Titel
The Vaccinators. Smallpox, Medical Knowledge, and the ‘Opening’ of Japan


Autor(en)
Jannetta, Ann
Erschienen
Umfang
260 S.
Preis
€ 36,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lars Schladitz, Historisches Seminar, Universität Erfurt

Globale Verflechtungen haben sich seit einigen Jahren als Gegenstand der historischen Forschung fest etabliert. Neben der eher makroskopischen Untersuchung von weltweiten Phänomenen bietet es sich ebenfalls an, einzelne Akteure oder kleinere Gruppen bei ihren verschiedenen Grenzüberschreitungen zu verfolgen. Vor diesem Hintergrund untersucht die Historikerin Ann Jannetta in ihrer Studie „The Vaccinators“ den Transfer und die Etablierung der Pockenschutzimpfung nach Japan.

Jannetta zeigt insbesondere, dass der weltweite Transfer von medizinischem Wissen hauptsächlich über soziale und professionelle Netzwerke von Medizinern stattfand und die jeweiligen Regierungen nur sekundär an der Verbreitung beteiligt waren (S. 5). Darüber hinaus stellt sie die „Abgeschlossenheit“ von Tokugawa-Japan in Frage und argumentiert, dass gerade Mediziner als Austragende des Wissenstransfers einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Landes nach der Öffnung hatten (S. 2).

Die Studie beginnt mit Edward Jenners Entdeckung der Impfmöglichkeit gegen die gefährlichen Pocken (Variola) durch den relativ ungefährlichen Erreger der Kuhpocken (Vaccinia) in England. Die neue Methode war wesentlich sicherer als die bis dahin verbreitete Methode der Immunisierung, nämlich die kontrollierte Infektion mit Pockenerregern. Da die neue Form der Impfung offensichtlich überlegen war, etablierte sie sich rasch in den meisten Weltregionen; Japan stellt eine bemerkenswerte Ausnahme dar. Jannettas Studie verfolgt die Netzwerke der Mediziner, die das Wissen über die neue Methode wie auch den Impfstoff global verbreiteten. Relativ viel Raum wird hierbei zunächst dem Nachzeichnen des Transfers etwa nach Frankreich oder in die USA zugestanden, ohne dass ein direkter Zusammenhang mit der Etablierung der Impfung in Japan hergestellt wird. Immerhin zeigt sich auch hier die große Bedeutung von professionellen Netzwerken von Medizinern, die etwaige Grenzziehungen, etwa im Krieg Englands gegen das napoleonische Frankreich, umgehen konnten.

Was den Transfer nach Japan betrifft, so war er weder geradlinig und ohne Brüche, noch erfolgte er innerhalb eines kurzen Zeitraums. Zwischen Jenners ersten Impfversuchen in England (1796) und der Impfung der Kinder des Fürsten (daimyô) Nabeshima Naomasa (1849), einem der politisch wie symbolisch zentralen Marksteine in Jannettas Buch, vergingen immerhin mehr als fünfzig Jahre. Zwei Hindernisse zeigten sich beim Transfer der Impfung nach Japan: die begrenzte Lebensdauer des Impfstoffes V. vaccinae und der politische Wille der Shôgunatsregierung, des so genannten bakufu. Die Mitnahme von Kindern als lebenden Wirten für den Impfstoff konnte das Problem der Lebensdauer lösen. Laut Jannetta konnte die Impfung damit nur fünf Jahre nach ihrer Entdeckung in alle Erdteile exportiert werden (S. 50). Ein größeres Hindernis sollten die Beschränkungen durch die politische Herrschaft in Japan darstellen, die den Kontakt mit „westlichen“ Studien während der Periode der „Landesabschließung“ (sakoku) streng zu kontrollieren versuchte. Zwar herrscht in der Forschung mittlerweile Einigkeit darüber, dass die „Abschließung“ keinesfalls wirklich hermetisch war – ein großes Hindernis für Transfers stellte sie ohne Frage aber doch dar.

Trotzdem gab es verschiedentlich Brüche und Überwindungen des politischen Rahmenwerks. Über die niederländische Faktorei in Nagasaki gelangten trotz strenger Auflagen bereits vor dem Sturz des Shôgunates die Erkenntnisse „westlicher“ Mediziner nach Japan. Die von Jannetta untersuchten historischen Akteure waren größtenteils Ärzte, aber auch Beamte und Übersetzer, die an der Verbreitung des Impfstoffen und des Wissens über die neuartige Impfmethode beteiligt waren. Jannetta geht dabei auf einige zentrale Personen wie etwa Baba Sajûrô näher ein, nennt sie aber als Teil eines wesentlichen größeren Netzwerkes und verfolgt im Laufe ihrer Studie zahlreiche beteiligte Akteure. Um die Netzwerke des Transfers zu rekonstruieren, untersucht Jannetta Briefwechsel und medizinische Publikationen in diversen Sprachen, da Übersetzungen einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Verbreitung der Impfmethode leisteten.

Bei der Übertragung von Wissen zur Impfung spielten nach Jannetta neben den Verbindungen über Nagasaki auch recht zufällige Begegnungen eine Rolle. Ausgangspunkt für die erste Übersetzung eines Textes zur Impfung war demnach die Geiselnahme des Japaners Nakagawa Gorôji bei einer russischen Strafexpedition 1807. Nach seiner Freilassung konnte er von seiner Arbeit mit einem russischen Arzt berichten und eine russische Publikation zur Impfung mit sich bringen. Es ist eine der Stärken des Buches, auch solche eher unscheinbaren Episoden zu beleuchten und damit die Vielschichtigkeit des Austausches, gerade angesichts der politischen Widerstände, zu berücksichtigen.

Für die von Jannetta dargestellten japanischen Akteure, überwiegend ranpô-Ärzte (das heißt Mediziner, die sich westlicher Methoden bedienten), bot die Beschäftigung mit der Medizin die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs in Tokugawa-Japan. Die Beschäftigung mit holländischen Studien (rangaku) war in Japan jedoch mit persönlichen Risiken verbunden. Viele etwa von Philipp Franz von Siebolds japanischen Schülern und Gefährten wurden während der Verfolgungen ab 1829 getötet. Trotzdem, so Jannetta, etablierte sich über die holländischen Studien nach den Versuchen mit dem Impfstoff ab den 1820er-Jahren in Nagasaki durch Hendrik Doeff und später Siebold ein informelles Netzwerk von japanischen Spezialisten, die sich intensiv mit der „westlichen“ Medizin beschäftigten und ein gemeinsames Interesse an der Einführung der Jennerschen Impfmethode hatten.

Zu diesen informellen Kontakten kamen Familienverbindungen wie Heiraten und Adoptionen, die ein Netzwerk von Medizinern bildeten. Das Netzwerk zirkulierte medizinische Schriften und übersetzte „westliche“ medizinische Bücher. Erst nach der langwierigen Etablierung eines Netzwerkes und der Zirkulation von Wissen konnten die ranpô-Mediziner einen politischen Einfluss geltend machen und durch die bereits genannte symbolträchtige und in der Studie einleuchtend analysierte Impfung im Haus des daimyô Nabeshima Naomasa die offizielle Einwilligung der politischen Herrschaft für die Impfung gegen Pocken erhalten. Die weitere Diffusion der Impfmethode gelang ab diesem Zeitpunkt durch die etablierten landesweiten Netzwerke innerhalb sehr kurzer Zeit.

Jannettas abschließendes Argument ist, dass die informellen Netzwerke der Mediziner, welche sich um die Impfung langsam seit dem 19. Jahrhundert etablierten, eine neue Elite erschufen, die den Fall des Tokugawa-Shôgunates überstand und anschließend eine wichtige Rolle in der Gestaltung des Meiji-Staates einnehmen konnte (S.181). Gut gebildet, dem Einfluss „westlicher“ Studien gegenüber aufgeschlossen und auf das bereits etablierte Netzwerk aufbauend, konnten Mediziner und rangaku-Gelehrten großen Einfluss auf das sich neu etablierende politische System ausüben.

„The Vaccinators“ ist eine gelungene Studie über das globale medizinische Netzwerk im 19. Jahrhundert. Sie besticht dadurch, dass sie den historischen Akteuren über die jeweiligen Landesgrenzen folgt und eine große Zahl von Quellen in unterschiedlichen Sprachen nutzt. Insbesondere die Darstellung der langen Dauer des Transfers der Impfmethode nach Japan mit seinen vielen Brüchen überzeugt. Durch Berücksichtigung vieler Faktoren – politischer, persönlicher wie auch „natürlicher“ – gibt Jannetta eine überzeugende Erklärung für die späte Einführung der Impfung in Japan. Weiterhin zeichnen die Erkenntnisse von Jannettas lesenswerter Studie ein interessantes neues Bild der Dimensionen politischer Herrschaft in der Spätzeit des Tokugawa-Shôgunats bis in die frühe Meiji-Zeit.

Zitation
Lars Schladitz: Rezension zu: : The Vaccinators. Smallpox, Medical Knowledge, and the ‘Opening’ of Japan. Stanford  2007 , in: H-Soz-Kult, 16.05.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9633>.
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Veröffentlicht am
16.05.2011
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