Sammelrezension: Fluchthilfe für NS-Verbrecher

: Odessa und das Vierte Reich. Mythen der Zeitgeschichte. Berlin : Metropol Verlag  2007 ISBN 978-3-938690-52-9, 279 S. € 19,00.

: Odessa: Die wahre Geschichte. Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher. Berlin : Assoziation A  2006 ISBN 978-3-935936-40-8, 400 S. € 22,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ruth Bettina Birn, Den Haag

Argentinien ist im öffentlichen Gedächtnis mehr noch als andere südamerikanische Länder mit der Flucht von Nazitätern nach Kriegsende verbunden, weil Schwerstbelastete wie Adolf Eichmann und Josef Mengele dort aufgespürt wurden. Beide hier vorgestellten Arbeiten beschäftigen sich mit diesem Thema, allerdings in entgegengesetzter Weise: Uki Goñi beschreibt eine gigantische Fluchthilfeorganisation für Nazis, organisiert vom Vatikan und dem argentinischen Präsidenten Peron; Heinz Schneppen dekonstruiert Kolossalgemälde dieser Art.

Der Aufbau von Goñis Buch entspricht seiner Argumentationskette: Der Bogen spannt sich von den nazifreundlichen außenpolitischen Aktivitäten Argentiniens im Zweiten Weltkrieg zur Massenflucht von Kriegsverbrechern aus Europa nach 1945 und deren Auswanderung nach Argentinien. Die politische Schlüsselfigur dabei ist Juan Peron, Präsident seit 1946, der langdauernde Verbindungen mit Nazideutschland gehabt und trotz der aus strategischen Gründen erfolgten Kriegserklärung 1944 an seinen Grundüberzeugungen festgehalten habe. Goñi beschreibt zunächst folgende innen- und außenpolitische Etappen: ein 1938 erlassenes, geheimes Einwanderungsverbot für Juden, das Desinteresse Argentiniens an der vom Auswärtigen Amt angebotenen Repatriierung jüdischer argentinischer Staatsbürger und Fälle der Erpressung von Lösegeld, wodurch sich einzelne wohlhabende Juden ihre Ausreise aus dem deutschen Machtbereich erkaufen konnten. (Bei Letzterem bleibt die Verbindung mit argentinischer Politik unklar.)

Die Fortführung der antisemitisch geprägten Einwanderungspolitik stellte dann nach Kriegsende die Fluchthilfe für Nazis, Kriegsverbrecher und Kollaborateure aus anderen europäischen Ländern dar. Peron selbst soll die geheime Politik der Nazi-Einwanderung mit Hilfe deutschstämmiger und rechtslastiger Geschäftsmänner und Geheimdienstleute gesteuert haben. Als Deckmantel habe die Anwerbung von Technikern und wissenschaftlichen Spezialisten gedient. Als Fluchtrouten beschrieben werden eine „Nordroute“, die durch skandinavische Länder führte, eine Schweizer „Connection“ mit einem Transitbüro in Bern, wo zudem finanzielle Transaktionen abgewickelt wurden, und die Hauptfluchtroute, die über Südtirol nach Rom und von dort zur Einschiffung führte. Drei Gruppen von politischen Akteuren der Kriegszeit, die in größerer Zahl nach Argentinien einwanderten, werden in eigenen Kapiteln vorgestellt: belgische Kollaborateure, Funktionäre der klerikalfaschistischen Slowakei und des Ustascha-Regimes in Kroatien. Weiter werden Flucht und Nachkriegsexistenz von Eichmann, Mengele, Priebke, Schwammberger und Gerhard Bohne (Beteiligter der „Euthanasie“-Aktion) in einzelnen Kapiteln beschrieben.

Schneppen holt in seiner Darstellung weiter aus. Er bezieht die Entstehungsgeschichte des Mythos von „Odessa“, einer Nazi/SS- Fluchtorganisation, ebenso mit ein wie die – häufig als Schlüsselereignis kolportierte – Geschichte einer Geheimkonferenz im Sommer 1944 in Straßburg, wo Naziführer und Großindustrielle angesichts der sicheren Niederlage die Weichen für Fluchtoperationen und Vermögenstransfers gestellt hätten, die nicht nur das Überleben von Naziverbrechern, sondern auch dasjenige der nazistischen Bewegung garantieren sollten. Ebenso wie Goñi rekonstruiert Schneppen Fluchtrouten – besonders die, die über die Alpen nach Rom führte, sowie die für eine Auswanderung erforderlichen administrativen Etappen zum Erhalt der nötigen Papiere und die Rolle internationaler humanitärer und kirchlicher Organisationen. Auch Schneppen analysiert die politische Lage im Argentinien der Nachkriegszeit und die Interessenlage Perons, die er als grundsätzlich nach rechts tendierend, aber von Pragmatismus und Opportunismus bestimmt ansieht. Die Fallgeschichten der 24 von Schneppen identifizierten Argentinienflüchtlinge schließen sich an; viele von ihnen waren an schwersten Verbrechen beteiligt.[1]

Schneppen versteht sein Buch als einen Beitrag zur historischen Quellenkritik. Er kann zeigen, dass die „Straßburger Konferenz“ schlicht nicht stattgefunden hat. Seine Analyse beginnt mit Details (einige der zitierten Großindustriellen waren zu dem angegebenen Zeitpunkt tot, im KZ oder sehr krank), bezieht dann bekannte historische Fakten mit ein (das Gold der Reichsbank wurde nach 1945 von den Alliierten gefunden; internationale Geldtransfers aus Deutschland waren zu dieser Zeit nicht möglich) und bettet die Geschichte in die historische Situation ein (offen geäußerte Zweifel am „Endsieg“ waren innerhalb der Nazihierarchie inakzeptabel und konnten fatale Folgen haben). Der Ursprung der Saga geht auf einen Informantenbericht an die Alliierten von 1944 zurück, der dann verschiedentlich weiterverarbeitet, aber dadurch nicht wahrer wurde. Das reicht von Henry Morgenthau zu Simon Wiesenthal und weiter in die DDR, wo die Geschichte von der Stasi und von DDR-Historikern in den Kampagnen gegen die „faschistische“ Bundesrepublik verwendet wurde. Einige DDR-Historiker meldeten allerdings nach einiger Zeit Zweifel an. Dann wurde die Geschichte im Westen vor allem von sich als kritisch verstehenden Autoren aufgegriffen. Die Erzählungen von einer besonderen Nazifluchtroute über die Alpen und von Perons Nazischatz führt Schneppen auf Berichte von Hochstaplern zurück.

Stringente Quellenkritik ist Goñi dagegen fremd. Alliierte Geheimdienstberichte werden nicht hinterfragt, sondern einfach für wahr genommen – wenn sie in das vorgefasste Schema passen. In gleicher Weise werden Nachkriegsaussagen oder Memoiren verwendet. Zudem erschwert die vage Terminologie, die Goñi verwendet, eine Einordnung der beschriebenen Ereignisse. War ein „Nazi-Agent“ Angehöriger des Auslands-SD oder der Abwehr? Was bedeutet „im Dienst des SD stehend“ im Bezug auf einen argentinischen Diplomaten (S. 65) – war er ein bezahlter Spitzel, eine gelegentliche Kontaktperson oder ein Sympathisant? Begriffe wie „Kriegsverbrecher“ oder „Massenmörder“ werden nicht definiert. Zum Teil ersetzt die Sprache den Beweis. Ein gewisser Georg Weiss, als Techniker angeworben, wird auf S. 144 als Raketenspezialist im V2-Programm beschrieben, auf S. 162 wird er bereits als Gestapo-Mann bezeichnet.

Schwerer wiegt die fehlende Einordnung in die jeweiligen historischen Zusammenhänge. Die Fluchtmöglichkeiten von Nazis müssen vor dem Hintergrund der Migration von Millionen von Menschen nach Kriegsende gesehen werden, die verschleppt, versprengt oder geflüchtet waren und denen internationale Organisationen wie UNRRA und IRO oder karitative oder religiöse Hilfswerke bei der Repatriierung und dann der Auswanderung behilflich waren. Vorläufige Ausweise, vom Roten Kreuz ausgestellt, dienten dazu, Menschen bei der Erreichung ihrer Reiseziele zu unterstützen. Selbstverständlich ermöglichte das auch Identitätswechsel von Personen, die sich der Strafverfolgung entziehen wollten. Das war aber nicht die Absicht der beteiligten Organisationen. Die verschiedenen Schritte, die erforderlich waren, um die zur Ausreise benötigten Ausweispapiere zu erhalten, stellt Goñi am Beispiel eines Nazis dar – so „konnte der Nazi vom Roten Kreuz […] ein Reisedokument bekommen“ (S. 130ff.) Dies erweckt den Eindruck der gezielten Unterstützung. Schneppen dagegen zeigt, dass das Rote Kreuz allen Antragstellern Papiere ausstellte. Ein Interview mit einer ehemaligen Mitarbeiterin des Roten Kreuzes macht deutlich, wie beschränkt die Möglichkeiten einer Überprüfung der vorgetragenen Lebensgeschichten waren.

Ebenso zeigt Schneppen, dass das von Peron geförderte Programm zur Anwerbung deutscher Techniker und Naturwissenschaftler tatsächlich dazu diente, auf billige Weise hochqualifizierte Fachkräfte vor allem für den Aufbau der Flugzeugindustrie zu rekrutieren. Sicherlich war man bei der Nachprüfung der jeweiligen Karrieren nicht allzu pingelig; die Leute wurden ohnehin illegal ins Land gebracht. Ein Programm zur Rekrutierung deutscher Techniker gab es im Übrigen auch in Kanada. Dort sind ebenfalls Vorwürfe von Nazifluchthilfe gemacht worden, die einer nüchternen Rekonstruktion der Fakten allerdings nicht standhalten.[2]

Das Fehlen historischer Hintergrundinformationen macht sich in Goñis Buch auch bei Einzelbeispielen negativ bemerkbar. Ferdinand Durcansky etwa, ehemaliger Außen- und Innenminister unter Tiso, wird als „Massenmörder“ (S. 210) mit einer „zentralen Rolle“ (S. 192) bei der Judenvernichtung in der Slowakei bezichtigt, ohne dass Goñi prüfen würde, welche Verfolgungsmaßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung Durcansky zu verantworten hatte. Dieser war im Sommer 1940 aus seinen Ämtern entfernt worden, also vor der Periode von Deportationen und Massenmord 1942–1944. Ein zweites Beispiel: Karl Klingenfuß, ein Angehöriger des Auswärtigen Amts, spielte eine sehr viel ambivalentere Rolle im Holocaust als von Goñi dargestellt. Das wird nicht nur von Schneppen herausgearbeitet, sondern wäre schon in dem 1978 erschienenen Standardwerk von Christopher Browning nachzulesen gewesen.[3]

Selbst wenn man Sympathien politischer oder kirchlicher Kreise in Argentinien mit rechtem Gedankengut und dessen Trägern, einem auf bestimmte ethnische Gruppen ausgerichteten Einwanderungssystem und Desinteresse der Behörden an der Vorgeschichte von Immigranten in Rechnung stellt, gleitet Goñi mit seiner Kernthese, dass in einem Zusammenspiel des Vatikans mit Perons argentinischen Geheimdiensttrupps Deutschland nach Nazitätern abgesucht worden sei, um diese in Sicherheit zu bringen, in eine Verschwörungstheorie ab. Schon die in beiden Büchern dargestellten Einzelfälle demonstrieren das: Schließlich hatten sich Nazitäter oft falsche Namen zugelegt und sich versteckt. Nur einer mit übermenschlichem Wissen ausgestatteten Organisation wäre es in der unmittelbaren Nachkriegszeit möglich gewesen, diese Personen gezielt zu kontaktieren. Abgesehen davon stellten die später in Argentinien aufgespürten Täter nicht etwa eine Nazi- oder SS-Elite dar, sondern eine recht heterogene Gruppe – wie sie der Zufall eben zusammenbringt.

Das Eigentümliche an Verschwörungstheorien ist, dass sie nie zu widerlegen sind; jede kritische Korrektur kann als Ausdruck weiterer Verleugnungsstrategien interpretiert werden. Zudem ist der Bezichtiger dem Faktenprüfer immer einen Schritt voraus: Wenn in mühsamer Recherche ein Sachverhalt dokumentiert worden ist, kann schnell eine weitere Bezichtigung in den Raum gestellt werden. Goñi selbst gibt zu, bis zum Beweis des Gegenteils Bormann in Südamerika vermutet zu haben; Wiesenthal zweifelte noch 1988 den Tod Mengeles an. In Goñis Buch finden sich wiederholt Vermutungen über das Vernichten oder Verstecken entscheidender Beweisdokumente – was immer herangezogen wird, wenn eine These nicht schlüssig belegt werden kann.

Dies führt uns zur Frage nach der generellen Funktion von Verschwörungstheorien. Häufig unbeachtet bleibt der politische Aspekt. Goñi macht in seinen Vor- und Nachworten deutlich, was ihn antreibt: Empörung über die während der argentinischen Militärdiktatur 1976–1983 begangenen Verbrechen und die Verwicklungen der katholischen Kirche Argentiniens dabei. Diese moralische Haltung ist anerkennenswert, doch erscheint fraglich, welchen Erkenntnisgewinn Goñis Bestreben zeitigt, die beiden historischen Perioden miteinander in Verbindung zu setzen. Man braucht nicht die Äußerung des konservativen Kardinals Tisserand im Jahre 1945, dass „Rote“ kein christliches Begräbnis verdienten, um die Praxis der argentinischen Militärs anzuprangern, ihre Opfer aus Flugzeugen ins Meer zu werfen. Goñis besonderes Hassobjekt ist der Vatikan – der Autor stellt nicht nur Pius XII., sondern auch dessen späteren Nachfolger Paul VI. als führend in der Nazihilfsorganisation dar. Dies geschieht durch Mutmaßungen oder die Interpretation von aus dem Kontext gerissenen Dokumenten.

Schneppen dagegen differenziert zwischen den einzelnen Akteuren; neben einem Bischof Hudal, der dem Nationalsozialismus Sympathien entgegenbrachte, gab es in den kirchlichen Hilfswerken Personen mit ganz anderen Einstellungen. Am Endergebnis, dass Naziverbrecher diese Hilfestellungen für sich benutzen konnten, ändert das nichts. Es bedarf keiner internationalen Untergrundorganisationen, sondern nur der in Umbruchssituationen üblichen Verhältnisse, um Tatbeteiligten an internationalen Massenverbrechen Tarnung und Flucht zu erlauben – das lehren uns Ereignisse der jüngeren Vergangenheit, wie der Genozid in Rwanda. Ein nüchterner Blick auf die dabei häufig auftauchenden Mechanismen, inklusive der nicht beabsichtigten Auswirkungen der Aktivitäten internationaler Hilfsorganisationen, ist hier hilfreicher als Verschwörungstheorien. Diese sind allerdings oft attraktiver. Warum, zum Beispiel, gerade die im Aufdecken der vollen Wahrheit über die Nazizeit engagierte westdeutsche Linke den von der Stasi stets neu aufgetischten Fälschungen keine Resistenz entgegenzusetzen hatte, wäre ein spannendes Thema – mit dem sich kaum jemand auseinandersetzt.

Anmerkungen:
[1] Goñi geht von „nahezu“ 300 Personen aus. Eine Ermittlungskommission sprach 1999 von 180, davon etwa 30 Deutschen. Die sehr unterschiedlich verwendete Terminologie erschwert den Vergleich dieser Zahlen.
[2] Margolian, Howard, Unauthorized Entry. The Truth about Nazi War Criminals in Canada, 1946–1956, Toronto 2000, S. 116-126.
[3] Browning, Christopher, The Final Solution and the German Foreign Office. A Study of Referat D III of Abteilung Deutschland 1940–43, New York 1978.

Zitation
Ruth Bettina Birn: Rezension zu: : Odessa und das Vierte Reich. Mythen der Zeitgeschichte. Berlin  2007 / : Odessa: Die wahre Geschichte. Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher. Berlin  2006 , in: H-Soz-Kult, 25.10.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9326>.
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25.10.2007
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