K. Neugebauer (Hrsg.): Grundkurs Militärgeschichte

Titel
Die Zeit bis 1914. Vom Kriegshaufen zum Massenheer


Hrsg. v.
Neugebauer, Karl
Erschienen
München 2006: Oldenbourg Verlag
Umfang
510 S.
Preis
€ 16,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Rüdiger von Dehn, Fb A ( Neuere und Neueste Geschichte), Bergische Universität Wuppertal

„You don’t hate history. You hate the way it was taught to you in high school.“ [1] Dieser einst von Stephen E. Ambrose formulierte Gedanke gilt für die Lehre der deutschen Militärgeschichte nicht, wie der erste von drei Bänden des Lehrbuches „Grundkurs deutsche Militärgeschichte“ zeigt. Die Autor/innen diskutieren das fachliche „Stiefkind Militärgeschichte“ und bereiten es für einen breiten Leser/innenkreis auf. Die Verbindungen zur Sozial-, Mentalitäts-, Verfassungs- und Gesellschaftsgeschichte werden deutlich. Begriffliche Genauigkeit wird mit Anschaulichkeit verbunden. Für das kommende Jahr ist eine zusätzliche DVD angekündigt. Sie wird der neuen Lehrbuchreihe einen multimedialen Hintergrund geben, der die Wichtigkeit der Kombination von Printmedien und digitalen Ressourcen unterstreicht.

Die hier neu entstandene Reihe lädt zu einem Vergleich mit den vorangegangenen Werken „Grundzüge der deutschen Militärgeschichte“ geradezu ein. [2] Dreizehn Jahre sind seitdem vergangen. Die frühere Aufteilung in einen Quellen- und Überblicksband wurde leider den „veränderten Lese- und Lerngewohnheiten der jüngeren Generation“ [3] geopfert. So erweckt die Darstellung zunächst den Eindruck, Popularisierung durch Simplifizierung betreiben zu wollen.

Bei der Gestaltung des Bandes scheint der museumswissenschaftliche Zweig des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Potsdam federführend gewesen zu sein. Der Text erinnert an einen Museumskatalog, eingerahmt von vielen Exponatabbildungen der fünf Epochen deutscher – aber auch internationaler – Militärgeschichte. Die Geschichte des „deutschen“ Militärs gestaltet sich damit über die Wahrnehmung der Text-Exponat-Darstellungen. Auch der Schreibstil steht in der Tradition von musealen Leit- und Exponattexten.

Weitere Primärquellen sind in Informationsboxen direkt in die jeweiligen Beschreibungen integriert, was die Einordnung von Spezialthemen, wie beispielsweise die historische Entwicklung des „Eisernen Kreuzes“, in die Gesamtentwicklung einer Epoche sehr vereinfacht. Die Kombination von Fließtext und Informationsboxen (für weiterführende Sekundärmaterialien und Sachtexte) vermittelt den lexikalischen Charakter des Werkes. Leider fehlt ein zusammenführendes Quellenverzeichnis, obwohl es in der Einleitung heißt, dass für die Geschichtswissenschaft ein ausführliches Studium der Quellen die Grundlage eines jeden fachlichen Handelns und Arbeitens sei. Die bloße Voranstellung einer „Literaturauswahl“ vor die fünf Epochen beschreibenden Kapitel ist offenkundig zu wenig.

Die Gliederung der darstellenden Kapitel orientiert sich an drei Schlüsselelementen: 1. Zeittafel, 2. Literaturverweise und 3. Fließtext. Die Vereinigung der Zeittafeln mit weiteren Bildquellen macht das ansonsten doch sehr „trockene“ Durchsuchen von Basisfakten zu einer historischen „Entdeckungsreise“, wobei die Perspektive auf das Engste an Schlachten und diplomatische Ereignisse beschränkt bleibt. Was bietet der Band nun aber inhaltlich?

Nach der Begriffsklärung und der Beantwortung der Frage, was Militärgeschichte eigentlich ist, und was diese im Kontext von Traditionsvorstellungen ausmacht, entwickelt sich von Seite zu Seite ein facettenreiches Bild, welches auf grobchronologischen Fundamenten beruht. Leider scheint dies jedoch nicht immer systematisch geordnet zu sein – so der Eindruck, der vom ersten Band vermittelt wird.

Den Anfang bildet Matthias Rogg mit Betrachtungen zu den Ursprüngen der Geschichte des Militärs („Die Ursprünge: Ritter, Söldner, Soldat. Militärgeschichte bis zur Französischen Revolution 1789“). Der Bezug zu europäischen Entwicklungen (und in Ansätzen auch internationalen Aspekten) lässt schnell erkennen, in welchem großen Kontext die „deutsche“ Perspektive auf das Militär verstanden werden muss. Stephan Huck schließt mit seinen einführenden Betrachtungen „Vom Berufsmilitär zur allgemeinen Wehrpflicht. Militärgeschichte zwischen Französischer Revolution und Freiheitskriegen 1789 bis 1815“ direkt an Rogg an. Mit ausführlichen Überblicksbetrachtungen zur Geschichte des Militärs zur Zeit des Deutschen Bundes ebnet Michael Busch den Weg für die Jahre der militärischen Dominanz in der preußischen bzw. deutschen Gesellschaft, die Michael Epkenhans sehr geschickt mit den Worten „Einigung durch ‚Eisen und Blut’“ zusammenfasst. Der Herausgeber selbst führt im letzten Kapitel die Leser/innen in das Ende des bürgerlichen Zeitalters. Schon hier wird en détail das Zusammenspiel der gesellschaftlichen Kräfte der Zeit reflektiert. So werden auf einen Blick die preußischen Könige und deutschen Kaiser an die Seite der deutschen Nobelpreisträger des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts gestellt. Schlaglichtartig werden die Betrachtungen nun über den Sedan-Tag, Graf Leo von Caprivi sowie die deutsche Hoffnung „auf einen Platz an der Sonne“ fortgeführt. Trotz des schnellen Vorgehens von einer Station des deutschen Militarismus hin zum nächsten kommt sehr gut zum Vorschein, inwieweit der Parlamentarismus bis 1914 es immer weniger verstand, dem Glanz der Uniformen und der damit verbundenen Mentalität etwas entgegenzuhalten. Den Abschluss findet der Band in einer Beschreibung des deutschen Engagements in China und den Kolonien in Afrika. Die deutsche Militärgeschichte scheint endgültig in der globalen und machtpolitischen Peripherie angekommen. Der Blick auf den Ersten Weltkrieg bekommt damit letztlich einen fachlich guten Rahmen.

Ziehen wir hier ein Fazit:
1. Die drei Bände des Grundkurses lassen einen Lehrbuchkanon im klassischen Sinne erwarten, welcher für den interessierten Laien wie auch für das Fachpublikum zu gebrauchen sein wird. Eine Publikation zum schnellen Einstieg in die Materie der Militärgeschichte ist für beide Leser/innenkreise sicherlich durchweg nützlich. Doch sollte die Lektüre des Werkes nicht die einzige Grundlage für die Beschäftigung mit der komplexen Thematik sein.
2. Der Reiz des Bandes (und hoffentlich auch der noch folgenden zwei Bände) ist die Tatsache, dass hier auch etwas mehr als fünfhundert Seiten Basisdaten und -kontexte reflektiert werden. Der Anspruch, den Band auch als ein Lexikon zu entwerfen, ist durchweg gut erfüllt worden.
3. Die Kombination von Personengeschichte, Exponatabbildungen und einer Vielzahl von übersichtlich gestalteten Schaubildern, Karten und grafischen Darstellungen fordern den Leser förmlich dazu auf, weiterführende Fragen zu stellen und den Kontext tiefgründiger zu erarbeiten.
4. Wenngleich der Titel den Auswahlrahmen für die Literaturtipps vorzugeben scheint, sollte dies nicht den Blick auf die Veröffentlichungen aus den anglo-amerikanischen Forschungskreisen einschränken.
5. Von der „großen“ und „bunten“ Gestaltung sollte sich niemand abschrecken lassen, wenn der Wunsch nach einer weit greifenden Vermittlung eines ersten Eindrucks deutscher Militärgeschichte besteht.

Anmerkungen
[1] Ambrose, Stephen E., To America. Personal Reflections of an Historian. London 2002, S. XIV.
[2] Neugebauer, Karl-Volker (Hg.), Grundzüge der deutschen Militärgeschichte. 2 Bde., Freiburg im Breisgau 1993.
[3] Ders. (Hg.), Grundkurs deutsche Militärgeschichte. Bd. 1: Die Zeit bis 1914. Vom Kriegshaufen zum Massenheer, München 2006, S. VI.

Zitation
Rüdiger von Dehn: Rezension zu: Neugebauer, Karl (Hrsg.): Die Zeit bis 1914. Vom Kriegshaufen zum Massenheer. München  2006 , in: H-Soz-Kult, 22.12.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8771>.
Redaktion
Veröffentlicht am
22.12.2006
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