M. Frey: Dekolonisierung in Südostasien

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Titel
Dekolonisierung in Südostasien. Die Vereinigten Staaten und die Auflösung der europäischen Kolonialreiche


Autor(en)
Frey, Marc
Erschienen
München 2006: Oldenbourg Verlag
Umfang
VIII, 351 S.
Preis
€ 44,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dirk Sasse, Münster

Wie amerikanische Indoktrinationskampagnen nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge eines rigiden Antikommunismus europäische Gesellschaften beeinflussen sollten, ist in letzter Zeit verschiedentlich thematisiert worden. Über Dependancen des so genannten „Kongresses für kulturelle Freiheit“ manipulierte etwa der Geheimdienst CIA mit Millionenbeträgen gezielt die europäische Kulturszene.[1] Vor diesem Hintergrund wird die spannende Arbeit des Bremer Historikers Marc Frey die Diskussionen weiter bereichern, behandelt sie doch explizit die Haltung der amerikanischen Politik sowie deren Informations- und Propagandaaktivitäten im Zuge der Dekolonisierung in Südostasien. Die 2004 vom Historischen Seminar der Universität Köln angenommene Habilitationsschrift entstammt dem DFG-Projekt „Die USA, die Auflösung der europäischen Kolonialreiche und die Transformation der Dritten Welt“.

Im Rahmen des vielgestaltigen politischen Interaktionsgefüges USA – Südostasien – Europa beleuchtet die Arbeit die Fallbeispiele Indonesien, Indochina und Malaya für den Zeitraum der 1930er- bis 1960er-Jahre. In acht Kapiteln analysiert Frey detailreich und pointiert die vom amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und von tradierten Sendungsideen ausgehende Kritik am Kolonialismus bis hin zur Errichtung, Konsolidierung und Erosion eines informellen Imperiums der USA in Südostasien.

Dekolonisierung – „eine zentrale Voraussetzung für die Ablösung eines europäisch zentrierten Mächtesystems durch ein polyzentrisches internationales System“ (S. 295) – versteht Frey als mehrdimensionalen Transformationsprozess, in dem Institutionen, Strukturen und Ideen sowohl aufgelöst als auch neu entwickelt wurden. Fünf Ebenen nimmt er in den Blick: erstens die subimperiale Ebene in den kolonialen Territorien, zweitens die intraimperiale Ebene zwischen Kolonialmacht und kolonisierten Gesellschaften, drittens die postimperiale Ebene der imperialen Auflösungsprozesse, viertens die postkoloniale Ebene der neuen unabhängigen Staaten und fünftens die supraimperiale Ebene der internationalen Politik während des Dekolonisierungsprozesses (S. 4f.).

Frey zeigt, dass es sich beim oft postulierten amerikanischen Antikolonialismus eher um eine Kritik am europäischen Kolonialismus handelte, der die Pflicht zur Modernisierung vernachlässigt habe. Dahinter kamen jedoch immer wieder rassistisch-kulturelle Hierarchievorstellungen zum Vorschein, die den Völkern Südostasiens die Regierungsfähigkeit absprachen. Amerikanische Vorstellungen über einen kooperativen und graduellen Prozess der Dekolonisierung waren jedoch weder mit der den europäischen Kolonialmächten Niederlande, Großbritannien und Frankreich versprochenen Wiederherstellung der Kolonialherrschaft nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vereinbar noch mit den Interessen der nationalistischen Bewegungen Südostasiens, die seitens der USA mit Skepsis beobachtet wurden.

Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg verfolgten die USA noch das Ziel, die Europäer im Rahmen einer „Politik der freundlichen Neutralität“ (S. 105) von amerikanischen Dekolonisierungsstrategien zu überzeugen. Dann bildete sich, wie Frey erläutert, über eine „Politik des partiellen Multilateralismus“ (S. 298) eine langfristige amerikanische Strategie heraus, den europäischen Einfluss in Südostasien durch den amerikanischen zu ersetzen, auch um vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der Dominotheorie der Sowjetunion zuvorzukommen. Dem ordnete sich auch die amerikanische Entwicklungshilfe unter. Überraschenderweise – und dies hätte Frey vielleicht deutlicher herausarbeiten können – präsentierte sich die sowjetische Entwicklungspolitik pragmatischer und weniger ideologiegebunden als die amerikanische.

Freys Leithypothese lautet, dass die amerikanische Informations- und Entwicklungspolitik in Südostasien als „Instrumente einer amerikanischen zivilisierenden Mission“ das Ziel verfolgten, Staaten und Gesellschaften politisch, wirtschaftlich und kulturell in durchaus expansiver und aggressiver Manier zu assoziieren – also Klientelverhältnisse zu errichten, um „die Etablierung eines informellen Imperiums“ zu erreichen (S. 2). Es handelte sich dabei um ein „polyzentrisches Gebilde“ und ein „unerklärtes Imperium“ (S. 301). Die Instrumente für die intendierte Bildung „moderner“ Gesellschaften im Sinne amerikanischer Leitvorstellungen waren Frey zufolge „der Aufbau und die Ausbildung von Streitkräften und Polizeieinheiten; Informationskampagnen, Ausstellungen und Propaganda; Know-how-Transfers, Ausbildungsförderung, technische Hilfe, Wirtschaftskredite und Entwicklungspolitik“ (S. 9f.).

Wie Indoktrinationskampagnen und der Transfer von Normen und Werten die US-Politik des „State Building“ in Südostasien bestimmten, hat Frey auch im von Boris Barth und Jürgen Osterhammel herausgegebenen Sammelband „Zivilisierungsmissionen“ hervorgehoben.[2] Dass er deren Verständnis von zivilisierender Mission zugrundelegt, kann man zwar erahnen, aber eine klare Definition dessen, was er selbst darunter versteht, fehlt leider.

Im aus Sicht des Rezensenten spannendsten Kapitel („Information, Propaganda und Kulturdiplomatie“) untersucht Frey die Aktivitäten der United States Information Agency in Südostasien. Drei Muster macht Frey aus: erstens die Diffamierung nationalkommunistischer oder neutraler Bewegungen (wie in Vietnam bzw. in Indonesien), zweitens die Sorge vor kommunistischer Expansion und drittens die kulturelle Abqualifizierung südostasiatischer Gesellschaften (S. 286ff.). Verdeutlicht werden sollten die „Modernität“ und Vielfalt der USA gegenüber dem kommunistischen Gegenpol, dem auch „Sowjetkolonialismus“ vorgeworfen wurde. Informations- und Propagandaarbeit sollten beim Aufbau stabiler – amerikanisch geprägter – Gesellschaften und langfristig bei der Förderung einer regionalen Identität helfen.

Die US-Maßnahmen, die mit extensiven CIA-Operationen einhergingen, stießen jedoch sowohl bei den Kolonialmächten als auch bei den nationalistischen Eliten auf Widerstand. „Diese beispiellose Interventionspolitik“ (S. 305) hatte Bürgerkriege, ethnische Konflikte und die Stabilisierung autoritärer Regime zur Folge, aber auch die Gründung der „Association of Southeast Asian Nations“, die sich den Grundsatz der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten der Mitgliedsstaaten auf die Fahne schrieb. Die Etablierung einer Hegemonie in Südostasien blieb den USA verwehrt.

Freys interdisziplinär angereicherte Studie besticht durch detaillierte Kenntnisse der regionalen Gegebenheiten und durch auf eine breite Quellen- und Literaturbasis gestützte Analyse der US-Politik. Man kann das Buch ebenso als Geschichte der Unabhängigkeit südostasiatischer Staaten oder als Geschichte der Auflösung des kolonialen Einflusses von Großbritannien, Frankreich und der Niederlande lesen wie auch als Beitrag zur Geschichte der amerikanischen Entwicklungs- und Informationspolitik auf globaler Ebene. Leider macht der Verlag dem Leser die Lektüre durch ein sehr kleines Schriftbild unnötig schwer.

Anmerkungen:
[1] Vgl. die Dokumentation: „Benutzt und gesteuert. Künstler im Netz der CIA“, Regie: Hans-Rüdiger Minow, Zweites Deutsches Fernsehen, Deutschland 2006, 52 Minuten, Erstausstrahlung Arte TV, 29.11.2006; Saunders, Frances S., „Wer die Zeche zahlt...“. Der CIA und die Kultur im Kalten Krieg, Berlin 2001; Hochgeschwender, Michael, Freiheit in der Offensive. Der Kongreß für kulturelle Freiheit und die Deutschen, München 1998; Wagnleitner, Reinhold, Coca-Colonization and the Cold War. The Cultural Mission of the United States in Austria after the Second World War, Chapel Hill 1994.
[2] Frey, Marc, Indoktrination, Entwicklungspolitik und „State Building“. Die Vereinigten Staaten in Südostasien 1945–1961, in: Barth, Boris; Osterhammel, Jürgen (Hrsg.), Zivilisierungsmissionen. Imperiale Weltverbesserung seit dem 18. Jahrhundert, Konstanz 2005, S. 335-362.

Zitation
Dirk Sasse: Rezension zu: : Dekolonisierung in Südostasien. Die Vereinigten Staaten und die Auflösung der europäischen Kolonialreiche. München  2006 , in: H-Soz-Kult, 10.01.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8520>.
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Veröffentlicht am
10.01.2007
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