H. Knoch (Hrsg.): Bürgersinn mit Weltgefühl

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Titel
Bürgersinn mit Weltgefühl. Politische Moral und solidarischer Protest in den sechziger und siebziger Jahren


Hrsg. v.
Knoch, Habbo
Erschienen
Göttingen 2007: Wallstein Verlag
Umfang
334 S.
Preis
€ 32,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Claus Kröger und Meike Vogel, Schule für Historische Forschung, Universität Bielefeld

Die Suche nach der „magischen Formel“ für die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland geht weiter.[1] Neben „Modernisierung“, „Westernisierung“ und „Liberalisierung“ tritt nun ein weiterer Kandidat, dessen Reichweite sich allerdings auf die 1960er- und 1970er-Jahre beschränken soll: „Bürgersinn mit Weltgefühl“. Der aus einer Göttinger Tagung des Zeitgeschichtlichen Arbeitskreises Niedersachsen hervorgegangene, von Habbo Knoch herausgegebene Sammelband macht die Entwicklung und Durchsetzung eines neuen partizipationsorientierten Verständnisses von „Bürgerlichkeit“ als „maßgeblich“ (S. 11) für den Wandel der Bundesrepublik zu einer pluralistischen Gesellschaft aus.[2] Der Clou daran: Dieser „Bürgersinn“ sei nicht mehr schichtgebunden, sondern vielmehr eine spezifische Ausformung des Staatsbürgerkonzeptes gewesen; er habe nicht nur die bundesrepublikanische, sondern vielmehr die Weltgesellschaft im Blick gehabt.

Knoch entwickelt sein Konzept einer neuartigen politischen Bürgerlichkeit überzeugend in Auseinandersetzung mit den politischen Debatten um den „Bürger“ im Zeitraum von den 1950er- bis zu den 1970er-Jahren. Bis zum Ende der 1950er-Jahre sei dabei ein konservatives, obrigkeitsstaatliches Verständnis des treuen Staatsbürgers dominierend gewesen. Sukzessive sei dieses Konzept politisiert und schließlich von partizipatorischen Vorstellungen abgelöst worden. Der fortan propagierte (Staats-)Bürgertypus sollte „Mehr Demokratie wagen“, seine politischen Rechte und Möglichkeiten ausschöpfen und sich engagieren. Im Anschluss an diese historische Herleitung schlägt Knoch vor, den aus den Quellen gewonnenen Begriff des „Bürgersinns“ als „Konzeptidee“ (S. 13) einer neuen Partizipationsformation aufzufassen und als „Sonde“ (S. 19) zu verwenden. Nach den Trägern und den Manifestationen der neuen politischen Bürgerlichkeit sei ebenso zu fragen wie nach der Bedeutung von „1968“ und der Wechselwirkung mit durchlaufenden säkularen Prozessen wie beispielsweise der Herausbildung der Konsumgesellschaft.

Was Vorgeschichte, Kontexte und Handlungsräume dieses „Bürgersinns“ anbetrifft, so spannen die in vier Sektionen gegliederten dreizehn Beiträge des Sammelbandes einen weiten Bogen: zeitlich von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zum „Deutschen Herbst“; inhaltlich von ausgewählten Intellektuellen über politische Diskurse, Protestbewegungen und Bürgerinitiativen bis hin zu linken Subkulturen. Hier wird ein differenziertes und facettenreiches Bild gezeichnet, auch wenn des Öfteren zu wünschen gewesen wäre, die konzeptionellen Vorschläge und Anregungen des Herausgebers hätten sich in den Beiträgen deutlicher niedergeschlagen.

Der erste Abschnitt „Politische Intellektuelle und aktive Bürgerlichkeit“ versammelt drei Aufsätze, die sich mit so unterschiedlichen Personen und Themen wie Hannah Arendt und Günther Anders, Alva und Gunnar Myrdal sowie der auswärtigen Kulturpolitik befassen. Der Beitrag von Thomas Etzemüller über die Myrdals fällt ein wenig aus dem vorgegebenen Rahmen. Denn Etzemüller geht es nicht etwa darum, die Rezeptionsgeschichte der schwedischen Sozialwissenschaftler und Intellektuellen in Westdeutschland zu analysieren. Vielmehr präsentiert er die Myrdals als eine Art Menetekel dafür, „in welch extremer Form Demokratie, Emanzipation und Kontrolle zusammengedacht werden konnten“ (S. 75).

Der zweite Abschnitt „Moralische Politik und politische Legitimation“ umfasst vier Beiträge. Holger Nehring hält für die Ostermarschbewegung fest, diese habe erstmals eine „Semantik politischer Moral“ und damit ein neues Verständnis staatsbürgerlichen Engagements in die öffentlichen Debatten eingebracht. Constantin Goschler betont, dass der Aufbruch und die Zukunftsorientierung der 1960er- und 1970er-Jahre in der „Wiedergutmachung“ nationalsozialistischen Unrechts zunächst zu einem Stillstand geführt hätten. Erst mit einiger Verzögerung seien die während dieser Zeit entwickelten neuen Formen bürgerschaftlichen Engagements in den Wiedergutmachungsinitiativen seit den 1980er-Jahren wirksam geworden. Die Semantik des politischen Wandels im Vorfeld der sozialliberalen Koalition untersucht Gabriele Metzler. Sie vertritt die Auffassung, vor dem Hintergrund der teils tiefgreifenden Divergenzen zwischen den politischen Generationen der „45er“ und der „68er“ könne kaum von der einheitlichen Entwicklung eines neuen Bürgersinns und einer neuen politischen Moral gesprochen werden. Jörg Requate nimmt sich schließlich der Auseinandersetzungen um die „Demokratisierung der Justiz“ an und arbeitet heraus, dass der von linker Seite erhobenen Forderung nach einer „Politisierung“ der Justiz nur ein kurzer Frühling beschieden war.

Drittens wendet sich der Band den „Lebensstilen in der Konsumgesellschaft“ zu und beleuchtet die Durchsetzungskraft selbstverantwortlichen Handelns in konkreten Lebenswelten. Anhand der Debatten über Empfängnisverhütung in den 1960er-Jahren belegt Eva-Maria Silies für das katholische Milieu eine veränderte Haltung gegenüber dem hierarchischen System der Amtskirche. Plötzlich wurde darüber diskutiert, ob die Katholiken dem Diktum des Papstes zu folgen hätten, nachdem dieser den Gebrauch der Pille verboten hatte. Daraus resultierte eine intensiv geführte Debatte über die Teilhabe der Laien an der Kirche. Silies zeigt, dass zahlreiche Katholiken selbst Verantwortung für ihr Handeln übernahmen und somit zu einer neuen „Mündigkeit im Bereich der privaten und öffentlichen Religiosität“ gelangten (S. 223). Der Beitrag überzeugt nicht zuletzt deshalb, weil er den neuen „Bürgersinn“ gleichsam an der Basis aufspürt.

Ebenso praxisorientiert widmen sich Sven Reichardt und Detlef Siegfried den Selbstbestimmungsbestrebungen des Alternativmilieus bzw. der linken Subkulturen in den 1970er-Jahren. Reichardt legt dar, wie das Alternativmilieu durch mediale Kommunikation konstituiert wurde. Dicht an den Quellen argumentierend gelingt es ihm zu zeigen, wie eine Aneignung medial bereitgestellter Bildwelten kollektive Identitäten schuf. Zentral in der Selbstbeschreibung des Milieus war das Authentizitätsideal, das durch Selbstbestimmung, Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung gekennzeichnet war. Dieses Ideal beschreibt auch Siegfried in seinem Beitrag über die linken Subkulturen. Er verdeutlicht, wie sich die Authentizitätsvorstellungen vom „bürgerlichen“ Ideal abgrenzten. Sie waren zum großen Teil nicht nur antibürgerlich, sondern auch antipolitisch.

In beiden Aufsätzen wird deutlich, dass die „antibürgerliche“ Haltung der „68er“ im alternativen Milieu der 1970er-Jahre nachwirkte. Durch die wahrgenommenen Ohnmachts- und Entmündigungserfahrungen bildete sich, wie Reichardt konstatiert, zwar ein aktivistisches und subjektbezogenes Politikverständnis heraus. Von dem „mündigen Bürger“, den Gustav Heinemann gefordert hatte, waren diese Vorstellungen allerdings weit entfernt. Leider führt Siegfried seine Schlussbemerkung nicht näher aus, die linken Gruppen seien von der angestrebten Systemüberwindung bei der Partizipation angelangt und hätten letztlich dazu beigetragen, neue Artikulationsmöglichkeiten innerhalb der bürgerlich-demokratischen Ordnung zu entwickeln.

Der vierte und letzte Teil des Bandes beschäftigt sich mit den Grenzen der in der Einleitung beschriebenen „Partizipationsformation“. So zeichnet Nicolas Büchse in einem gewinnbringenden Beitrag eine Gegenbewegung auf politischer Ebene nach.[3] Der Reform-Elan der sozialliberalen Koalition sah sich angesichts der terroristischen Gewalt, gipfelnd im „Deutschen Herbst“, zunehmend harscher Kritik der Opposition ausgesetzt. Die Rufe nach der Staatsräson und nach dem traditionellen Staatsbürger wurden lauter. Bemerkenswerterweise blieb ein fundamentaler Rückschlag aber aus. Die politische Kultur des „mündigen Bürgers“ schien sich bereits soweit durchgesetzt zu haben, dass der „Deutsche Herbst“ im Gegenzug auch eine neue Welle bürgerlichen Engagements zur Folge hatte – als Abgrenzung zur staatlichen Repression und als Entgrenzung der Politik.

Hier schließt sich gleichsam der Kreis. Denn diese überraschende Pointe in Büchses Aufsatz verweist auf ein grundlegendes, wohl noch weiter zu diskutierendes Problem: Wenn man den soziokulturellen Wandel in der Bundesrepublik Deutschland im Kern als Pluralisierung begreift, so stellt sich die Frage, wie man die konservativen „Gegentendenzen“ der 1960er- und 1970er-Jahre einschätzen soll. Gehen sie, etwas überspitzt gesprochen, in bloßer Regression auf, oder sind sie nicht vielfach als integraler Bestandteil „jenes in den sechziger und siebziger Jahren errungenen Pluralismus zu sehen“ (S. 10)?

Wenig Konturen gewinnt schließlich die Kategorie des „Weltgefühls“. Zu oft bleiben die Einzelbeiträge den Nachweis desselben schuldig. Der lesenswerte Beitrag von Johann Vollmer im vierten Teil deutet gar in eine andere Richtung, indem er zeigt, dass die Whyler Anti-AKW-Proteste eher von einer lokalen Bauernschaft mit teils ausgeprägten separatistischen Neigungen getragen wurden als von einer überregionalen oder gar „global“ ausgerichteten Anti-AKW-Bewegung. Dennoch: Insgesamt überzeugt der Versuch, die Veränderungen der politischen Kultur Westdeutschlands in den 1960er- und 1970er-Jahren mit dem Konzept des „Bürgersinns“ zu beschreiben. Etwas irreführend ist allerdings der Titel des Bandes, aus dem nicht hervorgeht, dass sich die Beiträge nahezu ausschließlich auf die Bundesrepublik beziehen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Wolfrum, Edgar, Die Bundesrepublik Deutschland (1949–1990), Stuttgart 2005, S. 65.
[2] Vgl. Hettling, Manfred; Ulrich, Bernd (Hrsg.), Bürgertum nach 1945, Hamburg 2005. Anders als der Titel andeutet, interessieren sich die Beiträge eher für das Kulturmuster Bürgerlichkeit als für die etwaige Fortdauer bürgerlicher Sozialformationen. Herausgeber und Autoren dieses Sammelbandes sind ebenfalls von der Bedeutung bürgerlicher Werte, Ideen und Verhaltensmuster für die Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland zu einem stabilen und demokratischen Gemeinwesen überzeugt, richten ihre Aufmerksamkeit aber stärker auf die 1950er- und frühen 1960er-Jahre.
[3] Dieser Aufsatz ist auch online verfügbar: <http://www.zeitgeschichte-online.de/portals/_rainbow/documents/pdf/raf/buechse_buergersinn.pdf>.

Zitation
Meike Vogel: Rezension zu: Knoch, Habbo (Hrsg.): Bürgersinn mit Weltgefühl. Politische Moral und solidarischer Protest in den sechziger und siebziger Jahren. Göttingen  2007 , in: H-Soz-Kult, 07.09.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8964>.
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Veröffentlicht am
07.09.2007
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