S. Bock u.a. (Hrsg.): Alternative deutsche Außenpolitik?

Cover
Titel
Alternative deutsche Außenpolitik?. DDR-Außenpolitik im Rückspiegel (II)


Hrsg. v.
Bock, Siegfried; Muth, Ingrid; Schwiesau, Hermann
Erschienen
Berlin 2006: LIT Verlag
Umfang
264 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Detlef Nakath, Potsdam

Die DDR-Außenpolitik war in den letzten zehn Jahren – im Gegensatz zu anderen Forschungsfeldern der Geschichte der DDR – nicht sehr häufig Gegenstand von historischen bzw. politikwissenschaftlichen Untersuchungen. Das lag vor allem am vergleichsweise problematischen Quellenzugang. Im Unterschied zu der übrigen DDR-Überlieferung im Bundesarchiv oder in der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR sind die Akten des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten vom Archiv des Auswärtigen Amtes übernommen und dort mit der üblichen dreißigjährigen Sperrfrist belegt worden. Als Ersatzüberlieferung wurden immer wieder die Aktenbestände des SED-Politbüros, des Zentralkomitees bzw. der ZK-Abteilung für internationale Verbindungen genutzt, die allerdings nur einen Teil außenpolitischer Aktivitäten der DDR widerspiegeln. Dennoch sich in den letzten Jahren mehrere Überblicksdarstellungen und Sammelbände publiziert worden, die ein relativ klares Bild über Strukturen, Funktionseliten und vor allem die politischen Absichten und Aktivitäten auswärtiger Politik der DDR aufzeigen.[1]

Vor diesem Hintergrund komplizierten Quellenzuganges ist es von Bedeutung, wenn sich ehemalige hochrangige Repräsentanten der DDR-Außenpolitik, darunter frühere stellvertretende Minister, Botschafter und Wissenschaftler rückblickend zu ihrer früheren Tätigkeit äußern. Dies geschah bereits vor drei Jahren in dem Band „DDR-Außenpolitik im Rückspiegel“[2], als der Verband für internationale Politik und Völkerrecht e.V., ein Interessenzusammenschluss ehemaliger DDR-Außenpolitiker und Diplomaten, mit einer ersten Publikation Gespräche mit früheren DDR-Diplomaten zu Grundfragen der internationalen Beziehungen und der Bemühungen der DDR um internationale Anerkennung dokumentierte. Im nun vorliegenden zweiten Band kommen zum Teil die gleichen Autoren zu Wort. Es sind die früheren Botschafter Günter Sieber (Polen), Helmut Ziebarth (CSSR), Gerd Vehres (Ungarn), Siegfried Bock (Rumänien, Jugoslawien), Wolfgang Bayerlacher (Äthiopien), Hans-Georg Schleicher (Simbabwe, Namibia), Siegfried Zachmann (UNO), Horst Dietze (UNO), Hans-Jürgen Micheel (UNESCO) sowie der Leiter der DDR-Delegation bei den Wiener Abrüstungsverhandlungen Klaus-Dieter Ernst. Sie alle geben in ihrem Beitrag ein eigenes Statement sowie eine ausführliche Diskussion mit früheren Kollegen und Wissenschaftlern wieder. Ihren Buchtitel „Alternative deutsche Außenpolitik“ haben die drei Herausgeber sehr bewusst mit einem Fragezeichen versehen. Ihr Ausgangspunkt ist das Selbstverständnis der DDR, die sich mit ihrer Gründung als „politische und soziale Alternative zur Bundesrepublik Deutschland“ verstanden habe (S. 7). Weiter heißt es in den Vorbemerkungen: „Während die Bundesrepublik ihre Legitimation aus der Berufung auf die Wahrung der Kontinuität des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1937 herleitete, begründete die DDR ihre Legitimation aus dem Abbruch eben dieser Kontinuität. Sie sah es als ihre historische Aufgabe an, durch die grundlegende Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse dem Wiedererstehen des deutschen Imperialismus und seinem Drang nach Eroberungen auf dem Territorium der DDR jegliche Grundlage zu nehmen sowie seine Restaurierung in Westdeutschland zu begrenzen und letztlich zu verhindern.“ (S. 7) Mit dieser Aufgabenstellung begründen die Herausgeber den in der Frühzeit der DDR vollzogenen Bruch mit den Traditionen früherer deutscher Außenpolitik und ihren personellen Trägern sowie die Notwendigkeit zum Aufbau eines völlig neuen diplomatischen Dienstes. Die Außenpolitik der DDR hatte bei allen Problemen, die sich vor allem aus der nahezu bedingungslosen Abhängigkeit von den sowjetischen außenpolitischen Interessen ergab, durchaus Erfolge zu verzeichnen. Dazu zählte das Erreichen der weltweiten diplomatischen Anerkennung in der ersten Hälfte der siebziger Jahre, die nach Abschluss des Grundlagenvertrages mit der Bundesrepublik erreicht werden konnte. Ebenso darf man die parallele Aufnahme beider deutscher Staaten in die UNO am 19. September 1973 als einen solchen Erfolg werten. Sicherlich nicht zufällig ist das Foto jenes Tages mit UNO-Generalsekretär Kurt Waldheim und DDR-Außenminister Otto Winzer beim Aufziehen der DDR-Staatsflagge vor dem UNO-Hauptquartier am New Yorker East River für das Cover des Buches ausgewählt worden. Über eines sind sich alle Autoren einig: DDR-Außenpolitik gestaltete sich immer auch mit Blick auf den anderen deutschen Staat. Die Aktivitäten der Bundesrepublik beispielsweise in Afrika, in Osteuropa oder auch in der UNO und seinen Spezialorganisationen wurden von den DDR-Vertretern im Ausland sehr genau beobachtet. Das geschah allerdings umgekehrt genau so.

Manches in diesem Band liest sich wie eine nachträgliche Legitimation früheren Handelns. Stärker jedoch kommt die Absicht der Autoren und Diskussionspartner zum Ausdruck, die frühere DDR-Außenpolitik auf den Prüfstand heutiger Erkenntnisse zu stellen. Dabei wird durchaus kritisch und mitunter auch selbstkritisch mit eigenen Entscheidungen und persönlichem Handeln umgegangen. Für den Historiker allerdings ist vor allem von Bedeutung, dass der Band eine Vielzahl von nicht in der schriftlichen Überlieferung auffindbaren Fakten und Erkenntnissen enthält und er manches über das politische Klima und die Verhandlungsatmosphäre vor allem aus den 1970er- und 1980er-Jahren erfährt. So zum Beispiel über die Affäre um den von der DDR entsandten UNESCO-Direktor, Percy Stulz, der während eines DDR-Aufenthaltes verhaftet wurde und später verurteilt worden ist. Vizeaußenminister Peter Florin, der 1987/88 bis ins Amt des Präsidenten der 42. UNO-Vollversammlung aufstieg, dazu: „Das war natürlich ein große politische Dummheit, die da begangen worden ist. Es war sehr schwer, die Sache hinterher wieder in Ordnung zu bringen.“ (S. 191)

Interessant auch die Reflektionen des letzten DDR-Botschafters in Ungarn, Gerd Vehres. Er schildert die Umstände, die er im August/September 1989 erlebte, als das „Paneuropäische Picknick“ und die Öffnung der ungarischen Grenzanlagen nach Österreich zu einer Massenflucht von DDR-Bürgern in den Westen führten.

Weniger spektakulär aber dennoch sehr informativ lesen sich die Erinnerungen von Hans-Georg Schleicher, der als gelernter Historiker seit 1974 in mehreren DDR-Vertretungen im südlichen Afrika gewirkt hatte. Er äußert sich zum Verhältnis afrikanischer Staaten zu DDR und Bundesrepublik und zur Rolle beider deutscher Staaten bei der Lösung der Namibia-Frage Ende der 1980er-Jahre. Für die DDR war die Unterstützung der SWAPO als Befreiungs- und Unabhängigkeitsbewegung Bestandteil ihrer „expandierenden Afrikapolitik“ (S. 120). Dies gestaltete sich auch vor dem Hintergrund einer mehrere Jahrzehnte zurückliegenden deutschen Kolonialpolitik in Südwestafrika und wurde nicht zuletzt deshalb in besonderer Weise beobachtet. Schleicher geht dabei auch auf die seit Mitte der 1970er-Jahre von der DDR praktizierte militärische Unterstützung der SWAPO ein. Jährlich flossen militärische Güter im Werte von mehreren Millionen Mark nach Namibia, und wurde militärisches Führungspersonal in der DDR geschult. „Auch ehemalige hochrangige südafrikanische Militärs bewerteten die Ausbildung in der DDR als vergleichsweise effizient“, so Schleicher (S. 126).

Solche und ähnliche Details aus dem persönlichen Erleben der Diplomaten sind es, die den Wert dieser Erinnerungen ausmachen.

Der Band wird durch ein Abkürzungsverzeichnis, einen knappen Überblick weiterführender Literatur, ein annotiertes Namensregister, bei dem allerdings einige Namen unkorrekt geschrieben worden sind, sowie ein Autorenverzeichnis ergänzt.

Anmerkungen:

[1] Vgl. dazu: Muth, Ingrid, Die DDR-Außenpolitik 1949-1972. Inhalte, Strukturen, Mechanismen. Berlin 2000; Pfeil, Ulrich (Hrsg.), Die DDR und der Westen. Transnationale Beziehungen 1949-1989. Berlin 2001; Siebs, Benno-Eide, Die Außenpolitik der DDR 1976-1989. Strategien und Grenzen. Paderborn 1999.
[2] Bock, Siegfried; Muth, Ingrid; Schwiesau, Hermann (Hrsg.), DDR-Außenpolitik im Rückspiegel. Diplomaten im Gespräch, Münster 2004.

Zitation
Detlef Nakath: Rezension zu: Bock, Siegfried; Muth, Ingrid; Schwiesau, Hermann (Hrsg.): Alternative deutsche Außenpolitik?. DDR-Außenpolitik im Rückspiegel (II). Berlin  2006 , in: H-Soz-Kult, 28.06.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8482>.
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28.06.2007
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