Sammelrezension: Heuss; neue Intellektuellenforschung

Hübinger, Gangolf; Thomas Hertfelde (Hrsg.): Kritik und Mandat. Intellektuelle in der deutschen Politik. Stuttgart : Deutsche Verlags-Anstalt  2000 ISBN 3-421-05222-0, 365 S. DM 39,80.

: Reden nach Hitler. Theodor Heuss - Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Stuttgart : Deutsche Verlags-Anstalt  2001 ISBN 3-421-05553-X, 479 S. DM 39,80.

: Theodor Heuss als Journalist. Beobachter und Interpret von vier Epochen deutscher Geschichte. Münster : LIT Verlag  1999 ISBN 3-8258-4332-7, 558 S. DM 69,80.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
PD Guido Müller, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen

"Deutsche Intellektuellenforschung, Theodor Heuss und die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus"

Wirft der historisch-politisch interessierte Leser einen Blick auf den Buch-, Ausstellungs- und Forschungsmarkt, so scheint die Untersuchung des 20. Jahrhunderts noch lange nicht an ihr Ende gekommen zu sein. Geradezu modischen Charakter besitzen Fragen, wie seit 1945 mit der deutschen Vergangenheit, vor allem mit dem Nationalsozialismus und den großen deutschen Verbrechen des vergangenen Jahrhunderts umgegangen wird. Ein wichtiges Thema ist die Erinnerungs- und die Vergangenheitspolitik, aber auch scheinbar unerschöpflich die Intellektuellenforschung.

Kaum jemand eignet sich auf den ersten Blick wohl besser für eine Verknüpfung dieser Fragestellungen als Theodor Heuss (1884-1963). Dieser prägte das Amt des Bundespräsidenten als "erster (Bildungs-)Bürger im Staate" in besonderem und bis heute fortwirkendem Masse - auch durch die Selbstkonstitution und Außenkonstitution seiner Biographie. Umstritten ist die geschichtswissenschaftlich wenig erforschte Gestalt kaum - sie wirkt heute wie ein demokratisches Fossil aus dem 19. Jahrhundert, wie ein Phönix aus der Asche einer Fortsetzung der Buddenbrooks-Saga in württembergisch-schwäbischem Gewand Färbung. Hat uns diese Gestalt überhaupt noch etwas zu sagen? [1]

Mit der Hinwendung zu kulturwissenschaftlichen Fragestellungen, zur Neuentdeckung der großen Biographie durch ganze Historikergenerationen im Kontext von Intellektuellen- und Bürgertumsforschung und zur demokratischen Entwicklung Deutschlands auf dem "langen Weg nach Westen" liegt es auf der Hand, sich Theodor Heuss mit neuem Blick und erweiterten Fragestellungen zuzuwenden.

Institutioneller Träger dieser Aufgabe ist zunächst die 1996 in Stuttgart eröffnete Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus mit ihrem Geschäftsführer Thomas Hertfelder und seinen Mitarbeitern. [2] Im Frühjahr 2002 eröffner die Stiftung ein großes Heuss-Museum im letzten Wohnsitz des Alt-Bundespräsidenten auf dem Stuttgarter Killesberg, das sich Fragen der deutschen Geschichte, seiner demokratischen und kulturellen Entwicklung im 20. Jahrhundert zuwendet.

Eine wichtige Rolle spielt die Stuttgarter Einrichtung auch für die Heuss-Forschung. Gerade wurden dazu mit den Dissertationen von Reiner Burger zum Journalisten Heuss (Universität Eichstätt 1998) und von Ulrich Baumgärtner zum Redner (Universität München 2000) zwei interessante Ergebnisse aus der Feder junger Historiker vorgelegt. Mit kommunikationswissenschaftlicher Ambition bearbeitet der jetzt bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" tätige Medienhistoriker Reiner Burger sein Thema. Der an der Universität München tätige Fachdidaktiker Ulrich Baumgärtner arbeitet methodisch konservativer. Er wählt bewußt ein einfaches Kommunikationsmodell für seine Untersuchung.

Dazu kommen bisher drei weitere Bände der Wissenschaftlichen Reihe, von denen hier der auf eine Tagung des Heuss-Hauses im Marbacher Literaturarchiv zurückgehende Sammelband zu "Intellektuellen in der Politik" vorgestellt wird. Im Mittelpunkt stehen dort deutsche Intellektuelle in der politisch spannungsvollen Rolle zwischen "Kritik und Mandat". Sie wirkten wie Heuss als Inhaber von politischen Mandaten, Ämtern oder anderen, mit politischer Macht verbundenen Positionen und fielen als Organisator einer politischen Öffentlichkeit auf. (S. 14)

Für den österreichischen Nationalökonomen Joseph Schumpeter war der Intellektuelle ein "potentieller Störungsfaktor der herrschenden Ordnung". Der Begriff kam vom Westen - seine publizistische und politische Aufladung hatte er bekanntlich in der französischen Debatte um den jüdischen Hauptmann Dreyfus Ende des 19. Jahrhunderts erhalten. Kann dieser französische, zuletzt durch den Soziologen Pierre Bourdieu erneut prominent gemachte Modelltyp nun auch auf deutsche Biographien von Literaten, Publizisten und Akademikern im 20. Jahrhundert angewandt werden?

Steht nicht der hohe Rang, den Staatsorientierung, Ordnungs- und Integrationssehnsucht bei deutschen Gebildeten und Akademikern seit dem frühen 19. Jahrhundert geniessen, dem Schumpeterschen Verständnis diametral gegenüber? Gehören der Drang nach Mandat und Amt nicht konstitutiv zum "deutschen Intellektuellen"? Müssen wir uns mit einem speziellen deutschen Typus des auch im westlichen Ausland bekannten "Rechtsintellektuellen" (Charle / Sirinelli / Mattioli) vertraut machen? Oder müssen wir vielleicht doch eher für den mitteleuropäischen Raum Bourdieus Konzeption eines "bi-dimensionalen Wesen" zwischen Politik und Kultur verlassen und uns auf ein eigenes Muster eines multi-dimensionalen und ambivalenten Wesens mit situativen Identitäten einstellen. Da bietet sich Theodor Heuss als interessanter Untersuchungsgegenstand an.

Die Herausgeber Thomas Hertfelder und Gangolf Hübinger versuchen einleitend geschickt und offen die begrifflichen Probleme einzukreisen. Hertfelder plädiert für ein "Einklammern" der Wertbehaftung des Begriffs Intellektueller und des "Sacrificium intellectus". Das Phänomen sucht er in seiner Disparatheit zwischen dem Entzauberer und dem Verzauberer und in seinen Mischformen zu erfassen. (S. 21) Hübinger definiert "Intellektuelle" als Personen, wohl kaum zufällig rein männlichen Geschlechtes? [3], die im Dienste eines Ideals, aus dem sie weltdeutend und sinnvermittelnd Kulturwerte ableiten, für deren Verbindlichkeit bei der rationalen Gestaltung der sozialen Orndung und bei der Systematisierung der Lebensführung kämpfen.

Somit erlaubt der materialreiche Band ein normfreies und reiches Spektrum von Intellektuellen: von Walther Rathenau, Ernst Troeltsch und Maximilian Harden (Martin Sabrow), dem Naumann-Kreis (Ursula Krey) und seinem prominentesten Vertreter Theodor Heuss (Thomas Hertfelder) bis zu Arthur Moeller van den Bruck (Stefan Breuer), Carl Schmitt und den "SS-Intellektuellen" Reinhard Höhn, Wilhelm Stuckart und Werner Best (Ulrich Herbert).

Das Panorama der politisch links einzuordnenden Intellektuellen reicht von Kurt Eisner, Gustav Landauer, Erich Mühsam und ihren Münchener revolutionären Literatenfreunden (Britta Scheideler), über die "Gesellschaft der Freunde des neuen Russlands" (Elke Suhr), Rudolf Hilferding und Gustav Radbruch (Gangolf Hübinger) bis zu Carlo Schmid, Erich Ollenhauer, Karl Schiller, Willi Eichler und anderen sozialdemokratischen Intellektuellen in der frühen Bundesrepublik (Hartmut Söll) bis schließlich zur "Sozialdemokratischen Wählerinitiative" hinter Günter Grass 1967-1972 (Daniela Münkel). Kommunistische Intellektuelle in der SBZ und frühen DDR - wie Johannes R. Becher - (Werner Müller) werden ebenso berücksichtigt wie Lord Ralf Dahrendorf, Vorsitzender des Kuratoriums des Heuss-Hauses, der neben Habermas wohl heute international angesehenste lebende deutschsprachige Intellektuelle. Der zeitliche und gedankliche Rahmen wird somit durch Theodor Heuss' Eckdaten1884-1963 vorgegeben.

Eignet sich Theodor Heuss vielleicht besonders gut zur Erörterung eines deutschen Prototyps von "Intellektuellem" im 20. Jahrhundert? Hertfelder beschreibt ihn aber vielmehr als Literaten, Ästheten und Bildungsbürger in politischer Verantwortung. Heuss sei das "symbolische Kapital" der Bildung und das ästhetische Empfinden mindestens ebenso wichtig gewesen wie die intellektuelle Autonomie. Das "Sacrificium Intellectus" von Heuss war 1933 seine Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz - gegen sein eigenes Gewissen und seine politische Einsicht, aber auch gegen das "historische Stilgefühl", wie er es später beschrieb. Dies bewahrte Heuss ironischerweise aber nicht vor dem ihm aufgezwungenen Rückzug von den Ämtern in das intellektuelle Feld.

Der von aussen erhöhte Druck auf Heuss zur weiteren Stilisierung des bildungsbürgerlichen Habitus und zur Konservierung des Kapitals der Bildung im "Dritten Reich" liess ihn nach 1945 weiterhin zum Meister der Camouflage und Grenzverwischung zwischen kritischem Räsonnement und praktischer Politik werden. Er wirkte als Herausgeber und kommentierender Autor der "Rhein-Neckarzeitung" in Heidelberg und teilweise zeitgleich als Mitglied des Parlamentarischen Rates, als Kultminister in Stuttgart, als FDP-Vorsitzender und schließlich als von Adenauer als Symbolfigur der bürgerlichen Koalition inthronisierter Bundespräsident. Damit konnte Heuss sich als "räsonnierendes Staatsoberhaupt" positionieren (Hertfelder). Vor allem mit seinen mahnenden und für viele Deutsche damals unbequemen Reden zur Erinnerung an die nationalsozialistische Vergangenheit und mit seinem Begriff der "Kollektivscham" verlieh Heuss dem Amt ein persönlich motiviertes Profil mit intellektuellem Anspruch.

War es aber nicht auch für Heuss ein persönliches Glück, dass er nicht nur in der Camouflage zwischen 1933 und 1945 überlebte, sondern dass er auch eine lange Liste von deutsch-jüdischen Freunden aus der Zeit vor 1933 hatte - wie vor allem das Ehepaar Gustav und Toni Stolper mit ihren Kindern, aber auch Ludwig Frank, Eugen Katz, Fritz Elsas, Ernst Toch und Otto Hirsch? Die Erinnerung an deren Schicksale konnte ihm die Schamröte ins Gesicht treiben und brachte ihn beim Besuch von Bergen-Belsen 1952 ins Straucheln. Seine Frau Elly Heuss glaubte bereits wenige Tage nach dem ersten Judenboykott des "Dritten Reiches" im April 1933 an "kollektivem Schuldgefühl" ersticken zu müssen. [4]

Die Kategorien von Moral und demokratischer Verantwortlichkeit, von politischer Integrität faßte Heuss in dem hohen Begriff des "Anstandes" zusammen. Für ein Verständnis des "Intellektuellen" Heuss sind sie von zentraler Bedeutung. So fällt es schwer ins Gewicht, daß Franziska Augstein mit Recht genau diese Kategorien bereits in ihrem Bericht über die Tagung in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vermissen musste. [5]

Kurt Sontheimer hält es in seiner Rezension des Tagungsbandes in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" für "unannehmbar, die geistigen Beweihräucherer des NS-Staates und seiner Ideologie als Intellektuelle zu bezeichnen". [6] Diese Provokation übernimmt Ulrich Herbert in dem angezeigten Band. Dieses Urteil Sontheimers muss aber irritieren in Anbetracht des Umstandes, dass er wenige Zeilen zuvor das "normative Konzept des unabhängigen, den universalen Ideen und Werten der Aufklärung verbunden Intellektuellen" für "nicht brauchbar" erklärt hat, "wenn man nicht damit zufrieden sein will, dass Intellektuelle politisch links oder zumindest liberal sein müssten".

Liegt das zentrale Problem mit den "Intellektuellen" also bis heute doch in den Werteinstellungen, im Normativen, im Verhalten den Juden gegenüber und in der Einstellung zum völkisch-biologistisch technokratischen Radikalismus?
Ulrich Herbert bezieht sich in seinem Beitrag ausdrücklich auf Hermann Lübbe, wenn er Werner Best und anderen führenden "SS-Intellektuellen" am Ende seines Beitrags "absolut dominierende Wertrationalität" zuschreibt. Diese habe "sich aus den kulturellen und politischen Traditionen in Deutschland heraus entwickelt, zugleich aber auch radikal herausgelöst" (S. 177). Damit beschreibt Herbert sicher treffend den "erkennbaren Widerspruch" des Themas "Intellektuelle im 'Dritten Reich'" (S. 160). Zugleich wird der Begriff des "Intellektuellen" zur Hülse und Maske entwertet - des Kaisers neue Kleider sozusagen.

Ist der Begriff "Intellektueller" damit überhaupt noch für die gesamte Gruppe brauchbar und zu irgendwelcher Erklärung nützlich? Tagungen und ihre Ergebnisse können auch die wissenschaftliche Brauchbarkeit von Begriffen oder Konzepten falsifizieren. Ein solches Ergebnis liegt in diesem Fall wohl vor - auch wenn es von den Organisatoren wohl unbeabsichtigt war. Franziska Augstein sprach vor zwei Jahren schon überspitzt vom "Elchtod in Marbach".

Indem Carl Schmitt nach den Bücherverbrennungen in einem Artikel des "Westdeutschen Beobachters" den Begriff des "Intellektuellen" Ende Mai 1933 radikal vom deutschen Geist löste, rettete er wider eigenen Willen den normativen Gehalt des Begriffs vom "Intellektuellen". Heuss unternahm zur selben Zeit in einem seinerzeit nicht abgedruckten Artikel für die "Vossische Zeitung" den Versuch, die Bücherverbrennungen in geschichtlicher Tradition mit dem Wartburgfest als "nicht zu tragisch" zu relativieren, wohl nicht zuletzt weil er selbst davon betroffen war. Heuss bejahte die "Praxis der Gewalt", die ohne "Schulmeisterei" den "Stil einer Revolution" bestimmt. Dieser Artikel blieb bisher unbekannt und wird von dem Verfasser dieser Rezension in seiner geplanten Heuss-Biographie im Kontext des Jahres 1933 zu erklären sein. [7]

Dem Journalisten und Publizisten Heuss gilt das akribisch gearbeitete Werk von Reiner Burger. Hier liegt erstmals ein biographischer Versuch vor, der ihn am "roten Faden" der journalistischen Berufung entlang schwerpunktmäßig von 1902 bis 1949 darstellt. Burger arbeitet mit kommunikationswissenschaftlichem und zeithistorischem Instrumentarium. Unerschöpflich sind die Funde, die sich in diesem Buch zum Leben und Wirken von Heuss machen lassen. Burger hat sich nicht nur durch die Massen von Zeitungen und Zeitschriften und durch den verstreuten und unübersichtlichen Heuss-Nachlass gegraben. Er hat zudem zahlreiche archivalische Quellen in privaten und regionalen Archiven aufgetan, um das biographische und politische Umfeld aufzuhellen. Grösstenteils mit zitatreicher Darstellung, die sich stellenweise auch vor kritischen Wertungen nicht scheut, bietet Burger in den Zusammenfassungen der einzelnen Kapiteln weitgehend um Ausgewogenheit bemühte Beurteilungen der jeweiligen journalistischen Tätigkeit von Heuss in seinem sozialen, politischen und kulturellen Kontext.

Die Jahre nach 1933 werden sachlich mit den Versuchen geschildert, die Heuss unternimmt, um journalistisch und publizistisch durch Anpassung und vorsichtige Positionierung zu überleben. Burger sieht bei Heuss oft "Naivität" oder einen "problematischen Kurs der kritischen Kooperation". (S. 385) Die Erklärung dafür liegen nach Burger in den für Heuss besonders hohen Gütern der "staaterhaltenden Politik" und der "patriotischen Loyalität". (S. 304) Das erlaubte Heuss im April 1933 in der "Hilfe" anläßlich des Judenboykotts auch die Unterscheidung zwischen "guten" und "schlechten" Juden erlauben. (S. 307) Es handelte sich dabei keineswegs um einen anonymen "Hilfe"-Kommentar - wie Burger nahelegt -, sondern um dieselbe Argumentation wie in Briefen von Heuss an seinen Heilbronner Jugendfreund und Bankdirektor Friedrich Mück. Für Heuss lag der Sinn des Vorgehens gegen die Juden darin, daß sich das deutsche Volk gegen die internationale Verfemung der "Presse der Welt" wegen angeblicher "deutscher Greueln" wehre. "Sinnlose Erzählungen über deutsche Progrome mit Massenopfern" waren nach Meinung von Heuss angeblich durch ostjüdisch-kommunistische Zirkel von London und New York angezettelt. Gleichzeitig half das Ehepaar Heuss der Familie Stolper bei der Emigration, ohne ihnen ins Ausland folgen zu wollen.

Für die bis heute nach Burgers Recherchen zweifelsfrei zuschreibbaren acht Beiträge zur Goebbels-Zeitschrift "Das Reich" 1940-42 konstatiert der Autor, dass Heuss sich damit zwar "zweifelsfrei inhaltlich nicht korrumpiert" habe, aber die Mitarbeit eine "Fehlentscheidung" gewesen sei, aus der ihn der Ausschliesslichkeitsvertrag mit der "Frankfurter Zeitung" Ende 1941 "erlöst" habe. Das wichtige Problem der verdeckten Schreibweise von Heuss im "Dritten Reich", vor allem seit 1941, wird von Burger nicht thematisiert. Dagegen erwähnt er die gegen Heuss gerichteten Verfolgungs- und Unterdrückungsmaßnahmen. Nur am Rande erwähnt wird die schützende Rolle von Werner Stephan im Propagandaministerium, des Freundes aus gemeinsamen Zeiten in der DDP und DStP und des späteren ersten Geschäftsführers der Friedrich-Naumann-Stiftung. (S. 368f.)

Erhellend ist Burgers umfangreiches Kapitel über die Kontroverse um die inneramerikanisch umstrittene Lizenzerteilung an Heuss seit 1945, das ein frühes Kapitel des "Kalten Krieges" in Heidelberg behandelt. (S. 396-417)
Ein Personenregister und ein Titelregister der Zeitungen erleichtert dem Leser erheblich die Benutzung dieses künftig unverzichtbaren Hilfsmittels der Heuss-Forschung. Burger hat darüber hinaus seine umfangreiche und fast vollständige Sammlung der Kopien von Heuss-Artikeln für die weitere Forschung dem Stuttgarter Heuss-Haus zur Verfügung gestellt.

Die öffentliche Tätigkeit von Heuss bis 1933 war neben einigen wenigen Reichstagsreden weitgehend durch Tagespublizistik geprägt. Danach rückten seine grossen Biographien von Naumann bis Bosch in den Mittelpunkt. Ab 1945 stand die politische Rede im Zentrum der öffentlichen Existenz von Heuss. Daher wählt sich das Werk von Baumgärtner durch die Untersuchung des Redners Heuss einen zentralen Gegenstand zur Erklärung der Bedeutung und Rolle des Bundespräsidenten in seiner ersten Amtszeit 1949-1954. Geschickt wählt er dazu die Reden von Heuss im Inland über - und bis auf eine Ausnahme nach - Hitler und den Nationalsozialismus aus. Er schließt mit der Rede "Dank und Bekenntnis" von 1954, dem Versuch der "Begründung einer positiven Gedenktradition" in Erinnerung an den Attentatsversuch vom 20. Juli 1944. Das Buch will damit Einblicke in das Geschichtsbewusstsein der frühen Bundesrepublik geben und zugleich die Bedeutung von Heuss für die Erinnerungskultur dokumentieren.

Baumgärtners eigentliches Interesse ist der Art und Weise gewidmet, wie Heuss die Blockade der emotionalen Erinnerung aufzulockern und zu 'entkrampfen' sucht - eine Lieblingsvokabel von Heuss.
Dabei verzichtet Baumgärtners "geschichtsdidaktische Fragestellung" ausdrücklich auf eine "normative Bewertung der sog. 'Vergangenheitsbewältigung' nach 1945". Ihm geht es "um die deskriptive Erschließung des Zusammenhangs von Vergangenheitsdeutung, Gegenwartsverständnis und Zukunftserwartung angesichts der Krisenerfahrung des Nationalsozialismus". (S. 339)
Die späteren Auslands-Reden von Heuss werden sehr peripher lediglich am Ende erwähnt (S. 338). Ausgeblendet bleibt die für Heuss sehr wichtige Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die auf andere Weise als in öffentlicher Rede erfolgte - zum Beispiel durch Wissenschaftspolitik und Institutsgründungen wie das Münchener Institut für Zeitgeschichte, durch persönliche Beziehungen und Hilfsaktionen für Opfer des NS-Systems, sein Wirken in den deutsch-israelischen Beziehungen oder seine Aufsehen erregenden öffentlichen Stellungnahmen als Alt-Bundespräsident zu den Emigranten.

Baumgärtner arbeitet nur mit dem schriftlichen Wortlaut der publizierten Rede. Er begründet diese Beschränkung auf das gedruckte Wort mit "unzureichenden Voraussetzungen wie unvollständige Tonaufnahmen, fehlende Filmaufnahmen usw., teils wegen des damit verbundenen Aufwands". (S. 35) Damit wird auf den gesamten medialen Aspekt des Themas verzichtet - erstaunlich bei einem Fachdidaktiker. Emotionale Aspekte wie die Rolle von Stimme, Dialekt, Betonung, Erregung und andere rhetorische Mittel bleiben weitgehend unberücksichtigt. "Medialisierung" wird zwar erwähnt, aber nicht thematisiert. (S. 347) Versprochene Aufschlüsse über die Wirkung aufgrund der "schriftlichen Verbreitung" und die angekündigte "Betrachtung der Rezeption" bleiben aus. (S. 340) Baumgärtners Deutung bleibt verschwommen, wo er den Reden "ein gewisses Maß an Repräsentativität" zubilligt. (S. 339) Er erwähnt immerhin den Tatbestand einen "spezifischen Redestils", der vor allem mit seiner "räsonnierenden Gesprächsrhetorik" und den Mitteln der "weltlichen Predigt" eine "große Wirkung" entfaltet habe - die aber unüberprüfbar bleibt. (S. 345f.) Sicher ist Baumgärtner recht zu geben mit seiner sensiblen und hellsichtigen Beobachtung, daß in einem "Staat, der das Erbe des Nationalsozialismus 'internationalisiert' hat, (...) solche Reden ebenso notwendig wie riskant sind, berühren sie doch die vielleicht empfindlichste Stelle des eigenen Selbstverständnisses."(S. 37) Dies gilt für die Deutschen ebenso wie für Heuss und seinen Historiker - wäre anzufügen.

Interessant sind in diesem Zusammenhang Baumgärtners Bemerkungen zum Ausweichen von Heuss vor der individuellen und kollektiven "Schuldfrage" (S. 341ff.) und auf den Versuch von Heuss, mit dem er durch den "Begriff der 'Kollektivscham' seinen Zuhörern eine Zuschauerperspektive im Staat nahelegte" (S. 344).
Die Methode der "deskriptiven Erschließung" bringt aber leider insgesamt nur wenig Licht in "die frühen 1950er" als "eine Phase intensiver öffentlicher Selbstverständigung über das Erbe des Nationalsozialismus". (S. 347) Das bleibt eher eine Behauptung aus dem Rückblick als empirisch gesicherte und überprüfbare Erkenntnis. Und die theologische Geburtsmetaphorik mit dem Baumgärtner den Band beschließt ist schlichtweg Unsinn: "Im Anfang der rhetorischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus war Theodor Heuss." (S. 348)

Dem Autor gebührt das Verdienst, auf mehrere zentrale Fragen der Heuss-Biographie aufmerksam gemacht zu habe: die Gründe für den Erfolg seiner Rhetorik, die Instrumentalisierung der Vergangenheit, das Ausweichen vor der Schuldfrage durch den Begriff der "Kollektivscham", die Reduktion des Nationalsozialismus auf eine bloße 'Zwischenstaatlichkeit' und das Problem der ästhetisch-formalen Begründung von demokratischen Traditionen in der Bundesrepublik. Dem letzten Thema wird sich das nächste von Herrn Hertfelder ausgerichtete Heuss-Kolloquium im Frühsommer 2002 widmen. Das Verhältnis von Heuss zum Nationalsozialismus und zu individuellen und kollektiven Fragen von Schuld und Moral bleibt auch nach den drei anregenden und materialreichen Studien in vielen Punkten zu klären - auch wenn die historische Intellektuellenforschung in Heuss keinen Prototyp zu finden vermag.

Anmerkungen:
[1] Staatsmännische Antworten suchten bereits kurz nach seinem Tode im Umbruch der 1960er Jahre so verdienstvolle Historiker wie Karl Dietrich Bracher, Eberhard Jäckel und Eberhard Pikart, dem allerdings am Ende 1969/70 das Theodor-Heuss-Archiv entglitt. Mit politikgeschichtlich orientierten Spezialstudien führte der in den Niederlanden lebende Historiker Jürgen C. Hess seitdem die Heuss-Forschung an, ohne daß ihm bisher der große Wurf einer wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Heuss-Biographie gelang. Vgl. die Hinweise bei Jürgen C. Heß: Erkundungsflug. Konzeptionelle Überlegungen zur Arbeit der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus, in: Thomas Hertfelder (Hrsg.), Red. Gudrun Kruip: Heuss im Profil. Vorträge und Diskussionen zum Eröffnungsfestakt der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus am 29./30. November 1996, Stuttgart 1997.
[2] Thomas Hertfelder: Machen Männer noch Geschichte? Das Stuttgarter Theodor-Heuss-Haus im Kontext der deutschen Gedenkstättenlandschaft, (Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus Kleine Reihe 2), Stuttgart 1998.- Internetadresse mit allen Informationen zur Tätigkeit, den Einrichtungen, Aktivitäten und Publikationen des Hauses: http://www.stiftung-heuss-haus.de/indexneu.htm.
[3] Die Frage bleibt noch zu beantworten, ob "Intellektuelle" nun eine männliche Angelegenheit sind oder bisher von der Gender-Forschung nur übersehen. Folgende Frauen erwähnt der angezeigte Band Helene Stöcker, Franziska Gräfin Reventlow, Klara Zetkin, Frida Rubiner, Marianne Weber, Lulu von Strauss und Torney, Toni Stolper, Rosa Luxemburg, Gertrud Bäumer, Marion Gräfin Dönhoff, Luise Rinser, Helga Grebing, Inge Meysel, Lene Berg und Hanna Wolf. Elly Heuss-Knapp fehlt.
[4] Elly Heuss-Knapp an Gertrud Stettiner-Fuhrmann am 5.4.1933, in: diess.: Bürgerin zweier Welten. Ein Leben in Briefen und Aufzeichnungen, hsrg. von Margarete Vater, Tübingen 1961, S. 220.
[5] Franziska Augstein: Selber welche. Verblasen: Elchtod in Marbach, Intellektuelle in der Politik. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.9.1999, S. 51.
[6] Kurt Sontheimer: Geist und Macht. Rezension, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.10.2000, S. 11.
[7] Das maschinenschriftliche Manuskript eines Zeitungsartikels wurde von mir im Nachlass Theodor Heuss im Bundesarchiv Koblenz aufgefunden (N 1221 / 52). Vgl. auch Jürgen C. Heß: Die deutsche Lage ist ungeheur ernst geworden. Theodor Heuss vor den Herausforderungen des Jahres 1933, in: Jahrbuch zur Liberalismusforschung 6 (1994), S. 65-136. Dort werden fast gleichlautende Argumentationen von Heuss aus privaten Briefen des Frühjahrs 1933 zitiert.

Zitation
Guido Müller: Rezension zu: Hübinger, Gangolf; Thomas Hertfelde (Hrsg.): Kritik und Mandat. Intellektuelle in der deutschen Politik. Stuttgart  2000 / : Reden nach Hitler. Theodor Heuss - Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Stuttgart  2001 / : Theodor Heuss als Journalist. Beobachter und Interpret von vier Epochen deutscher Geschichte. Münster  1999 , in: H-Soz-Kult, 04.01.2002, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-926>.
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04.01.2002
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