S. Jenks; S. Marra (Hgg.): Internet-Handbuch Geschichte

Cover
Titel
Internet-Handbuch Geschichte.


Hrsg. v.
Jenks, Stuart; Marra, Stephanie
Erschienen
Umfang
294 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Hirschmann Email:

Geschichtswissenschaft im Internet ist eine relativ junge, wenn nicht sogar die jüngste Disziplin der modernen historischen Forschung. Was sich in den zehn Jahren seit Thomas Zielkes grundlegendem Konferenzpaper "History at your Fingertips" [1] – eine Adaption des geflügelten Wortes von Bill Gates "Information at your fingertips" – auf diesem Gebiet getan hat, ist indes gewaltig und stellt alles bisher Dagewesene in den Schatten. Von der Ur- und Frühgeschichte über das Mittelalter bis hin zur Zeitgeschichte, einschließlich der historischen Hilfswissenschaften, hat der Siegeszug der modernen Kommunikationsgesellschaft ausnahmslos alle Teilfächer der Geschichte erfasst und mehr oder weniger stark das wissenschaftliche Arbeiten in Archiven, Bibliotheken, Museen, Universitäten und Forschungsprojekten beeinflusst und vereinnahmt. Wer sich den Strömungen der Zeit verschlossen hat oder die Existenz der neuen Technologien noch immer negiert, droht den Anschluss zu verpassen.

Einer derjenigen, die diese Entwicklung nicht nur frühzeitig erkannt, sondern zumindest im Bereich der Geschichtswissenschaft auch maßgeblich vorangetrieben haben, ist der Erlanger Mediävist Stuart Jenks. Kein Studiosus der mittelalterlichen Geschichte dürfte an den von ihm gestalteten Erlanger Historikerseiten sowie der durch ihn geführten Sektion German History im History Network der Virtual Library vorbeigekommen sein. Zusammen mit Stephanie Marra, die u.a. als Neuzeit-Editorin der VL-History tätig ist, hat Jenks nun ein hervorragendes Handbuch herausgegeben, das insgesamt 15 Fachbeiträge enthält und ein breit gefächertes sowie detailliertes Bild über die Gegebenheiten im zumeist deutschsprachigen Internet vermittelt. Als gravierendes Desiderat hat ein solches Werk nicht zuletzt deshalb gefehlt, als der im Fach lange als Hobby und Spielerei belächelten Online-Forschung nunmehr endgültig zum Durchbruch verholfen sein dürfte. Gegenüber den schon bekannten "Internet für Historiker"-Büchern wird hier ein gewisses Niveau vorausgesetzt, das die gewinnbringende Lektüre einer wissenschaftlichen Arbeit erst ermöglicht. Allein der Beitrag von Jenks über die Verlässlichkeit von Informationen im Internet (265-271) würde schon die Anschaffung des Werks rechtfertigen, wird hier doch eines der Grundprobleme seriöser Wissenschaft im World Wide Web auf imposante Weise dargelegt. In einem Punkt irrt Jenks aber: Dass man die Bezuschussung der Drucklegung einer geschichtswissenschaftlichen Publikation durch den 1.FC Kaiserslautern bezweifeln kann, hat der Fußball-Verein beim Kaiserslauterer Jahrbuch für pfälzische Geschichte und Volkskunde nunmehr widerlegt [2], doch sei es dem Autor nachgesehen.

Warum ausgerechnet die Mittelalterhistoriker zu den Netzpionieren der ersten Stunde zählen, vermag Jenks in seinem Mittelalter-Beitrag zu zeigen (55-71). Die Bedeutung der begrenzten Zahl der Quellen, die immer wieder Neuinterpretationen und methodische Neuerungen erforderten, haben hier ebenso maßgeblich eingewirkt wie die zeitliche Schnittstelle zwischen Kirchen- und Geisteshistorikern, zwischen rechts- und Ideengeschichtlern. Dass Mignes "Patrologia Latina" als eine der ersten großen Textsammlungen auf Netz lag, ist kein Zufall. Ein hoher praktischer Nutzen kann auch dem Frühe-Neuzeit-Beitrag von Stephanie Marra abgerungen werden (73-89), der Fachportale, Quellensammlungen, Schwerpunktthemen einerseits fachkundig analysiert und kommentiert, andererseits wertvolle Impulse für die Umsetzung von Forschungsinteressen und Perspektiven der Frühen Neuzeit im Internet liefert. Gleiche Zielsetzung und gleichen Effekt genießt auch der Artikel zur Landes- und Regionalgeschichte von Georg Köglmeier und Daniel Schlögl (117-138), der im Grunde alle grundlegenden Informationen zur Teildisziplin zusammenfasst und darlegt. Mit großem Gewinn – auch im Hinblick auf die Entwicklungsgeschichte des PC's und der rechnerbasierten Telekommunikationstechnik von der Warte der Geschichte aus – kann sich der Leser darüber hinaus den einführenden Beitrag von Lynn Nelson, Urheber der WWW-VL History, zu Gemüte führen, der einen guten Einstieg in die Strukturen und derzeitigen Gegebenheiten geschichtswissenschaftlicher Internetaktivitäten bietet (1-22). Gleiches gilt für die Aufsätze von Andreas Brunn zur Ur- und Frühgeschichte (23-32), der sich nicht nur den Angeboten von Denkmalbehörden, Museen, Forschungsprojekten und Fachzeitschriften widmet, sondern auch auf die Schwierigkeiten im Zusammenhang mit privaten Homepages hinweist (28), sowie von Ulrich Schmitzer, der sich der Alten Geschichte zuwendet (33-54). Damit wäre zugleich auf ein grundsätzliches Problem verwiesen, das sich wie ein roter Faden durch die Internet-Geschichte zieht, nämlich die Verwertbarkeit ungefilterter, nicht institutionell legitimierter Informationen. Obgleich sich mehrere Beiträge dieser Frage widmen – zu nennen wären die Aufsätze von Waltraut Buschbacher/Elisabeth Erdmann (139-151) und insbesondere Ralf Blank (91-115) –, ist eine einheitliche Vorgehensweise nicht zu gewährleisten, vielmehr von Fall zu Fall, von Person zu Person eine individuelle Entscheidung erforderlich. Besondere Erwähnung verdient noch der Artikel von Patrick Sahle über Editionstechniken und historische Quellen im Internet (153-166), zumal Sahle als Mitarbeiter beim DFG-Vorzeigeprojekt "CEEC - Codices electronici ecclesiae Coloniensis" aus seinem praktischen Erfahrungsreservoir schöpft.

Alle Beiträge sind nicht nur mit den üblichen Anmerkungen im Untertext versehen, sondern bieten zudem die im Obertext erwähnten, kompletten Internetadressen am Ende eines jeden Beitrags. Auf die beschriebenen Online-Angebote kann so problemlos und ohne aufwendige Suche zugegriffen werden. Hervorzuheben ist außerdem, dass diese Adressen als so genannter externer "elektronischer Anhang" auf den Erlanger Historikerseiten ständig aktualisiert zur Verfügung stehen [3]. Somit lässt sich das bekannte Problem der Schnelllebigkeit vieler Internet-Inhalte sinnvoll lösen, wie der Band von Jenks/Marra überhaupt große Anerkennung verdient. Eine möglichst breite Leserschaft wäre wünschenswert.

Anmerkungen:
[1] URL: <http://www.eserver.org/history/history-at-fingertips.txt>.
[2] Kaiserslauterer Jahrbuch für pfälzische Geschichte und Volkskunde, Bd. 1, Kaiserslautern 2001.
[3] URL: <http://www.erlangerhistorikerseite.de/geschichte>.

Zitation
Stefan Hirschmann: Rezension zu: Jenks, Stuart; Marra, Stephanie (Hrsg.): Internet-Handbuch Geschichte. Wien  2001 , in: H-Soz-Kult, 02.06.2002, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-861>.
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Veröffentlicht am
02.06.2002
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