K. Ries: Politisches Professorentum

Titel
Wort und Tat. Das politische Professorentum an der Universität Jena im frühen 19. Jahrhundert


Autor(en)
Ries, Klaus
Erschienen
Stuttgart 2007: Franz Steiner Verlag
Umfang
550 S.
Preis
€ 88,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas C. Hofmann, Oberschleißheim

Ob die Frage der Einmischung der Wissenschaft in die Politik bis heute Brisanz besitzt oder nicht: Vor 200 Jahren sollten die Karlsbader Beschlüsse von 1819 diese mit einem rigorosen Nein beantworteten. Wie aber kam es zu einer solchen Politisierung der Professoren, dass die Obrigkeit ihre Macht gefährdet sah? Welchen Beitrag leisteten die Hochschullehrer zur Genese der politischen Bewegung des Liberalismus? Sind bereits erste Ansätze für die spätere Parteienentwicklung sichtbar? Diesen Fragen stellt sich die im Wintersemester 2003/04 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena angenommene Habilitationsschrift, welche hierzu die Entwicklung am Beispiel der Universität Jena nachzeichnet.

Der Titel selbst verrät nicht, dass die Studie 1789 einsetzt und somit eigentlich das frühe lange (!) 19. Jahrhundert untersucht. Da sich die Arbeit als eine „moderne Entwicklungsgeschichte“ versteht (S. 47), ist sie diachron gegliedert und behandelt die Zeit der Französischen Revolution (1789-1799), die „Nationalisierung vom Untergang des Alten Reiches bis zum Freiheitskrieg“ (1803/06-1814) sowie die Frühzeit des Deutschen Bundes (1815-1819). Eine schlüssige Erklärung der Lücke zwischen 1799 und 1803 bleibt Klaus Ries schuldig. Die Arbeit leistet insofern Pionierarbeit, als die Forschung die Professoren als Trägerschicht des frühen Liberalismus bisher nur am Rande betrachtete.[1] Ries möchte zu einer Neubewertung der Professorenschaft dieser Zeit beitragen, da diese bisher als zu praxisfern erachtet wurde. Hierzu zieht sich die im Titel enthaltene Wendung von „Wort und Tat“ wie ein roter Faden durch die Abhandlung. Ferner will Ries unter der Prämisse einer in Anlehnung an Thomas Nipperdey weit gefassten Parteiendefinition Einblicke in den Entstehungsprozess der liberal-nationalen Bewegung geben.

Der Hauptteil beginnt mit einem gut auf das Thema abgestimmten Grundlagenkapitel. Einen politischen Professor zeichnet nach Ries eine neue Wissenschaftsauffassung, ein Amtsverständnis als Staatsdiener und Staatsbürger sowie – damit verbunden – eine Rolle als öffentlicher „Katalysator“ (S. 51) politischer Ideen aus. Demnach gab es durchaus vor der Französischen Revolution politische Professoren; von einem politischen Professorentum kann allerdings erst seit 1789 gesprochen werden. Der „Ereignisraum Weimar-Jena“[2] bietet sich als Untersuchungsort vor allem wegen der aufgeklärt-liberalen Regierungspolitik des Weimarer Großherzogs, Jena als „öffentliche[m] Kommunikationszentrum politisch-kultureller Art“ (S. 56) sowie administrativer Besonderheiten der Universität, wie der Zuständigkeit mehrerer Einzelstaaten an.

Der erste Abschnitt schildert, wie die Französische Revolution die Professoren in einen Politisierungssog zog und zwang, sich politisch zu positionieren. Hierzu betrachtet Ries Friedrich Schiller als aufgeklärten Liberalen, den Juristen Gottlieb Hufeland als gemäßigten Konservativen sowie Johann Gottlieb Fichte als radikalen Demokraten und stellt fest, dass sie sich in ihren Ideen durch Praxisorientierung und Politiknähe auszeichneten. Als erster politischer Professor gilt Ries indes nur Fichte. Seine ‚Philosophie der Tat‘ sowie sein Wirken in der Öffentlichkeit und bei den Studierenden machten ihn zu einem wirklichen Träger politischer Ideen. Darüber hinaus war er der erste Professor, der aus politischen Gründen 1799 entlassen wurde.

Der Untergang des Alten Reiches und die napoleonische Vorherrschaft mischten die Karten für die Weiterentwicklung des politischen Professorentums komplett neu. Ries stellt die spezifischen Weimarer Verhältnisse dar, die es dem Landesherrn ermöglichten, der gegen Frankreich gerichteten nationalen Bewegung freien Lauf zu lassen. Hierbei betrachtet er, wie Heinrich Luden versuchte, „‚die Individualität der Nation zu bewahren und gleichzeitig von den Reformmaßnahmen französischer Provenienz zu profitieren’“ (S. 175) und der Mediziner Lorenz Oken sich unter den Vorzeichen der Befreiungskriege der ‚Kriegskunst’ zuwandte. Der Freiheitskrieg war es ferner, der Professoren und Studenten aufgrund der gemeinsamen Kriegserlebnisse zusammenschweißte und beispielsweise für Fichte, Luden und Oken „als Katalysator national-staatlicher Einheitsentwürfe“ (S. 199) diente.

Im Weiteren zeigt Ries auf, wie neben der Offenheit des Deutschen Bundes in seiner Frühzeit die Gründung der Jenaer Burschenschaft 1815 und die Weimarer Verfassung von 1816 das politische Professorentum begünstigten. Unter diesen Voraussetzungen gaben Luden, Oken und Fries ihre Ideen an die Öffentlichkeit weiter. Sie waren konstitutionelle Liberale, die sich allerdings in Einzelfragen radikal unterschieden, weshalb von einem regelrechten Parteiprogramm nicht die Rede sein kann. Bis zu den Karlsbader Beschlüssen 1819 wuchsen Professoren und Studenten zu einer „Kommunikationsgemeinschaft“ (S. 261) zusammen, die in der Jenaer Burschenschaft ihre vorerst deutlichste Ausprägung fand. Die von Professoren initiierte und mit der Burschenschaft verbundene Jenaer Turnbewegung intensivierte diese Bewegung. Da die Turnerei nicht auf das akademische Milieu beschränkt war, trug sie die liberale Bewegung aus politischen Professoren und Studenten weiter in die Öffentlichkeit. Den Höhe- und zugleich Wendepunkt der Bewegung stellt bei Ries das Wartburgfest dar. Für die teilnehmenden Professoren bedeute diese „erste ‚Demo‘ in Deutschland“ (Thomas Nipperdey), sich als ‚politische‘ Professoren zu outen. Bei den Studenten deutete sich bereits die spätere Spaltung der Liberalen in Konstitutionelle und Demokraten an. Die Gemäßigten knüpften mit ihren ‚Grundsätzen und Beschlüssen des Wartburgfestes’ an Ludens Ideen an, um die Repressionen des Staates abzufangen. Die Radikalen folgten mit ihren ‚Giessener Beschlüssen‘ – welche der politischen Stimmung des Festes am nächsten kamen – dem zum Demokraten gewandelten Fries.

Unter der Überschrift „Die Radikalisierung der Bewegung im Wechselspiel mit der Reaktion“ schildert Ries die Zeit bis zu den Karlsbader Beschlüssen. Wegen des Drucks der Großmächte hatte Carl August Ende 1818 keine andere Wahl, als gegenüber der liberalen Bewegung eine kritischere Haltung einzunehmen. Bereits Anfang 1818 ließ ein publizistischer Streit mit August von Kotzebue über die Weimarer Innenpolitik nun auch den gemäßigten Luden – wenn auch unbeabsichtigt – in die Radikalisierung abgleiten. Die folgende gerichtliche Auseinandersetzung hatte zwar keine rechtlichen Folgen, bewirkte allerdings Ludens Rückzug als politischer Professor. Ferner kam es zur Bildung demokratischer Vereine außerhalb der Burschenschaft und der Turner. Der sogenannte Winterverein zeigt hierbei die Spaltung der Demokraten in einen radikalen gewaltbereiten Flügel unter Follens Führung und einen gemäßigten reformorientierten Flügel unter der Führung Fries’.

Zum Abschluss schildert Ries die Verhältnisse nach den Karlsbader Beschlüssen und stellt hierbei treffend fest, dass es zwar zu einer Verstaatlichung des Universitätswesens kam, eine regelrechte Entpolitisierung allerdings ausblieb. Viele Jenaer Professoren waren in der Restaurationszeit zwar politisch kaltgestellt. Ries verdeutlicht allerdings, wie beispielsweise vom Jenaer Winterverein Entwicklungslinien bis zum Deutschen Preß- und Vaterlandsverein führen. Zusammenfassend resümiert er, dass der Praxisbezug der Professoren größer war als angenommen, die Bewegung für die Genese des Liberalismus eine Schrittmacherrolle besaß und sich bereits erste Vorformen politischer Parteien bildeten.

Ries legt eine Darstellung vor, die sich vor allem in zwei Punkten auszeichnet. Sie zeigt erstens detailliert auf, wie sich das politische Professorentum an der Universität Jena entwickelte und seine Bedeutung für den Liberalismus zunahm. Zweitens schildert Ries die Vernetzung der dargestellten Personen untereinander, mit anderen Universitäten sowie Regierungsstellen. Bedauerlicherweise leidet die Arbeit an inhaltlichen wie formalen Mängeln. So mutet es zumindest zweifelhaft an, wenn Ries schreibt: „Die liberale Offenheit der frühen Phase des Deutschen Bundes wurde mit einem Schlage beendet durch den Erlaß der Karlsbader Beschlüsse vom September 1819, die dann in die Wiener Schlussakte von 1820 eingingen.“ (S. 218) Diente doch gerade der Teil der Karlsbader Verhandlungen vom August 1819 als Beratungsgrundlage für die Wiener Ministerialkonferenzen 1819/20, der im September 1819 eben nicht zu Bundesrecht erhoben wurde! Die Lesbarkeit des Buches wird dadurch erschwert, dass konsequent darauf verzichtet wird, Blockzitate als solche zu kennzeichnen sowie in den Fußnoten bei Erstnennungen den Volltitel aufzunehmen. Fazit: Ein lesenswertes, aber nicht immer leicht lesbares Buch.

Anmerkungen:
[1] Zur Diskussion und einem Überblick vgl. Fenske, Hans, Der deutsche Liberalismus 1789-1815. Eine Skizze, in: Reinalter, Helmut (Hrsg.), Die Anfänge des Liberalismus und der Demokratie in Deutschland und Österreich 1830-1848/49, Frankfurt am Main 2002, S. 61-80.
[2] Vgl. den Jenaer SFB 482 „Ereignisraum Weimar-Jena“, aus dem diese Studie hervorging. Weiterführend <http://www2.uni-jena.de/ereignis>.

Zitation
Andreas C. Hofmann: Rezension zu: : Wort und Tat. Das politische Professorentum an der Universität Jena im frühen 19. Jahrhundert. Stuttgart  2007 , in: H-Soz-Kult, 03.04.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9620>.