S. Zwicker: "Nationale Märtyrer"

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Titel
"Nationale Märtyrer". Albert Leo Schlageter und Julius Fučík. Heldenkult, Propaganda und Erinnerungskultur


Autor(en)
Zwicker, Stefan
Erschienen
Paderborn 2006: Schöningh
Umfang
369 S., 32 Abb.
Preis
€ 44,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Fuhrmeister, Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München

Endlich liegt eine solide, aus den Quellen gearbeitete Studie zum Freikorpsmann und „Ruhrkämpfer“ Schlageter vor, der unmittelbar nach seiner Hinrichtung durch die französische Besatzungsmacht am 26. Mai 1923 zu einer Projektionsfläche verschiedener Organisationen und Parteien wurde, bevor das nationalsozialistische Regime 1933 die Deutungshoheit erlangte und ihn zum „Ersten Soldaten des Dritten Reiches“ stilisieren konnte. Stefan Zwicker hat seine Schlageter gewidmete Magisterarbeit von 1995 nicht nur erheblich ausgebaut und um einen bisher unbekannten Quellenbestand erweitert (das Archiv der studentischen Verbindung Falkenstein), sondern die Arbeit mit der Analyse des Märtyrerkults um eine weitere prominente Heldenfigur des 20. Jahrhunderts ergänzt – den Kult um den tschechischen Kommunisten Julius Fučík, der 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde. Fučíks „Reportage, unter dem Strang geschrieben“, zuerst 1945 veröffentlicht, wurde in etwa 90 Sprachen übersetzt (S. 208).

Inwiefern ist eine solche komparatistische, transnationale Untersuchung gerechtfertigt? Schlageter und Fučík hatten zeitweise nicht nur einen großen Bekanntheitsgrad, sondern galten weiten Kreisen tatsächlich als vorbildhafte Märtyrer. Gemeinsam ist ihnen auch, „dass sie nicht im offenen Kampf fielen, sondern von einer fremden Macht nach Prozessen zumindest unter dem Vorwand der Legalität hingerichtet wurden“ (S. 16). Beide hatten offenbar ihr Leben für eine Überzeugung geopfert und konnten somit als exemplarische Protagonisten einer Ideologie in Anspruch genommen werden (Kampf gegen die „Schmach“ des Versailler Vertrags, Aufbau des Sozialismus bzw. Kommunismus). Beide waren „als Wegweiser“ besonders wichtig „in der Konsolidierungsphase jener Systeme [...], wo ihr Leben und Streben als Beschwörung angeblicher gemeinsamer Ideale nutzbar gemacht wurde“ (S. 289), und beide wurden just zum 10. Todestag (1933 bzw. 1953) als vermeintliche „Blutzeugen“ kultisch gefeiert (S. 293). Zwicker ist zuzustimmen, dass christliche Vorbilder auch für ‚linke’ Helden virulent waren (S. 270f.). Obwohl zahllose Straßen, Schulen und Schiffe nach Schlageter und Fučík benannt wurden (vgl. S. 227), verschwanden die einstmals sinnstiftenden Figuren nach dem Zusammenbruch der Systeme (1945 bzw. 1989), die sie mehr oder weniger offensiv vereinnahmt hatten, wieder weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein.

Zwicker arbeitet diese Parallelen – ebenso wie die Unterschiede – unaufgeregt heraus. Ihn interessiert weniger die Dekonstruktion der mythischen Erzählungen selbst, sondern die Frage, wie, von wem und warum Schlageter und Fučík im jeweiligen Kontext als Märtyrer aufgebaut und benutzt worden sind. Das Hauptproblem einer solchen Aufgabenstellung, die durch Quellenstudium und kritische Gegenlektüre des Schrifttums zu leistende Differenzierung von Fakten und Legenden, von Vita und Bedeutungszuweisung, löst Zwicker in vier Kapiteln souverän. Auf die knappe Einleitung folgen ein umfangreiches Kapitel zu Schlageter und ein kaum weniger ausführliches zu Fučík. Im vierten Kapitel („Wie wird ein Toter zum Märtyrer?“) wird auf der Basis der beiden Fallbeispiele eine Typologie der Heldengenese entworfen: Welche Grundelemente, welche Mechanismen lassen sich erkennen? Einige Redundanzen beeinträchtigen den Erkenntnisgewinn dieses Kapitels nur unwesentlich. Schlusswort, Tafelteil, Quellen- und Literaturverzeichnis sowie Personenregister runden den Band ab. So weit, so überzeugend.

Dieser allgemeinen Inhaltsangabe soll hier ein genauerer Blick auf Zwickers Analyse des Schlageterkults folgen (denn nur dafür bin ich – als Nicht-Osteuropahistoriker – kompetent). Zunächst stellt sich die wichtige Frage, ob der Freikorpsmann Mitglied der NSDAP war, wie von der Partei besonders im Frühjahr 1933 so vehement behauptet. Im Zentrum von Zwickers Erörterung steht die angebliche Berliner NSDAP-Mitgliederliste von Berlin aus dem Jahr 1922, die 1934 publiziert wurde (Abb. 5, nach S. 304). Es gebe keine Möglichkeit, eine Fälschung dieser Liste sicher nachzuweisen; aber trotz des Fehlens eindeutiger Belege sei eine Mitgliedschaft Schlageters in der NSDAP (oder einer ihr verbundenen Partei) zumindest „denkbar“ (S. 53). Zwicker argumentiert zwar in der Folge mit guten Gründen gegen die Mitgliedschaft und ihre Relevanz, aber in der Sache kann die Frage nicht abschließend geklärt werden. Hier hätte ich mir noch mehr Akribie in der Suche nach Quellen gewünscht, denn das Deutsche Historische Museum geht sowohl in der neuen Dauerausstellung wie im „Lebendigen virtuellen Museum Online“ (http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/SchlageterAlbert/index.html) ganz selbstverständlich davon aus, Schlageter sei Parteimitglied gewesen. Der Wikipedia-Eintrag hingegen wird in diesem Punkt alle paar Tage umgeschrieben (und zeugt insofern von erheblich mehr Lebendigkeit). Zwicker geht im Kern kaum über die von Joachim Kuropka 1984 vorgebrachten Überlegungen hinaus.[1] Aus meiner Sicht kann überhaupt kein Zweifel daran bestehen, dass Schlageter Demokratie und Republik ablehnte und mit forciert nationalistischen Positionen sympathisierte, aber wenn er wirklich Mitglied der NSDAP gewesen wäre, hätte die Partei diesen Umstand fraglos effektiv zu nutzen gewusst, und zwar bereits vor 1933. Dafür gibt es jedoch keine Hinweise.

Zwicker sieht in den gigantischen Feiern, die Ende Mai 1933 zu Schlageters 10. Todestag veranstaltet wurden, sehr zu Recht „nicht nur Höhepunkt, sondern auch Auftakt zum Abflauen des Kultes um ihn“ (S. 279). Was er nicht erwähnt, ist die gleichzeitige Usurpation bestehender Denkmäler etwa des Jungdeutschen Ordens oder des Stahlhelms (Austausch von Inschriften). Die Ausführungen zum „Bund Schlageter“ und dem „Schlageter-Gedächtnismuseum“ (S. 116f.) bleiben oberflächlich[2]; überhaupt nicht erwähnt wird der von Gustav Lauterbach geleitete „Schlageter-Gedächtnisbund“, zu dem ein umfangreicher Aktenbestand vorliegt.[3] Zu differenzieren ist schließlich Zwickers Feststellung, das Ende des Nationalsozialismus habe zur Schleifung der Schlageter gewidmeten Denkmäler geführt (S. 21, S. 306): Rund 20 von früher ca. 100 bis 120 existieren bis heute. Das Denkmal in Landsberg/Lech wurde erst am 15. Oktober 2006 gestürzt[4]; derzeit wird dort von einigen Personen überlegt, ob und unter welchen Bedingungen eine Wiederaufstellung in Frage kommen könnte.

Grundsätzlich sei festgehalten, dass die Stärken von Zwickers Buch in der kritischen Analyse der biografischen Quellen und des umfangreichen Schrifttums liegen (bei beiden Protagonisten). Hier ist ein Desiderat eingelöst – und zugleich ein Standard gesetzt, der Bestand haben wird. Dass die Darstellung bei den dreidimensionalen Objekten der Schlageter-Verehrung etwas schwächer ist, kann einem Historiker nicht vorgeworfen werden. Die kritischen Anmerkungen schmälern daher keineswegs Zwickers große Leistung, die hagiografischen Ergüsse von den – hier zum Teil erstmals erschlossenen – Quellen und Fakten geschieden zu haben. Zwicker analysiert und interpretiert stets ausgewogen und nachvollziehbar. Weiterführend erscheint nicht zuletzt die Einsicht, dass die immense Popularität nationaler Märtyrer wie Schlageter und Fučík ebenso wie diejenige von Popstars „nicht allein Ergebnis einer zentral gesteuerten Propaganda war, sondern auch schlicht das vorhandene Bedürfnis nach Heldenfiguren abdeckte“ (S. 284).

Anmerkungen:
[1] Kuropka, Joachim, Schlageter und das Oldenburger Münsterland 1923/1933. Ein Markstein auf dem Weg zur „Revolution des Nihilismus“, in: Jahrbuch für das Oldenburger Münsterland 1984, S. 85-98, hier S. 94; vgl. ders., Die Steine auf dem Kreuzberg. Ein Denkmal für Schlageter – und für die treuen Zentrumswähler, in: Jahrbuch für das Oldenburger Münsterland 2007, S. 82-98, hier S. 91 (freundlicher Hinweis von Christof Ehmler, Varel).
[2] Der Bestand R 8038 im Bundesarchiv (Abteilung Deutsches Reich, Berlin-Lichterfelde) enthält 20 Akten zum Schlageter-Gedächtnis-Museum, die Zwicker nicht berücksichtigt hat.
[3] Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv Hannover, Hann 310 I, Nr. 311-322).
[4] Landsberger Tagblatt, 17.10.2006 (freundlicher Hinweis von Elke Kiefer, Landsberg).

Zitation
Christian Fuhrmeister: Rezension zu: : "Nationale Märtyrer". Albert Leo Schlageter und Julius Fu&#269;ík. Heldenkult, Propaganda und Erinnerungskultur. Paderborn  2006 , in: H-Soz-Kult, 01.02.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8724>.