Cover
Titel
Civil Society. Berlin Perspectives


Hrsg. v.
Keane, John
Erschienen
New York 2006: Berghahn Books
Umfang
X, 262 S.
Preis
$ 80.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrich Wyrwa, Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin

Der Begriff Zivilgesellschaft, der durch die Oppositionsbewegungen Ostmitteleuropas gegen die Diktaturen eine überraschende Renaissance erfahren hatte und nach der Wende von 1989/90 in den europäischen Sozialwissenschaften zu einer zentralen Kategorie wurde, hat in den letzten Jahren eine so enorme Ausweitung erfahren, dass er seine heuristischen Qualitäten zu verlieren droht – eine Gefahr, die in dem hier vorzustellenden Sammelband durchaus reflektiert wird.

So leitet Jürgen Kocka seinen begriffsgeschichtlichen Überblick zur Zivilgesellschaft in historischer Perspektive mit der Bemerkung ein, dass wissenschaftliche Begriffe einen spezifischen Lauf haben. Sie entstehen, verbreiten sich gelegentlich epidemisch, bis sie an den Rand gedrängt werden und veralten. Im Anschluss an diese selbstkritischen Reflektionen definiert Kocka Zivilgesellschaft als soziale Tätigkeit, als eine von Wirtschaft, Staat und Privatleben getrennte Sphäre sowie als utopisches Projekt, und geht schließlich den konkreten Beziehungen der zivilgesellschaftlichen Akteure zum Staat, zur Wirtschaft sowie zu Familie und Nation nach. In seinen begriffsgeschichtlichen Erläuterungen weist er zudem auf den bemerkenswerten Umstand hin, dass der Terminus „civil society“ im Deutschen als „Zivilgesellschaft“ rückübersetzt wurde, um die negativen Konnotationen des alten deutschen Begriffs „bürgerliche Gesellschaft“ zu vermeiden – mit der Folge, dass er seine sozial- und kapitalismuskritischen Bedeutungsebenen weitgehend verloren hat.

Ähnlich vorsichtig wie Kocka beginnt auch Herfried Münkler seinen Beitrag über die Aktualität des Begriffs Zivilgesellschaft mit der Bemerkung, dass besonders dann ein Missbrauch von Begriffen zu beobachten sei, wenn diese in die Hände von Politikern gerieten. Für Münkler ist der Gebrauch des Begriffs Zivilgesellschaft erstens eine Entlastungsformel angesichts des Versagens staatlicher Sozialpolitik; zweitens komme darin ein „verzweifeltes Wunschdenken“ angesichts ungelöster sozialer Probleme zum Ausdruck, und drittens hänge seine Verwendung mit der Krise der politischen Linken zusammen. Abschließend diskutiert Münkler das Verhältnis von Freiwilligkeit und Verpflichtung bürgerschaftlichen Engagements und arbeitet dessen integrative Funktionen heraus.

Die selbstkritischen Beobachtungen von Kocka und Münkler sind durchaus bezeichnend für den aktuellen Stand der Debatten um den Begriff der Zivilgesellschaft, und die Breite der in diesem Band behandelten Themen vermittelt einen Eindruck von der thematischen Ausweitung und der expandierenden Anwendung dieses Terminus. So untersucht Susanne- Sophia Spiliotis die Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft zur Entschädigung der Zwangsarbeiter als ein Phänomen der Zivilgesellschaft[1] und stellt dabei fest, dass Geschichte einen immer breiteren Raum im öffentlichen Leben einnimmt.

Paul Nolte verbindet in seinem Beitrag über das spannungsreiche Verhältnis von Zivilgesellschaft und sozialer Ungleichheit im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts geschichts- und sozialwissenschaftliche Perspektiven. Auf der einen Seite, so seine These, ist soziale Ungleichheit eine Voraussetzung für den Bestand einer Zivilgesellschaft; gleichzeitig können beide Dimensionen jedoch auch in Widerspruch zueinander treten. Nolte umreißt die historischen Erfahrungen in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert, gliedert die Entstehung und Entwicklung der Zivilgesellschaft in vier Phasen und diskutiert auf dieser Grundlage die aktuellen Probleme in Deutschland zwischen „Gemeinsinn“ und anwachsender sozialer Ungleichheit. Hans Joas und Frank Adloff wiederum beschreiben den Wandel der verschiedenen Milieus in der Gesellschaftsgeschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert als Veränderungen innerhalb der Zivilgesellschaft, und Sven Reichardt fragt nach dem in diesem Forschungsbereich weitgehend ausgeblendeten Verhältnis von Zivilgesellschaft und Gewalt. Nach einleitenden theoretischen Überlegungen geht er Protestverhalten und Terror, dem staatlichen Gewaltmonopol und Krieg in ihren jeweiligen Beziehungen zur Zivilgesellschaft nach und fragt, inwiefern ziviles Verhalten auch als Ergebnis historischer Lernprozesse analysiert werden muss. Gewalt, so Reichardts These, ist nicht nur das Gegenstück von zivilem Verhalten, sondern ebenso eine Vorbedingung entstehender Zivilgesellschaften. Mit dem Beitrag von Shalini Randeria über die „verwickelten Geschichten“ („entangled histories“) zwischen dem westlichen Begriff der Zivilgesellschaft und den sozialen Bindungen der Kasten im nachkolonialen Indien sind zudem Ansätze der Post-Colonial Studies vertreten.

Aktuelle politikwissenschaftliche Perspektiven eröffnend, fragt Claus Offe nach den Bedingungen der Möglichkeit einer europäischen Gesellschaft. Dabei reflektiert er, was Europa ist, und geht zugleich den Verschiedenheiten der Staaten und Gesellschaften in Europa nach. Europa muss, so Offes Fazit, erstens mehr sein als der Rahmen militärischer Sicherheit; es muss vielmehr aktiv für die soziale und ökonomische Sicherheit seiner Bürger sorgen. Zweitens müssen die Träger der europäischen politischen Macht die Möglichkeit erhalten, die dafür notwendigen Steuern zu erheben.

Aktuelle politische Konflikte betrachtet auch Dieter Rucht, der die Antiglobalisierungsbewegung als zivilgesellschaftliche Herausforderung des Neoliberalismus untersucht, der gegenwärtig herrschenden politischen Ideologie. Ralf Dahrendorf zeigt in seinem Abschlusskapitel, dass sich nur wenige Intellektuelle in dem von ihm so genannten Zeitalter des Totalitarismus, den mittleren Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, den „Versuchungen der Unfreiheit“ widersetzt und eine „Leidenschaft für die Vernunft“ bewahrt hätten. Als derartige „Erasmus-Intellektuelle“ hebt er insbesondere Raymond Aron, Hannah Arendt, Karl Popper und Isaiah Berlin hervor.[2]

Herausgegeben hat diesen Sammelband der Politikwissenschaftler John Keane, der mit seiner vor nahezu 20 Jahren erschienenen Studie über Demokratie und Zivilgesellschaft dazu beigetragen hat, diesen Begriff wieder in die wissenschaftliche Diskussion einzuführen.[3] Für den vorliegenden Band hat er Aufsätze und Vorträge zusammengestellt, die zuvor meist an verschiedenen Stellen auf Deutsch publiziert worden sind. In seiner Einleitung kritisiert Keane die in der bisherigen Forschung nicht hinreichend reflektierten Beziehungen zwischen der europäischen Stadtgeschichte und der Entstehung der Zivilgesellschaften. Er gibt daher einen Überblick zur Geschichte der Städte in Europa, der ihn zu Georg Simmels sozialphilosophischen Betrachtungen der Großstadt führt. Von dort geht Keane zu Hegel zurück, rekapituliert dessen Begriff der bürgerlichen Gesellschaft und stellt diesen in den Kontext der Berliner Stadtgeschichte. Im Anschluss daran beschreibt Keane in zum Teil recht blumigen Worten die aktuelle Situation Berlins. Dies mag seinem persönlichen Besuchseindruck geschuldet sein – dem Sammelband aber den Untertitel „Berlin Perspectives“ zu geben kann kaum überzeugen. Wenn gegenwärtig etwas spezifisch für Berlin ist, dann wäre es der Zusammenprall oder die eher missglückte Zusammenbindung von höchst gegensätzlich strukturierten Zivilgesellschaften, ein Thema, das in dem Band jedoch nicht thematisiert wird.

Zu dem nicht besonders plausiblen Untertitel kommt der zwar prägnante, aber nicht unproblematische Buchumschlag. Den Einband ziert ein Ausschnitt aus Ernst Ludwig Kirchners Bild „Potsdamer Platz“ von 1914, ohne dass dies belegt oder ein Bildnachweis dafür gegeben würde. Das Cover ist weder bildanalytisch noch thematisch eingebunden, sondern wird rein illustrativ verwendet.

Die paradoxe Situation, dass die Renaissance des Begriffs Zivilgesellschaft gerade in jenen Teilen Europas einsetzte, die sich heute durch einen bemerkenswerten Mangel an zivilgesellschaftlichem Engagement und durch eine damit zusammenhängende politische Instabilität auszeichnen, wird in dem Band nicht reflektiert. Schließlich bleibt dort wie in anderen Sammelbänden auch die Bedeutungsebene des Wortes „zivil“ als Gegensatz zu „militärisch“ unberücksichtigt, die im allgemeinen Sprachgebrauch wohl nach wie vor die erste semantische Ebene ist. Gleichwohl enthält der Band eine beeindruckende, durchaus repräsentative Auswahl aus der Fülle von Studien zum Thema Zivilgesellschaft, wie sie in den letzten Jahren in zahlreichen europäischen Ländern betrieben und vor allem auch am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung zusammengeführt worden sind. Da der Band in dessen Reihe „European Civil Society“ erschienen ist, hat der Untertitel „Berlin Perspectives“ doch eine gewisse Berechtigung.

Anmerkungen:
[1] Siehe früher bereits: Spiliotis, Susanne-Sophia, Verantwortung und Rechtsfrieden. Die Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft, Frankfurt am Main 2003 (rezensiert von Mark Spoerer: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-3-121>).
[2] Vgl. ausführlicher: Dahrendorf, Ralf, Versuchungen der Unfreiheit. Die Intellektuellen in Zeiten der Prüfung, München 2006 (rezensiert von Daniel Morat: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-3-050>).
[3] Keane, John, Democracy and Civil Society. On the Predicaments of European Socialism, the Prospects for Democracy, and the Problem of Controlling Social and Political Power, London 1988.

Zitation
Ulrich Wyrwa: Rezension zu: Keane, John (Hrsg.): Civil Society. Berlin Perspectives. New York  2006 , in: H-Soz-Kult, 01.03.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8859>.
Redaktion
Veröffentlicht am
01.03.2007
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