M. Niendorf: Das Großfürstentum Litauen

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Titel
Das Großfürstentum Litauen. Studien zur Nationsbildung in der Frühen Neuzeit (1569-1795)


Autor(en)
Niendorf, Mathias
Erschienen
Wiesbaden 2006: Harrassowitz Verlag
Umfang
329 S.
Preis
€ 36,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Rohdewald, Universität Passau

Mathias Niendorf legt mit seiner nun veröffentlichten Kieler Habilitation eine Fallstudie zum „missing link“ zwischen Formen spätmittelalterlicher „nationes“ und modernen Nationen auf höchstem wissenschaftlichen Niveau vor: Am Beispiel des Großfürstentums Litauen behandelt er die Themen Nation, Sprache und Konfession als Bereiche frühneuzeitlicher Nationsbildungsvorgänge. Die Auseinandersetzung mit dem Großfürstentum Litauen ist umso begrüßenswerter, als dieses trotz seiner Langlebigkeit, seiner zeitweise enormen territorialen Ausdehnung und der außerordentlichen kulturellen Vielfältigkeit nicht nur in der deutschen und englischsprachigen Forschung kaum beachtet wird.[1] Auch in den nationalen Historiographien der Region stehen methodische Zugänge zum Vielvölkerreich, die ethnische und konfessionelle Trennlinien abstrahieren, noch ganz am Anfang.

Niendorf konzentriert sich in seiner Studie auf „zeitgenössische Vorstellungen“ über das Großfürstentum und seine Bevölkerung. Dieser „potentiell ‘nationale’ oder protonationale Diskurs“ wird Sprach- und Handlungsfeldern um „Sprache“ sowie „Konfession“ gegenübergestellt (S. 19). Eine eingehende Untersuchung dieser Zusammenhänge mit Blick auf das Fürstentum Žemaiten dient sodann als exemplarischer Prüfstein auf regionaler Basis. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, da sich damals die auf Dauer wesentlichen Grundzüge der frühneuzeitlichen Entwicklung herausgestalteten. Einleitend sowie ausblickend werden mittelalterliche sowie Vorgänge des 19. und 20. Jahrhunderts abgeschätzt.

Zunächst umreißt der Autor die Entstehung einer „mittelalterlichen natio lituanica“ (S. 23) und deren Entfaltung bis zu den Teilungen Ende des 18. Jahrhunderts. Während die Vorstellung von der „corona regni Poloniae“ früh eine abstrakte Einheit darstellte, ist Litauen noch um 1400 als Personenverbandsstaat anzusehen. Mit der Festigung des weiträumigen Herrschaftsgebietes, das immer mehr Teile des ostslavischen Siedlungsgebietes bzw. der Rus’ umfasste, ging eine wechselseitige gesellschaftliche und rechtliche Abgrenzung von Bauern und Adelsstand einher. Sie war die Vorraussetzung zur formalen Verschmelzung der „terrarum Litwaniae et Russiae“ (1401) zur korporativen Einheit „nationis Lithwaniae“ (1501). Auch durch die Beschränkung dieser Einheit auf den Adel ohne Geistlichkeit stellte das Großfürstentum „ein Übergangsgebiet zwischen West- und Osteuropa“ dar. Während seitens der weißrussischen Forschung eine weißrussische Ethnogenese teilweise vom 14. Jahrhundert an angenommen wird, gilt in der ukrainischen Sicht die litauische Zeit schlicht als Fremdherrschaft, die auf angebliche Anfänge ukrainischer Nationalgeschichte in der Kiewer Rus’ gefolgt war. Auch eine Skizze zur Anwendung des Epochenbegriffes „Frühe Neuzeit“ auf das Großfürstentum lässt dessen „Übergangscharakter“ von West nach Ost erkennen (S. 43). Dabei erweist sich nach Gerichtsreformen und der Einführung von Adelslandtagen das Großfürstentum als „stärker einheitlich durchorganisiertes Staatswesen“ als die Krone (S. 48). Dies spiegelte sich in der auch als jüdischer Reichstag bezeichneten Aufsichtsorganisation der jüdischen Gemeinden Litauens. Allerdings blieb der Adelsstand unter der Vorherrschaft weniger Magnatengeschlechter und stellte damit keine einheitliche soziale Gruppe dar.

Im Kapitel „Protonationale Diskurse“ lotet der Verfasser die soziale und „transethnische Integrationswirkung“ von Ursprungs- und Herrschermythen aus (S. 55). Die Vorstellung einer sarmatischen Abstammung, wie sie zunächst im polnischen Kleinadel entstand, entfaltete im Adel Polen-Litauens integrative Wirkung über ethnische Grenzen hinweg. Die Legende von der römischen Herkunft des litauischen Adels wurde ergänzt durch einen römischen Herkunftsmythos unter den Magnaten Polens. Andererseits stand ihr in der ostslavischen Chronistik eine ruthenische Ursprungserzählung gegenüber. Im Kontext westlicher Bildung ist für orthodoxe Bürger von Mahilëu ein Anknüpfen an ostslavische diskursive Traditionen als kultureller „Synkretismus“ festzustellen. Mit den Werken Stryjkowskis war gleichzeitig ein „allseits akzeptables Grundmuster an Deutungen“ verfügbar, das es erlaubte, Vorstellungen litauischer Geschichte weder im Konflikt mit west- noch mit ostslavischer Geschichte zu sehen (S. 65). Auch der Kult um Großfürsten und besonders um Vytautas war ethnisch übergreifend. Von den litauischen Tataren wurde er sogar als „Förderer des Islams“ verehrt (S. 67).

Im Abschnitt zu Selbst- und Fremdwahrnehmung als Element „frühneuzeitlicher Nationsbildung“ (S. 76) stellt Niendorf anhand von Stryjkowskis Chronik eine Vorherrschaft sozialer und konfessioneller Faktoren und ein Zurücktreten der Rolle ethnischer Diversität fest, je näher die Darstellung der Gegenwart kam. Eine litauische Vorstellung von „Freiheit“ neben derjenigen der Adelsrepublik lässt sich nicht nachweisen. Aber mit der Wertschätzung des litauischen Statuts von 1588 und der Rechtspflege vor Gericht bzw. an den Adelslandtagen ist ein Selbstbild zu erkennen, das die ethnische Vielfalt der Akteure zu integrieren vermochte: Die Selbstbezeichnung des Adels als „Litauer“ war selbstverständlich. Gleiches ist auch für den orthodoxen bzw. unierten ruthenischen Adel anzunehmen, aber noch weiter zu untersuchen, gerade in situativen Kommunikationszusammenhängen. Die Selbstwahrnehmung der Juden im 19. Jahrhundert als „Litvakes“ dürfte auf „ältere Bewusstseinszustände“ verweisen (S. 89).

Das Großfürstentum war als „Sprachlandschaft“ oder „Kommunikationsraum“ nicht weniger vielfältig, obgleich die Vielsprachigkeit von den Einwohnern nicht thematisiert wurde (S. 97). Es ist dabei nicht einfach eine „Polonisierung“ festzustellen, wird doch noch bis ins 17. Jahrhundert eine eigentliche „Ruthenisierung des Polnischen“ beobachtet (S. 109). Setzte sich dann das Polnische als Sprache des Adels und der Schriftlichkeit durch, ohne einen Identitätswechsel zu bewirken, wurde auf Kosten des Litauischen das Weißrussische zur „lingua franca“ der mündlichen Kommunikation, auch für Tataren und Juden (S. 118).

Auch für Konfessionsbildungsvorgänge gilt, dass sich die Forschung zu oft an den heutigen Staatsgrenzen orientiert hat, anstatt das Großfürstentum als Ganzes wahrzunehmen. Der Autor spricht von „Ansätze[n] von Konfessionalisierung“ (S. 132) auch für die Orthodoxie und das Judentum. Dabei wird in dieser Studie im Unterschied zum überwiegend anhand deutscher Beispiele entwickelten Konfessionalisierungsparadigma nicht der Staat, sondern der Adel als Träger untersucht. „Züge von Sozialdisziplinierung“ in orthodoxen Laienbruderschaften seien besonders aufschlussreich, zumal sie unter keinerlei obrigkeitlichem Druck standen (S. 135). Niendorf beschreibt kontrovers-theologische Debatten als Fälle von Transkonfessionalität, sieht allerdings ihre soziale Reichweite auf die Eliten beschränkt. Dennoch erblickt er in der „Begegnung verschiedener Kulturen“ eine „übergreifende Streitkultur“ (S. 155). Diese wirkte sich aber nicht in einer übergreifenden Identifikation mit dem Begriff „Litauen“ aus, der in Gegenüberstellung zum Begriff der „Rus’“ blieb. Regional und ethnokonfessionell unterschiedliche Reichweiten erlangten die Verehrung der „Mutter Gottes von Traken“ als Schutzpatronin Litauens, der „Regina Populi Rutheni“ in Žyrovicy, die auch für Litauen als politische Einheit gegenüber Moskau stand, und das „‘weißrussische’ Tschenstochau“ in Bjalynicy bei Mahilëu sowie der Kasimirkult und die Verehrung des unierten seligen Josafat (S. 162-166).

Žemaiten dient sodann zur exemplarischen Untersuchung von Nationsbildungsprozessen im Rahmen einer kleineren Region. Die deutliche sprachliche Differenz des ‘Niederlitauischen’ zum Hochlitauischen sowie die beinahe deckungsgleiche territoriale Ausdehnung der Diözese und des Fürstentums Žemaiten hätten die Entstehung einer gesonderten Landesidentität fördern können. Dennoch ist eine solche nur in Ansätzen zu erkennen. Auch in diesem regionalen Zusammenhang betont Niendorf das Fehlen von Untersuchungen zum situativen Gebrauch ethnischer Terminologie.

Ausblickend beobachtet der Verfasser bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts die Festigung der Vorstellung einer litauischen Nation, allerdings sei diese „keineswegs geradlinig“ verlaufen (S. 200). Für das weißrussische kollektive Selbstverständnis ist eine solche Entwicklung auch gegenwärtig weitaus weniger eindeutig und bleibt insbesondere im Verhältnis zum ukrainischen Kontext weiter zu untersuchen. Im litauischen Fall spielten Angehörige des kleineren und mittleren Adels im 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle, nicht aber die Aristokratie. Wie bei der estnischen und lettischen Nationalbewegung konnte auch bei der entstehenden litauischen Bewegung die Konfession nicht von vornherein identitätsfestigend wirken, da Unter- und Oberschichten gleicher Konfession waren. Für die frühe Neuzeit ist die Erkenntnis wesentlich, dass sich im Großfürstentum wie auch in Žemaiten „Frühformen von Nationsbildung“ oder „Landespatriotismus“ „nicht einfach entlang ethnischer Merkmale“ entwickelten (S. 206). Ein „Nebeneinander scheinbar widersprüchlicher Orientierungen“ kollektiver Identität ist aber nicht für frühneuzeitliche Akteure und Gruppen plausibel, sondern auch noch für solche des 19. und 20. Jahrhunderts (S. 211). Nach der Realunion von Lublin 1569 bestand zwar ein eigenständiger Litauendiskurs weiter, der sich auf die legendäre römische Herkunft stützte, wie auch auf die Verehrung von Führungspersönlichkeiten wie Großfürst Vytautas und auf das eigene Rechtssystem. Darüber hinaus entwickelte sich aber kein litauisches kollektives Selbstbewusstsein. Allenfalls erkennt Niendorf im Kasimirkult als Patron des Großfürstentums ein Gegengewicht gegen polnische Diskurse. Dieser wie auch Marienkulte entfaltete sich aber in ständischen Rahmen – im Gegensatz zu nationaler Mobilisierung, wie sie sich erst im 19. Jahrhundert entwickelte. Der Begriff der Adelsnation sei zu starr, um die Reichweite gesellschaftlicher Integration im Adel zu beschreiben, und werde etwa den großen sozialen Unterschieden im Adel des Großfürstentums nicht gerecht. Das Beispiel Žemaiten bestätigt diesen Befund noch verschärft: Weder können eine kohärente žemaitische Identität festgestellt werden, noch eigenständige genealogische Legenden, noch Verehrungspraktiken herausragender Persönlichkeiten – trotz einiger spätmittelalterlicher Voraussetzungen. Soziale Integrationsprozesse fanden hier wie im ganzen Großfürstentum zwar statt, aber nicht im Sinne eines expliziten (proto-)nationalen kollektiven Bewusstseins. Stattdessen stützt die Studie neuere Thesen, in Polen-Litauen hätten sich kulturelle und institutionelle Muster entwickelt, die ethnokonfessionelle Trennlinien dauerhaft überschritten. Ein wesentliches weiteres Resultat der Studie ist, dass die gesellschaftlichen Prozesse im Großfürstentum nicht einfach denen in der polnischen Krone gleichgesetzt werden können. Neben weiteren Forschungen zu Formen ‘frühneuzeitlicher Nationsbildung’ sind die Untersuchung von Synkretismen [2], transnationaler oder transkultureller Vergesellschaftungsprozesse zu verstärken. Angesichts der Schwierigkeiten bei der Suche nach Formen einer ‘vermissten’ frühneuzeitlichen Nation stehen diese bzw. transkonfessionelle Vorgänge bereits in diesem Buch im Vordergrund. Dieses Ergebnis ist nicht nur, aber gewiss auch durch die Wahl des ethnokonfessionell äußerst vielfältigen Großfürstentums als exemplarisch untersuchter Großregion bedingt.

Die sehr verdienstvolle Studie geht weit hinaus über einen Bericht zu dem sprachlich und thematisch stark diversifizierten Forschungsstand, unter Einbeziehung aller relevanten Bereiche, einschließlich der orthodoxen, unierten und jüdischen Bevölkerung sowie der Tataren bzw. Karaimen. Niendorf stellt mit beeindruckenden Sprachkenntnissen nicht nur die litauische, polnische, weißrussische, russische, ukrainische und internationale Historiographie in einen übergreifenden Zusammenhang, sondern nimmt auf einem hohen Abstraktionsniveau und auf der Grundlage des Studiums edierter Quellen sowie exemplarischer Archivalien wesentliche Neueinschätzungen vor. Damit eröffnet er für eine ganze Palette zentraler Forschungsbereiche nicht allein der Geschichte der frühen Neuzeit neue Perspektiven. Vergleiche mit anderen europäischen Nationsbildungsprozessen machen das Werk zu der angestrebten Fallstudie, der nicht nur in der Osteuropahistoriographie Aufmerksamkeit zukommen sollte. Zusammenfassungen auf Weißrussisch, Polnisch, Litauisch, Russisch und Englisch sowie ein umfangreiches Literaturverzeichnis erleichtern den Zugang vorbildlich. Der renommierte Warschauer „Przegląd Wschodni“ hat das Buch kürzlich nicht umsonst als beste ausländische Untersuchung des Jahres 2006 ausgezeichnet.

Anmerkungen:
[1] Mit nur wenigen Seiten zur Frühen Neuzeit: Snyder, Timothy, The Reconstruction of Nations. Poland, Ukraine, Lithuania, Belarus, 1569–1999, New Haven 2003; Jetzt: Rohdewald, Stefan; Frick, David; Wiederkehr, Stefan (Hrsg.), Litauen und Ruthenien. Studien zu einer transkulturellen Kommunikationsregion (15.-18. Jahrhundert) / Lithuania and Ruthenia. Studies of a Transcultural Communication Zone (15th-18th Centuries) (=Forschungen zur osteuropäischen Geschichte 71), Wiesbaden 2007; Beschränkt auf die Ostslaven: Plokhy, Serhii, The Origins of the Slavic Nations. Premodern Identities in Russia, Ukraine and Belarus, Cambridge 2006; Aus polnischer Perspektive, auch zu Ruthenien: Bömelburg, Hans-Jürgen, Frühneuzeitliche Nationen im östlichen Europa. Das polnische Geschichtsdenken und die Reichweite einer humanistischen Nationalgeschichte (1500–1700), Wiesbaden 2006 (=Veröffentlichungen des Nordost-Instituts, Bd. 4), v.a. S. 358-389.
[2] Vgl. den Band Litauen und Ruthenien und dort den Beitrag von Mathias Niendorf, S. 303-330.

Zitation
Stefan Rohdewald: Rezension zu: : Das Großfürstentum Litauen. Studien zur Nationsbildung in der Frühen Neuzeit (1569-1795). Wiesbaden  2006 , in: H-Soz-Kult, 07.12.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9034>.
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Veröffentlicht am
07.12.2007
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