T. Diedrich: Paulus. Das Trauma von Stalingrad

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Titel
Paulus. Das Trauma von Stalingrad. Eine Biographie


Autor(en)
Diedrich, Torsten
Erschienen
Paderborn 2008: Schöningh
Umfang
579 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bernd Stöver, Historisches Institut, Lehrstuhl Zeitgeschichte, Universität Potsdam

Der Name Friedrich Paulus wird wahrscheinlich für alle Zeiten mit der Vernichtung der 6. deutschen Armee in Stalingrad 1943 verbunden sein. Außer einigen Experten der Militärgeschichte verbindet heute jedoch kaum jemand mehr als das mit diesem Namen. Die Niederlage an der Wolga wird häufig mit der endgültigen Wende des Zweiten Weltkriegs gleichgesetzt, gar mit dem vorgezogenen Beginn der Nachkriegszeit, die bei Stalingrad begann und mit der Währungsreform 1948 endete.[1] Allenfalls wird Paulus’ Name noch mit der nach seiner Niederlage auf Stalins "Anregung" stattgefundenen Gründung des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) verbunden, als dessen wesentlichen Integrationsfigur er galt.[2]

Dass Friedrich Paulus’ Leben mehr war als die vernichtende Niederlage in Stalingrad, ist selbstverständlich. Eine vollständige Biographie lag bislang jedoch nicht vor.[3] Sie ist nun von Torsten Diedrich vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam präsentiert worden. Der Verfasser, der schon vor der Wende im Militärgeschichtlichen Institut der DDR tätig war, gilt als ausgewiesener Paulus-Experte, und entsprechend umfangreich ist seine Untersuchung geworden: Sie umfassen 579 vom Verlag sehr eng gesetzte Seiten.

Diedrich beginnt die durchgängig chronologisch strukturierte Paulus-Biographie im Kaiserreich und mit dem Satz: "In jener Zeit, im Jahre 1890 erblickte im hessischen Breitenau ein Knabe das Licht der Welt, der einmal den Weg in das Offizierskorps als den seinen wählen sollte." (S. 26) Man erfährt, dass der Ort Breitenau 1890 einige Hundert Häuser hatte und seine Geschichte ins 12. Jahrhundert zurückging, als "zwölf Hirsauer Benediktinermönche im Jahr 1119 [...] die ersten Gebäude errichteten" (ebd.). Man ahnt es bereits: Torsten Diedrich hat sich vorgenommen, alles zu erzählen, und er ist sehr akribisch, was die Einzelheiten angeht.

Das wichtigste Ergebnis, das Diedrich aus der Kindheit und Jugend von Friedrich Paulus zieht, ist aber wohl, dass dieser von Beginn an sehr ehrgeizig war, aber eben auch sehr anpassungsfähig bis hin zur Kritiklosigkeit, was – obwohl es in diesem Kapitel noch unausgesprochen bleibt – bereits eine Erklärung der späteren Entscheidungen als General sein soll. Paulus wurde nach dem Abitur Berufssoldat, eine Karriere, in der Diedrich ihm "Können, Fleiß, Unterordnung und Gehorsam" attestiert (S. 41). Auch die Hochzeit von Paulus sieht der Autor "im Zeichen der Karriere" (S. 48ff.). Paulus wurde Offizier, kämpfte im Ersten Weltkrieg, sah sich wie viele andere Berufssoldaten zunächst aus seiner geplanten Karriere geworfen, durfte dann aber als Hauptmann doch in der Reichswehr mitwirken, wo die Grundlage für seine Karriere im Dritten Reich gelegt wurde. Tatsächlich ging die Karriere nach 1933 forsch voran und kurz vor dem Krieg war Paulus Stabschef im Generalkommando XVI. Paulus versuchte nicht anzuecken und beteiligte sich daher nicht an dem Widerstand. Im Krieg gegen Polen war Paulus bereits Generalstabschef der 10. und 6. Armee, unter anderem bei dem berüchtigten General Reichenau, mit dem er sich hervorragend verstand, wie Diedrich zeigt. Paulus arbeitete sich in das Oberkommando des Heeres (OKH), in die "Schaltstelle militärischer Macht" hoch und wurde schließlich der Nachfolger Reichenaus als Oberbefehlshaber der 6. Armee.

Schon zuvor war Paulus maßgeblich in die Planung für den Krieg gegen die Sowjetunion einbezogen. Ausführlich widmet sich Diedrich dann dem eigentlichen Bezugspunkt seiner Biographie: Stalingrad. Der im Rückblick sicherlich wichtigste Abschnitt im politisch-militärischen Leben des Generals beansprucht ein eigenes Kapitel. Die Schuld von Friedrich Paulus, urteilt Diedrich entlang der von Paulus selbst eingeräumten Verantwortung, sei gewesen, dass er Durchhaltebefehle ausführte (S. 298).

Für die Zeit der Kriegsgefangenschaft zeigt Diedrich sehr glaubwürdig das Schwanken des Generals zwischen alten Überzeugungen und dem Willen, zu einem "neuen Deutschland" nach der Niederlage beizutragen. Die Sorge, seine Beteiligung an politischen Aktivitäten im Exil könne zu einer neuen "Dolchstoßlegende" beitragen, zeigt ebenso wie die anfängliche Weigerung, dem so genannten Bund deutscher Offiziere beizutreten, eine weiterhin tiefe Verwurzelung in traditionellen Mentalitäten und politischen Vorbehalten. Dass Paulus sich von Hitler gelöst hatte, verdeutlicht allerdings nicht zuletzt seine Zeugenaussage beim Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess.

Der wohl von der historischen Forschung bislang am meisten vernachlässigte Teil der Biographie beschäftigt sich mit dem Leben von Friedrich Paulus in der DDR. Tatsächlich kann Diedrich hier mit einer Fülle von neuen Details aufwarten, die auch weitere Einblicke in den Umfang der SED-Westarbeit erlauben. Das Kapitel zu seiner politischen Instrumentalisierung als "Schachfigur" bezieht zudem längst vergessene Protagonisten der damaligen gesamtdeutschen Arbeit ein, so den aus der ehemaligen Waffen-SS stammenden Joachim Nehring, der nun als Vorsitzender des westdeutschen "Bundes für Deutsche Einheit" zu einer Gruppe ehemaliger Wehrmachtsoffiziere in der Bundesrepublik gehörte, um die sich die SED zeitweilig stark bemühte. Biographien machen dann Sinn, wenn man sie als Möglichkeit begreift, an der Geschichte eines Lebens politische Strukturen, Prozesse oder Mentalitäten einer Zeit exemplarisch zeigen zu können. Torsten Diedrichs Paulus-Biographie tut dies und füllt darüber hinaus ein Desiderat der bislang schwachen Paulus-Forschung. Ein lesenswertes Buch.

Anmerkungen:
[1] Martin Broszat/ Klaus-Dietmar Henke /Hans Woller (Hrsg.), Von Stalingrad zur Währungsreform. Zur Sozialgeschichte des Umbruchs in Deutschland, München 1990.
[2] Bodo Scheurig, Verräter oder Patrioten. Das Nationalkomitee "Freies Deutschland" und der Bund Deutscher Offiziere in der Sowjetunion 1943-1945, Berlin 1993.
[3] Leonid Reschin, Feldmarschall Friedrich Paulus im Kreuzverhör 1943-1945, Augsburg 2000.

Zitation
Bernd Stöver: Rezension zu: : Paulus. Das Trauma von Stalingrad. Eine Biographie. Paderborn  2008 , in: H-Soz-Kult, 05.03.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9172>.
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Veröffentlicht am
05.03.2009
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