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Titel
"Places for the Displaced". Biographische Bewältigungsmuster von weiblichen jüdischen Konzentrationslager-Überlebenden in den USA


Autor(en)
Kittel, Sabine
Umfang
356 S., 4 farbige Karten
Preis
€ 58,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Johannes Schwartz, Universität Erfurt

Nachdem Linde Apel 2003 in ihrer Dissertation die Deportationswege und Haftbedingungen jüdischer Gefangener im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück im Hinblick auf die Haftkategorien und Zeitphasen in ihrer Vielfalt differenziert dargestellt hat[1], legte Rochelle G. Saidel 2004 ein Buch mit fast demselben Titel vor[2], das auf insgesamt 93 Interviews mit Ravensbrück-Überlebenden hauptsächlich aus den USA basierte, jedoch wissenschaftlichen Ansprüchen kaum genügte.[3] Vor diesem Hintergrund ist es das große Verdienst Sabine Kittels, ihre lebensgeschichtlichen Interviews mit jüdischen Ravensbrück-Überlebenden in den USA nicht nur sensibel, sondern auch wissenschaftlich anspruchsvoll ausgewertet zu haben. Dabei schöpft sie den Zeitrahmen, den die Lebenswege vorgeben, vollständig aus. Neben den Verfolgungsstationen und den Deportationswegen der von der deutschen Besatzungsmacht und den nationalsozialistischen Behörden verfolgten jüdischen Frauen (S. 93-132), thematisiert sie die Lebensbedingungen der Gefangenen im Frauen-KZ (S. 133-166), deren Befreiung (S. 167-187), die Rückkehr der Frauen in ihre Herkunftsländer (S. 187-205, S. 208-212), deren zwischenzeitliche Zuflucht in Schweden und Israel (S. 200, S. 205-208) und die Integration in den USA (S. 215-302). Damit leistet Kittel wichtige Beiträge zu ganz unterschiedlichen Forschungsfeldern.

Zum Ersten nimmt sie zu der Frage Stellung, ob es spezifisch weibliche Überlebensstrategien im Konzentrationslager gegeben habe.[4] Sie kritisiert die von Joy E. Miller[5] und Myrna Goldenberg[6] vertretene These, dass weibliche KZ-Gefangene eine geschlechtsspezifische Befähigung zum „bonding“ (Zusammenhalten) und zur gegenseitigen Fürsorge gehabt hätten. Solche Ansätze würden „sozialwissenschaftliche Argumente mit ahistorischen und biologistischen Annahmen“ vermengen (S. 19). Dabei leugnet sie keinesfalls, dass es zwischen Familienmitgliedern unter den Gefangenen und auch darüber hinaus Formen der gegenseitigen Unterstützung gab. Diese Solidarität hatte aber ihre „Kehrseite“ (S. 165): „Die Häftlinge, die sich in einer Gemeinschaft organisierten, konnten andere davon ausschließen und oftmals sogar ausnutzen." (S. 149) In überzeugender Weise gelingt es ihr, diese Grenzen der Häftlingssolidarität sichtbar zu machen. Sie verweist dabei auf den erheblichen Einfluss der Lagerbedingungen: „Die Häftlinge lebten jenseits von Handlungsspielräumen in einer Welt der ’choiceless choice’.“[7] (S. 166) Allein diese Formulierung übersieht, dass Linde Apel in ihrer Studie die „Handlungsräume“ von jüdischen KZ-Gefangenen als Form der „Selbstbehauptung“ in überzeugender Weise herausgearbeitet hat.[8]

Zum Zweiten leistet Kittel einen Beitrag zu den Studien zur Befreiung und zum Weiterleben von Holocaust-Überlebenden. Ähnlich wie Simone Erpel in ihrer Untersuchung zum Kriegsende in Ravensbrück[9] betont Sabine Kittel den Prozesscharakter der Befreiung. Sie schildert das Umherirren und die Orientierungslosigkeit der Gefangenen unmittelbar nach Kriegsende, das Fortdauern der Armut, der Ängste, z.B. vor Vergewaltigungen durch russische Soldaten, und des Antisemitismus in Ungarn. Die Frage nach dem „Bedürfnis nach Rache“ bei den Überlebenden in der unmittelbaren Nachkriegszeit kann Sabine Kittel auf Grundlage heutiger Interviews nicht mehr klären. Da aber kaum Berichte über Vergeltungstaten vorliegen, schlussfolgert sie, dass die Überlebenden nicht so handeln wollten wie ihre einstigen Verfolger (S. 189). Die von Angelika Königseder und Juliane Wetzel geprägte Metapher des „Wartesaals“ für die DP-Lager[10] begreift sie in einer zeitlich und räumlich größeren Dimension: An ihren Heimatorten warteten die Überlebenden vergeblich auf ihre verstorbenen Familienangehörigen und im als „Konzentrationslager“ empfundenen britischen Internierungslager in Zypern auf ihre Einreise nach Israel.

Das dritte Forschungsfeld, zu dem Sabine Kittel neue Erkenntnisse beiträgt, ist die Frage nach den Formen der Integration von Holocaust-Überlebenden in den USA. Dabei zeigt sie zunächst die Schwierigkeiten auf, die das Ankommen in einer neuen Gesellschaft für die Überlebenden bedeutete: Sie plagten sich mit Minderwertigkeitskomplexen und den auch von Aaron Hass[11] beschriebenen Schuldgefühlen. Den Überlebenden wurden zwar Angebote der Integration gemacht, die große Mehrheit der amerikanischen Gesellschaft zeigte jedoch kein „Interesse an den gebrochenen Schicksalen der Überlebenden“ (S. 224f.). Beruflich konnten die weiblichen KZ-Überlebenden zum Teil an Qualifikationen aus der Vorkriegszeit anknüpfen, definierten ihren Erfolg in der amerikanischen Gesellschaft jedoch meist geschlechtsspezifisch über ihre Ehemänner und Kinder. Aus diesem Grunde plädiert Kittel für eine „Feminisierung“ (S. 262) des von William B. Helmreich für die Integration der Holocaust-Überlebenden in den USA geprägten „Erfolgs“-Begriffs[12], den sie um „die reproduktiven Anteile des Integrationsprozesses“ (S. 263) modifiziert: „Nicht allein Karriere oder Wohlstand stellen die Kriterien für Erfolg dar, sondern im selben Maße die Sicherung familiärer Strukturen sowie kultureller Traditionen und religiöser Werte.“ (S. 263)

Diese Formulierung darf aber nicht den Eindruck erwecken, Sabine Kittel gehe von einem einheitlichen Erfolgskonzept aus. Vielmehr gelingt es ihr, die Bandbreite und Gegensätzlichkeit der weiblichen, jüdischen Selbstfindungsprozesse in den USA sichtbar zu machen. Ihre Studie erfasst einerseits Frauen, die ihren Glauben im Konzentrationslager verloren haben, den ethnischen „melting pot“ und die religiöse Freiheit in den USA lieben, sich aber trotzdem zu einer „jüdischen Identität als kulturellem und historischem Zusammenschluss“ (S. 275) bekennen. Anderseits wird eine chassidische Jüdin porträtiert, die streng religiös in Form einer „mobilen Heimat“ (S. 273) zwischen Brooklyn und Jerusalem lebt. Gemeinsam ist allen Interviewpartnerinnen, dass sie die zunehmende öffentliche Thematisierung des Holocaust in den USA seit den 1990er-Jahren als „späte Anerkennung“ (S. 302) ihres Schicksals erfahren. Zwar ist mit der „Popularisierung des Themas“ die Gefahr der Vermengung von aus Büchern und Filmen gewonnen Informationen mit dem Selbst-Erlebten verbunden, doch viele Überlebende, die lange schwiegen, finden heute endlich eine Sprache, um ihre Erlebnisse zu schildern.

Insgesamt macht Kittel mit den nach dem Prinzip der „maximalen Unterschiede“ (S. 85) ausgewählten zehn biografischen Fallstudien nicht nur Gegensätze und Gemeinsamkeiten, sondern auch die Zwischentöne und Brüche in der retrospektiven Lebensbetrachtung der KZ-Überlebenden sichtbar. Die Interviews werden auf Grundlage des aktuellen Forschungsstands quellenkritisch genau, prägnant und plastisch zusammengefasst. Insbesondere Kittels feinfühlige Interpretation der geschilderten Ängste und Selbstzweifel der Frauen verweist in eindrucksvoller Weise auf das weit reichende Potential der wissenschaftlichen Methode der Oral History, die gerade die Vielschichtigkeit, Mehrdeutigkeit und Komplexität der zurückblickenden biografischen Selbstreflexion kenntlich machen kann. Sabine Kittel demonstriert diese Möglichkeiten der Oral History in beeindruckender Weise und regt damit zu weiteren derartigen Forschungsprojekten an.

Anmerkungen:
[1] Apel, Linde, Jüdische Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück 1939-1945, Berlin 2003; Vgl. dazu die Rezension in: ravensbrückblätter 117 (2003), S. 18, online unter:
<http://www.ravensbrueckblaetter.de/alt/rb_blaetter.html>, (22.01.2008).
[2] Saidel, Rochelle G., The Jewish Women of Ravensbrück Concentration Camp, Madison/Wisconsin 2004.
[3] Vgl. dazu die Rezension von Neander, Joachim, in: German Studies Review XXVIII (2005), 3, S. 665ff.
[4] Leider fehlt hier jedoch eine Auseinandersetzung mit: Pfingsten, Gabriele; Füllberg-Stolberg, Claus, Frauen in Konzentrationslagern – geschlechtsspezifische Bedingungen des Überlebens, in: Herbert, Ulrich; Karin, Orth; Dieckmann, Christoph (Hrsg.), Die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Entwicklung und Struktur, Bd. 2, Göttingen 1998, S. 911-939.
[5] Miller, Joy E., Love carried me home: Women surviving Auschwitz, Deerfield Beach/FL 2000.
[6] Goldenberg, Myrna, The Experiences of Jewish Women in the Holocaust, in: Sacks, Maurie (Hrsg.), Actives Voices. Women in Jewish Culture, Chicago 1995, S. 94-108.
[7] Diese Formulierung übernimmt sie von Langer, Lawrence, Holocaust Testimonies: The Ruins of Memory, New Haven, London 1991, S. 83.
[8] Vgl. Apel (wie Anm. 1), S. 199-242.
[9] Erpel, Simone, Zwischen Vernichtung und Befreiung. Das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück in der letzten Kriegsphase, Berlin 2005, S. 10.
[10] Königseder, Angelika; Wetzel, Juliane (Hrsg.), Lebensmut im Wartesaal. Die jüdischen DPs im Nachkriegsdeutschland, Frankfurt/Main 1994.
[11] Hass, Aaron, The aftermath: living with the Holocaust, Cambridge/New York 1996.
[12] Helmreich, William B., Against all Odds: Holocaust Survivors and the Successful Lives they made in America, New Brunswick 1996.

Zitation
Johannes Schwartz: Rezension zu: : "Places for the Displaced". Biographische Bewältigungsmuster von weiblichen jüdischen Konzentrationslager-Überlebenden in den USA. Hildesheim  2006 , in: H-Soz-Kult, 31.01.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8861>.
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Veröffentlicht am
31.01.2008
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