der dominierenden militaristischen Strömung des Kaiserreichs befanden. Es kommen einzelne Lehrer zu Wort, deren pädagogische Reichweite meist kaum über ihren Unterricht, Teile ihres Kollegiums und die pazifistische Öffentlichkeit hinausging. Von größerem Einfluss waren die antimilitaristischen Kritiker aus der Sozialdemokratie (Karl Liebknecht, Clara Zetkin), die auf die Unterrichtspraxis durch Agitation von außen einwirken wollten. Durch Appelle, Versammlungen, Veröffentlichungen in Zeitschriften wurde versucht, das doch enge soziale Feld praktischer Friedenspädagogik zu erweitern. Die friedenspädagogischen Ansätze, die Lipp vorstellt, üben harsche Kritik am Patriotismus, sie warnen vor Chauvinismus und Kriegsverherrlichung, verweisen auf die Kriegsgräuel der Vergangenheit, auf die Tatsache, dass sich Kriege finanziell nicht auszahlen, auf die Notwendigkeit des Abbaus von Feindbildern, auf die Möglichkeiten gewaltfreier Konfliktlösung (die Schiedsgerichtsbarkeit der Haager Konferenzen); sie lehnen Kriegsspielzeug ab und fordern eine Aufstockung der Bildungsausgaben bei gleichzeitiger Reduktion der Militärhaushalte ein, ohne dabei aber in der Regel die weltpolitischen, imperialistischen Ambitionen des Kaiserreichs grundsätzlich zu verurteilen. Es werden die friedenspädagogischen Konzepte einzelner Lehrer präsentiert, die der Herausgeber bereits teilweise an anderer Stelle in kurzen Aufsätzen gewürdigt hat [5].

Im 2. Kapitel wird die alltägliche Gewalt im Schulunterricht problematisiert und eine Pädagogik vorgestellt, die konsequent die Prügelstrafe als Erziehungsmaßnahme verwirft. Das 3. Kapitel dokumentiert die Debatte in den Landesparlamenten von Baden, Württemberg und Preußen über kriegsverherrlichende Lesestücke. Linksliberale Abgeordnete zumeist machten sich hierbei zu Fürsprechern einer Weichenstellung zugunsten einer Erziehung zum Frieden, allerdings mit sehr mäßigem Erfolg. Im 4. Kapitel werden Möglichkeiten alternativer, friedensfördernder Unterrichtsinhalte und -methoden maßgeblich in den Fächern Geschichte, Deutsch und Geographie demonstriert. Im 5. Kapitel geht es um den Abbau von Feindbildern durch internationale Kontakte. Der Lehrer Ludwig Wagner erwarb sich z. B. Verdienste durch Ferienkurse für Ausländer, um vor allem das deutsch-französische Verhältnis zu entkrampfen. Das letzte Kapitel stellt friedenspädagogische Überlegungen im Schatten des Ersten Weltkrieges vor und gibt einen knappen Ausblick in Richtung Pädagogik der Weimarer Zeit.

Geboten werden Texte aus Monographien und zeitgenössischen Zeitschriften, die heute nur recht schwer zugänglich sind. Bislang unveröffentlichtes Material findet sich hier nicht. Aber gerade die Zusammenstellung aus vielen pazifistischen Zeitschriften zeugt von der Sorgfalt und akribischen Recherche des Herausgebers. Eine wirkliche Analyse der Friedenspädagogik im Kaiserreich liefert Lipp allerdings bedauerlicherweise nicht. Die Einführung in die einzelnen Kapitel ist sehr spröde und knapp ausgefallen, sie bietet bestenfalls eine Lesehilfe. Eine Bewertung z. B. der Wirkungsmächtigkeit unterschiedlicher Positionen fehlt. Verdienstvoll bleibt die Zusammenstellung dennoch, weil sie die einschlägigen Publikationen vorsortiert und meist chronologisch geordnet offeriert. Ob von der Dokumentensammlung wirklich ein Impuls für die Analyse der Friedenspädagogik im Deutschen Kaiserreich ausgeht, darf bezweifelt werden, denn die Friedenspädagogik hat es nicht gegeben, sondern nur friedenspädagogische Überlegungen, die wesentlich systematischer, gründlicher und theoretisch fundiert erst nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt wurden.

[1] Marieluise Christadler, Kriegserziehung im Jugendbuch. Literarische Mobilmachung in Deutschland und Frankreich vor 1914, Frankfurt/M. ²1979.
[2] Arbeitsgruppe „Lehrer und Krieg“ (Hrsg.), Lehrer helfen siegen. Kriegspädagogik im Kaiserreich mit Beiträgen zur NS-Kriegspädagogik, Berlin 1987.
[3] Heinz Lemmermann, Kriegserziehung im Kaiserreich. Studien zur politischen Funktion von Schule und Schulmusik 1890 – 1918, Bremen 1984.
[4] Friedrich Wilhelm Foerster, Politische Ethik und Politische Pädagogik, München, 4. Aufl. 1922, S. 460-468.
[5] Karlheinz Lipp, Friedensinitiativen in der Geschichte, Herbolzheim 2002.

Zitation
Reinhold Lütgemeier-Davin: Rezension zu: : Friedenspädagogik im Kaiserreich. Ein Lesebuch. Baltmannsweiler  2006 , in: H-Soz-Kult, 06.10.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8396>.
Redaktion
Veröffentlicht am
06.10.2006
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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