B. Tóth u.a. (Hrsg.): 1986. Das Jahr, das Österreich veränderte

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Titel
1986. Das Jahr, das Österreich veränderte


Hrsg. v.
Tóth, Barbara; Czernin, Hubertus
Erschienen
Wien 2006: Czernin Verlag
Umfang
213 S.
Preis
€ 19,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Katrin Hammerstein, Graduiertenkolleg 'Diktaturüberwindung und Zivilgesellschaft in Europa', Universität Heidelberg

Man mag sich wundern angesichts einiger Äußerungen anlässlich des Todes des österreichischen Alt-Bundespräsidenten Kurt Waldheim am 14. Juni 2007. Manches erinnert an längst überwunden geglaubte Positionen der so genannten "Waldheim-Affäre", die vor 21 Jahren ihren Anfang nahm. So war die Rede von Waldheim als "großem Österreicher" (Bundespräsident Heinz Fischer), "Weltbürger" und "Opfer eines politischen Spiels von sehr vordergründigen Interessen" (Kardinal Christoph Schönborn), ohne auf die mit seiner Person verbundene Problematik wirklich kritisch einzugehen. Denn damals – 1986, im "Jahr, das Österreich veränderte" – wurde während Waldheims Kandidatur für das Bundespräsidentenamt seine NS-Vergangenheit aufgedeckt. Dass und wie er diese verschwiegen hatte bzw. bestritt, sorgte für einen internationalen Skandal und das Aufbrechen des österreichischen Opfermythos.

Doch allzu großer Pessimismus, was angesichts der genannten Stellungnahmen in puncto selbstreflexiver Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit in Österreich auf Dauer erreicht respektive nicht erreicht worden ist, scheint nicht unbedingt angebracht. Dies zeigt auch der von Barbara Tóth und Hubertus Czernin 2006 herausgegebene Sammelband. In 14 Beiträgen werden von damaligen Akteuren, Historikern und Journalisten (teilweise in "Personalunion") das "Schlüsseljahr" 1986 und seine – nachhaltigen – Folgewirkungen beleuchtet: Die Waldheim-Debatte "veränderte das Denken und das historische Bewusstsein einer ganzen Generation [...]. Ohne Waldheim hätte es das ,andere Österreich', das im Jahr 1993 mit dem Lichtermeer und im Wendejahr 2000 mit den Donnerstagsdemos öffentlich wurde, nicht gegeben." (S. 11)

Vor allem der Blick auf die Auswirkungen bis heute sowie die Akteursperspektive der Autoren machen den Band interessant. [1] So gibt einer der wichtigsten Akteure, der im letzten Jahr verstorbene "profil"-Journalist Hubertus Czernin, der an der Aufdeckung der Vergangenheit Waldheims maßgeblich beteiligt war, im einleitenden Beitrag einen spannenden Einblick in die damaligen Abläufe und Recherchen. Als "Urgrund" der Debatte verweist er vor allem auf den "geradezu verstörende[n] Generationenkonflikt" (S. 19), der dabei erstmals sichtbar geworden sei. Einen "großen gesellschaftspolitischen Erfolg" (S. 20) macht er im Anstoß zu einer kritischen Sicht auf die Wehrmacht aus. Mit der Rolle der Wehrmacht befasst sich auch Walter Manoschek unter dem Titel "Die Generation Waldheim". Er betont, dass die Diskussion um die Verbrechen der Wehrmacht gesellschaftlich erst mit der "Wehrmachtsausstellung" von 1995 zum Thema wurde (S. 130).

Detailliert zeichnet Barbara Tóth den Präsidentschaftswahlkampf nach. Dabei geht sie auch auf die umstrittene Rolle der SPÖ bei der Enthüllung von Waldheims Vergangenheit ein. Doch die "braune Karte" (der spätere Bundeskanzler Franz Vranitzky) sollte nicht stechen: "Der im Wahlkampf entdeckte Antifaschismus der SPÖ wirkte nicht glaubwürdig, im Gegenteil: Die Emotionen begannen, sich gegen die Kanzlerpartei zu wenden." (S. 54) Letztlich war der Sieg Waldheims sogar so voraussehbar, dass das "profil" wie stets montags statt, wie nach Wahlsonntagen sonst üblich, dienstags erschien (S. 62).

Gerhard Botz, der, wie er selbst formuliert, "als engagierter Staatsbürger und ‚Waldheim-Kritiker'" (S. 74) und nicht zuletzt als Historiker in die Debatte um Waldheim involviert war, betrachtet diese als "Widerstreit kollektiver Erinnerungen". Er unterscheidet dabei fünf Arten kollektiver bzw. gruppenspezifischer Erinnerung: 1. die Mitverantwortungs-These (Heidemarie Uhl) als neueres offizielles kollektives Gedächtnis; 2. die Opfer-These als älteres staatsoffizielles "österreichisches Gedächtnis"; 3. eine "paranazistische" Populartradition als in den 1980er-Jahren noch weitgehend ungebrochen weiter bestehendes kommunikatives Gegengedächtnis; 4. ein offensives Infrage-Stellen der Opfer-These und der Populartradition; 5. antisemitisch gefärbte Verschwörungstheorien (S. 82-90). Im Österreich der Jahre 1986 bis 2006 sieht er eine "Schnittstelle der Erinnerungen" (Regina Fritz), da sich die genannten kollektiven Erinnerungen sowie die individuelle Erfahrungsebene zunehmend annäherten. Auch in der Person Waldheims selbst spiegelt sich dieser Wandel, und zwar in einer "bemerkenswerte[n] selbstkritische[n] Einsicht" (S. 82), die in einem Interview des "Standard" vom Januar 2006 deutlich wird: "[...] richtig ist, dass ich vom damaligen Staatskonsens geprägt wurde, dass Österreich ‚Hitlers erstes Opfer' war. [...] Und richtig ist auch, dass ich den langsamen Bewusstseinswandel im Blick auf die Vergangenheit [...] zu spät realisiert habe. Wenn meine Lebensgeschichte zu einem neuen Zugang zur Geschichte beigetragen hat, dann ist das positiv – bezahlt freilich mit hoher persönlicher Schädigung." (S. 80) [2]

Der Band lenkt den Blick auch auf die internationale Dimension der Affäre. Auf der Grundlage der CIA-Akte Waldheims, die bereits 1972 im Zuge seiner Wahl zum UN-Generalsekretär angelegt wurde, befasst sich Oliver Rathkolb mit der Rolle der USA (S. 96ff.). Aus der Perspektive des "Amerikaners in Wien" schreibt Richard Mitten unter anderem über die Entscheidung der USA, Waldheim auf die watch list zu setzen (S. 121f.). Besonders interessant ist der Bezug zu Deutschland, den Anton Pelinka herstellt: "Damit war aber die Funktion der Opfertheorie in ihr Gegenteil verkehrt. Sollte diese Österreich von Deutschland positiv abheben, so war nun das Beharren auf dieser Theorie plötzlich der Beweis dafür, dass Österreich sich zu lernen weigerte, was Deutschland hatte lernen müssen: die Verantwortung für den Nationalsozialismus generell und für den Holocaust speziell zu akzeptieren." (S. 161)

Mit den Themen Antisemitismus, der sich im Zuge der Debatte in Österreich immer offener artikulierte, und Zivilgesellschaft greift der Sammelband weitere wichtige Aspekte auf. Der Journalist Hans Rauscher arbeitet anhand von Leserbriefen an den "Kurier" antisemitische Aussagen sowie verschiedene Argumentationsmuster heraus, mit denen Waldheim bzw. Österreich verteidigt wurde (S. 64f., S. 69f.). Er zeigt auf, dass es für viele letztlich nicht um Waldheim und seine Vergangenheit ging, sondern wichtig war, dass Österreich sich nichts vorschreiben lässt (S. 71) – entsprechend dem Wahlslogan: "Wir Österreicher wählen, wen wir wollen". Mit den Auswirkungen in zivilgesellschaftlicher Hinsicht beschäftigen sich insbesondere die Beiträge der Journalisten Martin Staudinger und Peter Huemer, und zwar anhand der Beispiele des so genannten "Waldheim-Pferds", dem "wohl wichtigsten politischen Kunstwerk der Zweiten Republik" (Kuno Knöbl), und der Mahnwache am O5-Zeichen am Wiener Stephansdom.

Als Folge der Waldheim-Debatte gilt vielen auch der rasche Aufstieg Jörg Haiders. Den Zusammenhang zwischen Waldheim und Haider bringt die Journalistin Christa Zöchling in ihrem Artikel schlüssig auf den Punkt: "Haider ist paradoxerweise an Waldheim groß geworden, aber auch an ihm gescheitert. Ohne die Affäre Waldheim hätte die Europäische Union kaum so scharf reagiert, wie sie es schließlich tat. Und ohne die Europäische Union hätte Haider nie auf die formelle Führung seiner Partei verzichtet und auch nicht auf den Eintritt in die Regierung." (S. 176)

In den Beiträgen wird deutlich, dass die Affäre keineswegs nur auf das Jahr 1986 beschränkt war, wie es der Titel des Sammelbandes suggerieren könnte. Nicht ganz passend erscheint auch die Chronik am Ende, die sich ausschließlich dem Kalenderjahr 1986 widmet. Vermuten könnte man, dass die Herausgeber die "Waldheim-Affäre" in Kontrast zu anderen "Schlüsselereignissen" dieses Jahres setzen wollten, die aber in keinerlei Zusammenhang mit Waldheim stehen (z.B. Tschernobyl). Eine sinnvollere Ergänzung wäre eine Chronik zum Waldheim-Fall selbst und seinen Folgen gewesen. Dennoch ist das Buch lesenswert und informativ, vor allem für denjenigen, der mehr über einige der Akteure und Waldheim-Kritiker – leider bleibt der "Republikanische Club" etwas unterbelichtet – erfahren möchte. Die Zeitzeugenperspektive und der häufig sehr feuilletonistische Stil haben allerdings den Nachteil, dass teilweise nur wenig neue wissenschaftliche Erkenntnisse vermittelt werden.

Anmerkungen:
[1] Die Diskussion um Waldheim fehlt quasi in keinem Beitrag zu Österreichs Umgang mit seiner Vergangenheit. Dennoch liegt bislang keine monographische Gesamtdarstellung vor. Verwiesen sei aber auf Gehler, Michael, "… eine grotesk überzogene Dämonisierung eines Mannes..." Die Waldheim-Affäre 1986-1992, in: ders.; Sickinger, Hubert (Hrsg.), Politische Skandale und Affären in Österreich. Von Mayerling bis Waldheim, Thaur-Wien-München 1995, S. 614-665.
[2] Ähnlich auch Kurt Waldheims nach seinem Tod veröffentlichtes Vermächtnis, in dem er außerdem um "späte Versöhnung" bittet; abgedruckt in: Der Standard, 15.6.2007.

Zitation
Katrin Hammerstein: Rezension zu: Tóth, Barbara; Czernin, Hubertus (Hrsg.): 1986. Das Jahr, das Österreich veränderte. Wien  2006 , in: H-Soz-Kult, 31.07.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9508>.
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Veröffentlicht am
31.07.2007
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