G. Herbstritt: Bundesbürger im Dienst der DDR-Spionage

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Titel
Bundesbürger im Dienst der DDR-Spionage. Eine analytische Studie


Autor(en)
Herbstritt, Georg
Erschienen
Göttingen 2007: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
459 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gerhard Wettig, Kommen

Georg Herbstritt, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Bildung und Forschung der Behörde für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR mit uneingeschränktem Zugang zum dortigen Aktenbestand, stellt in dem Buch nicht, wie man nach dem Titel vielleicht vermuten könnte, die Penetration von Politik, Wirtschaft und Militär der Bundesrepublik dar (deren Umfang und Bedeutung aber in den Ausführungen immer wieder deutlich hervortreten), sondern untersucht die Arbeitsweise der ostdeutschen Geheimdienste auf der Grundlage eines Samples von etwa 500 Fällen, zu denen er neben den Stasi-Unterlagen auch die Protokolle der einschlägigen Gerichtsverhandlungen einsehen konnte. Er geht davon aus, dass sich der Leser über die spektakulären, politisch, militärisch und wirtschaftlich besonders bedeutsamen Fälle aus bereits vorliegenden Publikationen (die dem umfassenden Literaturverzeichnis am Ende des Buches zu entnehmen sind) unterrichten kann und wendet sich daher dem normalen, durchschnittlichen Vorgehen zu.

Herbstritt zeigt also wesentlich die typischen Verhaltensmuster des ostdeutschen Geheimdienstes im Umgang mit den Agenten im westlichen "Operationsgebiet" auf. Wie ging man bei ihrer Rekrutierung vor? Mit welchen Motiven und Reaktionen musste man dabei rechnen? Wie suchte man Schwankende bei der Stange zu halten? Wie bewertete und verwendete man die Ausforschungsergebnisse?

Wie Herbstritt zeigt, suchte man die Agenten ganz wesentlich ein durch Verhältnis persönlichen Vertrauens zu gewinnen und zu binden, das indessen nur vorgespiegelt wurde, weil es faktisch allein um rücksichtslose Manipulation ging, die vor dem Eingriff in intimste Beziehungen und dem Missbrauch familiärer Bande nicht zurückschreckte. Das führte nicht selten zu ernster Störung oder gar Zerstörung des Familienlebens und zu enormer psychischen Belastungen des betroffenen Agenten. Die Hauptverwaltung für (Auslands-)Aufklärung (HVA) hatte nicht zufällig einen umfangreichen psychologischen Dienst: Dieser nahm außer der Ausarbeitung von Anwerbungs- und Interaktionsmethoden die Aufgabe wahr, die Arbeitsfähigkeit innerlich aufgewühlter Agenten aufrechtzuerhalten bzw. wiederherzustellen. Bei der Anwerbung waren – zumindest seit den 1960er-Jahren – Fälle der direkten Erpressung die Ausnahme, weil man daran zweifelte, dass von so gewonnenen Bundesbürgern Loyalität und Zuverlässigkeit erwartet werden könnten. Wer sich versagte (und das war die große Mehrheit der Angesprochenen), blieb in aller Regel unbehelligt. Gleichwohl legt Herbstritt exemplarisch dar, dass die Rekrutierungsmethoden oft genug hinterhältig-aggressiv waren, so dass sich die Angeworbenen dann in der Rolle von Opfern befanden.

Die von Markus Wolf als Chef der Auslandsaufklärung (HVA) gebrauchte Rechtfertigung für deren Tätigkeit, man habe nur Informationen über Auswärtiges beschafft und mithin dasselbe getan wie auch die Dienste des Westens, erweist sich bei genauer Betrachtung als unhaltbar. In beträchtlichem Ausmaß war man auch Instrument der inneren Repression in der DDR. Tausende Häftlinge saßen in ostdeutschen Gefängnissen ein, weil ihre Fluchtpläne oder irgendwelche sonstigen Äußerungen und Handlungen durch Wolfs Agenten verraten worden waren. Nach der Aufgabenbeschreibung der HVA hatte die Westarbeit einen wichtigen Beitrag zur inneren Sicherheit der DDR und zur Festigung und Stärkung ihres sozialistischen Systems zu leisten. Die Aktivitäten im Westen waren daher keine gewöhnliche Spionage, sondern letztlich eine in das westdeutsche "Operationsgebiet" verlängerte Sicherung der SED-Herrschaft.

Ungeachtet erheblicher Schönheitsfehler unter rechtsstaatlichen Gesichtspunkten, etwa dem engen Zusammenwirken mit dem innenpolitischen Unterdrückungsapparat, wurde die Westspionage nach der Vereinigung von den westdeutschen Gerichten nur wenig bestraft. Von der oft behaupteten "Siegerjustiz" kann keine Rede sein. Eher könnte man von Parteinahme zugunsten der "Verlierer" sprechen. Was diese Opfern antaten, wurde von vornherein nicht berücksichtigt. Nur wenn Schaden für den westdeutschen Staat entstanden war, schien dies strafrelevant. Zudem wurde der Schaden für die Bundesrepublik im Rückblick als unverhältnismäßig gering eingeschätzt. Wer sich als Bürger der DDR glaubhaft machen konnte, blieb aufgrund des innerdeutschen Vertrags von 1990 auch dann straffrei, wenn er in der Bundesrepublik gewohnt und gearbeitet hatte. In den weitaus meisten Fällen wurden die Prozesse wegen angeblicher Geringfügigkeit oder eingetretener Verjährung des Sachverhalts nicht eingeleitet oder niedergeschlagen. Kam es überhaupt zu einer Verurteilung, wurden nur selten mehr als zweijährige Haftstrafen verhängt, die dann zur Bewährung ausgesetzt wurden.

Die Funktionäre der HVA bezeichnen ihre Behörde gern als den weltweit erfolgreichsten Auslandsgeheimdienst. Die tatsächlich sehr guten Ergebnisse, die sich im Kriegsfall für die NATO fatal hätten auswirken können und der östlichen Außenpolitik durch eine vielfach genaue Kenntnis der Überlegungen und Positionen auf der anderen Seite Vorteile verschaffte, aber trotz erheblicher Ausspähungsergebnisse den wirtschaftlichen und technologischen Niedergang nicht zu stoppen vermochte, beruhten primär auf fehlender geheimdienstlicher "Waffengleichheit" mit den westlichen Abwehrorganen. Die HVA konnte nicht nur uneingeschränkt auf die Zuarbeit der Verwaltungsbehörden in der DDR zurückgreifen, um einen lückenlosen Überblick über die Grenzübertritte zu erhalten, sondern sie wurde auch von den Volkspolizeidienststellen über die Aufenthaltsgenehmigungsanträge westdeutscher Personen in Kenntnis gesetzt, so dass sie im voraus wusste, wessen Besuche zu erwarten waren.

Dazu kamen häufige Informationen darüber, was die Besucher während ihres Aufenthaltes getan und geäußert hatten. Das ermöglichte es, geeignete Westkandidaten für Anwerbungsversuche herauszufiltern, die dann auf eigenem Territorium – also sicher vor hemmenden westlichen Einwirkungen – vorgenommen wurden. Auskünfte und Hinweise der Einwohnermeldeämter dienten dazu, DDR-Bürger als vorgeblich Zufluchtsuchende, oft mit falschen Papieren und fingiertem Lebenslauf, zwecks spionagerelevanter Karriere in die Bundesrepublik zu schicken. Die Besonderheiten der deutsch-deutschen Situation erlaubten es, heikle Kontakte ganz überwiegend in Ostdeutschland durchzuführen. Die sonst übliche Verwendung von Auslandsvertretungen als legales "Dach" für illegale Aktivitäten unterblieb wegen des damit verbundenen höheren Risikos auch dann noch weitestgehend, als die DDR in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre die Möglichkeit dazu erhielt. Als weiteren Vorteil konnte die HVA den Umfang des Personals verbuchen, das ihr und dem kooperierenden Abschirmdienst der Nationalen Volksarmee zu Gebote stand.

Diese und andere begünstigenden Voraussetzungen wurden maximal genutzt. Dadurch drang die Spionage sehr tief in die Entscheidungszentren der Bundesrepublik und der NATO ein (was umgekehrt aufgrund der bestehenden systembedingten Tätigkeitsbeschränkungen von vornherein nicht in diesem Umfang möglich war). Dennoch hatte die Arbeit von Wolfs Geheimdienst auch deutliche Mängel, die wiederholt zu Niederlagen führten und das Bild strahlenden Erfolgs beeinträchtigen. Während die genannten Aspekte der HVA-Tätigkeit zusammen mit weiteren, etwa Herkunft und Zusammensetzung der Agenten, erschöpfend behandelt werden, bleibt die enge Zusammenarbeit mit dem sowjetischen KGB unberücksichtigt, so dass man nichts über die Art von dessen Anfragen und Aufträgen und über den Umfang die Weitergabe von Aufklärungsergebnissen an diesen erfährt.

Georg Herbstritt hat die interne Arbeitsweise der ostdeutschen Auslandsspionage genau, umfassend und tiefschürfend analysiert. An seinem Werk kommt künftig niemand mehr vorbei, der sich mit dem "Innenleben" und der Außenwirkung der HVA befasst. Auch wenn dabei die spezifischen Bedingungen im geteilten, aber nach wie vor eng miteinander verbundenen Deutschland eine wesentliche Rolle spielten, ergeben sich zugleich Einblicke in die Haltung und die Arbeitsweise, die das geheimdienstliche Vorgehen kommunistischer Diktaturen gegenüber dem Westen insgesamt kennzeichnete. Das Buch ist nicht nur Fachleuten, sondern auch interessierten Laien uneingeschränkt zu empfehlen.

Zitation
Gerhard Wettig: Rezension zu: : Bundesbürger im Dienst der DDR-Spionage. Eine analytische Studie. Göttingen  2007 , in: H-Soz-Kult, 04.01.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9380>.
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Veröffentlicht am
04.01.2008
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