L. Böninger: Die deutsche Einwanderung nach Florenz

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Titel
Die deutsche Einwanderung nach Florenz im Spätmittelalter.


Autor(en)
Böninger, Lorenz
Erschienen
Umfang
S. 412
Preis
€ 119,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Barteleit, Gernsbach

In jüngster Zeit erfreut sich die deutsche Einwanderung nach Italien im Mittelalter einer erhöhten Aufmerksamkeit.[1] Hier reiht sich die umfassende Studie Lorenz Böningers zu Florenz und seiner deutschen Minderheit ein. Zeitlich umfasst die Darstellung die Periode von der Mitte des 14. bis zum Ende des 15. Jahrhunderts. Räumlich steht, wie der Titel verspricht, Florenz im Zentrum, wenngleich Böninger auch die Toskana berücksichtigt und darüber hinaus Vergleiche zu den Situationen in ganz Italien, hier bevorzugt Venedig und Rom herstellt.

Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts nimmt die Zahl der Zuwanderer aus Mitteleuropa kontinuierlich zu und erreicht zu Beginn des 15. Jahrhunderts ihren Höhepunkt, um danach wieder abzunehmen. Setzte sich die Zuwanderung vor diesem Zeitpunkt in erster Linie aus deutschen Soldrittern zusammen, die aus unterschiedlichen Gründen in Florenz hängen blieben, so wurde sie danach vor allem von Handwerkern getragen, die in Florenz aufgrund der massiven Bevölkerungsrückgänge nach den Pestwellen einen zugänglichen Arbeitsmarkt fanden. Aber valide Aussagen über die hinter der Migration stehenden Motive lassen sich mangels Quellen nicht machen.

So sind es auch die Handwerker, die im Mittelpunkt dieser Untersuchung stehen. Im ersten großen Teil widmet sich Böninger den zahlenmäßig starken Gruppen, die für einen Massenmarkt tätig werden, wie z.B. Schuster oder Bäcker. Im zweiten Teil rücken die qualifizierten Handwerksberufe in den Mittelpunkt, die sich erfolgreich der Herstellung von Luxusgütern, oder, neutraler ausgedrückt, „prodotti di successo“ (S. 256), widmen.

Es sind vor allem die Vertreter der ersten Gruppe, um die herum sich eine interessante Infrastruktur bildet, die von Deutschen getragen wird. Sie umfasst nicht nur Dolmetscher, sondern auch Gast- und Badehäuser, letztere dienen gleichzeitig als Arbeitsstätte von Prostituierten. Diese Einrichtungen wurden offensichtlich auch von den Florentinern besucht. Diese Infrastruktur ermöglicht es dem ankommenden Handwerker, sich in der Fremde ansatzweise zurechtzufinden. Für die Arbeit und den Zusammenhalt der Gruppen werden Bruderschaften gegründet, die auf den ersten Blick religiösen Charakter haben, gleichzeitig aber auch der sozialen Disziplinierung der meist ledigen Handwerker dienen sollen. Interessanterweise treten sie aber bei offiziellen Feiern der Stadt nicht in Erscheinung, anders als es in einigen Städten Oberitaliens der Fall ist. Dies ist auch auf die anfangs geringe Größe der deutschen Handwerkerschaft zurückzuführen.

Jenseits der Bruderschaften ergibt sich eine bedeutsame Verflechtung der deutschen Minderheit in Florenz durch ökonomische und rechtliche Bande. Zwar lassen sich keine deutschen Pfandleiher nachweisen, doch wurden innerhalb der deutschen Gemeinschaft Kredite gegeben. Öfter noch findet sich eine Bürgschaftsstellung für Verbindlichkeiten gegenüber Dritten. Darüber hinaus standen sie ihren Landsleuten als Zeugen bei Rechtsgeschäften, und hier nicht nur den Testamenten, zur Verfügung. Insbesondere der letzte Aspekt erklärt, warum sich, zumindest im Fall Florenz, auch Vertreter der sozial niederen Schichten in den Notariatsakten finden.

Schwerpunkt der Untersuchung der einfachen Handwerker sind die Schuster, die nicht nur den höchsten Organisationsgrad aufweisen, sondern auch räumlich in Clustern um den Borgo San Lorenzo, die Via San Gallo und den Ponte Rubaconte leben. In den Geschäften auf der Brücke stellen die deutschen Schuster zeitweilig sogar die Mehrheit der Ladenbesitzer. Ihre Bruderschaft, die Liebfrauengesellschaft, ist nicht nur die wichtigste deutsche Bruderschaft in Florenz, sondern auch mit den Schwesterbruderschaften in ganz Italien eng verbunden. Zahlenmäßig dominierten in dieser Bruderschaft die Gesellen. Für die Meister, die sich eine eigene „bottega“ eröffnen wollten, stellte sich in drängendem Maße die Frage nach der Alphabetisierung. Der Alphabetisierungsgrad in Florenz war auch in der Handwerkerschaft hoch. Eine Geschäftsführung ohne die gleichzeitige Führung von Geschäftsbüchern war schlicht unvorstellbar, da für jede juristische Auseinandersetzung bevorzugt auf diese Belege zurückgegriffen wurde. So ließen einige deutsche Schustermeister ihre Bücher von italienischen Gesellen führen, was einen gehörigen Vertrauensvorschuss bedeutete, der nicht immer erfüllt wurde. Machte ein Handwerker Bankrott, wurde er von den Behörden zur Weiterwanderung gezwungen. Diese Wanderungen führten in den meisten Fällen in andere Städte der Toskana oder Italiens. Andererseits gab es eine Reihe von Handwerkern, die nicht mehr nach Deutschland zurückwandern konnten, da ihnen die hierfür nötigen finanziellen Mittel fehlten. So wurde manchmal aus einem geplanten kurzen Aufenthalt ein permanenter.

Bei den höheren Berufen, bei deren Vertretern es sich um eine „Minorität in der Minorität“ (S. 255) handelt, dominieren, neben Kunst- und Metallhandwerkern, diejenigen, die sich um Bücher, sei es in Form von Handschriften oder Inkunabeln kümmern. Interessant ist, dass bei diesen Berufsgruppen die beruflichen Beziehungen in die Heimat nördlich der Alpen wesentlich stärker ausgeprägt sind, als dies bei den einfachen Handwerkern der Fall ist. Was hier eine Remigration auch in vielen Fällen erleichterte.

Den Längsschnittuntersuchungen dieser beiden Gruppen ist jeweils eine detaillierte Querschnittuntersuchung einzelner Familien eingestellt. Das erstaunliche Ergebnis dieser Mikrostudien ist, dass bei den Einwanderern, die sich in Florenz erfolgreich dauerhaft niederlassen, schon in der zweiten Generation eine Abkehr von den deutschen Korporationen zu verzeichnen ist. Stattdessen orientieren sie sich auf die ortsüblichen Korporationen der Nachbarschaften hin und versuchen sich in die florentinische Gesellschaft zu integrieren. Aber eine Familiengründung, die zu einem Aufenthalt über mehrere Generationen hätte führen können, war in vielen Fällen nicht erfolgreich. Ehen deutscher Handwerker mit Frauen aus Deutschland, dem Osten (Balkan) aber auch aus Florenz selbst, konnte Böninger nachweisen. Jedoch war in vielen Fällen diesen Ehen keine Dauer beschieden, insbesondere durch die überproportionale Sterblichkeit gerade der einfacheren Handwerker bedingt.

Ein interessantes Nebenergebnis ist, dass es Böninger überzeugend gelungen ist, den Erstübersetzer des Decamerone, einen „Arrigo“ und den Kartografen Henricus Martellus als identische Personen zu identifizieren. „Arrigho di Federigho“ lebte von 1448 bis 1496 in Florenz und war die meiste Zeit davon Hausangestellter der Familie Martelli, von der sich auch der zusätzliche Name ableitet.

Lorenz Böninger gelingt es, ein differenziertes Bild der deutschen Zuwanderer nach Florenz zu zeichnen. Hierzu bedient er sich einer bemerkenswerten Dichte archivalischer Quellen. Insbesondere der höchst arbeitsintensive Rückgriff auf die Notariatsüberlieferung erlaubt interessante Rückschlüsse auch auf die sozial niedereren Schichten der Zuwanderer.[2] Die gelungene Mischung aus langfristiger Beobachtung und partieller Tiefenanalyse im Geiste der microstoria erlaubt Einblicke quer durch alle sozialen Schichten der zugewanderten Deutschen. Insbesondere die engen Verbindungen der deutschen Schuster innerhalb Italiens werden durch die Bruderschaftsregeln noch einmal deutlich unterstrichen. Hier sei auch erwähnt, dass Böninger im Anhang das Statut der deutschen Schusterbruderschaft in Florenz kritisch ediert, das sich eng an das venezianische Vorbild anlehnt.[3]

Obwohl Böninger auf äußerst umfangreiche und ergiebige Archivstudien zurückgreifen kann, wird die relevante Sekundärliteratur umfassend mit eingebunden. Dass er hierbei allerdings auf ein abschließendes Literaturverzeichnis verzichtet hat, darf als Wermutstropfen nicht verschwiegen werden, macht es doch das Auffinden der Vollzitate in dem großen Anmerkungskorpus mitunter recht schwierig.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Israel, Uwe, Fremde aus dem Norden. Transalpine Zuwanderer im spätmittelalterlichen Italien, Tübingen 2005; Hollberg, Cecilie, Deutsche in Venedig im späten Mittelalter. Eine Untersuchung von Testamenten aus dem 15. Jahrhundert, Göttingen 2005.
[2] Die von Israel (wie Anm. 1), S. 28, geäußerte Geringachtung der Notariatsakten scheint, zumindest für Florenz, nicht gerechtfertigt zu sein. Allerdings behält sein Verweis auf den hohen Arbeitsaufwand einer Aufarbeitung dieser Quellengattung seine Berechtigung, zumal die Unterschichten wohl in allen Quellengattungen eher unterrepräsentiert sein dürften.
[3] Vgl. La „regula“ bilingue della Scuola dei calzolai tedeschi a Venezia del 1383, hrsg. von Lorenz Böninger, con uno studio linguistico di Maria Giovanna Arcamone, Venezia 2002.

Zitation
Christian Barteleit: Rezension zu: : Die deutsche Einwanderung nach Florenz im Spätmittelalter. Leiden  2006 , in: H-Soz-Kult, 04.04.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8568>.
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Veröffentlicht am
04.04.2007
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