R. Meindl: Ostpreußens Gauleiter

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Titel
Ostpreußens Gauleiter. Erich Koch - eine politische Biographie


Autor(en)
Meindl, Ralf
Erschienen
Osnabrück 2007: fibre Verlag
Umfang
535 S.
Preis
€ 35,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Köhler, Universität Münster

Am Ende seiner Biographie über Erich Koch, den ostpreußischen Gauleiter und Reichskommissar für die eroberte Ukraine, kommt Ralf Meindl zu einem zunächst etwas überraschenden Fazit: Trotz aller Recherchen und Bemühungen der Dechiffrierung der Persönlichkeit Kochs sei diese „blass“ geblieben. Fast habe man den Eindruck, den Privatmenschen Koch habe es gar nicht gegeben. Deshalb untertitelt der Freiburger Historiker seine Abhandlung, mit der er bei Bernd Martin promoviert wurde, zu Recht als „politische Biographie“. Ein Mann ohne Eigenschaften war Koch trotzdem bei Weitem nicht, wenn Meindl hervorhebt, dass dessen „Wertesystem“ sich fast ausschließlich an einem „machttaktischen Kalkül“ orientiert habe. Der Politiker Erich Koch avancierte so zu einem der führenden NS-Funktionäre und zum größten Territorialherrn des Dritten Reiches. Er setzte an verantwortlicher Stelle die mörderische Politik diese Staates um: Dazu brauchte man keine Persönlichkeit, sondern Skrupellosigkeit.

Auf gut 500 Textseiten wird minutiös der Lebensweg Erich Kochs von seiner Jugend in Elberfeld bis zum Tod 1986 in polnischer Gefangenschaft chronologisch nachgezeichnet. Ein eigenständiges Kapitel über die Provinz Ostpreußen während der NS-Herrschaft unterbricht diese Ordnung in gewisser Weise und lenkt den Fokus auf die Auswirkung der Kochschen Politik auf die Menschen, und hier speziell auf die Geschehnisse in der Endphase des Krieges. Eine kritische Bilanzierung des Lebensweges fasst schließlich thesenartig den Forschungstand Meindls zusammen.

1896 in eine Arbeiterfamilie geboren, war Erich Koch durch den Christlichen Verein Junger Männer evangelisch geprägt, zugleich mit akzentuierten anti-sozialdemokratischen und anti-jüdischen Ressentiments. Im Ersten Weltkrieg war er an der Ostfront vor allem als Funker eingesetzt, in gleicher Funktion nahm er an Freikorpsunternehmen in Oberschlesien teil und engagierte sich in der rechtsgerichteten Marinebrigade Ehrhardt in München. 1921 gründete er die NSDAP-Ortsgruppe Elberfeld. Frühe Mitstreiter, aber auch spätere Widersacher waren dort Josef Goebbels, Viktor Lutze und Josef Terboven. Die eigentliche nationalsozialistische Prägung erfuhr Koch jedoch durch die Brüder Gregor und Otto Strasser.

Durch das gesamte Buch hindurch legt Meindl zwei lohnenswerte Analyseschwerpunkte: Einerseits entlarvt er die Selbststilisierung Kochs zu einem treu ergebenen „alten Kämpfer“ und Volkstribun als bloße Fassade seines Machtkalküls. Andererseits schildert er sehr quellengesättigt die beinahe stetige kämpferische Auseinandersetzung mit rivalisierenden NS-Funktionären, die alle um die Gunst ihres „Führers“ rangen, um so eine größtmögliche Machtfülle zu erlangen. Immer wieder griff Hitler in den Konkurrenzkampf ein, ohne mit letzter Konsequenz bestehende Machthierarchien zu verstetigen – ein Charakteristikum des „Führerstaates“. So entschärfte Hitler einen erbitterten Machtkampf in Elberfeld, indem er zwei der Protagonisten in neue Gebiete und Aufgaben versetzte. Goebbels wurde zum Berliner Gauleiter ernannt, Koch übernahm im September 1928 die Gauleiterstelle in Ostpreußen.

In der Propaganda avancierte der Gauleiter schnell zum „Vater der Provinz“, und Ostpreußen wurde zum nationalsozialistischen „Mustergau“. Koch gelang es mit dem so genannten „Erich-Koch-Plan“, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen als einen der größten wirtschaftlichen Erfolge innerhalb des Deutschen Reiches darzustellen. Tatsächlich beruhte die Aktion auf Zwangswirtschaft. Parallel dazu startete Koch den Versuch einer nachhaltigen wirtschaftlichen Umgestaltung der Provinz. Meindl attestiert ihm dabei durchaus Erfolge, die aber nicht auf dessen eigener Wirtschaftskompetenz beruhten, sondern auf einer schnellen Aneignung von Strategien seines Umfeldes. Zu nennen ist hier besonders der „Königsberger Kreis“, aus dem Koch auf ein breit gefächertes Reservoir von Spezialisten zurückgreifen konnte. Der Gauleiter, der in Personalunion auch Oberpräsident der Provinz war, dankte solche Beratung zumeist mit der Vergabe von Posten. Finanzieren konnte er dies aus seiner „Erich-Koch-Stiftung“, die, nicht zuletzt durch erpresserische Übernahmen, zum größten Wirtschaftsbetrieb der Provinz avancierte.

Die Analyse der „Oberpräsidentenkrise“ im November 1935 ist ein Kulminations- wie Wendepunkt in der Karriere Kochs. Dabei handelte es sich um eine Machtintrige: Hauptdarsteller waren neben Koch Heinrich Himmler, Hermann Göring und Rudolf Heß. Als Erich von dem Bach-Zelewski zum Leiter der Gestapa in Königsberg bestellt wurde, sollte er auf Anweisung Himmlers offenbar Material gegen Koch sammeln. Die Situation eskalierte, als Kochs ehemaliger Günstling Paul Wolff die Seiten wechselte und nun ebenfalls gegen seinen früheren Mentor arbeitete. Eine Einbestellung Wolffs ins Oberpräsidium endete offensichtlich damit, dass sich die Kontrahenten zuletzt sogar prügelten. Koch wurde daraufhin am 26. November 1935 von Göring amtsenthoben. Hitler berief schließlich eine Art von „Scherbengericht“ ein. Meindl wertet es als taktisches Verhalten Hitlers, dass er sich dabei letztlich doch für Koch entschied: Er habe damit den zwar nie aufmüpfigen, aber doch sehr eigenständigen Koch indirekt auf sich eingeschworen. Gleichzeitig stärkte Hitler die Anbindung der Provinz Ostpreußen an den Führerstaat, indem er den immer noch populären Gauleiter im Amt beließ.

Erich Kochs folgender Aufstieg kann als Spiegelbild der Kriegsziele und des Kriegsverlaufs zwischen 1939 bis 1945 angesehen werden. Meindl setzt die Analyseschwerpunkte in seinen Kriegskapiteln auf die eroberten Gebiete Bialystok und die Ukraine. Koch setzte die Besatzungs- und Rassenpolitik der NS-Führung in verantwortlicher Position ebenso kühl wie zielstrebig um und kann damit als einer der Hauptverantwortlichen für den Judenmord charakterisiert werden. Aufgrund der Quellensituation ist es Meindl aber, wie er selbst mehrfach betont, leider nicht im Einzelfall möglich, Kochs exakte Rolle sowie den Grad seiner aktiven Beteiligung zu fixieren.

Der Bezirk Bialystok sollte als Brücke zum ukrainischen Gebiet dienen, das Koch seit dem 17. Juli 1941 als Reichkommissar leitete. Neben der wirtschaftlichen Ausbeutung der Provinz stand dabei die „Germanisierung“ im Mittelpunkt. Die Ghettos Bialystok und Grodno wurden, auch unter der Verantwortung Kochs als Chef der Zivilverwaltung, zunächst verkleinert und zahlreiche Juden liquidiert, in Hinblick auf ihre Arbeitsausbeutung aber zunächst nicht komplett umgebracht. Das Ghetto Bialystok wurde schließlich im August 1943 geräumt und die verbliebenen Juden in die Vernichtungslager deportiert. Kochs Priorität lag jedoch in der Ukraine. Hitler persönlich ernannte ihn gegen den Widerstand Alfred Rosenbergs zum dortigen Reichskommissar. Dabei machte sich Koch die häufigen Kontakte zu Hitler, dessen Hauptquartiere in Ostpreußen („Wolfschanze“) und der Ukraine („Werwolf“) lagen, zunutze, um Rosenbergs Positionen als „Reichsminister für die besetzten Ostgebiete“ so weit wie möglich zurückzudrängen. Er setzte rücksichtslos den „Führerwillen“ um, die „Kornkammer“ Ukraine restlos für die deutsche Versorgung auszubeuten und die Ukrainer langfristig zu versklaven. Am Beispiel der Judenpolitik weist Meindl nach, wie „erfolgreich“ im negativen Sinne Hitlers Strategie mehrerer miteinander konkurrierender Instanzen in der Zielrichtung war: Die Vernichtung der ukrainischen Juden wurde trotz – oder gerade wegen – interner Machtrivalitäten der Hitler-Paladine nahezu vollständig ausgeführt. In ihrer Konkurrenz um Macht und Einfluss radikalisierte sich die Politik des Judenmordes erheblich und gewann an negativer Dynamik.

Mit seinem Ostpreußen-Kapitel wendet Meindl den Blick abschließend wieder auf die ursprüngliche Provinz des Gauleiters. Sein Fazit zur Ostpreußen-Politik vor allem in der Kriegsendphase ist zwiespältig: Evakuierungsmaßnahmen seien viel zu spät ergriffen worden, so dass Koch indirekt für das Leid und den Tod in der ostpreußischen Zivilbevölkerung mitverantwortlich sei. Andererseits aber beteiligte er sich, anders noch als beim Rückzug aus der Ukraine, nicht an einer Politik der verbrannten Erde. Seine eigene Flucht mit dem Eisbrecher „Ostpreußen“ endete in Flensburg, wo er unter falschem Namen untertauchte, von den Briten aber doch verhaftet und an Polen ausgeliefert wurde. Dort verurteilte man ihn Ende der 1950er-Jahre zunächst zum Tode, dann zu lebenslänglicher Haft. 1986 starb Erich Koch während der Haft in einem Krankenhaus. Bis zum Ende zeigte er sich uneinsichtig und stilisierte sich als aufrechter Nationalsozialist und als Sozialrevolutionär.

„Der Erich Koch der Jahre 1936-1945 war kein irregeleiteter Idealist, sondern ein Opportunist und ein Geschöpf des Dritten Reiches und seiner Strukturen“ (S. 496), so Ralf Meindls Schlusseinschätzung. Koch entschied sich bewusst für eine politische Richtung und wählte den Weg in die Radikalität, die ihn nicht nur zu einem führenden NS-Funktionär und Territorialherrn im angestrebten „Lebensraum Ost“ werden ließ, sondern auch zum Mitorganisator des Massenmordes an Juden und an der osteuropäischen Bevölkerung insgesamt. So ist am Beispiel Erich Kochs, trotz der Schwierigkeit, ihn als Persönlichkeit zu fassen, eine sehr tiefgründige Studie über die Phänomene Macht und Skrupellosigkeit entstanden.

Zitation
Thomas Köhler: Rezension zu: : Ostpreußens Gauleiter. Erich Koch - eine politische Biographie. Osnabrück  2007 , in: H-Soz-Kult, 16.01.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9542>.
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16.01.2008
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