J. Sänger: Heldenkult und Heimatliebe

Cover
Titel
Heldenkult und Heimatliebe. Straßen- und Ehrennamen im offiziellen Gedächtnis der DDR


Autor(en)
Sänger, Johanna
Erschienen
Umfang
256 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Cornelia Siebeck, Graduiertenkolleg "Interkulturelle Kommunikation - Interkulturelle Kompetenz", Kulturwissenschaftliches Institut Essen/Technische Universität Chemnitz

„Reißt die roten Denkmäler ab!“, titelte die „BILD“-Zeitung im November 1990: „Da sind sich alle einig: Marx, Lenin, Thälmann – stürzt sie endlich vom Sockel.“ Noch im letzten Jahr der DDR nach dem Mauerfall hatten öffentliche Diskussionen um Denkmäler und Straßennamen eingesetzt, waren erste Gedenktafeln und Hoheitszeichen der DDR entfernt worden. Ein radikaler Denkmalsturz durch die DDR-Bevölkerung blieb jedoch aus. Noch vor dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik entstand die Idee, Denkmäler und Erinnerungszeichen des ostdeutschen Staats im Sinne eines „erweiterten Denkmalbegriffs“ zu erhalten.[1] Nach der Vereinigung wurde mit den materiell-ideologischen Hinterlassenschaften der DDR unterschiedlich verfahren: So wurde 1991/92 gegen Proteste einer Anwohnerinitiative und unter großer Anteilnahme der Medien das Ost-Berliner Lenin-Denkmal von 1970 abgerissen, der bisherige Leninplatz wurde in „Platz der Vereinten Nationen“ umbenannt. Das Thälmann-Denkmal im Prenzlauer Berg hingegen blieb erhalten, und bis heute finden dort Zeremonien zur Ehrung des ehemaligen KPD-Vorsitzenden statt.[2]

Wie der Umgang mit politischen Denkmälern und repräsentativen Gebäuden der DDR, so geriet auch die Praxis der Um- oder so genannten Rückbenennungen von Straßen in Ost-Berlin und den neuen Bundesländern nach 1989/90 in den Fokus des öffentlichen Interesses und wurde Gegenstand vielfältiger Debatten. Solche Konflikte um Gedächtnisorte, Erinnerungszeichen und Denkmäler sind – um mit Antonio Gramsci zu sprechen – Konflikte um ‚kulturelle Hegemonie’. Es handelt sich um Orte, die den ‚Alltagsverstand’ der Menschen über Geschichte, Gegenwart und Zukunft beeinflussen sollen.[3] Noch 2002 rief daher die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur Kommunen dazu auf, „herausragende Männer und Frauen des Volksaufstandes von 1953 ähnlich dem Gedenken an andere deutsche Revolutionen stellvertretend öffentlich zu ehren und zu würdigen“ und Straßen oder Plätze nach ihnen zu benennen. Dabei kritisierte die Stiftung, dass es noch immer „zahlreiche Straßen, Plätze, Alleen, Siedlungen, Wege und Ringe“ gebe, „deren Namen den Kommunismus und die SED-Geschichte ehren“.[4]

Wie die nach 1989/90 viel diskutierten Straßennamen in der Zeit der DDR im Einzelnen zustande kamen und wie sich die Straßenbenennungspraxis gemäß dem jeweils herrschenden offiziellen Gedächtnis wandelte, untersucht die Kulturhistorikerin Johanna Sänger in ihrer Dissertation zu „Straßen- und Ehrennamen der DDR“. Zu Recht begreift sie die Konstruktion von öffentlichem Gedächtnis „als eine Form des sozialen Handelns“ und konzentriert sich auf „die handelnden Individuen und Gruppen, ihre Intentionen und die Wirkungen der Erinnerungsarbeit“ (S. 32f.): „Öffentliche Namen gehören [...] zur offiziellen Ausprägung von Erinnerungen, verstanden als aktive Leistung einer (herrschenden) Gruppe.“ (S. 35) So grenzt sie sich von der Vorstellung einer durch solche Praxis zum Ausdruck kommenden „kollektiven Identität“ ab: „Herrschaft ist gerade der Versuch, die Erinnerung der Elite auf die gesamte Gesellschaft zu übertragen, beide ‚identisch’ zu machen.“ (S. 42f.)

Die Studie beginnt mit einem Überblick zur Genese der Straßennamenforschung seit dem 19. Jahrhundert. Auf wenigen Seiten leistet Sänger hier eine überzeugende kulturgeschichtliche Reflexion auch der gewandelten Forschungsperspektiven auf den Gegenstand. Im Anschluss positioniert sie sich im Kontext der gedächtnistheoretischen Forschung, um dann ihren methodischen Zugriff sowie ihre Quellengrundlage darzustellen: Eine detaillierte Längsschnittstudie zu Straßennamen in Ost-Berlin und Jena wird mit der Aufarbeitung archivalischer Materialien zur politischen Steuerung der Benennungspraxis in der DDR kombiniert. Auf diese Weise will Sänger nachvollziehen, wie der zunehmend zentralistische Zugriff ‚von oben’ sich in Ost-Berlin und Jena jeweils konkret niederschlug.

Am Beginn des Hauptteils steht ein historischer Überblick zur Straßenbenennungspraxis vom 15. Jahrhundert bis 1945. Dabei wird deutlich, dass die Ablösung von ‚gewordenen’ durch gedächtnispolitisch gewollte Straßennamen eine moderne Praxis darstellt, die eng mit der jeweiligen ideologischen Ausrichtung der herrschenden Elite verbunden ist. Die ersten Nachkriegsjahre in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) zeichneten sich dementsprechend dadurch aus, dass die alliierten Besatzungsmächte nationalsozialistische und militaristische Erinnerungszeichen entfernen ließen, was auf kommunaler Ebene umgesetzt wurde. So entstand mit Blick auf neue Straßennamen in der SBZ zunächst ein ideologisch noch relativ heterogenes „Gegen-Gedächtnis“ (S. 79) zum nationalsozialistischen Gedächtnis.

Erst mit Gründung der DDR setzte eine mehr oder weniger detailliert verordnete Straßenbenennungspraxis ein, die dem jeweiligen realsozialistischen Kanon folgte. Zugleich wurde die Vergabe von ‚Ehrennamen’ an Institutionen und Betriebe eingeführt, wodurch die Bevölkerung zur Identifikation mit dem System motiviert werden sollte. Bezüglich des jeweiligen Kanons entwickelt Sänger eine Periodisierung: Die Jahre zwischen 1949 und 1953 seien der Etablierung und Repräsentation von Macht gewidmet gewesen; in den 1950er- und 1960er-Jahren habe sich in der Namensvergabe eine „Parallelität von Repräsentation und Motivation“ abgezeichnet; für die beiden letzten Jahrzehnte der DDR schließlich sei eine neue Tendenz zur „Heimatbindung“ zu erkennen.

Bei den Straßenbenennungen während der ersten Jahre der DDR habe sich zunächst einerseits der Personenkult um lebende und tote sozialistische Helden- und Führerpersönlichkeiten niedergeschlagen, andererseits der damalige Einfluss organisierter Veteranen des antifaschistischen Widerstands (wobei sich der kommunistische im Verhältnis zum ‚bürgerlichen’ Widerstand zunehmend durchsetzen konnte). Außerdem gebrauchte man zeitgenössische Schlagworte wie Freundschaft, Frieden oder Jugend als Namen für Straßen und Plätze. Parallel untersucht Sänger die Benennung von Orten (z.B. Marxwalde, Karl-Marx-Stadt, Stalinstadt) sowie die Vergabe von ‚Ehrennamen’ an Betriebe und Institutionen.

In den 1970er-Jahren erweiterte sich der Kanon für Straßen- und Ehrennamen mit Blick auf internationale Solidarität (etwa Salvador Allende, Patrice Lumumba, Martin Luther King) und sozialistische Helden der Gegenwart, etwa die ‚Kosmonauten’ als Träger technischen Fortschritts. Für die späten 1970er-Jahre macht Sänger – vor allem in den damals entstehenden Neubaugebieten – eine neue „Tendenz zur topographischen Beschreibung und zur bürgerlich geprägten Erinnerung“ aus, die sie als Annäherung an „vorsozialistische Benennungsmuster und damit auch [an die] Konventionen der BRD“ interpretiert (S. 202). Abschließend geht sie auf die erneute Umbenennung von Straßen und Plätzen in Berlin und Jena nach 1989 ein, die sich im Wesentlichen „gegen die Verpflichtung auf einen engen kommunistisch-parteilichen Kanon“ gerichtet habe (S. 228).

Der Wert dieser Studie besteht darin, dass Sänger anhand einer Längsschnittuntersuchung einer spezifischen symbolischen Herrschaftspraxis – der Vergabe von Straßen- und Ehrennamen – ein induktives und akteursbezogenes Vorgehen zur Erforschung des offiziellen Gedächtnisses der DDR wählt. Dabei erforscht sie nicht nur Instruktionen ‚von oben’, sondern liefert eine detaillierte Darstellung der Namensvergabe in Jena und Ost-Berlin, wobei sie zur Kontextualisierung immer wieder auch Beispiele aus anderen Städten der DDR heranzieht. Für den Leser wird diese Detailgenauigkeit jedoch gelegentlich zum Nachteil. Nicht selten verliert sich die Autorin in der akribischen Darstellung der Namensvergabepraxis und hält sich dabei nicht immer an ihre eigene chronologische und thematische Darstellungslogik. Insofern hätte das Buch von orientierenden Zwischenresümees profitiert, in denen Beispiele und Ergebnisse in Bezug auf den gedächtnispolitischen Kontext typologisch hätten reflektiert werden können.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Schönfeld, Martin, Erhalten – Zerstören – Verändern? Diskussionsprozesse um die politischen Denkmäler der DDR in Berlin, in: kritische berichte 19 (1991) H. 1, S. 39-43.
[2] Vgl. etwa: Kampf um den Frieden. Dokumentiert. In Erinnerung an den KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann, in: Junge Welt, 31.3.2006.
[3] Dabei erwähnt Gramsci explizit auch die Bedeutung von Straßennamen; vgl. Gramsci, Antonio, Marxismus und Kultur. Ideologie, Alltag, Literatur, hrsg. von Sabine Kebir, Hamburg 1983, S. 96.
[4] Aufruf: Orte der Erinnerung (Sommer 2002), online unter URL: <http://www.stiftung-aufarbeitung.de/dokumentation/onlinearchiv_ortedererinnerung.php>.

Zitation
Cornelia Siebeck: Rezension zu: : Heldenkult und Heimatliebe. Straßen- und Ehrennamen im offiziellen Gedächtnis der DDR. Berlin  2006 , in: H-Soz-Kult, 24.04.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8477>.
Redaktion
Veröffentlicht am
24.04.2007
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation