M. Heidenreich: Heyne und die Alte Geschichte

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Titel
Christian Gottlob Heyne und die Alte Geschichte.


Autor(en)
Heidenreich, Marianne
Erschienen
München 2006: K.G. Saur
Umfang
647 S.
Preis
€ 110,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Matthias Willing, Marburg

Zu den Protagonisten der deutschen Klassik gehört Christian Gottlob Heyne (1729-1812). Wissenschaftshistorisch folgt er dem berühmten Archäologen und Kunstgelehrten Johann Joachim Winckelmann, während er seinerseits Vorgänger des Humanisten Wilhelm von Humboldt war. Als Sohn eines Leinewebers in Chemnitz geboren, studierte Heyne in Leipzig und schloss dort seine Ausbildung 1752 mit der juristischen Dissertation "De jure praediatorio" (Über das Güterpfandrecht) ab. Danach begab er sich als Kopist nach Dresden in die Dienste des Grafen Brühl, des sächsischen Premierministers. Während des Siebenjährigen Krieges folgten Wanderjahre mit unterschiedlichen Stationen. Schließlich ließ sich Heyne 1763 als Professor der Dichtkunst und der Beredsamkeit in Göttingen nieder. Dort erlangte er als Herausgeber antiker Texte, akademischer Lehrer, Leiter des philologischen Seminars und der Universitätsbibliothek, Sekretär der Sozietät der Wissenschaften und Redakteur der Göttingischen Gelehrten Anzeigen großes Ansehen, das nicht auf Deutschland beschränkt blieb. Diese wissenschaftliche Reputation wirkte über seinen Tod hinaus, was vor allem auf seinen Schüler und Schwiegersohn Arnold Hermann Ludwig Heeren zurückzuführen ist, der im Jahr 1813 eine umfassende Biografie des großen Göttinger Philologen vorlegte.

Heynes Arbeitsgebiet war umfassend, sein Wissenshorizont weit gespannt. Neben der Dichtererklärung, der Mythologie und der Archäologie gehörte zu seiner Beschäftigung auch die "Alterthumskunde". An diesem Punkt setzt die Dissertation von Marianne Heidenreich ein, die 2005 an der Universität Bonn bei Gerhard Wirth angenommen wurde. Sie widmet sich der Untersuchung der Publikationen Heynes, die sich eindeutig einer althistorischen Thematik zuordnen lassen. Bedenkt man, dass es seinerzeit noch keine Althistorie im heutigen Sinne gab und Heyne ein durchaus anderes Verständnis von den Zeiten, Räumen und Gegenständen des Altertums hatte, dann wird das methodische Problem der vorliegenden Untersuchung deutlich. Hinsichtlich der Herangehensweise favorisiert Heidenreich offenbar das Modell einer "diachrone(n) Darstellung": "Heyne wird vom Streckbrett des ‚schon - noch nicht’ befreit und kann sich, mit Zopf und Perücke, in der Umgebung zeigen, in die er gehört" (S. 22).

Nach einer Einleitung, in der Wertungen über Heyne sowie der Aufbau der Arbeit dargelegt werden, folgt ein biografischer Teil über das Leben des Hauptdarstellers. Im Hinblick auf die späteren altertumswissenschaftlichen Studien ist hervorzuheben, dass Heyne in der Schulzeit sehr gute Kenntnisse in Latein und Griechisch sowie eine ausgezeichnete Allgemeinbildung erwarb. Zu ersten Meriten auf dem Gebiet der Antike-Forschung kam er 1755/56 durch die Publikation einer Tibull- und einer Epiktet-Ausgabe. Seit 1761 war der Gelehrte mit Therese Weiß verheiratet, mit der er drei Kinder hatte und die 1775 nach langer Krankheit starb. 1777 schloss er eine zweite Ehe mit Georgine Brandes, aus der sechs Kinder hervorgingen. Soweit es die Informationen zulassen, zeigt sich der "private" Heyne im fortgeschrittenen Alter als vorwiegend glücklicher Patriarch, dem die Familie mit Respekt begegnete.

Der Hauptteil der Dissertation, der sich in fünf Kapitel gliedert und insgesamt fast 500 Seiten umfasst, ist der Untersuchung von Heynes umfangreichem Schrifttum gewidmet. Das erste dieser Kapitel ("Die Erklärung der Dichter") untersucht das Programm des akademischen Lehrers Heyne. Das zentrale Anliegen des Professors für Beredsamkeit und Dichtkunst bestand darin, durch Lektüre der alten Literatur einen Beitrag zur ästhetisch-moralischen Erziehung der Studenten zu leisten. Ausführlich behandelt wird Heynes Vergil-Ausgabe, die in vier Bänden zwischen 1767 und 1775 erschien. Heyne stellte darin Vergil auf eine Stufe mit Homer und lobte immer wieder die dichterische Sprache und Poesie des Römers. Obwohl das Opus magnum in der Fachwelt vielfach auf Kritik stieß, begründete es doch Heynes Ruhm bei den Zeitgenossen und in der Nachwelt.

Das zweite große Kapitel beleuchtet "Die Allgemeine Weltgeschichte", die im englischen Original einen Umfang von 26 Foliobänden besaß und von Heyne bearbeitet wurde. Der Erkenntniswert des Werkes für die Wissenschaftsgeschichte liegt nicht in der deutschen Übersetzung, die wahrscheinlich von einer anderen Person stammt, sondern in Heynes Kommentaren. Diese teilweise längeren Einfügungen lassen die intensive Beschäftigung mit einigen Bereichen der älteren Geschichte Europas und die Konturen seiner Geschichtskonzeption erkennen. Wie Heidenreich darlegt, wies der Göttinger Gelehrte der Universalhistorie lediglich die Rolle einer Dienerin der übrigen Wissenschaften zu, womit er sich in einen deutlichen Gegensatz zu seinem bekannten Kollegen August Ludwig Schlötzer setzte. Der Schwerpunkt von Heynes Ergänzungen, mit denen er einige Lücken in der Weltgeschichte schließen wollte, lag auf der frühen Geschichte verschiedener Völker und Länder. Das besondere Interesse richtete sich dabei auf die Anfänge der griechischen Geschichte sowie auf das Volk der Kelten.

Das dritte Kapitel thematisiert "Die Universitätsprogramme", deren Erstellung zu den Aufgaben Heynes als Professor für Beredsamkeit gehörte. Bei diesen Programmen handelte es sich um kurze Schriftstücke, die in lateinischer Sprache abgefasst waren und die zu einer akademischen Feier einluden. Die 126 Texte dieser Gattung, die von Heyne vorliegen, lassen sich in drei Gruppen einteilen: zum ersten diejenigen, bei denen das wissenschaftliche Interesse im Vordergrund steht; zum zweiten diejenigen, die allgemeine Betrachtungen zu Moral, Gesellschaft oder Wissenschaftsbetrieb sowie den daraus zu ziehenden Lehren bieten; zum dritten diejenigen, in denen die Tagespolitik in Beziehung zur alten Welt gesetzt wurde. In den Universitätsprogrammen treten vor allem die politischen Ansichten des Göttinger Gelehrten zu Tage. Die wichtigste Aufgabe des Staates sah er in der Sicherung der Freiheit. Eine Vorbildfunktion nahmen für Heyne die alten Griechen ein, weil sie als weise Gesetzgeber hervortraten und die Voraussetzungen für ein moralisch gutes und glückliches Leben der Menschen schufen. Des Weiteren hing er dem Ideal der Frugalität an und verurteilte den Luxus. Die Französische Revolution wurde von Heyne begrüßt, die Jakobiner jedoch missbilligt. Die damals weit verbreitete bellizistische Strömung, die den Krieg als Förderer der Kultur pries, lehnte er entschieden ab und verwies als historisches Beispiel auf den Alexanderzug.

In dem vierten Kapitel wendet sich Heidenreich Heynes Rezensionen in den Göttingischen Gelehrten Anzeigen zu. Da über 6.500 Werke dieses Genres zu verzeichnen sind, werden anhand von fünf Jahrgängen einige charakteristische Beiträge des Philologen erörtert. Die Rezensionen zur alten Geschichte behandeln die griechischen und römischen "Alterthümer" unter Einschluss der Inschriften, Münzen, "Ueberbleibsel" und Kunstwerke. Bei den Ausführungen über die antiken Schriftsteller treten nach heutigem Maßstab Vorzüge wie Defizite der Geschichtsbetrachtung Heynes hervor. Vergleichsweise kritisch war sein Blick auf die römischen Quellen über den karthagischen Rivalen, deren Parteilichkeit er klar erkannte. Weniger plausibel wirkt hingegen seine Einschätzung, die Endphase der römischen Republik sei "die einzige Periode der Weltgeschichte, die ausführlich studiert werden kann, da hier die Gesinnungen, Absichten und Handlungen der Personen entwickelt werden können" (S. 374). Ausführlicher befasste sich Heyne in den Rezensionen mit den "dunklen Zeiten der Geschichte", also mit Gebieten und Perioden, über die kaum etwas bekannt war und über die nur wenige Informationsquellen vorlagen. Vor allem Indien weckte diesbezüglich sein Interesse.

Das fünfte Kapitel analysiert "Die Sozietätsabhandlungen" des Göttinger Philologen. Ausführlich werden in dem Abschnitt die Themen Mythologie und Religion untersucht, die einen hohen Stellenwert in seinem wissenschaftlichen Œuvre einnahmen. Dem Ursprung von Mythen und Religionen wird ebenso nachgegangen wie der Entstehung der griechischen Mythologie und der frühen Geschichte der griechischen Welt. Darüber hinaus richtet sich der Fokus der Dissertation auf Heynes Sozietätsabhandlungen über die Etrusker, die Quellen Diodors, das antike Sparta und die Kunst in Konstantinopel. Auf den fünfgliedrigen Hauptteil folgt ein "Schluß", der eine Bilanz der Untersuchung zu ziehen sucht. Die Studie klingt mit einem chronologisch angeordneten Verzeichnis der Schriften Heynes, einem Literaturverzeichnis sowie einem Personenverzeichnis aus.

Heidenreichs Werk besticht in ihrem Hauptteil mit den fünf zentralen Kapiteln durch eine akribische Analyse der verschiedenen und umfangreichen Schriften Heynes. Bewundernswert sind hier nicht nur der immense Fleiß der Autorin, sondern auch die umfangreichen Kenntnisse, die die jahrelange Beschäftigung mit dem Untersuchungsgegenstand widerspiegeln. Neben dieser Kärrnerarbeit ist auch das Personenverzeichnis zu würdigen, das in der Regel zuverlässig ist.[1] Nicht zuletzt bewegt sich die Untersuchung hinsichtlich der formalen Gestaltung auf einem ansprechenden Niveau.[2] Abstriche sind allerdings bei der Einleitung, der Biografie Heynes und dem "Schluß" zu machen. Diese "äußeren" Teile, die die fünf zentralen Kapitel umrahmen, wirken wie nachträglich angefügt und fallen im Niveau etwas ab. Die Einleitung reißt zwar einige Probleme an, bleibt jedoch hinsichtlich der Erkenntnis leitenden Fragestellung eher vage. Die Erläuterungen über die Quellenlage sind ergänzungsbedürftig. Beispielsweise hätten die erwähnten Briefwechsel und die "Memoirenliteratur" (S. 27) durch Fußnoten belegt werden können. Auch wären Auskünfte darüber wünschenswert gewesen, ob in Chemnitz, Leipzig, Wittenberg oder Göttingen noch ungedruckte Materialien von oder über Heyne vorhanden sind. In der Biografie werden die Familie Heynes (Eltern und Geschwister) nahezu ausgeklammert, über die letzten Lebensjahre und seinen Tod erfährt man nichts. Der "Schluß" der Studie begnügt sich mit wenigen Ausführungen, die insgesamt nur drei Seiten umfassen. Hier hätte man sich eine ausführlichere Zusammenfassung der Arbeitsergebnisse gewünscht. Zudem wäre es sinnvoll gewesen, die gewonnenen Resultate über den "Althistoriker" Heyne mit den Wertungen der Forschungsliteratur, die in der Einleitung wiedergegeben wurden, in Beziehung zu setzen. Dadurch hätte die Frage nach Heynes Stellung in der Geistes- oder Wissenschaftsgeschichte (S. 21) klarer beantwortet werden können. Trotz dieser Einschränkungen darf die Dissertation von Marianne Heidenreich als die nunmehr beste Einführung in die altertumswissenschaftliche Gedankenwelt des großen Göttinger Gelehrten gelten, die ein bislang vernachlässigtes Forschungsfeld in großem Umfang erschließt.

Anmerkungen:
[1] Kleinere Monita liegen z.B. bei August dem Starken (S. 87), Dido (S. 135), Spartacus (S. 370), August Gottlieb Richter (S. 422), Christian Felix Weisse (S. 423) sowie Aischylos und Pindar (S. 547) vor.
[2] Gewöhnungsbedürftig sind das Fehlen von Leerzeichen nach Abkürzungen sowie die Verwendung von alten Bezeichnungen ohne Gänsefüßchen (z.B. "Publicisten", "Churfürstin", "Alterthumswissenschaften").

Zitation
Matthias Willing: Rezension zu: : Christian Gottlob Heyne und die Alte Geschichte. München  2006 , in: H-Soz-Kult, 05.03.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8915>.
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Veröffentlicht am
05.03.2007
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