U. Planert: Der Mythos vom Befreiungskrieg

Titel
Der Mythos vom Befreiungskrieg. Frankreichs Kriege und der deutsche Süden: Alltag - Wahrnehmung - Deutung 1792-1841


Autor(en)
Planert, Ute
Erschienen
Paderborn 2007: Schöningh
Umfang
739 S., eine Faltkarte
Preis
€ 68,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dierk Walter, Hamburger Institut für Sozialforschung

Hagemann für den Süden, minus Geschlecht, plus Alltag der kleinen Leute – so könnte man die Arbeit von Ute Planert zugespitzt charakterisieren. Was Karen Hagemann in ihrer 2002 in der gleichen Reihe des Schöningh-Verlages erschienenen Habilitationsschrift [1] für die preußischen Befreiungskriege versucht hat – einerseits die Konstruktion eines nationalen Befreiungsdiskurses kritisch zu hinterfragen und andererseits die Beziehungen zwischen Militär und Zivilgesellschaft im Kriege zumal im Institut der neu eingeführten allgemeinen Wehrpflicht zu thematisieren –, das tut Ute Planert nun auf breiterer Basis für die drei süddeutschen Staaten. Die Gegenüberstellung der beiden Bücher drängt sich nicht nur wegen dieser weitgehenden thematischen Ergänzung auf, sondern auch weil Planert immer wieder ausdrücklich diagnostiziert, dass das was (siehe Hagemann) schon für Preußen nicht zutrifft – es gab bei aller erkennbaren Begeisterung keine einheitliche, „nationale“ Erhebung gegen Napoleon – auf die Baden, Bayern und Württemberger, die zudem mehrheitlich erst seit wenigen Jahren solche waren, schon gar nicht passt.

Die auffallenden Unterschiede sind auch schnell benannt: Planert thematisiert nicht explizit die Kategorien Geschlecht und Männlichkeit, die für Hagemanns Analyse einen Haupterklärungsansatz darstellen. Im Gegenzug steht bei ihr statt des Elitendiskurses „das Schicksal der Menschen“ (S. 13) im Vordergrund, also das Erleben der kleinen Leute: ihre Reaktionen auf politische Umbrüche, territoriale Veränderungen, neue staatliche Zwangsinstrumente wie die allgemeine Wehrpflicht und ganz besonders natürlich den Krieg. Wie geht man als bayerischer Bauer, schwäbischer Pfarrer, badischer Wehrpflichtiger mit Einquartierung, Zerstörung, Plünderung, Zwangsdiensten, Aushebungen um? Wie ordnet man Extremerfahrungen in sein Weltbild ein? Zur Beantwortung dieser Frage hat Planert eine Unzahl von Selbstzeugnissen, Chroniken, Tagebüchern usw. herangezogen, nicht zu vergessen Berge von Literatur – an die 50 engbedruckte Seiten umfasst allein hier die Liste in der Bibliographie. Zehn Jahre soll das Ganze gedauert haben, und siehe da, es ist ein umfassendes, beindruckend fleißiges, vor allem aber ein dickes Buch geworden.

Planerts Arbeit kreist um fünf Hauptthemenbereiche: Religiosität – Herrschaft – Wehrpflicht – Kriegserleben – Kriegsdeutung/-erinnerung – zu allen fünfen in Kürze. Der Raum, den die Autorin Erörterungen zur Rolle der Pfarrer und zur Volksfrömmigkeit einräumt (u.a. das ganze Kapitel VII) mag in einem Buch, das in einer renommierten militärgeschichtlichen Reihe erschienen ist, etwas verwundern, sich aber vielleicht zwanglos dadurch erklären, dass unter den ländlichen Schriftquellenproduzenten zu dieser Zeit Geistliche natürlich überrepräsentiert waren (was auch der Grund sein mag, warum bei den Schilderungen von Kriegsgreueln der Kirchenraub so viel Platz einnimmt, Kap. IV/3). Natürlich bot Religion auch Erklärungsansätze für die Einordnung kriegerischer Ereignisse und persönlichen Leids, und nicht zuletzt war der Klerus teilweise unter den Stützen des Thrones zu finden und brachte der Bevölkerung die Tugenden der Vaterlandsliebe und des Kriegsdienstes nahe (Kap. IX/5).

Herrschaft stand in Frage, als schon der französische Einmarsch 1796 in ländlichen Gebieten Süddeutschlands zum Anlass des Aufbegehrens ländlicher Untertanen wurde, die für selbstverständlich nahmen, dass nun auch ihre (Selbst-)Befreiung von Feudallasten anstehe (Kap. IV/1). Herrschaft war natürlich für die zahlreichen Neubayern, Neuwürttemberger und Neubadener nach den territorialen Umwälzungen ab 1803 eine der Hauptformen, in denen ihnen die neue Zeit entgegentrat, und entsprechend sind sinnstiftende Integrationsangebote, aber eben auch Zwang und Widerstand ein wichtiger roter Faden von Planerts Analyse (u.a. Kap. IX/6).

Die wichtigste, ungewohnteste und angesichts des enormen Mannschaftsbedarfs der zunehmend verlustreichen Kriege Napoleons auf Dauer zweifellos drückendste Form, in denen Herrschaft zumal den Bewohnern der neuen Landesteile entgegentrat, war natürlich die Wehrpflicht. Entsprechend widmet Planert deren Umsetzung und den Reaktionen darauf ein fast 90-seitiges Kapitel (VIII), das aus militärhistorischer Perspektive einen Kernbereich der Arbeit darstellt. Nach einer Rekapitulation der überlieferten Wehrformen (VIII/1), deren Unbeliebtheit auch auf die weitgehend ineffizienten Versuche zur Aufbietung von Landwehren gegen die französischen Invasionen der 1790er-Jahre durchschlug (VIII/2), und der stehenden Heere des Ancien Régime, in denen (bekanntlich) vor allem „Erzraufer“, „grobe Excesse-Macher“ und „Fornikanten“ (S. 407) dienten (VIII/3), wird hier die zögerliche und halbherzige, d.h. weiter von Privilegien und Einschränkungen durchbrochene, Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in den drei süddeutschen Staaten rekapituliert (VIII/4).

Den meisten Raum nimmt dann mit über 50 Seiten (VIII/5) die Analyse der vielfältigen Widerstandsformen ein, mit denen die Bevölkerungen dem neuen staatlichen Zwangsinstrument zu begegnen suchten. Dazu gehörten neben den zu allen Zeiten üblichen Tricksereien mit falschen Geburtsjahren, der Vortäuschung berufsbedingter oder familiärer Unabkömmlichkeit, echten, vorgespiegelten oder selbst zugefügten Gebrechen und Krankheiten und der Flucht oder Desertion in diesen Fällen auch der Rekurs auf alte Rechtsprivilegien gerade in den neuen Landesteilen sowie der passive Widerstand von Pfarrern, die schließlich im Ancien Régime mit den Kirchenbüchern über die einzigen verbindlichen Bevölkerungslisten verfügten. Widerstand gegen die Rekrutierung konnte in regelrechten regionalen Aufständen gipfeln. Aber auch die Stellung eines bezahlten „Einstehers“ – der sich von diesem riskanten Dienst sozialen Aufstieg und wirtschaftliche Vorteile versprach – gehörte zu den Ausweichstrategien.

Das Leitthema, das bei Planert am breitesten und häufigsten in den Vordergrund tritt, ist natürlich das Kriegserleben der kleinen Leute. Zwei ganze Kapitel, 180 Seiten, widmen sich den „Schrecken des Krieges“ (Kap. V) und dem „Leben mit dem Krieg“ (Kap. VI), aber auch in anderen Kapiteln dominiert dieses Thema. Was man hier über Plünderungen, Kontributionen, Schutzgelderpressungen, sexuelle und andere Gewalt, Übergriffe, Brandstiftung, Requisitionen, Zwangsdienste, über Seuchen, Kriegsdepression und Kriegsgewinnler, über Kontakte und Konflikte zwischen Soldaten und Zivilbevölkerung, über Kooperation und Widerstand erfährt, ist weder einzeln noch insgesamt überraschend, aber in dieser enzyklopädischen Breite und auf dieser umfangreichen Quellenbasis für diesen Kriegsschauplatz zweifellos ein verdienstliches Novum.

Als letztes Hauptthema wird in den schließenden Kapiteln IX und X die zeitgenössische und vor allem die nachträgliche Deutung der Kriege untersucht. Hier geht es um die nationale Integration der neuen Staaten (unter anderem über das Militär und dessen Kriegseinsatz), um den Versuch, blutigen Opfern wie dem katastrophalen Russlandfeldzug mit patriotischem Gedankengut Sinn einzuhauchen, um die Rechtfertigung des Bündniswechsels 1813 und vor allem um den kuriosen Versuch der Monarchen, die an der Seite der Franzosen Gefallenen über die Schiene der Königstreue nachträglich für das nationale Gedenken einzuspannen: „Auch sie starben für des Vaterlands Befreyung“, fand der bayerische König (S. 628). Hier vor allem wird Planerts Kernthese deutlich (und plausibel), dass alle nationalen Töne der Erinnerung an 1813/14, im Süden noch mehr als Norden Deutschlands, nachträglich während des weiteren 19. Jahrhunderts von Staat und Eliten einer ganz anders motivierten und erlebten historischen Realität übergestülpt wurden.
Was gibt es an diesem informativen und überzeugenden Buch auszusetzen? Eher Oberflächliches. So ist gelegentlich zweifelhaft, ob die immense Breite, in der viele Aspekte dargestellt werden, immer notwendig ist. Man fragt sich das beispielsweise angesichts einer fast 40-seitigen Erörterung der verwendeten Quellengattungen (S. 29-66); eines ebenso langen Überblicks über den allgemeinen Verlauf von Politik und Kriegführung 1789-1815 (S. 67-108); oder eben beim Kirchenraub und an all den Stellen, wo die Verfügbarkeit von Quellen die Breite der Darstellung bestimmt zu haben scheint; manchenorts wäre weniger mehr gewesen.

Ein Handicap ist angesichts des enormen Umfangs des Buches auch die wenig nachvollziehbare Gliederung, die Struktur- mit Chronologieaspekten mischt. So sind die Kapitel III und IV chronologisch, V bis VIII systematisch, IX und X wieder primär chronologisch angelegt. Wiederholungen und überraschende Themensprünge bleiben dabei nicht aus. Gelegentlich wird dabei ganz Ungleiches zusammengemengt: In Kapitel V/4 finden sich Feuersbrünste als Gefechtsfolge neben dem Niederbrennen von Dörfern im Rahmen von Strafexpeditionen abgehandelt, offenbar lediglich, weil es beide Male um Feuer geht.

An dem etwas holzschnittartigen Überblicksteil zum Kriegswesen um 1800 (II/2) wie überhaupt an der gewissen Distanz zum militärischen Wissen und Sprachgebrauch zeigt sich, dass die Autorin als eigentliche Militärhistorikerin nicht gelten kann – aber diesen Anspruch erhebt sie ja auch selbst nicht. Den Fußnoten hätte eine etwas sorgfältigere Redaktion gut getan. Jede Anmerkung mit „vgl.“ zu beginnen, wenn gar nichts verglichen werden soll, ist eine sinnlose Marotte. Dass auf S. 595 vom „bayerischen“ Augsburg die Rede ist, wenn es weiter geht „wie im schwäbischen Cannstatt“, also auf die historisch-sprachliche, nicht auf die staatliche Zugehörigkeit Bezug genommen wird, ist ein Lapsus, der in einer Arbeit über Süddeutschland nicht passieren sollte.

Das aber sind Kleinigkeiten. Insgesamt gebührt der Verfasserin Anerkennung für ihre Leistung, Staat, Krieg, Militär und Bevölkerung in einer tiefgreifenden historischen Umbruchsphase in so überzeugender Weise und auf so breiter regionaler und Quellenbasis zusammengebracht zu haben. Gerade im Bereich der Durchsetzung der Wehrpflicht und des Widerstands gegen sie ist Planerts Buch ein wichtiger Beitrag zu einer auf die breite gesellschaftliche Perspektive erweiterten Militärgeschichte des frühen 19. Jahrhunderts, die es noch viel zu wenig gibt. Auf dem Gebiet der alltäglichen Kriegserfahrung lädt es zu Vergleichen ein: einerseits mit entsprechenden Studien zu frühneuzeitlichen Kriegen, andererseits mit der breiten Literatur, die zu anderen Konflikten des 19. Jahrhunderts, etwa dem amerikanischen Bürgerkrieg, in dieser Hinsicht zur Verfügung steht. Und hinsichtlich der Instrumentalisierung von Kriegserinnerung für nationale Zwecke ordnet es sich ein in eine seit dem letzten Jahrzehnt anhaltende militärhistorische Debatte.

Anmerkung:
[1] Hagemann, Karen, „Mannlicher Muth und Teutsche Ehre“. Nation, Militär und Geschlecht zur Zeit der Antinapoleonischen Kriege Preußens (= Krieg in der Geschichte 8), Paderborn 2002.

Zitation
Dierk Walter: Rezension zu: : Der Mythos vom Befreiungskrieg. Frankreichs Kriege und der deutsche Süden: Alltag - Wahrnehmung - Deutung 1792-1841. Paderborn  2007 , in: H-Soz-Kult, 29.11.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8409>.