Titel
Geschichte der Katharer. Aufstieg und Fall der großen Ketzerbewegung


Autor(en)
Lambert, Malcolm
Erschienen
Darmstadt 2001: Primus Verlag
Umfang
XII + 408 S.
Preis
€ 30,17
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jörg Feuchter, Institut für Geschichtswissenschaften der HU Berlin Email:

Wer sich umfassend und zuverlässig über "Die Katharer" zu informieren sucht, greift seit fast fünfzig Jahren zum gleichnamigen Buch Arno Borsts von 1953. Diese haptische Routine ist nun zu überprüfen, denn mit Malcolm Lamberts "The Cathars" (1998) hat Borst erstmals in Zuschnitt und Qualität vergleichbare Konkurrenz erhalten, vor der ihn mittlerweile nicht einmal mehr die Sprachschwelle protegiert, da nach nur drei Jahren eine Übersetzung vorliegt, die wohl aus Copyright-Gründen "Die Geschichte der Katharer" betitelt wurde.

Als Gesamtdarstellung der "Häresie des Bösen" konzipiert, bietet das Lambertsche Werk gründlich, ausgewogen und äußerst lesbar deren Geschichte, Dogmatik und Lebensformen nach neuestem Forschungsstand. Es verarbeitet dabei die Vielzahl von wissenschaftlichen Beiträgen aus der anglophonen, französischen, italienischen, serbokroatischsprachigen und nicht zuletzt deutschen Forschung, schöpft jedoch nur ganz selten unmittelbar aus eigenen Quellenstudien. Unvermeidlich ist bei solchem Vorgehen, dass Lambert in Details mitunter Schwächen der Arbeiten anderer aufsitzt, wie etwa auf S. 149 der nicht fundierten Behauptung Jean Duvernoys von der Flucht der Häretiker gleich nach dem Friedensschluss von 1229.

Was jedoch größere Sachverhalte angeht, ist Lambert durch die umfassende Rezeption der Literatur und ihrer Kontroversen geschützt. Aus der deutschen Forschung, soweit sie vor 1998 erschien, vermisst man höchstens Bernd Hergemöllers "Krötenkuß und schwarzer Kater" (1996) zur von Lambert mehrfach erwähnten Bulle "Vox in Rama" Gregors IX. Die gleichmäßig hohe Syntheseleistung Lamberts über die nicht wenig komplexe Katharismus-Entwicklung in Westeuropa vom 12. bis 14. Jh., über Vorstufen wie Nachleben auf dem Balkan (Bogomilismus, bulgarischer Dualismus, Bosnische Kirche) sowie über die Geschichte der Bekämpfung der Häresie verdient große Anerkennung.

Dennoch ist das Buch nicht sehr forschungshistorisch orientiert. Hauptanliegen ist offensichtlich vielmehr eine an einem Stück lesbare Darstellung. Hier liegt ein Hauptunterschied zu Borst, der sein Werk in parallelen Durchgängen organisiert hatte und in einem ersten cursus etwa einen bündigen Quellen- und Historiographie-Abriß bot. Lambert gelingt eine nachvollziehbare Erzählung trotz einer Seitenzahl von über 300 und der Verteilung der katharischen Handlung auf zwei Hauptschauplätze (Südfrankreich und Italien) und viele Nebenschauplätze. Er leistet dabei die Darstellung historisch vorhandener Verbindungen zwischen diesen Orten ebenso wie den ständigen Vergleich getrennter Entwicklungen. Auch die teils sehr indirekt von der Forschung erschlossenen Verzweigungen der katharischen Lehre, insbesondere in ihrem notorisch zerstrittenen italienischen ABC-Zweig (Albanenser, Bagnolenser und Concorezzaner), sind verständlich aufbereitet, was getrost als ganz besondere Leistung gewertet werden darf. Verwirrend ist dagegen Lamberts ureigenes System der bibliographischen Angabe in den zahlreichen, aber stets knappen Anmerkungen (im englischen Text noch als Fußnoten, in der Übersetzung ans Ende verbannt). Es besteht aus Kürzeln der Anfangsbuchstaben von Autor und Titelwörtern, die erst durch den Index mit Verweis auf das volle Erstzitat auflösbar sind, nur vorausgesetzt, man errät zumindest den Namen des gemeinten Autors. Aber auch dann findet man dort nicht jeden Titel. Eine Bibliographie fehlt.

Insgesamt scheint das Buch ausgewogener als das des mitunter polemischen Borst. So teilt Lambert dessen Einschätzung, die katharische Doktrin sei im Vergleich zum katholischen Lehrgebäude simpel, erkennt aber auch die Stärke, die darin gerade wohnt. Und wo der Deutsche stetig die Tendenz zur Selbstzersetzung des Katharismus betont und das, was dann noch übrigbleibt, vor den überlegenen geistigen Waffen der neuen Bettelorden rasch dahinsinken sieht, ist der Brite (und ausgewiesene Franziskanerforscher) realistischer: "Furcht und Entsetzen vor der Häresie hatte sich nicht eingestellt, und die neue Kraft des Katholizismus hatte nicht ausgereicht, um dem Katharertum den Garaus zu machen; dazu bedurfte es der Tatkraft der Inquisition" (S. 295) schreibt Lambert über die Lage in Orvieto in der zweiten Hälfte des 13. Jhs. Noch stärker, aber in weniger prägnanten Worten macht er dies für Südfrankreich geltend (S. 230-288). Mit der Spätzeit beschäftigt sich Lambert dem Trend der Forschung folgend ohnehin sehr ausführlich. Im Anschluß an Thesen Gerhard Rottenwöhrers hält er etwa das Wiederaufflackern der Häresie in den Vorpyrenäen zu Anfang des 14. Jh. nicht für eine Schwundstufe des Katharismus (S. 286). Für Italien widmet er sich sehr ausführlich dem zu Borsts Zeit noch wenig erforschten Zusammenspiel von städtischer Politik und Inquisition während des Interregnum und der angevinischen Herrschaft.

Inquisitionsverhöre als Quellen für den Alltag und die Sozialgeschichte von Katharer-Vollkommenen und ihren Anhängern systematisch auszuwerten, war 1953 ebenfalls noch kaum üblich, setzte jedoch seit den 70er Jahren ein. Bei Lambert sind auch die Forschungsergebnisse aus diesen Quellen breit repräsentiert (besonders dicht im Kapitel "Die Katharer im Languedoc", S. 142-184). Mit diesem "Montaillou-Faktor" unterscheidet er sich freilich nicht von der französischen Literatur, von welcher der unvoreingenommene Leser vermutlich am ehesten ein modernes Standardwerk zum Katharismus erwartet hätte (aufgrund ihrer geographischen Zuständigkeit für den quellenreichen Languedoc). Vielmehr sind es die fachmediävistische Perspektive, deren der Katharismus und die katharische(n) Gesellschaft(en) als genuin mittelalterliche Phänomene bedürfen, und die Berücksichtigung einer vielsprachigen Forschungslandschaft, mit der sich Lambert von den vorhandenen frankophonen Überblickswerken wohltuend absetzt.

Als Ergebnis der Routine-Prüfung drängt sich also auf: Borst hat seinen würdigen Nachfolger als Standardwerk gefunden. Wer sich umfassend und zuverlässig über die Katharer zu informieren sucht, der greife nun zu Lamberts "Die Geschichte der Katharer".

Den Borst wird allerdings weiterhin aufschlagen, wer sich für die Historiographiegeschichte seit der Reformation interessiert - und wer gutes Deutsch lesen möchte. Denn Übersetzung und Lektorat von "Die Geschichte der Katharer" sind beklagenswert. Übergangen seien hier die redaktionellen Flüchtigkeiten, stilistischen Aussetzer, Anglizismen ("Reichtum war immer noch gut vertreten"), die unpassenden Eindeutschungen englischer Varianten lateinischer, okzitanischer und französischer Eigennamen ("Fulk", "Arnald Dominik"; vgl. auch: "ihre Gespräche mit einer Freundin, die sie Auntie nannte"), die Travestie lateinischer Wörter ("das domus", "die einleitende sermo generalis") und die beinahe durchgehend als Plurale tantum behandelten französischen Gebietsnamen ("in den Nivernais"). Aufgelistet seien lediglich jene Stellen, die den Text verfälschen oder unverständlich machen.:

S. 14 statt "Eine Anklage wegen Häresie war eine viel zu mächtige Waffe, als dass man sie unbarmherzig ... einsetzte": ... als dass man sie nicht unbarmherzig ... einsetzte

S. 44 statt "weiträumig verteilte Erbgüter": weitverbreitete Realteilung (widespread partible inheritance)

S. 51 Mitte: statt "Beziehungen": Bezeichnungen

S. 61 unten: statt "beinahe": kaum (faintly)

S. 62 statt "an den französischen Bischof": an die frz. Bfe.

S. 68 statt "Bistum": Episkopat (die Gesamtheit der Bischöfe, episcopate)

S. 70 und passim: statt "Burg": Stadtgemeinde oder -viertel (frz. bourg)

S. 71 statt "ihren Ehefrauen treu ergeben": beweibt (uxorious, Bezug auf Priester)

S. 76 statt "Selbstgefälligkeit": Duldung

S. 82 statt "segneten das Brot von Mund zu Mund": ... von Monat zu Monat

S. 105 statt "führender Hohenstaufe": Führer der Hohenstaufen-Seite (über Markward von Annweiler, selbst kein Staufer)

S. 109: statt "Auflistungen von Behörden": Auflistungen von Schriftzitaten (authorities)

S. 125: statt "des lokalen Konzils": der lokalen Konzilien

S. 134: auf dieser Seite herrscht vollständige Verwirrung. Mehr als zwölf Zeilen des englischen Originaltextes sind hier ausgelassen, der sachliche Inhalt stattdessen (nach einer anderen Vorlage?) konfus und in unvollständigen und unverständlichen Sätzen wiedergegeben. Hier hilft nur der Blick ins englische Original.

S. 134 unten: statt "Bemerkung": Ton ("note")

S. 136 statt "Provinzstädte": "Provinziale" (Vorsteher einer Ordensprovinz)

S. 139: statt "Kommissionen": Beauftragungen

S. 154: statt "Ordnung der heiligen Kirche": Stand der Vollkommenen der heiligen Kirche

S. 179: statt "... die von dem königlichen Heer verfügten Abgaben im Carcassès und in Razès gefördert wurden": ... die nachhaltige Durchsetzung der königlichen Herrschaft im C. und im R. ermöglicht wurde (facilitating the effective imposition of royal power)

S. 188: statt "Die Scheiterhaufen wurden hoch aufgeschichtet. Sobald sie im Rahmen der Verfolgungen oder in der Hoffnung, dadurch einen Durchbruch bei der Unterdrückung zu erzielen, entzündet wurden, folgten darauf sporadisch Angriffe auf Klöster und Bettelmönche oder auf Inquisitoren.": Der Einsatz [sc.: der Inquisitoren!] war hoch. Motiviert durch die Auswirkungen der Verfolgung oder die Hoffnung, sich von der Repression befreien zu können, geschahen weiterhin vereinzelt Angriffe auf Konvente, Bettelordenshäuser oder auf Inquisitoren. (Ob dem Übersetzer das Wortspiel in "The stakes were high" auffiel, sei dahingestellt; stake heißt Pfahl/Scheiterhaufen, aber eben auch Einsatz; der nächste Satz ist aber gewiß genau umgekehrt zu verstehen als von ihm vorgeschlagen.)

S. 198: der zweite Absatz der Seite ist zu streichen (Verdoppelung der Kartenlegende von Karte 5)

S. 203: statt "gibt eine kurze zusammenfassende Darstellung": veranschaulicht (epitomizes)

S. 204 unten: statt "Letzterer": er (Bezug auf die lateinische, nicht auf die provenzalische Version eines Textes)

S. 210: statt: "unerfahren": unwissend

S. 219, sechste Zeile von unten: "Es ist aber ... wahrscheinlicher": Es ist ... wahrscheinlicher (Adversation vom Übersetzer sinnentstellend hinzugefügt)

S. 228: statt "Pfarrherren": Stadtregenten (rectors)

S. 229: statt "Regelverstößen": Irregularitäten (Verstöße von Priestern, die sie von der Ausübung ihres Amtes ausschließen)

S. 230 statt "im abgelegenen Kloster": im ausgedehnten Kloster (vast)

S. 250 statt "schränkten ihre Teilnahme ... sehr ein": stellten ihre Teilnahme als gering dar

S. 257 statt "Das Trinken von kaltem Wasser konnte so gering gehalten werden, dass es den Priester nicht notwendig machte": ... konnte für so geringfügig gelten, daß das Vaterunser nicht notwendig war [dieses Gebet mussten vollkommene Katharer unbedingt nach jeder Nahrungsaufnahme sprechen; hier in Bezug auf Kranke, die auf dem Sterbebett zu Vollkommenen gemacht worden waren, aber nicht mehr sprechen konnten]

S. 268 oben: statt "Befähigung": Reichweite

S. 283 statt "vermutlich ein wenig leichter": vielleicht zu einfach

S. 298 statt: "ihn davor bewahren solle": sich davor hüten werde

S. 300 statt "in Aufregung zu versetzen": behelligen

S. 308 statt "den Vollkommenen war missionarische Aktivität untersagt": Die Vollkommenen waren an der missionarischen Aktivität gehindert

Wort für Wort aus der Vorlage und ohne Mitdenken übersetzt ist dagegen auf S. 54 oben ein im Original offensichtlich unlogischer Satz.

Dennoch ist das Erscheinen dieses wissenschaftlichen Kompendiums in deutscher Sprache nachhaltig zu begrüßen, als ein Lichtblick auf dem Büchermarkt zum Thema Katharismus mit seinen Titeln sehr gemischter Qualität.

Zitation
Jörg Feuchter: Rezension zu: : Geschichte der Katharer. Aufstieg und Fall der großen Ketzerbewegung. Darmstadt  2001 , in: H-Soz-Kult, 11.10.2001, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-971>.
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11.10.2001
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