Brosch, Matthias; Elm, Michael; Geißler, Norman; Simbürger, Brigitta Elisa; Wrochem, Oliver von (Hrsg.): Exklusive Solidarität. Linker Antisemitismus in Deutschland. Vom Idealismus zur Antiglobalisierungsbewegung. Berlin : Metropol Verlag  2007 ISBN 978-3-938690-28-4, 440 S. € 24,00.

Benz, Wolfgang; Wetzel, Juliane (Hrsg.): Antisemitismus und radikaler Islamismus. Essen : Klartext Verlag  2007 ISBN 978-3-89861-714-7, 218 S. € 22,90.

Fritz Bauer Institut; Jugendbegegnungsstätte Anne Frank; Fechler, Bernd; Kößler, Gottfried; Messerschmidt, Astrid; Schäuble, Barbara (Hrsg.): Neue Judenfeindschaft?. Perspektiven für den pädagogischen Umgang mit dem globalisierten Antisemitismus. Frankfurt am Main : Campus Verlag  2006 ISBN 978-3-593-38183-1, 378 S. € 29,90.

Hoffmann, Andrea; Jeggle, Utz; Johler, Reinhard; Ulmer, Martin (Hrsg.): Die kulturelle Seite des Antisemitismus zwischen Aufklärung und Shoah. Tübingen : Tübinger Vereinigung für Volkskunde  2006 ISBN 978-3-932512-41-4, 341 S. € 20,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Susanne Wein, Institut für Kulturwissenschaft, Universität Bremen

Eine Rezension über vier Sammelbände kann den einzelnen Beiträgen im Grunde nicht gerecht werden – zumal drei der vier Bücher Artikel beinhalten, die sehr verschiedene, sich manchmal widersprechende Ansätze vertreten. So ist es nur möglich, einen knappen Überblick zu geben und kritische Nachfragen zu stellen, die zum Lesen und eigenen Urteilen anregen sollen. Die vier Bände nähern sich dem Phänomen des Antisemitismus von unterschiedlichen Fachgebieten her. Das weiteste Feld bearbeiten die kulturwissenschaftlichen bzw. volkskundlichen Autoren, die bereits im Titel die longue durée „zwischen Aufklärung und Shoah“ nennen. Eine überwiegend historisch-politikwissenschaftliche Herangehensweise hat der aus einer Tagung der Hans-Böckler-Stiftung entstandene Band zum „Linken Antisemitismus in Deutschland“. Historiker/innen, Sozial- und Islamwissenschaftler untersuchen im Sammelband des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) den radikalen Islamismus und seine antisemitischen Ausprägungen, wobei überwiegend bestritten wird, dass es sich um einen neuen Antisemitismus handelt. Ebenso schätzen es mehrere Beiträge des vierten Bandes ein, herausgegeben vom Fritz Bauer Institut und der Jugendbegegnungsstätte Anne Frank; dieser Tagungsband untersucht den „globalisierten Antisemitismus“ aus pädagogischer Sicht.

Der mit 22 Beiträgen sehr umfangreiche Band „Exklusive Solidarität“ macht bei aller Unterschiedlichkeit der Aufsätze eine inzwischen unhintergehbare Tatsache fest: Antisemitismus ist ein Phänomen, das historisch und gegenwärtig in allen Gesellschaftsschichten anzutreffen ist, also auch in der politischen Linken – und er hat dort ganz spezifische Ausprägungen. Markus Kneer stellt bei vier Denkern des 19. Jahrhunderts einen „rationalistischen Antijudaismus“ fest (Georg W.F. Hegel, Ludwig Feuerbach, Bruno Bauer und Karl Marx). Kneers Antwort auf die immer noch strittige Frage, weshalb Marx in seinem dafür zentralen Aufsatz „Zur Judenfrage“ die Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft ausschließlich und diffamierend am Judentum festmachte, überzeugt allerdings weniger: Die Juden habe es aufgrund der größten Individualität ihrer Religion notwendig treffen müssen (S. 46).

Die spezifischen „antisemitischen Denkformen“, die Olaf Kistenmacher in der KPD der Weimarer Republik anhand ihrer Tagespresse ausmacht, konnten sich – wie der Band insgesamt zeigt – über die Zeit des Nationalsozialismus hinweg halten und haben in der Antiglobalisierungsbewegung der Gegenwart in erschreckend identischer Begrifflichkeit Konjunktur. Als Klammer scheint dabei von den 1920er-Jahren bis heute ein linker Nationalismus zu dienen. Seit der Staatsgründung Israels treten solche Denkformen in der Regel als Antizionismus zu Tage. Dieser lässt sich sowohl in der Bundesrepublik (Beiträge von Martin Kloke, Wolfgang Kraushaar, Philipp Gessler und Stephan Grigat) als auch in der DDR (Thomas Haury) vielfach feststellen und kann oftmals leicht als Antisemitismus dechiffriert werden. Die Sicht auf den Staat Israel als ‚imperialistischer Brückenkopf’ und der Wunsch der deutschen Linken seit dem Sechstagekrieg von 1967, die Opfer von damals zu den Tätern der jeweiligen Gegenwart zu erklären, ist darin evident.

Linker Antisemitismus ging und geht häufig Hand in Hand mit einem antisemitisch aufgeladenen Antiamerikanismus – auch wenn Micha Brumlik diesem Befund in einem abgedruckten Interview widerspricht. Neben Christian Schwaabe nimmt sich Andrei S. Markovits dieser Amerikafeindschaft in seinem Beitrag an und analysiert das eklatante Beispiel eines Magazins der IG Metall vom Mai 2005 mit dem Titel: „Die Aussauger. US Firmen in Deutschland“ (S. 255). Darin hatten Text und Ikonografie alle Insignien des linken Antisemitismus: Insekten mit Saugrüssel, in Anzug mit Krawatte, Goldzahn, Geldkoffer und Uncle-Sam-Zylinder überfallen in Schwärmen deutsche Firmen. „Sie kaufen deutsche Firmen auf, saugen die Euros aus den Betrieben ohne Rücksicht auf Menschen und Regionen wie Mücken das Blut“ (hier zitiert nach einem Beitrag von Holger Oppenhäuser im Band „Neue Judenfeindschaft?“ [S. 114], der eigentlich Antisemitismus im Diskurs der extremen Rechten beschreibt und an dieser Stelle eine Konvergenzlinie zur Linken zieht).

Eine Analyse dieser Konvergenz kann mit dem Ansatz von Lars Rensmann aus dem Sammelband „Exklusive Solidarität“ gelingen („Zwischen Kosmopolitanismus und Ressentiment“). Er koppelt die Kontinuität des Ressentiments ideologiekritisch mit dem Konzept des „sekundären Antisemitismus aus Erinnerungsabwehr“ (S. 168).[1] Den Autorinnen und Autoren dieses Sammelbands ist insgesamt eine lesenswerte Auseinandersetzung mit dem Thema gelungen, auch wenn die wiederholte Darstellung der gleichen, zweifellos krassen Beispiele für linken Antisemitismus in der deutschen Geschichte das Buch unnötig aufbläht. Unverständlich bleibt, weshalb Elfriede Müllers Beitrag „Die deutsche Linke auf Identitätssuche“ im Dokumentationsteil aufgenommen wurde. Er zeigt lediglich, dass sich ein Teil der heutigen Linken dem Befund anderer Artikel des Bandes, die sich ihre Position wissenschaftlich erarbeitet haben, partout nicht stellen möchte. Positiv hervorgehoben werden sollen noch die informativen Beiträge zum „Verhältnis von politisch Verfolgten und Juden 1933–1945“ und darüber hinaus (Regina Scheer, Linde Apel, Jörg Wollenberg und Birgit Schmidt), die Aspekte aus dem schwierigen Komplex differenziert betrachten.

Der Sammelband „Neue Judenfeindschaft?“, das Jahrbuch 2006 des Fritz Bauer Instituts, zeigt in Praxisberichten auf, wie mit den verschiedenen Facetten des gegenwärtigen Antisemitismus in der Einwanderergesellschaft pädagogisch umgegangen werden kann. Im Hinblick auf die Organisationen, die sich des Sujets annehmen und hier Reflexionen vorlegen, kann der Band für Deutschland wohl annähernd Vollständigkeit beanspruchen: Es sind die Amadeu Antonio Stiftung, die BildungsBausteine gegen Antisemitismus des Bildungsteams Berlin-Brandenburg e.V., die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannseekonferenz, die Jugendbegegnungsstätte Anne Frank, das ISQ-Projekt („Israeli Short Questionnaire“/„I ask you“) des Bundesverbandes Jüdischer Studierender in Deutschland (BJSD), die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA), die Pädagogische Abteilung des Fritz Bauer Instituts und der Projektbereich Interkulturalität bei Aktion Sühnezeichen Friedensdienste.

Fraglich erscheint mir als Nichtpädagogin das Postulat, migrantischen Jugendlichen (mit islamischem Hintergrund) einen Status des Opfer-Seins zunächst einmal zuzugestehen (Astrid Messerschmidt, Monique Eckmann, Nicola Tietze). Gilt dies auch, wenn eine undifferenzierte Identifikation mit Palästinensern im Sinne der islamischen Glaubensgemeinschaft vorliegt und damit judenfeindliche Einstellungen ‚gerechtfertigt’ werden? Demgegenüber fällt auf, dass Opfer antisemitischer Angriffen nur in zwei Beiträgen ausdrücklich Beachtung finden: einmal in der Darstellung des ISQ-Projekts des BJSD, bei dem jüdische Studierende in Schulklassen gehen, um Vorurteile und Missverständnisse abzubauen, sowie im Bericht über einen europäischen Workshop von 2004, der klare Grenzlinien gegen antisemitische Ressentiments definierte.

Die komplexe Problematik, derer sich der Sammelband annimmt, erweckt an manchen Stellen den Eindruck der Sorge, die multikulturelle Klientel zu verprellen. In der Einleitung von „Neue Judenfeindschaft?“ wird beispielsweise ein Gegensatz aufgemacht zwischen der Ansicht von „Migranten als ‚Troublemaker’“ (S. 11) und der eigenen „deutschen Gesellschaft, [in der] vorhandene erinnerungspolitische Kontinuitäten und familiäre Bindungen an die NS-Volksgemeinschaft“ ausgeblendet würden (ebd.). Dabei sollte dies viel eher zusammen gedacht werden. Weil das Identifikationsangebot zur Übernahme eines islamistischen, antisemitischen Weltbildes für junge muslimische Migranten und Migrantinnen heute zweifellos höher ist als noch vor zehn Jahren, vermisse ich in dem Band einen Text wie denjenigen von Micha Brumlik, der in einem Vorgängerband von 2000 feststellte: Nur eine ‚allgemeine staatsbürgerliche Erziehung’ könne zum Erfolg führen, die den Begriff der „Nation nicht mehr in Begriffen der Ethnizität fasst und auch die politische Bildung, einschließlich der ‚Erziehung nach Auschwitz’, als integralen Bestandteil einer erneuerten nationalen Kultur versteht“.[2]

Der einzige ausschließlich begrifflich-theoretische Beitrag des Jahrbuchs stammt von Werner Bergmann. Bei den „Erscheinungsformen des Antisemitismus in Deutschland heute“ sieht er keinen neuen Antisemitismus am Werk, sondern beschreibt ein wellenförmig auftauchendes Phänomen nach altem Muster. Damit kann er jedoch zum Beispiel die zu Recht erkannte Zunahme einer antikapitalistisch verbrämten antisemitischen Israelkritik, die sich von einer ‚linksradikalen’ Position in die politische Mitte hinein verlagere (S. 36), nach meinem Eindruck nicht ausreichend erklären. Es verwundert ein wenig, weshalb der ausgewiesene Antisemitismus-Forscher an Klaus Holz’ Darstellung von den Juden als ‚Figur des Dritten’ festhält, zumal Bergmann später selbst auf das von Theodor W. Adorno und der Kritischen Theorie bereits in den 1950er-Jahren entwickelte Modell des sekundären Antisemitismus sowie auf Adornos Gedanken zur Schuld- und Erinnerungsabwehr im postnationalsozialistischen Deutschland abhebt.[3] Provokant gefragt: Wird mit der ‚Figur des Dritten’ nicht alter Wein in neuen Schläuchen serviert? Weiterführend wäre vielleicht eine Diskussion des Konzepts ‚des Anderen’ gewesen, wie es etwa Robert Wistrich benützt, oder von Lars Rensmanns Thesen zur Weiterentwicklung der Kritischen Theorie über den Antisemitismus im heutigen Deutschland.[4]

Der Band „Antisemitismus und radikaler Islamismus“ betrachtet den unbestrittenen und mit vielen Beispielen belegten Umstand der zunehmenden Bedrohung durch einen islamistischen Antisemitismus für Jüdinnen und Juden in ganz Europa sowie für den Staat Israel. Alle Autorinnen und Autoren sind sich einig: Erstens habe diese Form des Antisemitismus seit dem 11. September 2001 zugenommen. Zweitens würden Medien wie Satellitenfernsehen und Internet in Europa ungehindert eine extreme islamistische Ideologie verbreiten, die bürgerliche und individuelle Freiheit verachte und den Staat Israel zu vernichten trachte. Als Folge würden verbale und tätliche Übergriffe auf Jüdinnen und Juden – und auf solche Personen, die dafür gehalten werden – zunehmen.

Bei der Mehrzahl der Beiträge lässt sich allerdings eine im Endeffekt relativierende Argumentationsweise ausmachen. Zum einen werden besorgniserregende Beispiele dargestellt: Juden wird die Weltverschwörung unterstellt, alle möglichen Variationen der ‚Protokolle der Weisen von Zion’ haben Konjunktur, und der Djihadismus ruft zum Kampf gegen alle Juden und ‚Kreuzfahrer’ auf. Zum anderen wird dieser Antisemitismus etwa im einleitenden Beitrag von Wolfgang Benz und Juliane Wetzel ausschließlich als „Import“ aus dem Westen beschrieben. Demnach sei er auch nicht ‚neu’ und der „islamischen Welt zutiefst wesensfremd“ (S. 12); zudem sei der Rassenantisemitismus im Nahen Osten „ursprünglich“ „unbekannt“ gewesen (S. 17).

Für Michael Kiefer, Götz Nordbruch und Jochen Müller sind es der Nahostkonflikt und die anhaltend schlechte wirtschaftliche Situation, die die Übernahme der westlichen antisemitischen Stereotype in der arabischen Welt beförderten. Das Argument der wirtschaftlichen Krise war aber bereits weder für die massenhafte Zustimmung zum Nationalsozialismus erklärungskräftig, noch ist es bezüglich rechtsextremer, rassistischer Gewalt von Neonazis hinreichend. Kiefers Sicht, „dass es in der vormodernen islamischen Geschichte keine tief verwurzelte Feindseligkeit gegen die Juden gab, die mit dem vormodernen europäischen Antijudaismus vergleichbar wäre“ (S. 73), übergeht, dass Juden (und andere nichtmuslimische Minderheiten) als ‚Dhimmis’ in islamischen Gesellschaften stigmatisiert waren – etwa durch bestimmte Kleidung und rechtliche Ungleichbehandlung. Dies beschreibt Herbert L. Müller anschaulich in seinem Beitrag („Antisemitismus: Eine ideologische Konstante in der Islamistischen Bewegung?“). Zutreffend ist andererseits, dass es über die Jahrhunderte in der islamischen Welt nicht zu solchen Ausmaßen an Unterdrückung und Verfolgung der Juden kam wie in West- und Osteuropa.

Nordbruch gibt Hinweise auf die ideologischen Beziehungen zwischen den deutschen Rassedenkern Ende des 19. Jahrhunderts, dem Nationalsozialismus und der arabischen Welt, die er dann jedoch als höchstens formale Übernahmen kennzeichnet und nicht als selbstständig weiterentwickeltes Gedankengut.[5] Überzeugender ist dagegen der Beitrag von Bassam Tibi. Auch er bezeichnet den „neuen Antisemitismus“ in der islamischen Welt als westlichen Import, aber heute sei dieser „nicht mehr an der Oberfläche, er hat inzwischen Wurzeln geschlagen“ (S. 48). Dies geschah mit der Transformation zum politischen Islam, dem Djihadismus, durch die Muslimbrüderschaft und insbesondere durch deren Chefideologen Sayyid Qutb seit den 1950er-Jahren. Auch Osama Bin Laden genieße heute aufgrund dieser streng fundamentalistischen Sicht auf den Islam großes Ansehen. Tibi zeigt – im Gegensatz zu Kiefer –, dass der „Palästina-Konflikt“ gerade nicht die Ursache des neuen Antisemitismus und des Djihad-Terrorismus ist. Letzterer strebe den globalen Heiligen Krieg an, so dass ein ‚freies Palästina’ ihm gar nicht genug sein könne. Der Antisemitismus habe am Ende des 19. Jahrhunderts im Osmanischen Reich mit dem Hass auf Minderheiten begonnen, sei wenig später „durch die panarabische Ideologie und ihre Germanophilie“ (S. 66) gediehen und sei heute im Islamismus fest verankert. Tibi betont, dass diese gefährliche Weltanschauungsideologie sich nicht im Namen eines falsch verstandenen Multikulturalismus und mit dem „Gerede vom Respekt gegenüber anderen Kulturen“ (S. 67), das ausschließlich die Sorge um ‚Islamophobie’ kenne, Geltung in Europa verschaffen dürfe.

Ingesamt lässt der von Benz und Wetzel herausgegebene Sammelband die Leserin oder den Leser durch die widersprüchlichen Aussagen etwas unbefriedigt zurück, da kontroverse Haltungen nicht ernstgenommen und zum Beispiel in einem einleitenden Beitrag diskutiert, sondern stillschweigend aneinandergereiht werden – wie es in Sammelbänden leider häufig der Fall ist.

Sehr unterschiedliche Aufsätze finden sich auch im Tagungsband „Die kulturelle Seite des Antisemitismus“, doch dies ist der Vielfalt des Phänomens inhärent und wirkt hier durchaus produktiv. Als bereichernd erweist sich der internationale Austausch, der dem Ludwig-Uhland-Institut in Tübingen mit dem Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism (SICSA) der Hebrew University in Jerusalem gelungen ist. Der Eröffnungsbeitrag des Leiters von SICSA, Robert Wistrich, über den Umgang (intellektueller) Juden mit dem herrschenden Antisemitismus in Europa ergänzt sich gut mit dem dichten Beitrag von Clemens Heni über die im Laufe der Jahrhunderte stattgefundene Verquickung der antisemitischen Stereotyp-Bilder von Ahasver, Mammon und Moloch. Ob, wie Heni vermutet, bei einem europaweit bekannten Bild wie demjenigen des Ahasverus, welches bereits 1602 schriftlich verbreitet wurde, schon frühzeitig eine deutsche Spezifik zu erkennen ist, steht zur Diskussion. Aufschlussreich sind jedenfalls die Kontinuitätslinien der Bekämpfung von ‚Mammon’ und ‚Moloch’ von ganz links bis ganz rechts vom Ende des 19. Jahrhunderts über den NS-Antisemitismus bis hin zu linken Globalisierungsgegnern, die in Davos 2003 – als Scharon und Rumsfeld verkleidet – ums goldene Kalb tanzten. Heni betont, dass die wohlwollende Betrachtung solcher Globalisierungskritiker durch den deutschen Mainstream nur 60 Jahre nach Auschwitz besonders bedrückend sei. Die Frage nach einem neuen Antisemitismus war auch Thema einer kontroversen Schlussdebatte der Tagung, die Andrea Hoffmann und Martin Ulmer zusammenfassen.

Zu Henis Ausführungen finden sich interessante Ergänzungen im Beitrag des Religionswissenschaftlers Schaul O. Baumann über Stereotypenbildung, der Bezüge aufzeigt zwischen Shmuel Almogs Konzept der ‚geborgten Identität’ und dem Kampf gegen das ‚Verus Israel’, das ‚auserwählte Volk’. Diese Abwehr lasse sich sowohl im Übergang von christlich-biblischem Antijudaismus zum rassistischen Antisemitismus ausmachen als auch beim heutigen antizionistischen Stereotyp des kriegerischen Israel, das nicht zuletzt von einem offen nach Dominanz strebenden Islamismus gepflegt werde.

Die alltagskulturelle Seite überzeugend darzustellen gelingt zum Beispiel Peter Klein anhand der erschreckenden ‚Judenspottkarten’ aus dem Kaiserreich. Ebenso hervorzuheben ist der Beitrag des ‚Meisters der Disziplin’, Utz Jeggle, zum Alltags-Antisemitismus im dörflichen Milieu, der einige nach wie vor aktuelle Beispiele seiner Oral-History-Untersuchung über die Judendörfer in Württemberg wiedergibt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts herrschte bestenfalls eine distanzierte Duldung der jüdischen ‚Anderen’, wenn es (ökonomische) Vorteile brachte. „[Der] alltägliche Alltag [war] Hort rustikaler Judenfeindschaft, die sich doch schnell Bahn brach, sobald Konflikte an die Gegensätze erinnerten.“ (S. 229) Jeggle, dem der Tagungsband zum 65. Geburtstag gewidmet ist, vermisst bei aller neuerdings entstandenen Forschung die Betrachtung des Dorfes als Einheit mit eigener Ethnografie.

Zwei Darstellungen israelischer Historiker (Simcha Epstein und Evyatar Friesel) über die Aktivitäten des Centralvereins Deutscher Staatsbürger Jüdischen Glaubens (CV) ergänzen Ulmers erhellende Beschreibung über „Antisemitische Diskurse und Alltag“ im Württemberg der Kaiserzeit und der 1920er-Jahre. Ulmer konstatiert anhand einer Zeitungs-Analyse des (in der Forschung bisher zu wenig beachteten) Barmat-Skandals 1925 eine „Universalisierung von Antisemitismus“ (S. 243). Für das Fach weiterführend ist, dass Ulmer die epochenübergreifend untersuchten Alltagsdiskurse mit einem kulturtheoretischen Ansatz koppelt und die tradierten, sich wandelnden Stereotype mit einer Definition des Alltagsantisemitismus zu fassen versucht. Auf der Tagung kam Shulamit Volkovs Konzept der Judenfeindschaft als eines kulturellen Codes mehrfach zur Sprache, und es wurde angeregt, dieses fortzuentwickeln. Insofern erstaunt Kleins Befund, dass gerade bei den ‚Judenspottkarten’, die doch auf vielfältige Weise jene von der Mehrheitsgesellschaft ohne Umschweife verstandenen Stereotype benützten, dieser Code nicht die Basis gewesen sein soll (vgl. S. 169f.). Abgesehen vom Fehlen einer begrifflich-theoretischen Definition eines kulturellen Antisemitismus zur Zeit der Aufklärung[6] gibt der Band interessante Impulse, und ein solcher internationaler Austausch in den Kulturwissenschaften wäre fortzusetzen.

Die Klammer aller vier Bände ist die Betonung des ‚Neuen Antisemitismus’, wobei deutlich wird, dass das Debattenfeld nach wie vor genauso breit ist, wie es schon im Diskussions-Band „Neuer Antisemitismus?“ von Doron Rabinovici et alii angelegt war.[7] Leider wird immer noch mit Verve darum gestritten, ob das Adjektiv nun stimmig sei oder nicht. Nach meinem Eindruck würde aber kein Forscher des Gebietes behaupten, dass dem neuen Phänomen des Zusammentreffens der vormals getrennten ideologischen Lager des islamistischen Antisemitismus, der rechtsextremen Holocaustleugner und mancher globalisierungskritischer Linker, die einen verkürzten Antikapitalismus und traditionslinken Antizionismus pflegen, keine antijudaistischen und antisemitischen Traditionslinien westlicher Prägung zugrunde liegen würden. Die Forschung ist sich einerseits der langen Kontinuitäten bewusst und diskutiert andererseits die neuartigen Verbindungen, die heutzutage am gefährlichsten im islamistischen Antisemitismus lauern. Dass die Debatten darüber weitergehen, ist zu wünschen.

Anmerkungen:
[1] Ein solcher Ansatz kann im Rahmen eines Aufsatzes sicherlich nur angerissen werden. Es stimmt jedoch nicht, dass Rensmann die Positionen von Balibar, de Benoist und Taguieff gleichsetzen würde, wie eine Rezension behauptet; vgl. Schleicher, Regina, Kleine Geschichte des Antisemitismus in der deutschen Linken, in: Newsletter des Fritz Bauer Instituts Nr. 30, Frühjahr 2007, S. 61f.; auch online unter URL: <http://www.fritz-bauer-institut.de/rezensionen/nl30/02-Schleicher.pdf>.
[2] Brumlik, Micha, Erziehung nach „Auschwitz“ und Pädagogik der Menschenrechte. Eine Problemanzeige, in: Fechler, Bernd; Kößler, Gottfried; Liebertz-Groß, Till (Hrsg.), „Erziehung nach Auschwitz“ in der multikulturellen Gesellschaft, Weinheim 2000, S. 47-58, hier S. 50. Brumlik fügt hinzu, dass eine ‚nationale’ Kultur gemeint sei, die sich am französischen und US-amerikanischen Vorbild der freiwillig zusammengeschlossenen und unbedingt demokratischen Gemeinschaft orientiert.
[3] Die Einleitung des Bandes „Neue Judenfeindschaft?“ stützt sich ebenfalls auf Klaus Holz – sozusagen als Urheber der Idee der „Täter-Opfer-Umkehr“ als Kern eines Antisemitismus nach Auschwitz. Doch dadurch, dass Holz diese Verkehrung der Opfer in Täter gleichermaßen schon bei den Antisemiten im 19. Jahrhundert feststellt, kommt er an die postnationalsozialistische Spezifik weniger heran als seine Vorbilder der Kritischen Theorie. Vgl. Holz, Klaus, Die Gegenwart des Antisemitismus. Islamistische, demokratische und antizionistische Judenfeindschaft, Hamburg 2005.
[4] Wistrich, Robert (Hrsg.), Demonizing the Other. Antisemitism, Racism and Xenophobia, Amsterdam 1999; Rensmann, Lars, Kritische Theorie über den Antisemitismus. Studien zur Struktur, Erklärungspotential und Aktualität, Hamburg 1998.
[5] Zu den ganz konkreten Verflechtungen islamischer Herrscher mit den Nationalsozialisten liegt nun ein quellengesättigter Band vor: Mallmann, Klaus-Michael; Cüppers, Martin, Halbmond und Hakenkreuz. Das „Dritte Reich“, die Araber und Palästina, Darmstadt 2006 (rezensiert von Johannes Platz: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-2-010>).
[6] Dies kritisiert auch Bastian Fleermann, dessen Rezension sehr lesenswert ist (<http://www.sehepunkte.de/2007/05/11525.html>).
[7] Rabinovici, Doron; Speck, Ulrich; Sznaider, Natan (Hrsg.), Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte, Frankfurt am Main 2004 (rezensiert von Helga Embacher: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-3-119>).

Zitation
Susanne Wein: Rezension zu: Brosch, Matthias; Elm, Michael; Geißler, Norman; Simbürger, Brigitta Elisa; Wrochem, Oliver von (Hrsg.): Exklusive Solidarität. Linker Antisemitismus in Deutschland. Vom Idealismus zur Antiglobalisierungsbewegung. Berlin  2007 / Benz, Wolfgang; Wetzel, Juliane (Hrsg.): Antisemitismus und radikaler Islamismus. Essen  2007 / Fritz Bauer Institut; Jugendbegegnungsstätte Anne Frank; Fechler, Bernd; Kößler, Gottfried; Messerschmidt, Astrid; Schäuble, Barbara (Hrsg.): Neue Judenfeindschaft?. Perspektiven für den pädagogischen Umgang mit dem globalisierten Antisemitismus. Frankfurt am Main  2006 / Hoffmann, Andrea; Jeggle, Utz; Johler, Reinhard; Ulmer, Martin (Hrsg.): Die kulturelle Seite des Antisemitismus zwischen Aufklärung und Shoah. Tübingen  2006 , in: H-Soz-Kult, 11.09.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9085>.
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Veröffentlicht am
11.09.2007
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