Titel
The Silent Steppe. The Story of a Kazakh Nomad under Stalin


Autor(en)
Shayakhmetov, Mukhamet
Erschienen
Umfang
250 S.
Preis
€ 33,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Robert Kindler, Humboldt-Universität zu Berlin

In den Jahren von 1928 bis 1934 brach über die Nomaden Zentralasiens eine Katastrophe herein, die ihre Kultur in den Grundfesten erschütterte und über einer Million Menschen das Leben kostete. In einer Welt, wie sie die Bolschewiki imaginierten, war für die nomadische Kultur kein Platz mehr. Umherziehende Viehhirten galten ihnen als unzivilisiert und rückständig. Sie sollten zu sesshaften Bauern werden, die in Kollektivwirtschaften zu leben hatten. Die Umsetzung dieses Plans resultierte in einer furchtbaren Hungersnot. In letzter Zeit ist diese Tragödie auch jenseits der Grenzen der betroffenen Regionen verstärkt zum Gegenstand historiografischer Betrachtung geworden.[1] Mit den hier zu besprechenden Erinnerungen Mukhamet Shayakhmetovs liegt nun erstmals auch eine autobiografische Verarbeitung dieser Jahre in englischer Sprache vor.[2]

Der 1922 im Nordosten Kasachstans in eine wohlhabende nomadische Familie hineingeborene Autor beschreibt in „The Silent Steppe“ seine Erlebnisse und die seiner Angehörigen in der Zeit zwischen 1928 und 1945. Die Schilderungen von Enteignung, Kollektivierung und Hungersnot aus der Perspektive des Heranwachsenden umfassen den größten Teil des Buches. In einem abschließenden dritten Kapitel widmet sich Shayakhmetov seinen Kriegserfahrungen.

Die Lektüre bringt dem Leser nicht eine anonyme, lediglich auf Zumutungen „von oben“ reagierende Masse, sondern handelnde Individuen nahe. Shayakhmetov informiert nicht über die Motive der Bolschewiki. Doch man lernt manches über die Formen, in denen sich ihre Vertreter der indigenen Bevölkerung gegenüber präsentierten und vieles über die Dispositionen und Handlungen jener, die Möglichkeiten finden mussten, sich in einer einstürzenden Welt zu behaupten. Dies ist das große Verdienst des Buches. Im Folgenden sollen einige jener Themen betrachtet werden, die in den Erinnerungen Mukhamet Shayakhmetovs von besonderer Bedeutung sind. Dies sind die sich aus dem fast vollständigen Verlust des Viehs ergebenen Konsequenzen für die nomadische Gesellschaft, den Zusammenhang zwischen Hunger und der Erosion traditioneller Bindungen, die Konflikte, die aus seiner Position als Sohn eines „Kulaken“ entstanden und schließlich die Frage nach den Wegen, in denen sich der sowjetische Herrschaftsanspruch den Nomaden Gehör zu verschaffen suchte.

Die Steppe leerte sich, denn die Nomaden wurden ihrer Tiere beraubt. Damit verloren sie ihre Lebensgrundlage und zugleich ihre traditionelle Mobilität. Es fehlte nicht nur das Vieh, es gab nun auch niemanden mehr, der jenseits der wichtigsten Verbindungswege unterwegs war. Die Kommunikation zwischen den armseligen Siedlungen, in denen ein Teil der ehemaligen Nomaden nun hauste, brach fast vollständig zusammen. Reisen von wenigen Kilometern wurden zu gefahrvollen Unternehmungen, die man nur im größten Notfall antrat. Mukhamet Shayakhmetov widmet sich nicht von ungefähr ausführlich den Beschreibungen der langen Strecken, die er unter den Bedingungen der ringsum tobenden Hungersnot zu bewältigen hatte. Die Ansiedlungskampagne verursachte, was sie bekämpfen sollte: Die unkontrollierte Bewegung von Hunderttausenden, die auf der Suche nach Nahrung und Unterkunft zu Bahnstationen, in größere Siedlungen und Städte flohen, die sich in gigantische Lager voller verzweifelter Menschen verwandelten.

Mukhamet Shayakhmetovs Vater, der als „Kulak“ in die Kohlegruben von Ridder zur Zwangsarbeit deportiert worden war, ging an den dortigen Bedingungen zugrunde. Er selbst überlebte mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder die Hungerjahre unter schwersten Bedingungen. Er berichtet vom täglichen Kampf um eine Hand voll Getreide und beschreibt den allgegenwärtigen Anblick der ausgemergelten Leichen, die am Rande der staubigen Wege und inmitten der Orte lagen. Niemand nahm sich der Toten an. Und niemand war mehr in der Lage, den noch Lebenden zu Hilfe zu kommen. In einer Welt, in der die Suche nach Nahrung das Denken Aller beherrschte, erodierten die traditionellen Normen und Werte der nomadischen Gesellschaft in atemberaubender Geschwindigkeit. In dem Maße, in dem der Hunger um sich griff, so beschreibt es Shayakhmetov, verloren die den Nomaden heiligen Gebote der Gastfreundschaft und gegenseitigen Hilfe an Wert.

Von der gleichfalls vom Hunger betroffenen russischen und ukrainischen Bevölkerung war nach den Erfahrungen der Kazachen keine Unterstützung zu erwarten. Gegenteilige Erlebnisse bedurften der Interpretation. Shayakhmetovs Mutter konnte sich die für sie unerwartete Hilfe eines russischen Angestellten nur so erklären: „It turns out that some Russians are Moslems, too.“ (S. 152) Die Lage der Familie wurde zusätzlich dadurch erschwert, dass sie unter dem Stigma zu leiden hatte, Angehörige eines „Feindes der Sowjetmacht“ zu sein. Die Konsequenzen, die sich aus der Unterstützung von „Kulakenfamilien“ ergeben konnten, waren vielen Menschen gegenwärtig. Zugleich erlebten Shayakhmetov und seine Familie, wie ihre prekäre Situation von Dritten instrumentalisiert wurde, um Druck auf sie auszuüben, dem sie nichts entgegenzusetzen hatten.

Die Menschen in seiner Umgebung konnten sich den oft nur russischsprachigen Autoritäten nicht verständlich machen. Weil er einige Brocken der fremden Sprache beherrschte, avancierte Mukhamet Shayakhmetov zu einem gesuchten Übersetzer. Immer wieder berichtet er von Begebenheiten, die Zweifel an den vorgeblichen Erfolgen der bolschewistischen Indigenisierungspolitik aufkommen lassen. Doch auch dort, wo die Propaganda die Menschen in ihrer eigenen Sprache erreichte, begriffen sie nicht, was die Worthülsen bedeuten sollten. Und jene Kasachen, die sich in den Dienst des Regimes stellten, agierten nur allzu oft als Wahrer ihrer eigenen materiellen Interessen. Kurz, in den Siedlungen herrschte allenfalls eine diffuse Ahnung von den Zielen und Absichten der Bolschewiki. Der Wille des Staates teilte sich den Nomaden nicht selten allein durch physische Gewalt mit. Bevollmächtigte kamen in die Jurtensiedlungen und nahmen jenen, die sie als Feinde identifiziert hatten, alles was sie tragen konnten. Wer sich wehrte, wurde bestenfalls verhaftet.

Das Kapitel über seinen Dienst in der Roten Armee zeigt uns Shayakhmetov fern seiner Heimat. Nachdem er von einer in Stalingrad erlittenen Verletzung genesen war, diente er bis zum Kriegsende an der afghanischen Grenze. Auch wenn er diese Zeit nicht ohne Stolz als Phase voller Gefahren und wagemutiger Unternehmungen erinnert, so zeichnet er in einigen Passagen doch das Bild einer Armee, in der das Individuum nichts bedeutete: Er gelangte in einer ausschließlich aus Kasachen bestehenden Abteilung an die Stalingrader Front. Als er und die wenigen Kameraden, die der russischen Sprache mächtig waren, in eine andere Einheit wechselten, wussten die Übrigen, dass sie verloren waren, denn in der Schlacht würden sie die Befehle ihrer Offiziere nicht verstehen.

Den knappen Angaben zu seinem weiteren Lebensweg ist zu entnehmen, dass Mukhamet Shayakhmetov nach dem Zweiten Weltkrieg Lehrer wurde und später zum Schulleiter aufstieg. Ein aktuelles Photo zeigt ihn, die Brust voller Orden und Medaillen. Und wirklich, es sind dies nicht die Aufzeichnungen eines Menschen, der grundsätzlich mit dem sowjetischen System hadert. Vielmehr wird an mehreren Stellen des Textes offenbar, wie der junge Mann sich seit Mitte der dreißiger Jahre bemühte, zu einem akzeptierten Mitglied jener Ordnung zu werden, die ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Shayakhmetov ist sich dieses Widerspruchs bewusst, und er erklärt ihn damit, dass er und viele andere seiner Generation die Schuld für ihre Leiden nicht in der Ideologie oder beim sowjetischen Staat suchten, sondern einzelne Individuen wie den kasachischen Parteichef Filipp Isaevich Goloshchekin verantwortlich machten. Außerdem, so merkt er an, war es das sowjetische System, welches ihm die Möglichkeit zu Bildung und sozialem Aufstieg bot. Und so ist es vielleicht nur konsequent, wenn Shayakhmetov sich gegen die These vom geplanten „Ethnozid“ an den Kasachen [3] wendet und den Hunger nicht ausschließlich der Ansiedlungs- und Kollektivierungspolitik zur Last legt, sondern auch mit schlechten Ernten und zu spät angelaufenen staatlichen Hilfsprogrammen begründet.

Die gedrängte Einleitung von Tom Stacey trägt nur wenig Erhellendes zu den Memoiren bei. In aller Kürze wird hier die Geschichte der kasachischen Nomaden unter russischer und sowjetischer Herrschaft rekapituliert, die Zahl der Opfer der stalinschen Kollektivierungspolitik benannt und auf die kärglichen Überreste nomadischer Kultur im postsowjetischen Kasachstan eingegangen. Darüber hinaus illustrieren einige Karten und Fotografien das Gesagte. Das knapp geratene Glossar klärt die wichtigsten Begriffe, hilft jedoch einem mit dem Gegenstand wenig vertrauten Leser nicht substantiell weiter. Auf eine Kommentierung des Textes wurde verzichtet. Doch ungeachtet dieser editorischen Mängel ist „The Silent Steppe“ höchst willkommen, denn hier wurde eine Quelle verfügbar gemacht, die bereits vorliegende Quelleneditionen [4] ergänzt und um den „Blick von unten“ bereichert.

Anmerkungen:

[1] Zu Kollektivierung, Sesshaftmachung und Hungersnot in Kazachstan neuerdings: Ohayon, Isabelle, La sédentarisation des Kazakhs dans l'URRS de Staline. Collectivisation et changement social (1928-1945), Paris 2006; Pianciola, Niccolò, Famine in the steppe. The collectivization of agriculture and the Kazak herdsmen 1928-1934, in: Cahiers du Monde russe 45 (2004), S. 137-192.

[2] Das hier zu besprechende Buch ist erstmals im Jahre 2002 in Almaty auf Russisch unter dem Titel „Sudba“ (dt. Schicksal) erschienen.

[3] Für die These vom bewusst geplanten „Ethnozid“ bzw. „Genozid“ an den Kasachen vgl. beispielsweise: Conquest, Robert, Harvest of Sorrow. Soviet Collectivization and the Terror-Famine, London 1986; Michajlov, Valerij, Chronika velikogo džuta, Almaty 1996;
Omarbekov, T., Tragedija Kazachstana v 20-30ch godach, Almaty 1997.

[4] Kozybaev, M. K. (Hg.), Nasil’stvennaja kollektivizacija i golod v Kazachstane v 1931-33 gg. Sbornik dokumentov i materialov, Almaty 1998; Abdirajnymov, S.; Buchonova, I.N. (Hgg.), Golod v kazachskoj stepi, Alma-Ata 1991.

Zitation
Robert Kindler: Rezension zu: : The Silent Steppe. The Story of a Kazakh Nomad under Stalin. London  2006 , in: H-Soz-Kult, 22.12.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8662>.
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22.12.2006
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