S. Schürmann: Dornröschen und König Bergbau

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Titel
Dornröschen und König Bergbau. Kulturelle Urbanisierung und bürgerliche Repräsentationen am Beispiel der Stadt Recklinghausen (1930-1960)


Autor(en)
Schürmann, Sandra
Erschienen
Paderborn 2005: Schöningh
Umfang
325 S.
Preis
€ 38,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Philipp Springer, Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst

Mit einem Märchen hat die Geschichte Recklinghausens im 20. Jahrhundert – wie der schöne Titel „Dornröschen und König Bergbau“ vermuten lassen könnte – wahrlich nichts zu tun. Vielmehr war die am nördlichen Rand des Ruhrgebiets – bzw. nach der Definition der örtlichen bürgerlichen Eliten: am südlichen Rand des Münsterlandes – gelegene Stadt ein Ort des heftigen Ringens um die Bedeutung und Folgen der Industrialisierung. Dies gilt, wie Sandra Schürmann in ihrer an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster 2003 abgeschlossene Dissertation untersucht, nicht nur im Hinblick auf die seit den 1970er-Jahren in der Ruhrgebietsforschung behandelten politik- und sozialgeschichtlichen Fragestellungen. Schürmann richtet vielmehr ihren Blick auf die „kulturelle Urbanisierung“, um auf diese Weise einen Beitrag zur mentalitäts- und kulturgeschichtlichen Erweiterung der Urbanisierungsforschung zu leisten.

Im Zentrum steht die Frage, in welcher Form und unter welchen Veränderungen die bürgerlichen Eliten ihre Stadt nach innen und außen repräsentiert, also Recklinghausen „definiert, dargestellt, gestaltet und wahrgenommen“ haben (S. 1). Die Untersuchung bleibt dabei jedoch nicht stehen. Vielmehr begreift Schürmann die Repräsentationen als Feld, auf dem sich Fragen der Lebensrealität und des Zusammenlebens der in der Stadt präsenten Geschlechter, Schichten und Ethnien untersuchen lassen.

Nach einem Überblick über die politische und sozialstrukturelle Geschichte Recklinghausens, der nicht zuletzt zeigt, dass die gesamte Untersuchung sich nicht als Kontrast sondern vielmehr als Erweiterung traditioneller Sozialgeschichtsschreibung begreift, beschäftigt sich die Arbeit mit zwei Schwerpunkten. Zunächst untersucht Schürmann die vielschichtigen und sich wandelnden Stadtrepräsentationen Recklinghausens zwischen dem Ende der Weimarer Republik und dem „Wirtschaftswunder“ der frühen Bundesrepublik. Mithilfe der Auswertung städtischer Publikationen und Zeitungsartikel – hauptsächlich Äußerungen städtischer Funktionsträger – belegt sie die Dominanz industrie- und großstadtfeindlicher Selbstbilder, in denen die Vorstellung eines „Königs Bergbau“, der das „Dornröschen“ Recklinghausen bedrängt und schließlich überwältigt habe, vorherrscht. „Solange die bestimmende Frage der Identitätsbildung diejenige war, ob Recklinghausen eine Industriestadt oder eine ‘grüne’ Stadt sei, ob es dem Ruhrgebiet oder dem Münsterland angehöre“, folgert Schürmann, „war es kaum möglich, die Urbanisierung positiv zu besetzen.“ (S. 88) Zwar gab es auch optimistisch auf die Modernisierung reagierende Gegenentwürfe zu diesem Bild, die dann beispielsweise großstädtische Zukunftsentwürfe zeichneten oder (nach dem Krieg) die Stadt als Kultur- und Einkaufsstadt inszenierten. Doch konnten sich diese in den Jahren zwischen 1930 und 1960 zu keinem Zeitpunkt durchsetzen, obwohl sie oftmals näher an der jeweiligen Realität waren.

Um die Reichweite der Stadtrepräsentationen auszuloten und zugleich eine weitere Perspektive auf die Stadt zu untersuchen, ergänzt Schürmann den ersten Schwerpunkt ihrer Darstellung durch die Analyse von Interviews, die sie zum Teil selbst geführt, zum Teil aber auch im Archiv des Instituts für Geschichte und Biografie als Hinterlassenschaft aus früheren Oral-History-Projekten recherchiert hat. Dabei findet sie die starke soziale und kulturelle Spaltung der Stadt zwischen den in der Altstadt lebenden, alteingesessenen und bürgerlichen „Poahlbürgern“ und den „Südern“, also den in den südlichen, durch Arbeiter und polnische Zuwanderer geprägten Stadtteilen lebenden Bewohnern bestätigt. Wichtig an dieser zunächst wenig überraschenden Erkenntnis ist vor allem die lange Beharrungskraft der mentalen Spaltung. Der Vergleich der schriftlichen Repräsentationen und der Interviewaussagen lässt Schürmann auf einen durch drei gegeneinander verschobene Phasen geprägten Prozess schließen: „Auf die strukturellen Veränderungen folgten die Reaktionen der Verantwortlichen in der Verwaltung und schließlich die Aneignung durch die Bewohnerinnen und Bewohner, die ihrerseits aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Generation und einem Milieu unterschiedliche Kompetenzen im Umgang mit ihrer sich verändernden Umwelt hatten“ (S. 117).

Im zweiten Hauptteil ihrer Untersuchung beschäftigt sich Schürmann mit drei Bereichen, die sie als repräsentative Handlungsfelder der kulturellen Urbanisierung in Recklinghausen ausgemacht hat: die Stadtplanung, den Umgang mit der Innenstadt und die stadträumliche Geschichte der Mädchenbildung. Insbesondere das letztgenannte Thema erweist sich als anschauliche Analyse eines aus geschlechter- wie stadtgeschichtlicher Perspektive gleichermaßen interessanten Themas. Hierbei steht die in Recklinghausen über Jahre ausgetragene Auseinandersetzung um die Existenz und den Standort einer höheren Mädchenschule im Mittelpunkt – eines als „Recklinghäuser Schulkampf“ in die Geschichte eingegangenen Konflikts, der im Streit um die Verlegung der Schule aus der bürgerlichen Altstadt in den Arbeiterstadtteil Süd gipfelte. Schürmann analysiert diese Auseinandersetzung als Kristallisationspunkt der unterschiedlichen Debatten um Geschlechterrollen, Klassenkonflikte und um stadträumliche Entwicklung. Den Ausgang des „Schulkampfes“, der mit der Verlegung der Mädchenschule nach Süd und dem Verbleib einer Jungenschule in der Altstadt endete, begreift Schürmann als Ausdruck der „Geringschätzung weiblicher höherer Bildung“ und der „Hegemonie des Weiblichkeitsentwurfs der Hausfrau und Mutter“ (S. 282). Während in Schürmanns Analysen der Stadtplanung und des Umgangs mit der Innenstadt die Akteure eher blass bleiben, gelingt es ihr hier durch die Auswertung städtischer Akten, auch die Handelnden und ihre Interessen deutlich werden zu lassen.

Insbesondere bei der Analyse der kulturellen Dimension der Stadtplanung bleiben hingegen noch Fragen offen. So beschäftigt sich Schürmann intensiv mit Fragen der Verkehrsplanung, doch geht es ihr dabei fast ausschließlich um die Durchsetzung des Autoverkehrs und um die „mentale Motorisierung“. Die Darstellung der stadtplanerischen Bevorzugung des Autos gegenüber dem öffentlichen Nahverkehr und den Fußgängern im Untersuchungszeitraum dürfte zwar vermutlich zutreffend sein. Doch müsste einer solchen Aussage eine Analyse des gesamten Verkehrs vorausgehen, zumal Schürmann im Zusammenhang mit der Darstellung der Suburbanisierung weitgehende Schlussfolgerungen zieht: „Durch die Benachteiligung des öffentlichen Personennahverkehrs wurden [...] gleichzeitig nicht-motorisierte Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt, zu denen die Mehrheit der Hausfrauen, aber auch alte Menschen, Kinder und Jugendliche gehörte[n]“ (S. 179). Dass die Suburbanisierung im Übrigen auch für die nun außerhalb des Wohnumfeldes arbeitenden Männer negative Konsequenzen für ihre persönlichen Beziehungen zur Stadt haben konnte, deutet Schürmann nur an (S. 133). Eine tiefergehende Analyse der Verkehrsplanung und -realität hätte sich darüber hinaus auch in einem anderen Zusammenhang angeboten: Ein zentrales Argument im „Schulkampf“ bildeten die von Teilen der bürgerlichen Eliten als „unsittlich“ und für junge Mädchen gefährlich eingestuften Straßenbahnfahrten (S. 277, 280, 287).

Insgesamt erweist sich die gut lesbare Studie von Sandra Schürmann als wichtiger Beitrag zur Geschichte der Urbanisierung des Ruhrgebiets im 20. Jahrhundert. Es bleibt zu hoffen, dass weitere Untersuchungen zu anderen Stadtrepräsentationen in Zukunft Vergleiche möglich werden lassen. Darüber hinaus erbringen Schürmanns ertragreiche Detailforschungen, beispielsweise über die Geschichte der Mädchenbildung, Ergebnisse, die – so bleibt gleichfalls zu hoffen – auch von der historischen Forschung jenseits der Stadtgeschichte zur Kenntnis genommen werden.

Zitation
Philipp Springer: Rezension zu: Schürmann, Sandra: Dornröschen und König Bergbau. Kulturelle Urbanisierung und bürgerliche Repräsentationen am Beispiel der Stadt Recklinghausen (1930-1960). Paderborn 2005 , in: H-Soz-Kult, 23.02.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8948>.
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Veröffentlicht am
23.02.2007
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