Sammelrezension: M. Pauly u.a. (Hrsg.): Sigismund von Luxemburg

Takács, Imre (Hrsg.): Sigismund - Rex et Imperator. Kunst und Kultur zur Zeit Sigismunds von Luxemburg 1387-1437. Mainz : Philipp von Zabern Verlag  2006 ISBN 3-8053-3626-8, XVI, 731 S. € 49,90.

Pauly, Michel; Reinert, François (Hrsg.): Sigismund von Luxemburg. Ein Kaiser in Europa. Tagungsband des internationalen historischen und kunsthistorischen Kongresses in Luxemburg, 8-10. Juni 2005. Mainz : Philipp von Zabern Verlag  2006 ISBN 3-8053-3625-X, VI, 376 S. € 45,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ansgar Frenken, Ulm

Lange Zeit gehörte Sigmund von Luxemburg – in seiner lateinischen Notation: Sigismundus – zu den Stiefkindern der historischen Zunft. Die Beschäftigung mit seiner Person konnte kaum als ein lohnendes Forschungsfeld gelten und dies gleichermaßen aufgrund der mangelnden Resonanz in Fachwelt und Öffentlichkeit wie wegen der vielfältigen Schwierigkeiten und Hindernisse, die sich dem Forscher entgegenzustellen schienen. Der deutschen Historikerzunft war er ein erfolgloser, ja schwacher Herrscher in unruhiger Zeit, der sich angeblich nur wenig um das Reich gekümmert haben soll. Ein eifriger „Kronensammler“ zwar, gleichzeitig aber utopischen, weltfernen Plänen nachhängend. Als sprunghaft und unstetig verschrien, besaß er überdies einen moralisch eher zweifelhaften Ruf. Die Ungarn dagegen trauerten einer längst vergangenen Größe nach: Ein König, der den Zugang des Landes zum Mittelmeer endgültig verloren hatte und auch der drohenden Türkengefahr nicht wirklich Herr geworden war, dazu als Landfremder den stolzen ungarischen Adel gedemütigt hatte, passte nicht so recht in das verklärende Bild einstiger historischer Größe. Noch weniger galt dies für die Tschechen: Für sie war er ein Usurpator, der Inbegriff des Verräters und Feindes, der den Landsmann Jan Hus durch Verrat, durch Bruch des ihm zugesagten Geleits, auf den Scheiterhaufen gebracht und später die Hussiten – seit dem 19. Jahrhundert das Objekt nationaler Identifikation – blutig bekämpft hatte. Den Italienern passte in Zeiten nationalen Einigungsstreben der Kaiser aus dem Norden schon gar nicht ins Konzept; ihnen war er kaum mehr wert als eine Fußnote, eine ansonsten zu vernachlässigende Randgestalt. Nirgends eignete sich daher der Luxemburger als eine nationale Lichtgestalt, als Symbol vergangener Größe und Bedeutung. Karriere fördernd dürfte die Beschäftigung mit seiner Person somit kaum gewesen sein. Die Rückbesinnung auf die gemeinsamen europäischen Wurzeln, die Suche nach einer europäischen Identität und nach historischen Leitfiguren lagen damals noch in einer unerreichbaren Ferne.

Ein Studium des Kaisers, der gleichzeitig ungarischer und böhmischer König war, setzt(e) außerdem umfangreiche Sprachkenntnisse voraus: Lateinisch, Deutsch, Ungarisch, Tschechisch, Polnisch und anderes mehr. Sigmund, selbst polyglott und in der Lage, sich fließend in sechs Sprachen zu verständigen, hat dem späteren Forscher ein schwieriges Erbe hinterlassen, das nur mit Mühe und größter Beharrlichkeit zu bewältigen ist. Die Quellenlage ist unübersichtlich, die Archive liegen weit verstreut – gewiss ein weiterer Grund, warum die Forschung einen großen Bogen um diesen spätmittelalterlichen Herrscher gemacht hat.

Nach einer ersten Bahn brechenden Studie, die der Wiener Historiker Joseph von Aschbach Mitte des 19. Jahrhunderts verfasst hatte[1], vergingen mehr als anderthalb Jahrhunderte, bevor der inzwischen verstorbene Saarbrücker Mittel- und Osteuropa-Spezialist Jörg K. Hoensch eine weitere Biografie dieses spätmittelalterlichen Herrschers vorlegen konnte, die heutigem wissenschaftlichen Anspruch gerecht wird.[2] Auch die Aufarbeitung der zeitgenössischen Quellen (Reichstagsakten, Konstanzer und Basler Konzilsakten, Regesta Imperii) um die Wende zum 20. Jahrhundert hatte kaum neuen Wind in die vornehmlich deutschsprachige Sigmund-Forschung gebracht, sieht man von einigen Veröffentlichungen ab, in denen der Kaiser eher en passant mitbehandelt wurde. Publikationen ungarischer wie tschechischer Provenienz, deren Zahl aus genannten Gründen ebenfalls schmal blieb, wurden außerhalb der eigenen Grenzen kaum zur Kenntnis genommen – und das nicht allein aus sprachlichen Gründen: Noch 1984(!) fand die Sigmund-Biografie des Ungarn Elemér Mályusz in Westeuropa keine breitere Rezeption, ebenso wie ein stärkeres Echo auf den gewichtigen Ausstellungsband „Kaiser Sigismund und seine Zeit in der Kunst“ von 1987 ausblieb.[3] Von Austausch, gar einer engeren grenzüberschreitenden Zusammenarbeit konnte damals noch kaum die Rede sein. Der Kalte Krieg und die Spaltung Europas taten schließlich ein Übriges, um internationale Kooperationen zumindest zu erschweren, wenn nicht gar zu verhindern.

Dies sollte sich erst mit dem Mauerfall und dem Zusammenrücken von Ost und West ändern. Das östliche Mitteleuropa trat jetzt wieder stärker in den Blickpunkt des allgemeinen politischen wie des Forschungsinteresses. Der sich anbahnende EU-Beitritt der mittel- und südosteuropäischen Staaten förderte den Blick über die Grenzen und lenkte den Blick auf frühere Stationen grenzübergreifender europäischer Zusammenarbeit. Das Zeitalter der Luxemburger schien sich für diese historisch fundierte Funktionalisierung gerade anzubieten. Durch die Bemühungen insbesondere der deutschen Bohemisten Peter Moraw und Ferdinand Seibt hatte dieses Herrscherhaus, allen voran die Person Kaiser Karls IV., an Aktualität gewonnen. Aus dem Umkreis dieser beiden Historiker stammten denn auch entscheidende Impulse, die der Forschung des deutschen und zentraleuropäischen Spätmittelalters einen neuen Schwung verleihen konnten. Dass in dem mit Blick auf die europäische Einigung gerichteten Kontext „außen“-politische und diplomatiegeschichtliche Fragestellungen eine neue Blüte erlebten[4], dürfte gewiss kein Zufall sein. Auch die Beschäftigung mit der Person Sigmunds erfuhr nun, wenn auch mit einiger Verzögerung, ihre Renaissance. Einen wichtigen Markstein setzte bereits eine 1987 veranstaltete Tagung, deren Ergebnis in einem von einem tschechisch-ungarisch-deutschen Herausgeberkreis konzipierten Sammelband mit mehreren Jahren Verspätung mittlerweile nachzulesen ist. Eine Wende in der historischen Wahrnehmung dieser Persönlichkeit signalisierte schließlich das Erscheinen einer Studie der Moraw-Schülerin Sabine Wefers zum politischen System Kaiser Sigmunds.[5]

Den Höhepunkt der jüngsten Welle von Veranstaltungen und Publikationen zu diesem letzten Herrscher aus dem Hause Luxemburg bildete zweifellos eine glanzvolle Ausstellung, die – transkontinental – zunächst in Budapest und anschließend in Luxemburg gezeigt wurde. Nicht zufällig war es ein europäischer Anlass, nämlich die EU-Ratspräsidentschaft des kleinen Landes, die den entscheidenden Anstoß gab und für die finanzielle Fundierung dieser Veranstaltung sorgte. Der opulent ausgestattete Begleitkatalog [= K] sowie der gleichzeitig erschienene repräsentative Aufsatzband [= A], Ergebnis eines Kolloquiums vom Sommer 2005, das diese Ausstellung vorbereiten sollte, geben jetzt Anlass, Stand und Tendenzen der gegenwärtigen Sigmund-Forschung zu sichten. Dabei kann es allerdings an dieser Stelle nicht darum gehen, jeden Beitrag einzeln zu referieren noch kritisch zu würdigen; es würde überdies den Rahmen dieser Besprechung sprengen.

Fasst man die Ergebnisse der jüngsten, auch in den beiden Bänden immer wieder zu Wort kommenden Forschung zusammen, wird der Luxemburger als Person jetzt endgültig rehabilitiert und gleichzeitig als einer der bedeutendsten europäischen Herrscher seiner Zeit wahrgenommen. Demgegenüber werden die negativen Einschätzungen der älteren Historiografie als Erbe einer parteiischen Geschichtsschreibung entlarvt, deren Einseitigkeit in engem Zusammenhang mit dem Aussterben der Luxemburger steht und als Folge einer abgebrochenen Familientradition zu begreifen ist. Die verzerrte Wahrnehmung der Person Sigmunds und seines politischen Wirkens ist aber auch als das Resultat einer verengten Sichtweise anzusehen, die die komplizierten Voraussetzungen seiner Herrschaft und die dadurch begrenzten Handlungsspielräume völlig aus dem Blick verloren hat. Aufgrund der strukturellen Schwäche seiner Herrschaft (vgl. Sabine Wefers, Sigismund und das Maß an Staatlichkeit, A S. 17-24) und einer Vielzahl von ungelösten Problemen stand Sigmund als Herrscher in der Tat vor einer schier übermenschlichen Aufgabe, die zu lösen auch er nur zum Teil und bruchstückhaft schaffen konnte. Das Fehlen eines umfassenden Erfolgs, der im Grunde jedoch jenseits seiner beschränkten Möglichkeiten lag, wurde daher lange Zeit als Beleg für das vollkommene politische Scheitern des Luxemburgers gewertet, seine ohne Zweifel erreichten Teilerfolge wurden faktisch ausgeblendet oder klein geredet, so sein Anteil am Zustandekommen des Konstanzer Konzils und der Überwindung des Papstschismas. Auf Sigmunds Kirchenpolitik wird in den beiden hier näher vorzustellenden Bänden nur am Rande eingegangen, das Constanciense – von einem kurzen Überblick (Walter Brandmüller, Sigismund – Römischer König, das Schisma und die Konzilien, K S. 430ff.) abgesehen – übergangen; ein Versäumnis, das jedoch angesichts einiger neuerer Publikationen zum Thema nicht allzu schwer wiegen dürfte. [6] Allein Sigmunds Wirken auf dem Basiliense erfährt eine breitere Darstellung und zugleich eine Neubewertung (Hans-Joachim Schmidt, Sigismund und das Konzil von Basel, A S. 127-141). Schmidts Aufsatz zeigt dabei, wie aktuelle Fragesansätze der Geschichtsforschung, etwa nach symbolischer Kommunikation und Zeremoniell, für die Sigmund-Forschung fruchtbar gemacht werden können.

Auch zum Kapitel internationale Beziehungen erfährt der Leser Neues, was jedoch weniger auf die Einführungsabschnitte zutrifft: Michel Pauly (Einleitung: Sigismund und Europa, A S. 3-6), Howard Kaminisky (Europe in the Time of Sigismund, A S. 7-16) und Peter Moraw (Kontinent der Monarchien – Geschichte Europas zwischen 1380 und 1440, K S. 5-10) sorgen in erster Linie für eine Einordnung Sigmunds in den gesamteuropäischen Kontext seiner Zeit, gleichzeitig machen sie ihre Referenz gegenüber Schirmherr und Veranstalter der Ausstellung. Für den Leser von großem Gewinn ist aber die breit angelegte Darstellung von Francesco Somaini, „Les relations complexes entre Sigismond de Luxembourg et les Visconti, ducs de Milan“ (A S. 157-197); ein Beitrag, der das Fehlen einer parallelen Untersuchung von Sigmunds Beziehungen zum Haus Savoyen umso schmerzlicher hervortreten lässt. Wie kompliziert das italienische Terrain für den deutsch-ungarischen Herrscher war, zeigten die immer währenden Auseinandersetzungen mit Venedig um Dalmatien und den ungarischen Zugang zum Mittelmeer; als nicht weniger vermintes Feld erwies sich die Verteidigung der alten Reichsrechte in Italien. Zuletzt zeigte sich die schwache Position Sigmunds im Vorfeld der Kaiserkrönung, nur mit größter Mühe und taktischem Geschick gelang es dem Luxemburger, 1434 in Rom zum Kaiser gekrönt zu werden. Auch die schwierigen Beziehungen zu England und Frankreich sind erneut Thema [Attila Bárány, Anglo-Luxembourg Relations during the Reign of Emperor Sigismund, A S. 43-59; Philippe Contamine, D’une crise à l’autre: Charles VI, roi de France, et Sigismond, roi de Hongrie (1385-1396), A S. 71-78] und verdeutlichen die Sachzwänge, denen der Luxemburger in seinem politischen Handeln stets ausgesetzt war. Martin Kintzingers Beitrag „Hausmachtpolitik oder internationale Politik? Die Diplomatie Sigismunds in Europa“ (A S. 35-42) gibt schließlich einige bedenkenswerte Anstöße für eine Neubewertung der späten Jahre der Herrschaft des Luxemburger Kaisers. Dass Sigmunds insgesamt erfolgreiche Regierungszeit als ungarischer König in der deutschsprachigen Historiografie gerne übersehen wurde, ist ein bekanntes Faktum, das nicht zuletzt auf einer mangelnden Kenntnis dieses Landes und seiner Geschichte beruhte. Die steigende Zahl einschlägiger, in westeuropäischen Sprachen verfasster Publikationen – insbesondere ungarischer Provenienz – sollte diesen Missstand jetzt aber der Vergangenheit angehören lassen[7], als Ausrede kann die sprachliche Barriere jedenfalls nicht länger herhalten. Verschiedene Beiträge in den beiden Bänden können diesem Forschungs- und Wahrnehmungsdesiderat ebenfalls weiter Abhilfe leisten (z.B. István Draskóczy, Sigismund von Luxemburg und Ungarn, K S. 11-23; Csaba Tóth, Die ungarische Münzprägung unter Sigismund von Luxemburg, K S. 170-172; Franz Irsigler, Die Bedeutung Ungarns für die europäische Wirtschaft im Spätmittelalter, A S. 25-34). Neben politischen und wirtschaftlichen Aspekten wird dabei vor allem der Kunst der Sigmundzeit breiter Raum gewährt. Sichtbar wird die Ausstrahlung künstlerischer Entwicklungen auf die Peripherie, denn Ungarn rezipierte in hohem Maß Einflüsse aus West- und Zentraleuropa in seiner Architektur, Skulptur und Malerei (vgl. insbesondere den Abschnitt „Die Welt der Drachenritter“, K S. 200-310). Mit dem Humanisten Vergerio wird durchaus repräsentativ der Bedeutung eines wichtigen Kulturmittlers für Ungarn nachgegangen (Zsuzsanna Kiséry, Vergerio und Sigismund von Luxemburg, K S. 292-294). Das Magyarenreich blieb allerdings gefährdetes Grenzland, wie nicht zuletzt die latente Türkengefahr, von der das Land der Stephanskrone während der Herrscherzeit Sigmunds bedroht war, zeigte (János M. Bak, Sigismund and the Ottoman Advance, A S. 89-94; vgl. dazu auch István Baán, Die Beziehungen zwischen Sigismund und Byzanz, K S. 438-441). Nachhaltig unterstreicht die permanente Bedrohung, der Ungarn von Süden her ausgesetzt war, die Grenzen der Möglichkeiten Sigmunds und die Schwierigkeiten autonomen Handelns. Überblickt man die vielfältigen Beiträge zur Herrschaft Sigmunds in Ungarn, so lassen sie ein neues, allen vorschnellen Verurteilungen widerstrebendes Licht auf den Luxemburger fallen.

Einen älteren Forschungsansatz Sabine Wefers weiterführend[8], zeigt Birgit Studt in ihrem Aufsatz „Zwischen Kurfürsten, Kurie und Konzil. Die Hussitenpolitik König Sigismunds“ (A S. 113-125) den Luxemburger in seiner Auseinandersetzung mit den Hussiten und dem Kampf um die böhmische Krone in einem Konfliktfeld divergenter und mitunter widerstreitender Interessensphären. Seit dem Konstanzer Konzil hatte der böhmische Konflikt Aufmerksamkeit und Mittel des Königs weit stärker in Anspruch genommen als zuvor die ungarische Politik. Die hohen Erwartungen, die in dieser Situation an ihn gestellt bzw. herangetragen wurden, konnte der Luxemburger kaum erfüllten; seine eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten und die begrenzten Mittel – über eine eigentliche Hausmacht verfügte er bekanntlich nicht – wurden von Freund und Feind notorisch überschätzt. Hilfe und Unterstützungsleistungen wurden ihm umgekehrt – besonders eklatant im Fall der Kurfürsten – nur äußerst widerwillig und völlig unzureichend bereitgestellt. Das „politische Scheitern“ Sigmunds, gar seine häufig kolportierte „Unwilligkeit“ und „Unfähigkeit“ erscheinen in diesem Licht nicht als persönliches Versagen, sondern als ein durch die Umstände erzwungenes Eingehen auf den Status quo. Das Agieren des seiner beschränkten Möglichkeiten bewussten Luxemburgers wirkt im Gegenteil den Situationen vielfach deutlich angemessener als das seiner Kontrahenten. Sein dabei gezeigtes (und vielfach beklagtes) pragmatisches Handeln sicherte ihm nicht nur den Besitz der Reichskrone, sondern im politischen Sinn wohl auch das Überleben; letztlich gelang es ihm erfolgreich, das einmal Errungene zu verteidigen und – mit der ihm eigenen, oft aber abgesprochenen Zielstrebigkeit und Zähigkeit – schließlich auch die böhmische Krone zu gewinnen. Im Hintergrund blieb die Frage nach den Bündnispartnern, den Personen und Personengruppe, auf die sich Sigmund verlassen konnte. Hier gilt es noch zahlreiche Desiderate aufzuarbeiten – und zwar gleichermaßen für Ungarn wie für das Reich und Böhmen. Ein einzelner Beitrag weist bereits in diese Richtung, wenn nämlich Katalin Szende die wichtige Rolle der Städte für den König analysiert (Between Hatred and Affection: Towns and Sigismund in Hungary and in the Empire, A S. 199-210). Zu wenig fällt allerdings in den Blick, dass die rechtliche Situation der Städte in Ungarn und dem Reich weiter auseinanderklaffte, als es Szendes Ergebnisse vermuten lassen.

Überblickt man neuere Veröffentlichungen, so fällt auf, dass auch Sigmunds zweite Frau, Barbara von Cilli – wie deren Familie (Tamás Pálosfalvi, Barbara und die Grafen von Cilli, K S. 295-297) – eine fairere Behandlung erfährt (Amalie Fössel, Barbara von Cilli. Ihre frühen Jahre als Gemahlin Sigismunds und ungarische Königin, A S. 95-112). Die selbstbewusste Frau wird nun nicht mehr aus der verzerrten Perspektive „Hure oder Hetäre“ wahrgenommen, die vielleicht Männerphantasien anzuregen vermochte, ansonsten aber eine ausschließlich negative Rezeption erfuhr. Ausdrücklich wird die Königin als eigenes politisches Subjekt gewürdigt und ihre politische Rolle als ungarische Regentin wie auch als Verwalterin ihres eigenen Besitzes herausgestellt.

Abschließend seien noch ein paar Bemerkungen zu den beiden Publikationen selbst erlaubt: Allein schon aufgrund der Aufmachung und Ausstattung sind sie ihren Preis wert. Die einzelnen Artikel sind klar und übersichtlich gestaltet, das Bild- und Kartenmaterial, was Auswahl, Schärfe und Farbgebung angeht, von ordentlicher Qualität. Die Abbildungen besitzen eine Größe, die sie ohne permanenten Lupeneinsatz betrachten lassen – leider immer noch keine Selbstverständlichkeit. Eigens hervorgehoben seien die fotografischen Wiedergaben aus Eberhard Windeckes „Keiser Sigesmundus-büch“, dessen farbenprächtige Abbildungen nur selten zu sehen sind. Zusammen mit den Bemerkungen von Peter Johanek (Eberhard Windecke und Kaiser Sigismund, A S. 145-155) bereichern sie die vorliegende Quintessenz der gegenwärtigen Sigmund-Forschung.

Ein erstes Echo auf die Luxemburger Sigmund-Ausstellung dokumentiert ein jüngst erschienenes Themenheft der eher populär ausgerichteten historischen Zeitschrift „Damals“ [9], was man wohl mit Fug und Recht als weiteres Zeichen für die gegenwärtige Sigmund-Renaissance werten darf. Nicht zuletzt daran zeigt sich, dass der Luxemburger, dieser spätmittelalterliche Herrscher von europäischem Format, in der europäischen Gegenwart angekommen ist. Dies weckt beim Rezensenten die bescheidene Hoffnung, dass auch die noch bestehenden Lücken in der Forschung bald angegangen und geschlossen werden können.

Anmerkungen:
[1] Aschbach, Joseph von, Geschichte Kaiser Sigmunds, 4 Bde., Hamburg 1838-1845 (ND Aalen 1964).
[2] Hoensch, Jörg K., Kaiser Sigismund. Herrscher an der Schwelle zur Neuzeit (1368-1437), München 1996 [vgl. dazu meine Besprechung in: Annuarium Historiae Conciliorum 29 (1997), S. 262-267. Verdienstvoll ist das Kapitel „Bibliographie raisonnée“, S. 527-547, das mit seinem kommentierten Literaturverzeichnis einen guten Überblick über die Forschung der letzten Jahrzehnte vermittelt. – Eine kurz zuvor erschienene Arbeit von Wilhelm Baum, Kaiser Sigismund, Konstanz, Hus und Türkenkriege, Graz 1993, kann dagegen kritischen Ansprüchen nicht genügen.
[3] Mályusz, Elemér, Zsigmond király Magyarországon, Budapest 1984 [dt. Übers. Budapest 1990]; Marosi, Ernő; Székely, György; Nagy, Emese (Hrsg), Mıvészet Zsigmond király korában 1387-1437, 2 Bde., Budapest 1987 [mit Zusammenfassungen in engl., frz. und dt. Sprache].
[4] Reitemeier, Arnd, Außenpolitik im Spätmittelalter. Die diplomatischen Beziehungen zwischen dem Reich und England 1377-1422, Paderborn 1999; Kintzinger, Martin, Westbindungen im spätmittelalterlichen Europa, Auswärtige Politik zwischen dem Reich, Frankreich, Burgund und England in der Regierungszeit Kaiser Sigmunds, Stuttgart 2000.
[5] Macek, Josef; Marosi, Ernő; Seibt, Ferdinand (Hrsg.), Sigismund von Luxemburg. Kaiser und König in Mitteleuropa 1387-1437. Beiträge zur Herrschaft Kaiser Sigismunds und der europäischen Geschichte um 1400, Warendorf 1994; Wefers, Sabine, Das politische System Kaiser Sigmunds, Stuttgart 1989.
[6] Brandmüller, Walter, Das Konzil von Konstanz (1414-1418), 2 Bde., Paderborn 1997, der allerdings die Rolle und Bedeutung Sigmunds eher unterschätzte; zur Neubewertung der Rolle Sigmunds vgl. zuletzt: Frenken, Ansgar, Der König und sein Konzil – Sigmund auf der Konstanzer Kirchenversammlung. Macht und Einfluss des römischen Königs im Spiegel institutioneller Rahmenbedingungen und personeller Konstellationen, in: Annuarium Historiae Conciliorum 36 (2004), S. 177-242.
[7] Eine erste Bresche schlug bereits der Aufsatzband von: Schmidt, Tilmann; Gunst, Péter (Hrsg.), Das Zeitalter König Sigmunds in Ungarn und im Deutschen Reich, Debrecen 2000.
[8] Wefers, Sabine, Die Wirkung des Hussitenproblems auf den politischen Zusammenhang von König und Reich im Zeitalter König Sigismunds, in: Macek; Marosi; Seibt (wie Anm. 5) S. 94-108.
[9] Heft 6 (2006) mit dem Titelthema: „Kaiser Sigismund. Die Luxemburger auf dem römisch-deutschen Thron“.

Zitation
Ansgar Frenken: Rezension zu: Takács, Imre (Hrsg.): Sigismund - Rex et Imperator. Kunst und Kultur zur Zeit Sigismunds von Luxemburg 1387-1437. Mainz  2006 / Pauly, Michel; Reinert, François (Hrsg.): Sigismund von Luxemburg. Ein Kaiser in Europa. Tagungsband des internationalen historischen und kunsthistorischen Kongresses in Luxemburg, 8-10. Juni 2005. Mainz  2006 , in: H-Soz-Kult, 24.01.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8647>.
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24.01.2007
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