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Titel
Die Generation danach. Der Nationalsozialismus im Familiengedächtnis


Autor(en)
Reiter, Margit
Erschienen
Wien 2006: StudienVerlag
Umfang
332 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nina Leonhard, Sozialwissenschaftliches Institut der Bundeswehr, Strausberg

In Deutschland wie in Österreich gehören Nationalsozialismus und Holocaust zur Familiengeschichte und sind daher sowohl für diejenigen von Bedeutung, die diese Zeit miterlebt haben, als auch für ihre Kinder und Enkel – in jeweils unterschiedlicher Weise. Während dieses Thema für Deutschland inzwischen gut erforscht ist[1], fehlten für Österreich bisher vergleichbare Arbeiten. Mit dem aus einem Habilitationsvorhaben vorab veröffentlichten Buch „Die Generation danach“ liegt nun erstmals eine Studie vor, die sich mit den Familienerinnerungen von „Kindern der Täter“ speziell in Österreich beschäftigt. Die Wiener Zeithistorikerin Margit Reiter hat hierfür 18 Interviews mit Angehörigen der so genannten zweiten Generation ausgewertet, deren Eltern den Nationalsozialismus in irgendeiner Weise unterstützt haben und zu (Mit-)Tätern geworden sind (der Begriff „Kinder der Täter“ ist bewusst breit gefasst).

Das Buch enthält neben der Einleitung zehn Kapitel. In den ersten drei Abschnitten werden die zentralen Begriffe, das methodische Vorgehen und der vergangenheitspolitische Kontext in Österreich umrissen. Die folgenden zwei Kapitel geben einen Überblick zu den Ergebnissen der Interviews, indem einerseits die wichtigsten Tradierungsmuster sowie Mechanismen von Erzählen und Schweigen innerhalb der Familie aufgezeigt, andererseits zentrale „außerfamiliäre Gedächtnisträger“ wie die Schule, rechte Jugendlager und Burschenschaften sowie die Medien und die Literatur als „Bestätigung oder Korrektiv“ der Familiengeschichte diskutiert werden. Die anschließenden beiden Hauptkapitel sind den Väter- bzw. Mütterbildern gewidmet, die in den Interviews zu Tage treten und deren unterschiedliche Ausprägungen anhand von Fallbeispielen illustriert werden. In zwei weiteren Abschnitten erörtert die Autorin das „Spannungsfeld von Nichtwissen – Ahnen – Wissen“ sowie die Frage des Betroffenseins durch das elterliche „Erbe“, bevor sie im Schlussabschnitt die wichtigsten Ergebnisse zusammenfasst.

Reiter, die sich mit dieser Veröffentlichung explizit an ein breites Publikum wendet (S. 15), zeigt auf gut lesbare, differenzierte und zugleich einfühlsame Weise die Schwierigkeiten der von ihr befragten „Kinder der Täter“ auf, sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ihrer Eltern auseinanderzusetzen. Das Buch gibt einen guten Einblick in die Problematik der NS-Zeit als Teil der Familiengeschichte und hat damit, wie die große Resonanz in Österreich zeigt[2], offensichtlich einen neuralgischen Punkt getroffen. Aus fachwissenschaftlicher Perspektive bietet Reiters Darstellung jedoch nur teilweise Neues. Das liegt weniger an der bewusst knapp gehaltenen theoretischen und methodischen Einordnung, sondern eher an der Fokussierung auf innerfamiliäre Dynamiken – trotz des betont zeithistorischen Forschungsinteresses (S. 12). Die von Reiter herausgearbeiteten Formen, wie „Kinder der Täter“ mit mehr oder weniger großem Erfolg versuchen, trotz oder bisweilen auch wegen der NS-Belastungen ein positives Bild ihrer Eltern aufrechtzuerhalten, sind im Großen und Ganzen bekannt – ebenso wie die Bemühungen, sich vom negativen nationalsozialistischen „Familienerbe“ zu befreien.[3]

Da es Reiter nicht um einen (historischen) Nachweis des Ausmaßes der politischen Verstrickung der Eltern in den Nationalsozialismus geht, sondern sie sich vorrangig für die Befindlichkeit der Kinder der damaligen „Täter“ und „Mitläufer“ interessiert, wäre es wichtig gewesen, neben der heutigen weltanschaulichen Orientierung der Befragten auch deren sozialstrukturelles Profil stärker zu berücksichtigen. Beim Lesen entsteht mitunter der Eindruck, dass es sich vorwiegend um akademisch gebildete Personen handelt, von denen sich einige beruflich mit Geschichte bzw. mit Familiendynamiken beschäftigen – es ist unter anderem von Psychotherapeuten, Lehrern, Historikern die Rede. Dies könnte ein Grund sein, warum Reiter zufolge die Mehrheit ihrer Befragten der Gruppe derjenigen Nachkommen angehört, die sich von ihren Eltern politisch distanziert (S. 284). Ohnehin ist das Sample von 18 Interviews zu klein, um daraus gesamtgesellschaftlich repräsentative Schlussfolgerungen ableiten zu können.

Aufschlussreicher als die Kategorisierung der Haltungen zum nationalsozialistischen Familienerbe erscheint der Vergleich der Väter- und Mütterbilder. Reiter zeigt anschaulich auf, wie stark Täterschaft geschlechtsspezifisch, das heißt männlich kodiert ist und wie sehr die Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Familiengeschichte, wenn sie überhaupt erfolgt, auf die Auseinandersetzung mit den Vätern beschränkt bleibt. Vorstellungen von den Müttern als politisch Handelnden oder gar als „Täterinnen“ bleiben dagegen blass. „Während es bei den Vätern vor allem um die Frage geht, was der Vater im Nationalsozialismus getan hat, stellt sich bei der Mutter bestenfalls die Frage, was sie gedacht oder gewusst hat.“ (S. 288) Dies schlägt sich darin nieder, dass die Müttererzählungen in den Interviews sichtbar weniger aussagekräftig sind als die Vätererzählungen, weshalb die Autorin im Kapitel über die Mütterbilder verstärkt auf andere, zum Beispiel literarische Quellen zurückgreifen muss.

Die aus meiner Sicht interessanteste Frage betrifft jedoch Einfluss und Bedeutung der österreichischen Erinnerungskultur für den familiären Umgang mit der NS-Vergangenheit. Reiter greift diesen Punkt nach der in Kapitel 3 erläuterten Genese und Entwicklung der österreichischen „Opferthese“ sowie der damit verbundenen nachsichtigen Haltung gegenüber (ehemaligen) Nationalsozialisten an verschiedenen Stellen auf, indem sie etwa die „Waldheim-Affäre“ Mitte der 1980er-Jahre als Wendepunkt für die persönliche wie familiäre Beschäftigung mit der Vergangenheit betont. Spannend sind auch ihre Ausführungen zum so genannten Milieu der „Ehemaligen“, in dem einige Interviewpartner aufgewachsen sind und das es in Deutschland (im Osten wie wohl auch im Westen) in dieser Form nicht gegeben hat. Gemeint sind von der NS-Ideologie überzeugte Frauen und Männer, die sich oftmals noch lange nach 1945 in einem „abgeschotteten Erinnerungsmilieu von Gleichgesinnten bewegten, das in gewisser Hinsicht ein Gegengedächtnis zum offiziellen österreich-patriotischen Geschichtsbild darstellte“ (S. 53).

Eine systematische Erörterung der Zusammenhänge zwischen den öffentlichen und privaten Umgangsweisen mit dem Nationalsozialismus nimmt Reiter jedoch nicht vor; die eingangs in Aussicht gestellte Einbindung der familiären Problematik in den gesellschaftspolitischen Kontext Österreichs (S. 12) erfolgt somit nur ansatzweise. Hier wäre ein Vergleich mit den Forschungsergebnissen für die Bundesrepublik und die DDR hilfreich gewesen, um die Unterschiede, aber auch die Gemeinsamkeiten in den drei „Nachfolgestaaten des ‚Großdeutschen Reiches’“[4] auf familiärer Ebene herauszuarbeiten und die österreichischen Besonderheiten näher zu begründen – etwa das implizite Argument der Autorin, dass die „offizielle“ Opferthese in Österreich die innerfamiliäre Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus stärker blockiert habe als in der Bundesrepublik.

Alles in allem lässt Margit Reiters Darstellung unter geschlechtsspezifischen Gesichtspunkten, aber auch mit Blick auf einen deutsch-österreichischen Vergleich interessante Forschungsperspektiven erkennen, die allerdings weiter vertieft werden könnten und sollten. Das Buch ist in erster Linie als ein Problemaufriss zu verstehen, der die öffentliche Diskussion um den familiären und generationsspezifischen Umgang mit der NS-Vergangenheit in Österreich anstoßen soll. Gleichwohl lassen sich daraus auch für die deutsche Forschung einige wichtige Anregungen und neue Fragestellungen gewinnen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. v.a. Rosenthal, Gabriele (Hrsg.), Der Holocaust im Leben von drei Generationen. Familien von Überlebenden der Shoah und von Nazi-Tätern, Gießen 1997; Kohlstruck, Michael, Zwischen Erinnerung und Geschichte. Der Nationalsozialismus und die jungen Deutschen, Berlin 1997; Welzer, Harald; Montau, Robert; Plaß, Christine, „Was wir für böse Menschen sind!“ Der Nationalsozialismus im Gespräch zwischen den Generationen, Tübingen 1997; Welzer, Harald; Moller, Sabine; Tschuggnall, Karoline, „Opa war kein Nazi“. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt am Main 2002; Leonhard, Nina, Politik- und Geschichtsbewusstsein im Wandel. Die politische Bedeutung der NS-Vergangenheit im Verlauf von drei Generationen in Ost- und Westdeutschland, Münster 2002; Moller, Sabine, Vielfache Vergangenheit. Öffentliche Erinnerungskulturen und Familienerinnerungen an die NS-Zeit in Ostdeutschland, Tübingen 2003.
[2] Die Autorin wurde u.a. mit dem Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch 2006 ausgezeichnet.
[3] Vgl. neben den in Anm. 1 genannten Arbeiten v.a. Eckstaedt, Anita, Nationalsozialismus in der „zweiten Generation“. Psychoanalyse von Hörigkeitsverhältnissen, Frankfurt am Main 1989; Bar-On, Dan, Die Last des Schweigens. Gespräche mit Kindern von Nazi-Tätern, Frankfurt am Main 1993; Bergmann, Martin S.; Jucovy, Milton E.; Kestenberg, Judith S. (Hrsg.), Kinder der Opfer – Kinder der Täter. Psychoanalyse und Holocaust, Frankfurt am Main 1995.
[4] Lepsius, M. Rainer, Das Erbe des Nationalsozialismus und die politische Kultur der Nachfolgestaaten des „Großdeutschen Reiches“, in: Haller, Max; Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim; Zapf, Wolfgang (Hrsg.), Kultur und Gesellschaft, Frankfurt am Main 1989, S. 247-264.

Zitation
Nina Leonhard: Rezension zu: Reiter, Margit: Die Generation danach. Der Nationalsozialismus im Familiengedächtnis. Wien 2006 , in: H-Soz-Kult, 13.07.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9233>.
Redaktion
Veröffentlicht am
13.07.2007
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