C. Weber: Auf der Suche nach der Nation

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Titel
Auf der Suche nach der Nation. Erinnerungskultur in Bulgarien von 1878-1944


Autor(en)
Weber, Claudia
Erschienen
Berlin 2006: LIT Verlag
Umfang
440 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Troebst, Universität Leipzig

Während die Erinnerungskulturen des östlichen Europa in den Jahrzehnten des Kommunismus sowie in der postkommunistischen Transitionsphase mittlerweile Gegenstand intensiver kulturwissenschaftlicher Forschung sind, bleibt die präkommunistische Epoche in der Regel unterbelichtet. Dies gilt vor allem für die im 19. Jahrhundert entstandenen Nationalstaaten Südosteuropas, wohingegen der habsburgische Raum deutlich besser behandelt ist.[1] Schon deshalb füllt Claudia Webers monographische Untersuchung zum Fürstentum (ab 1908: Königreich) Bulgarien von seiner Gründung im Zuge des Berliner Kongresses 1878 bis zum Einmarsch der Roten Armee 1944 samt anschließender Umwandlung in eine Volksdemokratie eine Lücke, und dies sowohl in der internationalen Erinnerungskulturforschung als auch gerade in der bulgarischen Nationalgeschichtsschreibung. Denn ihre Arbeit ist auf weiten Strecken aus den Quellen gearbeitet, seien diese Originaldokumente in den Archiven der heutigen Kapitale Sofija oder in der ersten Hauptstadt Veliko Tărnovo, seien es gedruckte Quellen wie zeitgenössische Periodika, Amtsschriften, Kalender, Almanache, graue Literatur und andere. Hervorbringungen der bulgarischen Fachhistoriographie vor, während und nach der Parteidiktatur rangieren dabei deutlich weiter hinten – auch dies ein Beleg dafür, dass es sich um eine veritable Pionierstudie handelt.

Claudia Webers zentrale These ist, dass die Erinnerungskultur der Bulgaren von der Staatsgründung bis zur Niederlage im Zweiten Weltkrieg zum einen das Produkt von staatlichem „nation-building“ mittels Geschichtspolitik, zum anderen aber dasjenige der Aktivitäten zivilgesellschaftlicher Organisationen nationalpatriotischer Observanz war. Nicht zuletzt da in beiden Fällen die militärische Komponente herausgestrichen, das mit dem Schlagwort San Stefano belegte Ideal eines an die beiden mittelalterlichen bulgarischen Reiche angelehnten Großbulgarien kultiviert und die Transmissionsriemen Denkmal, Jubiläum und Feiertag präferiert wurden, kam es hier zu einer ganz spezifischen Symbiose. Diese bestand aus regierungsamtlichen Stellen einerseits und nicht-staatlichen, indes staatstreuen Akteuren wie Veteranen, Reservisten, Kriegswitwen, Priestern, Lehrern, Schülern und Akademikern andererseits. Dass dabei dennoch Friktionen nicht ausgeschlossen waren, führt die Autorin auf die regionale Segmentierung der bulgarischen Gesellschaft und damit auch deren Sicht auf die Vergangenheit(en) zurück.

In einem ersten und ausführlichen Kapitel zu „Staatsgründung und Vergangenheitsdiskurs – Die Anfänge nationaler Erinnerungskultur 1878-1900“ beschreibt die Autorin die vorstaatlichen, primär kirchlich vermittelten Grundlagen bulgarischer Erinnerungskultur in Form eines Kultes um die „Slavenapostel“ Kyrill und Method, die geschichtspolitischen Ansätze der zarisch-russischen provisorischen Militärverwaltung im ersten Nachkriegsjahr 1878-1879 und ihre Fokussierung auf die Schlachten des Russisch-Osmanischen Krieges von 1877/78 sowie die ersten tastenden Versuche des neuen Staates, im gewaltigen Fundus der Nationalmythologie und -geschichte einige gegenwartstaugliche Elemente zu identifizieren und zu adaptieren.

Kapitel 2, „Verstaatlichung und Sakralisierung – Die ‚inszenierte Nation’ 1900-1912“, enthält drei substantielle Fallstudien, die den Bau des Denkmals für den „Zar-Befreier“ Aleksandr II. von Russland vor dem Parlamentsgebäude in Sofija, die Feiern zum 25. Jahrestag der russisch-osmanischen Schlacht am Šipka-Pass 1877 im Balkangebirge sowie als künftiges „Fest der Nation“ den gleichfalls 25. Jahrestag eines Aufstandes bulgarischer Freischärler gegen die osmanische Verwaltung vom April 1876 thematisieren. Damit waren erinnerungskulturelle Pflöcke eingeschlagen, die sich das gesamte 20. Jahrhundert hindurch bis ins 21. Jahrhundert hinein bewähren sollten. Der Staat hatte sich damit als dominanter erinnerungskultureller Akteur etabliert, allerdings zunächst noch kein Monopol erlangt. Das gelang erst im Staatssozialismus.

Von Kapitel 3, „Erinnerungskultur im Zeichen der Kriege 1912/1913 und 1915-1918“, werden die Zeitabschnitte deutlich kleinteiliger und orientieren sich an den Zäsuren der politischen Entwicklung des Landes. Entsprechend umfasst Kapitel 4, „Erinnerungskultur nach der ‚nationalen Katastrophe’ 1920-1923“, lediglich die Jahre der Regierung des nicht-revisionistisch, ja pazifistisch orientierten Bulgarischen Nationalen Bauernbundes, welche in ihrer Geschichtspolitik auf „Kultur“ statt „Expansion“ setzte und dabei auf den erbitterten Widerstand des liberalen, konservativen und rechten Parteienspektrums stieß. Die erinnerungskulturellen Wirkungen des Rechtsschwenks in Politik und Gesellschaft des Landes werden in Kapitel 5, „,Fluchtpunkt Vergangenheit’ – Historisches Erinnern zwischen Gegenwartsverlust und Zukunftsentwurf 1923-1934“, behandelt, wobei der Rekurs auf das Mittelalter und die „Wiedergeburtszeit“, also die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, an Bedeutung gewann. Zugleich überließ der Staat das geschichtspolitische Feld nun zunehmend rechtsextremen Organisationen. Kapitel 6, „Von der Erinnerungskultur zum Erinnerungskult – das autoritäre Jahrzehnt“ zeichnet schließlich den Übergang zur Königsdiktatur nach, der rassistische Untertöne sowie einen expliziten Kriegskult in die Erinnerungskultur einbrachte. Der Eintritt Bulgariens in den Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Achsenmächte 1941 brachten den neuerlichen Besitz des alles dominierenden Erinnerungsortes Makedonien samt dessen ganz konkreter geschichtspolitischer Umpolung vor Ort von „serbisch“ auf „bulgarisch“. Die Erkenntnis, dass auch diesmal die „Heimholung“ der „von den Serben geraubten“ „Tochter Makedonien“ durch die „Mutter Bulgarien“ nicht von langer Dauer sein würde, setzte sich in der bulgarischen Gesellschaft dabei bereits im Jahr vor der neuerlichen „nationalen Katastrophe“ von 1944 durch.

Sehr informativ ist der schwarz-weiße Bildanhang des Buches, der überwiegend unbekannte Gemälde, Kalender und Buchumschläge sowie Fotografien von Denkmalen, Jubiläums- und Einweihungsfeiern, Umzügen und anderes enthält. Hier wären allerdings eine Integration in den Text unvergleichlich aufschlussreicher sowie kritische Erläuterungen erforderlich gewesen.[2] P. Morozovs mystische Allegorie „Samuils Geist“ (S. 405) etwa kann zwar von den meisten Bulgaren (und Makedoniern) gedeutet sowie am Ohrid-See loziert werden, nicht hingegen wohl von der Mehrzahl der Leser dieses Buches, wie diesen auch die militant revisionistische Botschaft des Kalender-Faksimiles von 1928/29 entgehen dürfte (S. 398). Generell wird die ikonographische Dimension stiefmütterlich behandelt, was angesichts des neuen Forschungsinteresses an visueller Kultur im Kontext von Geschichtskultur im Kontext von „state-building“ verwundert.[3] Und auch der Umstand, dass die malenden Protagonisten bulgarischer Erinnerungskultur wie Jan (Ivan) Mrkvička, Jaroslav Vešin, Antoni Piotrowski und andere keine Bulgaren, sondern Tschechen oder Polen waren, wäre der Thematisierung wert gewesen.[4]

Deutlich zu kurz kommt in der Studie der überwältigende Phantomschmerz, den die bulgarische Gesellschaft seit der Berliner Revision des russisch-osmanischen Präliminarfriedens von San Stefano 1878 und dem verlorenen Interallianzkrieg von 1913, vor allem aber von 1918 an über den „Verlust“ des von 1915 bis 1918 mit österreichisch-ungarischer und deutscher Hilfe militärisch besetzten sowie im kollektiven Gedächtnis „rechtmässig bulgarischen“ Vardar-Makedonien mit der mittelalterlichen Hauptstadt und frühneuzeitlichen Patriarchenstadt Ohrid und dem Ohrid-See empfand. [5] Selbst der für eine Balkankooperation optierende Bauernbundführer Stambolijski hatte 1919 geäußert: „Wie süß und mit welch’ zugleich gerührtem und stolzem Seufzen geht jedem Bulgaren dies unschuldige und doch herrliche Wort von den Lippen: ‚Makedonien!’“. [6] Das Bestreben einer „Rückeroberung“ Makedoniens samt Anschluss an Bulgarien kam daher einem „cultural code“ gleich, auf den sich Bulgaren sämtlicher politischer Couleur – von den Anarchokommunisten und Agrariern über Liberale und Konservative zu Rechtsextremisten – einigen konnten. Und die neuerliche Besetzung Vardar-Makedoniens 1941, wiederum mit deutscher Hilfe, samt Annexion 1942 stellte folglich ein gesamtgesellschaftliches Projekt dar, dessen unfreiwilliger Abbruch 1944 ein weiteres nationales Trauma auslöste – mit Spätfolgen bis heute.

Schließlich wäre reizvoll gewesen, zumindest einige der zahlreichen erinnerungskulturellen Linien über die politisch prägnante, aber kulturell wie gesellschaftlich wesentlich weniger tiefe Zäsur von 1944 hinaus zu verlängern. Der obsessive Feiertagskult des bulgarischen Staatssozialismus war das Ergebnis einer nur partiell „proletarisch“ kaschierten Transformation des traditionellen Feiertagssystems. So wurde etwa der bis 1944 begangene Feiertag der Heiligen Kyrill und Method im Kommunismus in den „Tag des slavischen Schrifttums und der bulgarischen Kultur“ umbenannt und als arbeitsfreier Staatsfeiertag aufwendig begangen.[7] Und die 1990 erfolgte Ersetzung des kommunistischen Nationalfeiertags (9. September – Einmarsch der Roten Armee 1944) durch den 3. März stellte einen unmittelbaren Rückgriff auf Fürstentum und Königreich Bulgarien dar. Denn am 3. März 1878 hatten der russische Zar und der osmanische Sultan im Vorfrieden von San Stefano (heute der Stadtteil Yeşilköy von Istanbul) die Bildung eines Vardar- und Ägäisch-Makedonien einschließenden Großbulgarien vereinbart. Dazu ist es, von der Zeit der beiden Weltkriegen abgesehen, nie gekommen, doch belegt das Datum des Nationalfeiertags auch im demokratischen Bulgarien der EU die ungebrochene erinnerungskulturelle Sogkraft des Schibboleths „Makedonija“.

Aufschlussreich – und wohl auch bezeichnend – ist, dass in Claudia Webers Darstellung der 2007 zum Gegenstand einer heftigen innerbulgarischen wie bulgarisch-deutschen Kontroverse gewordene bulgarische „lieu de mémoire“ Batak, der für ein 1876 von irregulären osmanischen Truppen an christlich-bulgarischer Zivilbevölkerung begangenes Massaker steht [8], nur ganz am Rande firmiert (S. 91). Denn diese Ortschaft in den Rhodopen ist erst in der zweiten, kommunistischen Hälfte des 20. Jahrhundert zu einem allbulgarischen Erinnerungsort mit anti-islamischer Konnotation stilisiert worden. Spannend zu sehen wird überdies sein, wie weit sich die quellengesättigten Forschungsergebnisse der Autorin zu dem 1873 von der osmanischen Strafjustiz hingerichteten und posthum zum bulgarischen Nationalhelden Nummer 1 aufgebauten Ex-Priester und Nationalrevolutionär Vasil Levski mit den Thesen und Schlussfolgerungen in Maria Todorovas im Erscheinen befindlichem Buch „Bones of Contention: The Living Archive of Vasil Levski and the Making of Bulgaria’s National Hero“ zur Deckung bringen lassen.

Claudia Webers Studie zur Geschichtspolitik im vorkommunistischen Bulgariens und ihren Akteuren ist ein substantieller Beitrag zum Forschungsfeld der Erinnerungskultur sowie ein bahnbrechender zur modernen Geschichte Bulgariens. Eine baldige Übersetzung ins Bulgarische und vor allem die Rezeption durch die Geschichtswissenschaft, die Intellektuellen und die politische Klasse des Balkanlandes wären daher wünschenswert. Dies könnte dazu beitragen, das dortige petrifizierte Geschichtsbild für (selbst-)kritische Fragen durchlässig zu machen und nationalen Tunnelblick durch europäische Perspektiven zu ersetzen. Das ist, wie der „Fall Batak“ mit einer nationalistischen Medienhasskampagne und ethnozentrischen Äußerungen des Staatspräsidenten, gar fatwaähnlichen Drohungen unlängst belegt hat, für große Teile der bulgarischen Gesellschaft und ihre Elite eine noch gewöhnungsbedürftige Sichtweise.

Anmerkungen:
[1] In dem von Monika Flacke herausgegebenen Ausstellungsband „Mythen der Nationen. Ein europäisches Panorama“ (Berlin 1998) finden sich entsprechend zwar Kapitel zu den ostmitteleuropäischen Fällen Österreich, Ungarn, Tschechien und Polen, aber nur eines zu Südosteuropa (Margaritis, George, Griechenland. Wiedergeburt aus dem Geist der Antike, S. 152-173). Vgl. auch Bucur, Maria; Wingfield, Nancy M. (eds), Staging the Past. The Politics of Commemoration in Habsburg Central Europe, 1848 to the Present, West Lafayette, IN 2001, und Klimó, Árpád von, Nation, Konfession, Geschichte. Zur nationalen Geschichtskultur Ungarn im europäischen Kontext (1860-1948), München 2003.
[2] Diesbezüglich sowohl formal wie thematisch anregend: Hein, Heidi, Der Pilsudski-Kult und seine Bedeutung für den polnischen Staat 1926-1939, Marburg 2002.
[3] Bartetzky, Arnold; Dmitrieva, Marina, Neue Staaten - neue Bilder? Zur Einführung, in: dies., Troebst, Stefan (Hrsg.), Neue Staaten – neue Bilder? Visuelle Kultur im Dienst staatlicher Selbstdarstellung in Zentral- und Osteuropa seit 1918, Köln 2005, S. 1-9.
[4] Vgl. dazu neuerdings am Beispiel der Musikkultur Ther, Philipp, Die Tschechen als kulturelles Modell? Kulturtransfer von Böhmen nach Südosteuropa zur Zeit des späten Habsburgerreiches, in: Brunnbauer, Ulf; Helmedach, Andreas; Troebst, Stefan (Hrsg.), Schnittstellen. Gesellschaft, Nation, Konflikt und Erinnerung. Festschrift für Holm Sundhaussen zum 65. Geburtstag, München 2007, S. 217-230.
[5] Vgl. dazu etwa den in der Sofijoter Staatsdruckerei hergestellten und in hoher Auflage im In- und Ausland vertriebenen Bild-Karten-Textband Committee for the Study of Bulgarian Lands/Comité pour l’études des terres bulgares/Komitetăt za izučavane [na] bălgarskite zemi (Hrsg.), Macedonia Illustrated/La Macédoine illustrée/ Makedonija v obrazi, Sofija 1919.
[6] Zit. nach Petkov, Nikola, Vmesto predgovor, in: Šatev, Pavel P., Balkanskijat problem i Makedonija, Sofija 1945, S. 6.
[7] Koleva, Daniela, The Memory of Socialist Public Holidays. Between Colonization and Autonomy, in: Brunnbauer, Ulf; Troebst, Stefan (Hrsg.), Zwischen Amnesie und Nostalgie. Die Erinnerung an den Kommunismus in Südosteuropa, Köln 2007, S. 185-198, hier S. 198.
[8] Mönch, Regina, Die Wahrheit lebt gefährlich. Erinnerungspolitik mit Morddrohung. Eine Kunsthistorikerin ist ins Visier bulgarischer Nationalisten geraten, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 213 vom 13. September 2007, S. 37. Zum Stein des Anstoßes bulgarischer Rechtspopulisten und Postkommunisten, einem bulgarisch-deutschen Ausstellungsprojekt, vgl. Baleva, Martina; Brunnbauer, Ulf (Hrsg.), Batak – ein bulgarischer Erinnerungsort. Ausstellung / Batak kato mjasto na pametta. Izložba, Sofija 2007.

Zitation
Stefan Troebst: Rezension zu: : Auf der Suche nach der Nation. Erinnerungskultur in Bulgarien von 1878-1944. Berlin  2006 , in: H-Soz-Kult, 30.04.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9010>.
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30.04.2008
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