B. Löhberg: Itinerarium provinciarum Antonini Augusti

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Titel
Das "Itinerarium provinciarum Antonini Augusti". Ein kaiserzeitliches Straßenverzeichnis des Römischen Reiches. Überlieferung, Strecken, Kommentare, Karten


Autor(en)
Löhberg, Bernd
Erschienen
Berlin 2006: Frank & Timme
Umfang
2 Bde., 152 Karten, 626 S.
Preis
€ 148,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Rathmann, Institut für Geschichtswissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Wer sich mit antiker Geographie im Allgemeinen bzw. mit römischer Raumerfassung im Speziellen beschäftigt, landet unweigerlich beim Itinerarium Antonini. Dieses auf den ersten Blick verwirrende Listenwerk mit seinen weit über 2000 verzeichneten Ortsnamen und ebenso vielen Entfernungsangaben zwischen den jeweiligen Punkten ist wohl neben der Tabula Peutingeriana das wichtigste Zeugnis, das uns aus der Antike auf diesem Gebiet überliefert ist. Es dokumentiert eindrücklich, dass für den antiken Menschen eine lineare Erfassung des Raumes durch Routenpläne vor einer kartographischen Darstellung als Reisehilfe rangierte.[1]

Die Bedeutung des Itinerarium Antonini kann folglich für die Erforschung der antiken Geographie gar nicht hoch genug veranschlagt werden. Insofern ist es zu begrüßen, dass Bernd Löhberg sich nach langer Pause in der Forschung diesem umfangreichen Itinerar in seiner Gesamtheit widmet. Im Grunde ist es die erste zusammenfassende Untersuchung seit dem monumentalen Werk von Konrad Miller aus dem Jahr 1916.[2] Doch hätte Löhberg durch die lange wie kritische Rezension von Wilhelm Kubitschek zu Millers Itineraria Romana gewarnt sein müssen, dass eine derartig komplexe und vielschichtige Quelle nur schwer in ihrer Gesamtheit durch eine Einzelperson zu fassen ist.[3] Eine derartige Untersuchung setzt einen hohen Kenntnisstand der lokalen Verkehrsinfrastrukturforschung (Archäologie), der einschlägigen Quellen sowie der umfangreichen althistorischen Forschungsliteratur voraus.

Wie der Autor im Vorwort selber vermerkt, ist diese Dissertation in jahrelanger Arbeit neben dem eigentlichen Beruf als Gymnasiallehrer (für Latein und Geographie), also außerhalb des Universitätsbetriebs, autodidaktisch entstanden.[4] Dies mag ein Grund dafür sein, dass Löhberg fast vollständig auf eine kritische Auseinandersetzung mit der einschlägigen Forschungsliteratur, mithin auf einen Anmerkungsapparat, verzichtet. So vermisst man die zwingend notwendigen Quellenbelege im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit, was sich bereits bei der äußerst knappen und unbefriedigenden Definition des Untersuchungsgegenstands (S. 1) als deutliches Defizit bemerkbar macht. Dass hier zentrale Begriffe wie itinerarium adnotatum oder pictum fehlen, erzeugt beim geographisch interessierten Leser schon auf den ersten Seiten größte Skepsis, auch wenn diese Begriffe in der Zusammenfassung auf S. 398 nachgereicht werden. Störend ist zudem so manche unglückliche Wortwahl, die sich teilweise als handfester Fehler entpuppt.[5] Vor allem fehlen der Arbeit aber eine klare Fragestellung und eine nachvollziehbare Zielsetzung. Einige zentrale Fragen, die man an das Itinerarium Antonini hätte stellen können, werden erst im Fazit (S. 398–409) angerissen, ohne jedoch zu Beginn der Arbeit klar formuliert oder in der Folge diskutiert zu werden.

Ein zentraler Aspekt in der Forschung zum Itinerarium Antonini ist die Frage nach der Entstehungsgeschichte. Hier rückt Löhberg sofort den militärisch-staatlichen Charakter ins Zentrum. Die Frage nach Ursprung und Sinn dieses Streckenkonvoluts wird gar nicht erst gestellt.[6] Folglich läuft auch die kurze Diskussion zur Datierung ins Leere (S. 402–409), da bereits die Voraussetzungen zu beweisen gewesen wären. Wenn Löhberg sich dann an einigen wenigen Stellen mit der einschlägigen Forschung beschäftigt, so paraphrasiert er lediglich ihm passende Beiträge, ohne abweichende Ansichten zu berücksichtigen.[7] So wird beispielsweise die klassische Einteilung des Itinerarium Antonini in 17 Haupt- mit zugehörigen Nebenrouten (vgl. RE IX.2, Sp. 2323–2325) nicht hinterfragt, sondern übernommen und zur Grundlage der weiteren Arbeit gemacht. Doch scheinen mir weder diese Einteilung noch der angeblich rein militärisch-staatliche Charakter wie auch die Datierung unter Antoninus Pius sicher.[8] Hier hätte man vom Autor nach seiner ausführlichen Beschäftigung mit allen Routen eine differenzierte Analyse des Werkes erwartet.

Es spricht meines Erachtens einiges für die Theorie, dass es sich nicht um eine im staatlichen Auftrag erfolgte Zusammenstellung, sondern vielmehr um eine unsystematische Kompilation von diversen Straßen handelt, die keineswegs in direkter Beziehung zu einander gestanden haben müssen. Da mag manche Streckenbeschreibung durchaus einen kaiserlichen Heerzug zur Vorlage gehabt haben. Jedoch scheint mir dies nicht zwingend bei alle Routen so gewesen zu sein: Man betrachte exemplarisch die Verbindung von Tingis nach Mercurii bzw. Tocolosida im heutigen Marokko (Itin. Anton. 6,4–8,4; 23,1–24,5) sowie die Strecke von Condate nach Alauna im Nordwesten Frankreichs (Itin. Anton. 386,6–387,3). Auf welche Kriege sollen diese Wegbeschreibungen zurückgeführt werden? Und warum gibt es Ballungszonen mit vielen verzeichneten Routen (z.B. Italien oder Nordafrika), während sich auf dem Balkan oder in Kleinasien überraschend wenige Steckeneinträge finden. Gab es an der unteren Donau oder in Asia minor etwa keine Kämpfe, Truppenaufmärsche oder Kaiserreisen? An diesen Fragestellungen hätte eine fruchtbare Diskussion ansetzen können.[9] So lässt sich die Vermutung, dass die Vorlagen aus unterschiedlichen Perioden stammen, beispielsweise in der Germania Inferior damit begründen, dass Strecken sowohl in Meilen- als auch in Leugenzählung angegeben werden.[10]

Kritisch zu bewerten ist zudem die listenartige Erfassung und Einteilung (S. 55–345) der einzelnen Routen. Dieser mit großem Arbeitsaufwand zusammengestellte Hauptteil der Arbeit erfüllt seine eigentliche Funktion als Kommentar nicht, da etwa eine Untermauerung der Aussagen durch Quellenbelege und Literaturangaben fehlt. Die wenigen Bemerkungen, die beigefügt werden, sind demgegenüber für den Kern der Sache unwichtig.[11] Auch sucht man vergeblich den Querverweis auf die entsprechende Karte im 2. Band. Welche Funktion schließlich die gelegentlich nach CIL zitierten Meilensteine haben, bleibt ebenfalls unklar. Falls sie die Lücke einer Streckendatierung füllen sollen, so lässt sich z.B. an der Strecke von Trier nach Köln (S. 277) zeigen, dass dies nicht gelingt. Hier müsste man, wie bei vielen anderen Straßen in der Gallia Comata, vor allem auf die berühmte Strabonstelle (4,6,11 p. 208) zum Straßenbau des Agrippa während seiner zweiten Statthalterschaft verweisen.[12] Doch selbst in der einleitenden Beschreibung der Straßen dieses Gebiets (S. 268f.) fehlt die Strabonstelle. Positiv ist die Beschreibung der einzelnen Handschriften des Itinerarium Antonini zu bewerten (S. 6–35), die Löhberg größtenteils persönlich eingesehen hat. Schade nur, dass diese Arbeit keinen gewinnbringenden Niederschlag in einer gegenüber der Ausgabe von Otto Cuntz verbesserten Textausgabe gefunden hat.[13] So ist etwa unklar, ob die Schreibweise „Borbitomago“ (S. 278; Itin. Anton. 374,6) für „Bormitomago“ eine neue Lesung oder bloß ein Tippfehler ist.

Enorme Arbeit hat Löhberg in den zweiten Band investiert – sicherlich der beste Teil der Arbeit. Diese Kartensammlung, auf dem Barrington-Atlas [14] basierend, visualisiert den Verlauf der einzelnen Strecken des Itinerarium Antonini. Leider entspricht die Reihenfolge der Karten jedoch nicht der Ordnung des Itinerarium Antonini, sondern der des von Richard Talbert herausgegebenen Standardwerks.[15] So muss man ständig den entsprechenden Passus im ersten Band suchen. Ein Querverweis mit Seitenzahl auf die Streckenbeschreibung im ersten Band hätte die Praxistauglichkeit deutlich erhöht. Zudem sind nicht alle Einträge in den Karten korrekt, wie das Beispiel Kölns zeigt.[16] Hier erwartet man nicht den geläufigen Ortsnamen, sondern die Bezeichnung aus dem Itinerarium Antonini.

Ein abschließendes Fazit fällt nicht leicht. Denn grundsätzlich muss gefragt werden, ob ein Kommentar zum Itinerarium Antonini überhaupt von einer Einzelperson verfasst werden kann. Bereits Miller scheiterte vor rund 90 Jahren an einem vergleichbaren Unternehmen aus eben diesem Grund. Was also Löhberg als Einzelkämpfer und Autodidakt in jahrelanger Arbeit vollbracht hat, bleibt daher systembedingt auf halbem Wege unfertig stehen. Ein Kommentar zum Itinerarium Antonini bleibt daher nach wie vor ein Desiderat der Forschung.

Anmerkungen:
[1] Dies belegen eindrücklich die zahlreichen überlieferten ‚Kleinitinerare‘, wie beispielsweise die vier Silberbecher von Vicarello (CIL XI 3281–3284), die uns die Reiseroute von Gades (Cádiz) nach Rom mit den jeweiligen Entfernungsangaben zwischen den einzelnen Stationen bieten. Zum Konzept der linearen Raumerfassung Brodersen, Kai, Terra Cognita. Studien zur römischen Raumerfassung, 2. Aufl., Hildesheim 2003; zu den Bechern von Vicarello jüngst Kolb, Anne, Raumwahrnehmung und Raumerschließung durch römische Straßen, in: Rathmann, Michael (Hrsg.), Wahrnehmung und Erfassung geographischer Räume in der Antike, Mainz 2007, 175.
[2] Miller hat entgegen des etwas irritierenden Titels „Itineraria Romana. Römische Reisewege an der Hand der Tabula Peutingeriana“ (Stuttgart 1916, ND 1988) die Tabula als Itinerarium pictum zwar in den Mittelpunkt gestellt, jedoch dem Itinerarium Antonini als zweite große Quelle breiten Raum in seiner Studie gewährt.
[3] Kubitschek, Wilhelm, in: Göttingische Gelehrte Anzeigen 179 (1917), S. 1–117. Leider fehlt dieser Beitrag in der Bibliographie.
[4] Dass er auch hierin Miller gleicht, ist wohl eine unbeabsichtigte Parallele.
[5] Hier einige wenige Beispiele: „Straßenmeistereien“ (S. 2); „In republikanischer Zeit hat das municipium Vorrang vor der colonia, in der Kaiserzeit ist es umgekehrt.“ (S. 53); „Wegen der militärischen Notwendigkeit verwaltete der Legatus dieser Legion Numidien fast selbstständig.“ (S. 56).
[6] S. 2: „Da es sich bei militärischen Fragen immer um Staatsangelegenheiten handelte, waren Itinerarien offizielle Dokumente der kaiserlichen Verwaltung, die oft keinen einzelnen, sondern vielmehr mehrere, aber nie namentlich bekannte Verfasser hatten, wie es z. B. das Itinerarium provinciarum Antonini Augusti mit seinem Namen ausdrückt.“ Ebenso S. 398.
[7] Ohnehin hat man den Eindruck, dass die durchaus passable Bibliographie (A 1-10 [sic]) nicht nur formal, sondern auch inhaltlich keinen Einzug in die Arbeit gefunden hat.
[8] S. 408: „Somit bewarte das IA [=Itinerarium Antonini] mit Gewißheit militärisch-politische Nachrichten aus der Mitte des 2. Jhs. […] Die Redaktion des IA erfolgte nachgewiesenermaßen erst nach 286.“
[9] Zu den zahlreichen Forschungsfragen vgl. jetzt: Talbert, Richard T., Author, Audience and the Roman Empire in the Antonine Itinerary, in: Haensch, Rudolf; Heinrichs, J. (Hrsg.), Herrschen und Verwalten. Der Alltag der römischen Administration in der Hohen Kaiserzeit, Köln u.a. 2007, S. 256–270; oder Salway, Benet, The Perception and Description of Space in Roman Itineraries, in: Rathmann, Michael (Hrsg.), Wahrnehmung und Erfassung geographischer Räume in der Antike, Mainz 2007, S. 181–209.
[10] Streckenbeschreibungen in milia passuum: Itin. Anton. 368,3–371,1; 375,1–376,1; 378,3–8; in Leugen: Itin. Anton. 254,3–256,3; 373,1–5.
[11] Hier eine kleine, aber durchaus repräsentative Auswahl: „Uralte Stadt in der Mitte von Sizilien“ (S. 114 zu Enna); „punische Stadt, bekannt durch Purpurfärbereien“ (S. 64 zu Chullu); „Hauptstadt der Pannonia Superior, mu[nicipium] durch Hadrian, col[onia] durch Septimius Severus“ (S. 205 zu Carnuntum); „25 v. Chr. gegründet von Augustus; 250 Bischofsstadt; bedeutende Ruinen“ (S. 301 zu Emerita Augusta [sic]). Wenn Löhberg sich schon mit den Datierungen einzelner Städte an einzelnen Routen beschäftigt, so hätte er gewinnbringend der interessanten Frage nach der möglichen Datierung der jeweiligen Streckenbeschreibung nachgehen können. Vermutlich wären hierbei spannende Ergebnisse zutage getreten.
[12] Dass Löhberg alle Meilensteine nach CIL XVII falsch zitiert, rundet das Bild des sorglosen Umgangs mit den Quellen ab. Dass zudem nur Miliarien aus dem CIL angeführt werden, ist bei dem Alter der meisten CIL-Bände nur noch fahrlässig zu nennen. Vgl. zum Stand der Arbeiten am CIL XVII vgl. Kolb, Anne, Römische Meilensteine: Stand der Forschung und Probleme, in: Frei-Stolba, Regula (Hrsg.), Siedlung und Verkehr im Römischen Reich. FS H. E. Herzig, Bern u. a. 2004, S. 135–155.
[13] Irrtümlich bezeichnet Löhberg den ND der Itinerarium-Antonini-Ausgabe von O. Cuntz aus dem Jahr 1990 als Neuauflage (S. 419); korrekt hingegen auf S. 398. Dieser Fall ist beispielhaft für die fehlende Abstimmung des Textes. Zum ND der Cuntz-Ausgabe vgl. Gnomon 65 (1993), S. 642–644.
[14] Talbert, Richard T. (Hrsg.), Barrington Atlas of the Greek and Roman World, Princeton u.a. 2000.
[15] Als Orientierungshilfe dienen die beiden lose beigegebenen Übersichtskarten des zweiten Bandes.
[16] So bietet Löhberg auf der Karte 11.2 für das heutige Köln „Ara Ubiorum“ und „Col. Claudia Ara Agrippinensium“. Beide Bezeichnungen erscheinen jedoch im Itinerarium Antonini nicht (254,4; 370,6; 373,5; 376,1; 378,8).

Zitation
Michael Rathmann: Rezension zu: : Das "Itinerarium provinciarum Antonini Augusti". Ein kaiserzeitliches Straßenverzeichnis des Römischen Reiches. Überlieferung, Strecken, Kommentare, Karten. Berlin  2006 , in: H-Soz-Kult, 14.02.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8820>.
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14.02.2008
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