C. Zwierlein: Discorso und Lex Dei

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Titel
Discorso und Lex Dei. Die Entstehung neuer Denkrahmen im 16. Jahrhundert und die Wahrnehmung der französischen Religionskriege in Italien und Deutschland


Autor(en)
Zwierlein, Cornel
Erschienen
Göttingen 2006: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
S. 900
Preis
€ 129,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Susan R. Boettcher, Department of History, University of Texas at Austin

Dieses Buch bietet eine ausführliche vergleichende Analyse von politischen Entscheidungsprozessen in zwei europäischen Fürstentümern, Savoyen-Piemont und Kurpfalz, vor dem Hintergrund der französischen Hugenottenkriege (1562-1598) und der damit verbundenen Propaganda. Sein Hauptanliegen ist es, die Quellen eines spezifisch modernen Weges der Entscheidungsfindung herauszustellen, der vor allem auf der Verarbeitung relevanter Informationen und den Antworten darauf beruht, anstatt auf der Übereinstimmung von Entscheidungen mit religiösen Prämissen. Zwierlein nennt diese Parameter der Entscheidungsfindung „Denkrahmen“ und entwickelt Herleitungen für die spezifischen, von ihm herausgearbeiteten Formen: Der „discorso-Denkrahmen“ wurde vor allem von Südeuropäern angewandt und bestand im Wesentlichen aus rationalen Reaktionen auf übermittelte Informationen. Er ging aus dem medialen Transformationsprozess vom Pergament zum Papier hervor und beruhte in starkem Maße und typischerweise in Italien auf Berichten und Datensammlungen von in fernen Ländern tätigen Botschaftern und Beobachtern. Der „Lex dei-Denkrahmen“ in der Kurpfalz hingegen bezog seine politischen Handlungsprinzipien aus der reformierten Theologie, die durch zeitgenössische theologische Schriften untermauert wurde.

Diese Handlungsmaximen wurden von dem deutlich späteren medialen Transformationsprozess maßgeblich beeinflusst, der durch den Buchdruck ausgelöst wurde, seine vollste Blüte in Deutschland erreichte und nicht nur die schnelle Entwicklung und Vermittlung theologischer Ideen erleichterte, sondern auch die öffentliche Wahrnehmung der Gründe für bestimmte Entscheidungen – auch wenn Zwierlein die Auswirkungen der Propaganda auf Menschen außerhalb der Entscheidungen treffenden Personenkreise für relativ gering hält und nur als einen Faktor von rein hypothetischer Relevanz für die Entscheidungsträger betrachtet. Zwierlein identifiziert ferner für die Kurpfalz einen zweiten Denkrahmen, die sogenannte „Reichsnormativität“, das Bestreben, sich im Einklang mit den politischen Entscheidungen auf der Reichsebene zu wissen. Wie auch der Lex dei-Denkrahmen wurde die Reichsnormativität allmählich durch den discorso-Denkrahmen verdrängt. Obwohl er sich auch auf frühere Forschungen beruft, referiert Zwierlein doch jede Facette seiner Argumentation selbst. Insgesamt bietet die Studie einen ungewöhnlichen Blick auf und eine neue Zusammenstellung von Quellen, die uns aus anderen Kontexten vertraut erscheinen.

Die Kapitel des Buches entwickeln diese Ideen zunächst in Form von etwa 170 Seiten theoretischer Überlegungen zur Bedeutung von „discorso“. Dieser gedankliche Ansatz wird stichwortartig als Machiavellismus charakterisiert, wobei Zwierlein detailliert sich verändernde Denkmuster hinsichtlich politischer Reaktionen auf Ereignisse vor dem Hintergrund sowohl der Scholastik als auch anderer italienischer Autoren beschreibt, die auf Machiavellis Schriften reagierten, deren Schriften aber weitgehend unbekannt sind. Weitere 100 Seiten befassen sich mit der Wahrnehmung dieses Denkmusters in der Nachrichtenkultur des frühneuzeitlichen Italien und legen besonderes Gewicht auf dessen Relevanz in den Jahren unmittelbar nach der französischen Eroberung 1494.

Eine Fallstudie zur Wirkmächtigkeit des discorso im europäischen Kontext geht von Savoyen-Piemont aus, das 1559 durch den Frieden von Cateau-Cambrésis wiedererrichtet wurde. Hier bot das Fehlen eines traditionellen politischen Stils reichlich Raum für die Entfaltung des „modernen“ Denkens und seiner Denkrahmen. Anregend ist in diesem Teil der Arbeit eine genaue sprachliche und philosophische Analyse einzelner Diplomatenberichte, die bloßlegt, wie die Berichte auf der Mikroebene rezipiert wurden. Zwierlein unterscheidet zwischen Entscheidungen, die ad hoc oder auf der Grundlage vorausgegangener Entscheidungen getroffen wurden, und solchen, die auf der Basis empirischer Informationen fielen, und kommt zu dem Schluss, dass eine Konsequenz dieser politischen Denkart die anhaltende Neutralität Savoyens war. Der zunehmende Gebrauch des discorso-Denkrahmens, bezogen auf die Beziehungen zu Frankreich, war selbstverstärkend; die Reflexion über Informationen rechtfertigte die Entstehung einer Staatsraison gegenüber politischen Ereignissen insofern, als das Nachdenken darüber aus dieser speziellen empirischen Perspektive auch das politische Eingreifen rechtfertigte. Somit erklärt Zwierlein die expansionistische Politik von Carlo Emanuele als Folge des discorso-Denkrahmens und setzt sich ab von traditionellen Erklärungen, die auf die hitzige, militaristische Persönlichkeit des Fürsten verweisen.

In der Kurpfalz hingegen dominierte das von der Reichsnormativität geprägte Denken noch lange Zeit, da in Deutschland der Informationsfluss über das Medium der diplomatischen Berichte noch nicht üblich war. Als dieser Weg der Informationsaneignung dann einmal Fuß gefasst hatte, untergrub er das Prinzip der Reichsnormativität, denn er eröffnete den Kurpfälzern eine Außenperspektive auf das Reich. Der Lex Dei-Denkrahmen war durch die vor allem als Auto-Suggestion der Eliten wirksame konfessionelle Propaganda verbreitet worden, die jedoch ebenfalls durch die Möglichkeit beeinflusst wurde, die innere Verfassung der Kurpfalz von außen zu betrachten – wenn auch in weniger dramatischen Dimensionen, da der Lex Dei-Denkrahmen bereits einige Elemente des discorso im Kontext seiner Reflexionen über die Rolle des irdischen Lebens aufgegriffen hatte. Schließlich und endlich, so Zwierleins Schlussfolgerung, erleichterte die zunehmende Geltung des discorso-Denkrahmens bestimmte Bündnisse, die, wie etwa die protestantische Union, trotz der bestehenden konfessionellen Unterschiede zustande kamen.

Eine Anzahl interessanter Aspekte springen unmittelbar ins Auge. Schon die Kontextualisierung des Machiavellismus über den berühmt-berüchtigten Niccolo hinaus ist bedeutsam. Darüber hinaus beleuchtet die Arbeit eine Komponente reformierter politischer Denkart, ihre Auffassung von Gemeinschaft, die oft vernachlässigt wird zugunsten der Äußerungen reformierter Theologen zu Fragen der Widerstandstheorie. Die Erörterung der kommunikativen (nicht der politischen) Faktoren, welche die Entscheidungsfindung in verschiedenen spezifischen Kontexten beeinflussten, bietet eine interessante Alternative zu üblichen Analysen politischer Ereignisse der Frühen Neuzeit, die sich lange in zu starkem Maße auf die Herausarbeitung der Persönlichkeiten und Sympathien der Entscheidungsträger unter dem Dach oft unbestimmter Ideen über den Absolutismus verlassen haben. Am wichtigsten könnte sein – vorausgesetzt, der Leser ist bereit, der langen Argumentationskette Zwierleins zu folgen –, dass das Buch in den Kommunikationsmodi eine Erklärung anbietet für die Realisierung frühneuzeitlicher Bündnisse, die oft unserer zeitgenössischen Intuition zuwiderlaufen, wie etwa solche zwischen protestantischen und katholischen Mächten; eine Erklärungsbasis, die es Forschern gestatten würde, einige der wertebestimmten Kategorien hinter sich zu lassen, die immer noch herangezogen werden, um Komplexe wie etwa die Bündnissysteme des Dreißigjährigen Krieges zu untersuchen. Ich habe mich mehrfach gefragt, ob diese Art der Erklärung nicht auch für die politische Kommunikation allgemein fruchtbar gemacht werden könnte: beispielweise das Misstrauen der Mittel- und Nordeuropäer gegenüber den wendigen Italienern oder die italienischen Klagen über die mangelnde Flexibilität der nordalpinen Diplomatie, nicht nur in der Frühmoderne, sondern auch in seinem modernen Nachklang.

Während nun der Ansatz des Buches kreativ ist und seine Ziele ein Themenspektrum berühren, dessen Konturen wir bislang nur ansatzweise fassen, werden im Kopf des Lesers dennoch einige Fragen zurückbleiben. Die besondere Lesart der von Zwierlein als Machiavellismus bezeichneten Phänomene ist durchaus unkonventionell und fügt sich nicht problemlos ein in die differenzierten Forschungen zu diesem Thema. In den Fallstudien bekommt der Leser manchmal den Eindruck, der discorso-Denkrahmen werde mit einer Politik der Staatsraison gleichgesetzt, die vor allem als Ergebnis von empirischen Analysen angesehen und nicht immer als in einem eigenen Wertesystem begründet wird. Der Abschnitt über den Einfluss der Druckerpresse ist zwar interessant, beruht aber vor allem auf älteren Behauptungen über die Auswirkungen des Buchdrucks. Kritische Fragen dazu, die wie etwa Adrian Johns den Buchdruck als viel instabileres Medium der Informationsverbreitung ansehen, als dies Zwierlein tut, werden nicht zur Kenntnis genommen.

Zwierlein entwirft ein breites Panorama, in dem nicht nur Botschafter, Fürsten, Theologen, sondern auch Missiven, Briefe und Verträge eine Rolle spielen und in ihre jeweiligen Zusammenhänge gestellt werden. Eines der bemerkenswerten Verdienste seines Werkes ist, dass der Leser erahnt, wie so gegensätzliche Charaktere wie Nicolò Machiavelli und Matthias Flacius Illyricus oder Philipp von Hessen und Emanuele Filiberto von Savoyen-Piedmont in einer Welt und einem Jahrhundert zusammenlebten, deren Entfernungen zusammenschmolzen, weil eben neue Medien der Kommunikation und der Informationsvermittlung entstanden. Zwierlein schreibt mit Bravour, die Lektüre ist nie langweilig. Gleichzeitig jedoch werden sich gewöhnliche Sterbliche, die mit den jeweils geschilderten Ereignissen und deren Bedeutung nicht schon vertraut sind, die Zwierlein schließlich zu seinen Schlussfolgerungen führen, von der schieren Menge an Details und Quellenzitaten überwältigt sehen. Am Ende fragt man sich, ob die geschilderten, relativ peripheren Ereignisse – trotz der legitimen und weiterführenden Fragen, die Zwierlein an sie heranträgt – wirklich ganz so viel Aufmerksamkeit wert sind. Das Buch aber legt auf meisterhafte Weise dar, warum sein Ansatz relevant ist.

Zitation
Susan Boettcher: Rezension zu: : Discorso und Lex Dei. Die Entstehung neuer Denkrahmen im 16. Jahrhundert und die Wahrnehmung der französischen Religionskriege in Italien und Deutschland. Göttingen  2006 , in: H-Soz-Kult, 29.10.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8954>.