B. Eichengreen: The European Economy since 1945

Cover
Titel
The European Economy since 1945. Coordinated Capitalism and Beyond (The Princeton Economic History of the Western World)


Autor(en)
Eichengreen, Barry
Erschienen
Umfang
504 S.
Preis
$ 35.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tim Schanetzky, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Gesamtdarstellungen zur europäischen Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg haben derzeit Konjunktur. Nachdem erste umfassende Studien zur Politik- und Sozialgeschichte Europas erschienen sind [1], hat sich mit Barry Eichengreen nun ein historisch arbeitender Ökonom an die europäische Wirtschaft herangewagt. Dies ist fraglos ein ehrgeiziges Unterfangen, steht eine wirtschaftshistorische Betrachtung doch vor dem gravierenden Problem, die 40jährige europäischer Teilung in marktwirtschaftliche und staatssozialistische Systeme methodisch „bewältigen“ zu müssen. Eichengreen hat dieses Problem elegant gelöst. Dazu greift er auf eine Argumentation zurück, die er zunächst am Beispiel Westeuropas entwickelt und nun auch auf die Ostblockstaaten ausgedehnt hat.[2]

Eichengreen geht von der Beobachtung aus, dass beinahe alle europäischen Ökonomien nach der Überwindung der unmittelbaren Kriegsfolgen vergleichbar hohe Wachstumsraten erzielten, und zwar auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Diese Periode endete in den frühen 1970er-Jahren, als sich der Zusammenbruch des Weltwährungssystems mit strukturellem Wandel und dem ersten Ölpreisschock überlagerte. Das zentrale Anliegen der Studie ist daher, den relativ homogenen wirtschaftlichen Erfolg Europas in der ersten Hälfte ihres Untersuchungszeitraumes zu analysieren. Gleichzeitig will sie klären, warum der Kontinent in den Jahrzehnten danach relative wirtschaftliche Misserfolge in Form geringeren Wachstums hinzunehmen hatte, was im Westen von hoher Arbeitslosigkeit begleitet war, im Osten am Ende entscheidend zum Zusammenbruch des Staatssozialismus beitrug.

Den europäischen Boom erklärt Eichengreen erstens mit dem unmittelbaren Bedarf des Wiederaufbaus, vor allem aber mit der relativen Rückständigkeit in Fragen von Technologie, industrieller Organisation und Massenkonsum. Danach zeichnete sich Europas Wirtschaftsaufschwung durch extensives Wachstum, durch einen Prozess des Aufholens gegenüber den USA aus – ein Argument, das längst weitgehend unumstritten ist.[3] Zweitens begünstigten spezifisch europäische Institutionen den Aufschwung: Extensives Wachstum erforderte große Investitionen in bereits bekannte Technologien der industriellen Massenproduktion. Die höchsten Wachstumsraten konnten deshalb dort erzielt werden, wo ein stabiles System des korporatistischen Interessenausgleichs herrschte. Konsensbereite Tarifparteien ermöglichten mit moderaten Lohnerhöhungen die unternehmerische Selbstfinanzierung, was im Gegenzug steigenden allgemeinen Wohlstand und hohe Beschäftigungssicherheit zur Folge hatte. Spätestens in den 1970er-Jahren geriet die institutionelle Ordnung des „koordinierten Kapitalismus“ jedoch an ihre Grenzen. Die Märkte waren gesättigt und erforderten intensives statt extensives Wachstum. Statt technologischer Adaption wurden Innovationen in einer wissensbasierten Ökonomie zur zentralen Triebkraft, und diese benötigten über Märkte vermitteltes Risikokapital statt unternehmerischer Selbstfinanzierung. Kurzum: Das europäische Modell des „koordinierten Kapitalismus“ wandelte sich binnen kürzester Zeit vom Erfolgs- zum Misserfolgsfaktor.

In dieser Sichtweise waren die staatssozialistischen Ökonomien lediglich besonders extreme Formen korporatistisch koordinierten Wirtschaftens: Der Interessenausgleich zwischen Einkommen und Investitionen lag hier zwar in den Händen des Staates. Doch Eichengreen geht davon aus, dass sich die fordistisch-industriellen Wachstumsmodelle in Ost und West kaum unterschieden. Die technologische Wende der 1970er-Jahre stürzte die staatssozialistischen Systeme jedoch in ein grundsätzliches Dilemma. Der Aufstieg der Informations- und Kommunikationstechnologien mochte in Westeuropa eine schmerzliche Strukturkrise auslösen, in der eine teils immaterielle, auf immer feiner differenzierte Kundenwünsche auszurichtende und deshalb insgesamt immer flexiblere Produktion das fordistische Modell ablöste. Die institutionelle Ordnung der Planwirtschaft indes hatte darauf keine Antwort: Innovationen setzten einerseits offene Kommunikation voraus, was jedoch für das politische System bedrohlich war. Mangelnde Innovation vergrößerte andererseits den technologischen Rückstand, die Unzufriedenheit der Bevölkerung und damit das Risiko des politischen Zusammenbruchs.

Jenseits dieser großen Erzählung umfasst Eichengreens Arbeit umfangreiche Kapitel über die wirtschaftliche Entwicklung der europäischen Nationen, die exemplarisch argumentieren. Sie bietet eine profunde Geschichte der europäischen Wirtschaftsintegration sowie der gewandelten Weltwährungsordnung, und sie blendet auch die europäische Peripherie und die jüngste Entwicklung seit dem Zusammenbruch des Ostblocks nicht aus. Die Einzelheiten können unmöglich im Rahmen einer Rezension referiert werden. Dabei wäre es irreführend, an der Zuverlässigkeit einzelner nationalgeschichtlicher Details oder an der insgesamt sehr stark ausgeprägten Fokussierung auf den Produktionssektor der Volkswirtschaft herumzukritisieren. Ja selbst die Tatsache, dass die Geschichte der deutschen Wirtschaft einen relativ großen Raum einnimmt, die deutschsprachige Literatur hingegen kaum zu Rate gezogen wurde, ist unerheblich. Entscheidend ist vielmehr, dass Eichengreens Buch aus zwei Gründen genau zur rechten Zeit auf den Markt kommt: Zum einen zeigt es einer rein nationalstaatlich ausgerichteten Betrachtung deutliche Grenzen auf. So verlieren insbesondere die angestrengten Versuche, wirtschaftliche Erfolge oder Misserfolge der Bundesrepublik ausschließlich auf politische Programme oder nationale „Produktionsregime“ zu verrechnen, ihre Evidenz.[4] Zum anderen platzt das Buch mitten in die derzeit im Gange befindliche Erschließung der 1970er-Jahre: Es gibt nicht nur ökonomische Anhaltspunkte für den längst breit diskutierten Umbruchcharakter dieses Jahrzehnts, sondern nach seiner Lektüre wird sich auch die methodische und forschungsstrategische Frage nach der Reintegration der Wirtschaft in die Zeitgeschichte erneut mit besonderer Dringlichkeit stellen. Und das ist gut so.

Anmerkungen:
[1] Judt, Tony, Geschichte Europas. Von 1945 bis zur Gegenwart, München 2006; Kaelble, Hartmut, Sozialgeschichte Europas. 1945 bis zur Gegenwart, München 2007.
[2] Eichengreen, Barry, Institutions and Economic Growth. Europe after World War II., in:
Nicholas Crafts and Gianni Toniolo (Hgg.): Economic Growth in Europe Since 1945, Cambridge 1996, S. 38-72.
[3] Lindlar, Ludger, Das mißverstandene Wirtschaftswunder. Westdeutschland und die westeuropäische Nachkriegsprosperität, Tübingen 1997.
[4] So etwa Abelshauser, Werner, Kulturkampf. Der deutsche Weg in die neue Wirtschaft und die amerikanische Herausforderung, Berlin 2003; von Prollius, Michael, Deutsche Wirtschaftsgeschichte nach 1945, Göttingen 2006.

Zitation
Tim Schanetzky: Rezension zu: : The European Economy since 1945. Coordinated Capitalism and Beyond (The Princeton Economic History of the Western World). Princeton  2007 , in: H-Soz-Kult, 05.10.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9596>.
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Veröffentlicht am
05.10.2007
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