P. Mierau: Nationalsozialistische Expeditionspolitik

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Titel
Nationalsozialistische Expeditionspolitik. Deutsche Asien-Expeditionen 1933-1945


Autor(en)
Mierau, Peter
Erschienen
München 2006: Herbert Utz Verlag
Umfang
556 S.
Preis
€ 49,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Karsten Jedlitschka, Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina

Entdeckungsfahrten und Expeditionen haben seit jeher das Interesse von Laien wie Wissenschaftlern erregt. Der Würzburger Historiker Peter Mierau hat sich mit seiner Arbeit, die im Jahr 2003 an der Münchner Universität als Dissertation angenommen wurde, einem besonders spannenden Kapitel, dem deutschen Expeditionswesen von den zwanziger Jahren bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, zugewandt. Angesichts der Vielzahl an Unternehmungen, die in jenem Zeitraum in Gebiete von der Antarktis bis zum Hindukusch unternommen wurden, tat Beschränkung not.[1] Mierau hat sich – nicht zuletzt geleitet von der Quellenlage – auf die deutschen Asien-Expeditionen konzentriert: Es sind dies zum einen die Auslandsbergfahrten der zwanziger und dreißiger Jahre in den Himalaja und zum andern die unter dem Wissenschaftler Ernst Schäfer (1910–1992) unternommenen Tibet-Expeditionen, die nach 1939 in dessen Engagement für das Ahnenerbe der SS ihre Fortsetzung fanden. Entsprechend gliedert sich die Arbeit in zwei etwa gleich große Teile, die jeweils wieder in mehrere Kapitel unterteilt sind.

Die Geschichte der Himalaja-Expeditionen von der Jahrhundertwende bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges wird in elf Kapiteln akribisch und detailreich dargestellt. Insbesondere die wiederholten, tragisch erfolglosen Anläufe zur Ersteigung des „Schicksalsbergs der Deutschen“, des Nanga Parbat, eines Achttausenders im West-Himalaja, beschreibt Mierau plastisch und quellennah. Dabei zeigt er anschaulich die zunehmende Militarisierung des deutschen Bergsteigens, wo verstärkt Werte wie Härte, Ausdauer und Auslese betont wurden und das kriegerische Vokabular von Kampf und Sieg Raum griff (S. 43–46, 304). Auch der außenpolitische Kontext wird deutlich; denn im Zeichen der Appeasement-Politik zeigte sich die britische Kolonialmacht überraschend entgegenkommend und hilfsbereit, obgleich doch die politischen Implikationen der deutschen Expeditionen in der englischen Öffentlichkeit durchaus kritisch wahrgenommen wurden. Zudem bietet dieser erste Abschnitt wichtige Einblicke in die Geschichte des deutschen Alpinismus im NS. Deren zentrale Figur, Paul Bauer (1896–1990), der als maßgeblicher Funktionär im nationalsozialistischen Sportapparat für die Gleichschaltung des organisierten Bergsports und dessen Verbände in Deutschland verantwortlich zeichnete, wird scharf konturiert. Besonders hervorzuheben ist schließlich die detaillierte Darstellung der Rezeption der Bergfahrten in der deutschen Öffentlichkeit bzw. der verschiedenen Formen und Ebenen ihrer Instrumentalisierung durch den nationalsozialistischen Propagandaapparat, die Mierau in vier Kapiteln ausführlich analysiert (S. 193–293). Film, Funk und Publizistik transportierten geschickt die Botschaften der neuen Zeit. Gedenkfeiern und Ehrungen wurden so, von den Akteuren freudig begrüßt, zum Transmissionsriemen der NS-Ideologie.

Die Auslandsbergfahrten hatten in den dreißiger Jahren ihre Hochzeit, verloren jedoch mit Kriegsausbruch rasch an Bedeutung. Dennoch profitierten die von verschiedenen Institutionen, allen voran der SS, betriebenen wissenschaftlichen Expeditionen von den zunehmenden weltpolitischen Spannungen. Gefördert vom Ahnenerbe der SS und von Himmler wohlwollend beachtet, gelangten Schäfer und seine Wissenschaftler auf der Suche nach dem Ur-Arier Anfang 1939 schließlich als erste Deutsche in die tibetische Hauptstadt Lhasa. Fast zwei Monate konnten sie sich in der „verbotenen Stadt“ aufhalten. Es war der Höhepunkt der „Deutschen Tibetexpedition Ernst Schäfer“, die von April 1938 bis August 1939 in die bis dahin wenig erforschten Gebiete Sikkims und Tibets führte.[2] Auch hier rekonstruiert Mierau in neun Kapiteln nicht nur akribisch die Expeditionen, sondern ordnet sie umsichtig in den politisch-institutionellen Kontext ein und schildert die Schaffung neuer Institutionen wie des 1943 in München gegründeten „Sven-Hedin-Instituts für Innerasienforschung“ (S. 438–457) oder des „Sonderkommandos K“ (S. 458–485), der von Himmler ab 1942 initiierten wehrwissenschaftlichen Forschungen im Kaukasus. So werden beispielsweise die Rolle der Expeditionen in den strategischen Planungen des Auswärtigen Amtes herausgearbeitet, der Hintergrund der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit gegen die britische Kolonialmacht in Indien und Afghanistan erhellt und das gegen Großbritannien und China gerichtete Bündnisinteresse Tibets mit dem Deutschen Reich analysiert (S. 363–372).

Die Studie bietet durch die beschriebene breite Kontextualisierung des Geschehens facettenreiche Einblicke in sportgeschichtliche, kultur- und mentalitätsgeschichtliche, wissenschaftshistorische und außenpolitische Aspekte. Sie bestätigt zudem eindrucksvoll auch für den Bereich des Alpinismus und des NS-Expeditionswesens die Bedeutung des polykratischen Kompetenzwirrwarrs rivalisierender Ämter und Personen als Spezifikum nationalsozialistischer Herrschaft. Die einzelnen Figuren, allen voran Bauer und Schäfer, werden plastisch in ihrer Ambivalenz zwischen wissenschaftlichem Erkenntnisdrang, Karrierestreben, Opportunismus und weltanschaulichen Überzeugungen geschildert. Es war diese Mischung, die im Zusammenspiel mit dem erwähnten „organisierten Chaos“ das System so erfolgreich stabilisierte.[3]

Die Stärke der Arbeit gerät partiell aber auch zu ihrer Schwäche: Mierau, der bereits 1999 ein Buch zur „Himalaja-Stiftung“ vorgelegt hat, kennt zweifellos seine Quellen und breitet diese gerne vor dem Leser aus, der sich allerdings streckenweise in den vielen Details zu verlieren droht.[4] Hier hätte eine Straffung und thesenfreudigere Konzentration die Orientierung erleichtert. Zudem trüben eine Reihe stilistischer Schwächen, Formatierungsfehler und Inkonsistenzen in den Anmerkungen das Bild. Das ist umso bedauerlicher, weil es sich insgesamt um eine verdienstvolle Forschungsleistung handelt und diese Mängel durch ein sorgfältiges Lektorat leicht zu vermeiden gewesen wären. Hilfreich für eine rasche Orientierung wären schließlich einige Kurzbiographien der wichtigsten Akteure gewesen.

Diese Monenda vermögen aber nichts am grundsätzlich positiven Befund zu ändern. Wer sich zukünftig mit dem Bergsteigen im Dritten Reich oder dem nationalsozialistischen Expeditionswesen beschäftigen will, findet in Mieraus Arbeit eine Fülle an Informationen und Details, die zu weiteren Forschungen anregen.

Anmerkungen:
[1] Auf der im Jahr 1935 unternommenen „Deutschen Hindukusch-Expedition“ unter Leitung des Hallenser Professors Theodor Römer (1883–1951) wurden anthropologische, volkskundliche und botanische Studien getrieben, unter anderem brachten die Expeditionäre große Mengen an Saatgut mit, das im Folgenden für Züchtungsforschungen verwendet wurde. Eine Untersuchung ist ein Desiderat der Forschung, die Unterlagen zur Expedition sind im Archiv der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina in Halle an der Saale überliefert (Leopoldina-Archiv, Bestand S 8 Hindukusch-Expedition).
[2] Diese Expedition hat immer wieder das Interesse der Forschung auf sich gezogen, siehe beispielsweise den Dokumentarfilm „Die Expeditionen der Nazis – Abenteuer und Rassenwahn“ (MDR, 4.1.2005, 22.05 Uhr).
[3] Vgl. dazu: Rebentisch, Dieter, Führerstaat und Verwaltung im Zweiten Weltkrieg. Verfassungsentwicklung und Verwaltungspolitik 1939–1945, Stuttgart 1989, S. 533. Siehe auch: Ruck, Michael, Führerabsolutismus und polykratisches Herrschaftsgefüge – Verfassungsstrukturen des NS-Staates, in: Bracher, Karl Dietrich; Funke, Manfred; Jacobsen, Hans-Adolf (Hgg.), Deutschland 1933–45. Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft, 2. Aufl. Bonn 1993, S. 32–56; ders., Zentralismus und Regionalgewalten im Herrschaftsgefüge des NS-Staates, in: Möller, Horst; Wirsching, Andreas; Ziegler, Walter (Hgg.), Nationalsozialismus in der Region, München 1996, S. 99–122. Für den Bereich der Wissenschaft und der damit befassten Institutionen ist dieser Befund in neuesten Forschungen nachdrücklich bestätigt worden. Siehe etwa zur Universität München Jedlitschka, Karsten, Wissenschaft und Politik. Der Fall des Münchner Historikers Ulrich Crämer (1907–1992), Berlin 2006, S. 97–183, 371–374 sowie die Beiträge in: Kraus, Elisabeth (Hg.), Die Universität München im Dritten Reich. Aufsätze. Teil I, München 2006.
[4] Mierau, Peter, Die „Deutsche Himalaja-Stiftung“ 1936–1998. Ihre Geschichte und ihre Expeditionen, München 1999.

Zitation
Karsten Jedlitschka: Rezension zu: : Nationalsozialistische Expeditionspolitik. Deutsche Asien-Expeditionen 1933-1945. München  2006 , in: H-Soz-Kult, 14.12.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8614>.
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14.12.2006
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