Cover
Titel
Baracke 38. 237 Tage in den "Judenblocks" des KZ Sachsenhausens


Autor(en)
Szalet, Leon
Erschienen
Berlin 2006: Metropol Verlag
Umfang
499 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Juliane Brauer

„Schon bei meiner Einlieferung in Sachsenhausen hatte ich beschlossen, Augen und Ohren offen zu halten. Falls es mir vergönnt sein würde, die Hölle lebend zu verlassen, wollte ich über meine Beobachtungen berichten. Das war ein Gelübde“ (S. 210). Mit dieser Begründung zur nachträglichen Dokumentation von acht Monaten in den jüdischen Baracken des Konzentrationslagers Sachsenhausen schrieb der am 13. September 1939 als polnischer Jude in Berlin verhaftete Intellektuelle und Kaufmann Chaim Leib (Leon) Szalet den wohl authentischsten Bericht über Alltagswahrnehmungen und Empfindungen im reichsdeutschen „Musterlager“ Sachsenhausen aus jüdischer Perspektive.[1] Mit der ihm sprachlich eigenen „beklemmenden Fassungslosigkeit“ (S. 7) – wie es im posthum veröffentlichten Vorwort von Paul Spiegel heißt – liegt in deutscher Sprache ein Überlebenszeugnis vor, das für ein interessiertes Laienpublikum und historisch Forschende gleichermaßen eine grundlegende Lektüre darstellen sollte.

Als nunmehr dritter Band erschien der Bericht Leon Szalets in rascher Folge in der von der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten herausgegebenen Reihe ÜberLebenszeugnisse.[2] Die Entscheidung für eine solche Reihe kann nicht hoch genug gelobt werden. So bleiben die eindrücklichsten Selbstzeugnisse zukünftig nicht mehr nur den in Archivrecherchen bewanderten Historikern vorbehalten sondern erreichen auch einen breiteren Leserkreis, für den die Berichte entstanden sind. Die Voraussetzung zur vielseitigen Rezeption ist mit der nur vorsichtig korrigierenden und systematisierenden Edition von Winfried Meyer gegeben. So erleichtert die von Meyer vorgenommene inhaltliche Feingliederung das gezielte Lesen und Arbeiten mit dem Bericht sehr. Das ursprüngliche Manuskript war einzig in die unkonkreten Teile „Erstickung“, „Überfälle“ und „Arbeit“ gegliedert. Die nunmehr circa 15 Seiten umfassenden Zwischenkapitel wurden mit Überschriften versehen, die sehr genau die Inhalte der Beschreibungen Szalets aufgreifen. Kapitelbezeichnungen wie „Channukka“, „Schatten und Licht“ oder „Polnische Priester und Professoren“ ermöglichen eine umfassende Orientierung über die Vielschichtigkeit der Darstellung und erleichtern die gezielte Suche nach bestimmten Aspekten des Lageralltages. In seinen Anmerkungen kommentiert Winfried Meyer im Bericht erwähnte Personennamen, Ortshinweise, Vorfälle und schwer verständliche Querverweise. Darüber hinaus nimmt Meyer eine Einordnung in den historischen Kontext vor. Leider fristet dieses unerlässliche Glossar am Ende des Berichtes ein Schattendasein. Im Sinne der besseren Lesbarkeit wäre eine Fußnotenkommentierung durchaus gerechtfertigt gewesen.

Darüber hinaus stellt Meyer in seinem sorgfältig recherchierten Nachwort den Lebensweg des Verfassers und die Entstehung des Manuskriptes dar. Leon Szalet wurde nach 237 Tagen grausamster Haft aufgrund intensivsten Bemühens seiner Tochter entlassen. Beide emigrierten sofort über Schanghai in die USA. Während in Polen die Massenvernichtung der europäischen Juden seinen Höhepunkt erreichte, schrieb Szalet seinen Bericht in den Jahren 1942 bis 1944 entsprechend seinem „Gelübde“ nieder. Seine detaillierten Beschreibungen der Funktionshäftlinge und SS-Blockführer sowie ihrer Verbrechen sollten der zukünftigen Strafverfolgung der Täter dienen. Anfang 1946 erschien eine deutlich kürzere Fassung des Berichtes in englisch mit dem Titel „Experiment ‚E’. Report from an Extermination Laboratory“, wobei „E“ für Extermination stand und damit die Kontinuität zu den Vernichtungsaktionen in den polnischen Lagern verdeutlichen sollte. Eine Veröffentlichung des deutschen Manuskriptes konnte trotz vielseitiger Unterstützung und regen öffentlichen Interesses nicht realisiert werden. Eine Kopie des deutschen Originalmanuskriptes gelangte in den 1990er-Jahren in das Archiv der Gedenkstätte Sachsenhausen. Knapp 50 Jahre nach dem Tode des Dokumentaristen liegt nun sein Vermächtnis der Öffentlichkeit vor. Der von Szalet gewählte deutsche Titel „Kein Frieden den Frevlern“ wurde in der Edition in „Baracke 38“ geändert, - ein Titel, der wegen seiner historischen und zeitgenössischen Vieldeutigkeit klug gewählt wurde. So steht die Baracke 38 als eine der drei „Judenbaracken“ zum einen als Synonym für die grausame „Sonderbehandlung“ der jüdischen Gefangenen in Sachsenhausen. Zum zweiten stellt genau diese Baracke durch ihre fast völlige Zerstörung durch einen rechtsextremistischen Brandanschlag im Jahr 1992 ein Mahnmal für die anhaltende Bedrohung dar, die vom gegenwärtigen Antisemitismus ausgeht. Zum dritten befindet sich heute darin die Dauerausstellung zu den jüdischen Gefangenen in Sachsenhausen.

Der Überlebensbericht Szalets überzeugt vor allem durch seine sprachliche Eindringlichkeit und seine zeitnahe Intensität. Als Augenzeuge dokumentierte Szalet die wohl schlimmsten Monate für die jüdischen Gefangenen im KZ Sachsenhausen vom September 1939 bis zum Frühjahr 1940. Obwohl nicht als Tagebuch entstanden, erweckt die Detailgenauigkeit und die innere Vergegenwärtigung des Geschehens, vor allem aber die tatsächlich tageweise Beschreibung der ersten und grausamsten 17 Tage in den jüdischen Baracken den Eindruck, dass der Bericht aus zeitgleich entstandenen Notizen hervorging. So steht er in seinen plastischen Schilderungen des emotionalen und körperlichen Leidens der Gefangenen, in seinem Bemühen, die Mechanismen des Lagers und das Funktionieren von Herrschaft und Gewalt anhand der Charakterisierung der Funktionshäftlinge und SS-Blockführer zu fassen dem Tagebuch des norwegischen Gefangenen Odd Nansen in nichts nach.[3]

Leon Szalets eindringliches Selbstzeugnis unterstützt darüber hinaus die von Jürgen Matthäus aufgestellte These von der „Kontinuität antisemitischer Gewalt wie auch ihre Weiterentwicklung in Richtung des organisierten Mordes.“[4] So werden nicht nur die perfiden Mechanismen psychischer Gewalt mit der gewollten Inkaufnahme des Todes der Gefangenen illustriert. Vor allem dokumentiert der Bericht die Wahrnehmungen und das emotionale Erleben der Todgeweihten. „Es wurde uns immer klarer, dass die Torturen, denen wir unterworfen waren, gar nicht Ausgeburt einer krankhaften Phantasie der Blockführer waren, sondern Teil eines genau festgelegten Zermürbungs- und Vernichtunsgplanes“ (S. 62). Mit dieser authentischen Sprache für die psychischen Qualen der Gefangenen einerseits und der sehr detaillierten Beschreibung der Täter und ihrer Gewaltaktionen dient dieser Bericht als kaum zu überschätzende Quelle. Darüber hinaus sind es gerade die emotional berührenden Beschreibungen von Hoffnungslosigkeit, aber auch Sehnsucht, die jedem Interessierten einen intensiven Einblick in die Situation von Gefangenschaft und Unterdrückung gewährleisten. Die Euphorie Szalets beispielsweise bei der Beschreibung der belebenden Wirkung des Lichtes nach Wochen der Isolation und der Dunkelheit rührt zutiefst und sensibilisiert den Leser für die kaum vorstellbaren Entbehrungen der Gefangenen.

Diese Originalität des Berichtes in Zusammenhang mit seiner leserfreundlichen Aufarbeitung lässt eine zukünftige Rezeption im Geschichtsunterricht wünschenswert erscheinen. Darüber hinaus ließe er sich in der Gedenkstättenpädagogik komplementär zur CD-ROM „Gegen das Vergessen – Häftlingsalltag im KZ Sachsenhausen 1936-1945“ nutzen.[5] Letztlich ermöglicht die zum größten Teil dokumentarische Genauigkeit des Berichtes einen Gebrauch als historische Quelle zur Erforschung von Alltagswahrnehmungen und -bewältigungen im Konzentrationslager. In diesem breiten Rezeptionsangebot ist die zukünftig noch wachsende Bedeutung von aufgearbeiteten Erinnerungsberichten zu sehen. Man darf gespannt darauf sein, wie die Reihe „ÜberlebensZeugnisse“ der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten fortgesetzt wird.

Anmerkungen:
[1] Ähnlich genau und dicht lesen sich die weniger ausführlichen Erinnerungen von: Reichmann, Hans, Deutscher Bürger und verfolgter Jude, Novemberpogrom und KZ Sachsenhausen, bearbeitet von Michael Wildt, München 1998, der seine Wochen in Haft im Herbst/Winter 1938 beschrieb.
[2] Band 1: Oren-Hornfeld, Saul, Wie brennend Feuer. Ein Opfer medizinischer Experimente im Konzentrationslager Sachsenhausen erzählt, Berlin 2005. Band 2: Batsheva, Dagvan, Gesegnet sei die Phantasie – verflucht sei sie! Erinnerungen von „Dort“, Berlin 2005.
[3] Nansen, Odd, Von Tag zu Tag, Hamburg 1949 (Neuausgabe 2004).
[4]Matthäus, Jürgen, Verfolgung, Ausbeutung, Vernichtung. Jüdische Häftlinge im System der Konzentrationslager; in: Morsch, Günter; Nieden, Susanne zur, Jüdische Häftlinge im Konzentrationslager Sachsenhausen 1936-1945, Berlin 2004, S. 64-90, hier S. 76.
[5] „Gegen das Vergessen – Häftlingsalltag im KZ Sachsenhausen 1936-1945“, Systema in der United Soft Media Verlag GmbH, hrsg. von der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, 2002.

Zitation
Juliane Brauer: Rezension zu: : Baracke 38. 237 Tage in den "Judenblocks" des KZ Sachsenhausens. Berlin  2006 , in: H-Soz-Kult, 05.04.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8920>.
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05.04.2007
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