C. Kaul: Barbarossa im Kyffhäuser

Titel
Friedrich Barbarossa im Kyffhäuser. Bilder eines nationalen Mythos im 19. Jahrhundert


Autor(en)
Kaul, Camilla G.
Erschienen
Umfang
914 u. 116 S.
Preis
€ 129,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andrea Meissner, Lehrstuhl für Europäische Kulturgeschichte, Universität Augsburg

Die mythisierte Figur des Hohenstaufen Friedrich I. "Barbarossa" war einer derjenigen "Erinnerungsorte" im kulturellen Gedächtnis, an dem sich die deutsche Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts am intensivsten abarbeitete. Eignete sich die Sage vom in den Kyffhäuser entrückten schlafenden Kaiser, dessen Erwachen eine Wiederaufrichtung der mittelalterlichen deutschen "Reichsherrlichkeit" mit sich bringen würde, doch vortrefflich, um die Hoffnungen auf eine gloriose Zukunft der geeinten deutschen Nation zu allegorisieren – oder aber, wenn die nationalen Bestrebungen wieder einmal enttäuscht worden waren, den Rückfall in die Resignation zum Ausdruck zu bringen.

Camilla G. Kaul unternimmt es in ihrer – mit einem eigenen Katalogband aufwändig ausgestatteten – kunsthistorischen Dissertation, eine zusammenfassende Darstellung der Rezeption dieses Mythos im 19. Jahrhundert zu geben. Dabei beschränkt sich Kauls Analyse seiner Tradierung, Aktualisierung und Politisierung nicht auf die Historienmalerei und die Denkmäler, die bisher im Zentrum der Forschung standen.[1] Vielmehr berücksichtigt sie die Ikonographie des Stauferkaisers in Einblattdrucken, in Karikaturen und Illustrationen von Kalendern, Flugschriften, Zeitschriften, in der Kleinplastik, ja sogar in so ephemeren Quellen wie den Lebenden Bildern. Daneben wird eine beeindruckende Vielzahl literarischer und historiographischer Quellen zur Mythisierung Friedrichs I. aufgeschlüsselt. Auch die für die Geschichte des Nationalismus so wichtige Festkultur der Schützen, Turner und Sänger findet breite Berücksichtigung. Welch eindrucksvolle Quellen- und Literaturfülle Kaul ihrer Arbeit zugrunde legt, zeigt sich in dem insgesamt 120 Druckseiten umfassenden Verzeichnisteil. Zeugnisse für die literarische Rezeption des Mythos im Zeitraum von 1790 bis 1910 werden hier in chronologischer Ordnung aufgeführt. Weiteres umfangreiches Quellenmaterial ist in der anschließenden Bibliographie verzeichnet. Ergänzt wird die umfassende bibliographische Aufarbeitung des Barbarossa-Mythos um weitere Literaturhinweise zu einzelnen Kunstwerken im Katalogband.

Da sich Kaul primär für die politische Instrumentalisierung des Mythos interessiert, stellt sie genuin kunsthistorische Fragestellungen "wie die Einordnung in das Oeuvre des Künstlers, Stil- und Kompositionsfragen" eher zurück (S. 19). Entscheidend sind für ihren Ansatz "die Beweggründe" für das Aufgreifen des Mythos in bildlichen Darstellungen, "ihre Verbreitung, ihre Nutzbarmachung und damit ihre intendierte Aussage" (S. 19). Entsprechend werden die ausführlichen und präzisen Bildbeschreibungen um die Erläuterung des jeweiligen Entstehungskontexts und der motivischen Querbezüge eines Werkes ergänzt. Mit "Rezeption" meint Kaul somit vorrangig die Modellierung der Figur Barbarossas in Kunst und Literatur, weniger jedoch die Reaktionen des Publikums auf die jeweiligen Kunstwerke. Ihren Stoff teilt sie nach den politischen Phasen der Geschichte des deutschen Nationalismus ein: Nach einer Darstellung der Vita Friedrichs I. und der Überlieferung der Kyffhäuser-Sage widmet sie sich der nationalistischen Politisierung des Mythos im Kontext der Freiheitskriege und der Restauration, des Vormärz und der Revolutionsjahre 1848/49, des Weges zur Reichseinigung sowie der Reichsgründung von 1871. Dabei schlüsselt sie nach einer detaillierten Einführung in die politischen Konstellationen jeder dieser Phasen ihre Analyse nach den einzelnen Mediengattungen auf: zunächst die literarische Rezeption des Mythos, sodann Darstellungen in der bildenden Kunst und schließlich seine Repräsentationen im Festwesen.

Kauls umfassender Ansatz lässt die Plastizität des Barbarossa-Mythos und seine Anschlussfähigkeit für höchst unterschiedliche politische Präferenzen augenfällig werden. Dies gilt insbesondere für die politisch noch offene Situation von den Befreiungskriegen bis zur Revolution von 1848, als Barbarossa von den einen als Vorläufer Napoleons abgelehnt (S. 79), von den anderen als nationales Vorbild für die Habsburger reanimiert wurde (S. 100), ja als selbst demokratische Forderungen sich in der politischen Lyrik und in Karikaturen mittels des Bildes von dem im Kyffhäuser erwachenden Kaiser artikulieren ließen (S. 149f.). Kaul kommt zwar insgesamt zu dem Schluss, der Barbarossa-Mythos habe den politischen Diskurs auf die Monarchie und den nationalen Machtstaat hin präjudiziert (S. 765f.), doch ihre Analysen machen deutlich, dass sich aus dem Barbarossa-Mythos keine reichsnationalistische Teleologie auf die Reichsgründung von 1871 hin konstruieren lässt: Die Borussifizierung Barbarossas, also die Ausrufung der Hohenzollernmonarchie als Alleinerbin des Stauferkaisertums, wurde erst gegen Ende der 1850er-Jahre vorherrschend. Damit ging – und zwar, wie Kaul nachweist, bereits vor den Einigungskriegen – insbesondere in den Schützenvereinen eine fortschreitende Militarisierung einher (S. 432-435). Dennoch blieb Barbarossa vor allem für die Liberalen eine sperrige Figur: Der von Kaul nachgezeichnete historiographische Stellvertreterkrieg um die Beurteilung der staufischen Italienpolitik, der eigentlich die Entscheidung der Frage herbeiführen sollte, ob das eng mit der katholischen Kirche verbundene Haus Habsburg mit seinen italienischen Interessen als deutsche Führungsmacht fungieren konnte, brachte die Liberalen auf Distanz zum Neoghibellinismus. Sie assoziierten die Kaiseridee mit dem christlichen Universalreich des Mittelalters, das ihnen nicht als Modell für einen modernen säkularisierten Nationalstaat zu taugen schien.[2] Andererseits konnten sich kulturkämpferische Liberale wiederum auf Friedrichs I. distanziertes Verhältnis zum Papsttum berufen. Erst als 1871 der kleindeutsche Nationalstaat tatsächlich mit einem Hohenzollernkaisertum an der Spitze geschaffen worden war, wurde der Mythos durchgreifend vereindeutigt, weil die Behauptung, mit der Gründung von 1871 sei das mittelalterliche Reich wiederaufgerichtet und in Wilhelm I. "Barbablanca" sei Barbarossa endlich wiedererstanden, zu dem Legitimationsmythos des neuen Staatsgebildes schlechthin avancierte. Die Figur Friedrichs I. wurde auf jede nur erdenkliche Weise in Bildern und Texten vereinnahmt, was Kaul an vielfältigen Beispielen zeigt. Der Mythos von "Kaiser und Reich" hatte so viel Eigendynamik gewonnen, dass er sogar für das einem zentralistischen Ausbau des Nationalstaats widerstrebende Süddeutschland integrative Effekte zu entfalten vermochte (S. 306). Der Streit um die welfische Bewegung in Hannover und Braunschweig, die sich auf Heinrich den Löwen berief, wird von Kaul allerdings nur kurz angedeutet. In ihm trat zu Tage, dass das Kaiserreich mit innenpolitischen Friktionen belastet war, die trotz der Integrationsleistungen des Barbarossa-Barbablanca-Mythos nur allmählich überwunden werden konnten.[3]

Mit der Einweihung des Kyffhäuserdenkmals 1896 hatte die Barbarossaverehrung dann offenbar ihren Zenit überschritten: Wie Kaul darlegt, scheiterte bereits vier Jahre später das Projekt eines Nationaldenkmals auf dem Hohenstaufen und mit Maximilian Harden meldete sich Fundamentalkritik an der historisierenden Rückbindung des Nationalstaats an das alte Reich zu Wort (S. 467-469, 678). Damit war der Historismus zwar in Frage gestellt, aber der allmähliche Relevanzverlust des Stauferkaisers erklärt sich nicht nur aus dem Siegeszug des Positivismus, den Kaul als Ursache anführt (S. 469), sondern aus Verschiebungen innerhalb des nationalen Diskurses, nämlich dem Aufstieg des völkischen Nationalismus. Um die Jahrhundertwende artikulierten die Völkischen ihre Unzufriedenheit mit dem Status Quo, indem sie Friedrich I. gegen Heinrich den Löwen ausspielten, der mit seiner Ostsiedlungspolitik den Weg zur Vollendung des nationalen Projekts über die kleindeutsche Reichsgründung hinaus gewiesen habe. Diese Umdeutung lässt sich etwa in den Schulbüchern und der geschichtsdidaktischen Literatur der Jahrhundertwende beobachten. Damit wurde ein Nationsbegriff aufgewertet, der sich auf das kulturell-ethnisch definierte "Volk" und seine Siedlungsräume bezog. Nach 1918 sollte gerade diese Deutungsvariante vorherrschend werden, weil sich mit ihr Ansprüche auf den deutschen "Volks- und Kulturboden" im östlichen Europa untermauern ließen.

Somit bietet Camilla G. Kauls Gesamtdarstellung des Barbarossa-Mythos im 19. Jahrhundert einen breiten Überblick, zugleich aber ergänzt sie die bisherige Forschung in zweifacher Hinsicht: Zum einen erweitert ihr spezifisch kunsthistorischer Zugriff das Verständnis der Funktionsweise politischer Mythen: Die von Kaul belegte Herausbildung fester Bildformeln in der Ikonographie des Kaisers im Kyffhäuser unterstützt die symbolische Verdichtung und historische Dekontextualisierung, die Mythen so wirksam werden lässt, weil sie damit einerseits auratisiert, andererseits für politisierte Deutungen vielfältig anschlussfähig werden. Dies war bislang vorwiegend anhand textueller Quellen gezeigt worden.[4] Zum anderen erschließt Kauls Arbeit der Kulturgeschichte des Nationalismus durch bibliographische Ermittlung und detaillierte Analyse eine stupende Vielzahl auch entlegener literarischer und ikonographischer Quellen. Da sich die Darstellung nach der Unterscheidung der verschiedenen Quellenarten strukturiert, fällt es dem Leser in dieser Fülle aber nicht immer leicht, die zentralen Konfliktlinien freizulegen, an denen sich die Barbarossa-Aktualisierung polarisierte. Komplettiert hätte das Panorama werden können, wenn zumindest punktuell Friedrichs I. mythisches Pendant Heinrich der Löwe stärker einbezogen worden wäre, um einen Ausblick auf den tief greifenden Transformationsprozess des Nationalismus um die Jahrhundertwende zu öffnen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. u.a. Mai, Gunther (Hrsg.), Das Kyffhäuser-Denkmal 1896-1996. Ein nationales Monument im europäischen Kontext, Köln u.a. 1997. Der Barbarossa-Mythos ist vorwiegend anhand literarischer und historiographischer Quellen bereits mehrfach untersucht worden, vgl. etwa: Berg, Stefanie Barbara, Heldenbilder und Gegensätze. Friedrich Barbarossa und Heinrich der Löwe im Urteil des 19. und 20. Jahrhunderts, Münster 1994; Borst, Arno, Barbarossas Erwachen. Zur Geschichte der deutschen Identität, in: Odo Marquard; Karlheinz Stierle (Hrsg.), Identität. 2. Aufl., München 1996, S. 17-60; Weinfurter, Stefan, Mythos Friedrich Barbarossa. Heiliges Reich und Weltkaiseridee, in: Helmut Altrichter; Klaus Herbers; Helmut Neuhaus (Hrsg.), Mythen in der Geschichte, Freiburg i. Br. 2004, S. 237-260.
[2] Vgl. dazu neben Kaul: Brechenmacher, Thomas, Wieviel Gegenwart verträgt historisches Urteilen? Die Kontroverse zwischen Heinrich von Sybel und Julius Ficker über die Bewertung der Kaiserpolitik des Mittelalters (1859-1862), in: Ulrich Muhlack (Hrsg.), Historisierung und gesellschaftlicher Wandel in Deutschland im 19. Jahrhundert, Berlin 2003, S. 87-112.
[3] Vgl. dazu Berg, Heldenbilder, S. 140-158.
[4] Vgl. hierzu insbesondere: Münkler, Herfried, Siegfrieden, in: ders.; Storch, Wolfgang, Siegfrieden. Politik mit einem deutschen Mythos, Berlin 1988, S. 49-142; Hardtwig, Wolfgang, Der Bismarck-Mythos. Gestalt und Funktionen zwischen politischer Öffentlichkeit und Wissenschaft, in: ders. (Hrsg.), Politische Kulturgeschichte der Zwischenkriegszeit 1918-1939, Göttingen 2005 (= Geschichte und Gesellschaft, Sonderheft 21), S. 61-90.

Zitation
Andrea Meissner: Rezension zu: : Friedrich Barbarossa im Kyffhäuser. Bilder eines nationalen Mythos im 19. Jahrhundert. Köln  2007 , in: H-Soz-Kult, 10.10.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9297>.