Cover
Titel
Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam


Autor(en)
Greiner, Bernd
Erschienen
Umfang
595 S.
Preis
€ 35,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lars Klein, Graduiertenkolleg Generationengeschichte, Georg-August-Universität Göttingen

„Wenn wir uns daran gewöhnen, dergleichen hinzunehmen“, schrieb der Journalist Jonathan Schell nach Bekanntwerden des Massakers von My Lai, „gibt es nichts mehr, was wir nicht hinnehmen“. Dieses Zitat fungiert als Leitsatz von Bernd Greiners „Krieg ohne Fronten“. Die Massaker von My Lai und My Khe vom 16. März 1968 stehen dabei im Mittelpunkt. Auf 200 der 500 Textseiten schildert Greiner das Verhalten der Soldaten im Vietnamkrieg der Jahre 1967-1971. Gerahmt ist diese genaue Untersuchung der Kriegführung von einer allgemeinen Geschichte des Vietnamkriegs, die in ihrer Struktur – im gesamten Buch wie in den einzelnen Kapiteln – von der Darstellung der Hintergründe des Krieges über die Strategie bis hin zu deren Ausführung vordringt. Nach einem ersten Kapitel über die Position der Präsidenten, der „Kriegsherren“, gelangt Greiner über die strategischen Überlegungen der verantwortlichen Militärs in den Folgekapiteln zu den „Kriegern“. Nach den anschließenden detaillierten Untersuchungen des Krieges in den nördlichen Provinzen 1967 greift er die Grobstruktur des Buches in den Unterkapiteln des Abschnitts zu „My Lai“ und „My Khe“ auf: „Generale“, „Offiziere“, „Krieger“. Über eine Schilderung des Abnutzungskrieges bis 1971 öffnet Greiner die Perspektive wieder und gelangt von der Untersuchung bzw. Verschleierung von Kriegsverbrechen durch die vorgesetzten Militärs in Saigon und Washington zu den Militär- und Zivilgerichten in den USA sowie zur Behinderung der Aufarbeitung im politischen Washington und schließlich der Reaktion der Öffentlichkeit.

Greiner gelingt es, zwei wesentliche Argumente zu entkräften: Dass die Verantwortlichen in den USA in diesen Krieg „hineingeschlittert“ (S. 58f.) sind, weil sie die Folgen ihres Handelns nicht überblicken konnten, und dass Massaker wie jenes von „My Lai“ Einzelfälle waren. Greiner stützt sich dafür auf Akten, die von der „Vietnam War Crimes Working Group“ der amerikanischen Armee ab 1969 zusammengestellt wurden und die 246 Untersuchungen vornahm. Diese Unterlagen befinden sich seit 1994 in den „National Archives“ in College Park, MD, und wurden seit 2000 schrittweise wieder als geheim klassifiziert (S. 20ff.). Neben diesem Bestand, den Greiner vor der Sperrung einsehen konnte, hat der Autor unter anderem Akten der „Peers-Kommission“ gesichtet, die das Massaker von „My Lai“ für die US-Armee untersucht hat.

Im Ergebnis betrachtet Greiner den Krieg aller Seiten gegen die vietnamesische Zivilbevölkerung als gezielt (S. 50, 144, 188, 373) und macht auch bei den Politikern in den USA gezieltes Handeln aus. Gegen die Theorien des Vietnamkriegs als „fog“ und „quagmire“ betont Greiner, was er bereits in seinem Aufsatz „Nicht aufhören können“[1] geschrieben hatte: „Den Vietnamkrieg aus amerikanischer Sicht zu begreifen, heißt also zu verstehen, weshalb fünf Präsidenten 25 Jahre lang ein und denselben Satz zum Programm erhoben: ‚Wir müssen die Sache durchstehen.’“ (S. 59) Der Autor verweist dazu auf die Bedeutung der Dominotheorie, nach welcher der Sieg „des Kommunismus“ in einem Land den „Fall“ anderer Staaten nach sich ziehen würde. Dominotheorie und die Vorstellung eines monolithischen Kommunismus wurden, laut Greiner, zu einer „Glaubwürdigkeitsfalle“ für amerikanische Politiker: Sie mussten beweisen, dass sie den Willen, die Macht und die Mittel hatten, den einen „kleinen Krieg“ in Vietnam zu gewinnen (S. 64, 67). „Jenseits der individuellen Charakteristika scheint zugleich eine allen Akteuren gemeinsame Erfahrung zu Buche zu schlagen“, formuliert Greiner: die Prägungen der „GI-Generation“ des Zweiten Weltkrieges mit der „Victory Culture“ von Männlichkeit und Härte (S. 69). Die Entwertung großer Kriege, so Greiner, habe nun zu einer Aufwertung der „kleinen Kriege“ geführt (S. 62). Je wichtiger diese wurden, desto entschiedener mussten sie geführt werden, und desto stärker versuchten die Verantwortlichen in Washington und Saigon, den „breaking point“, wie Greiner wiederholt den Begriff Daniel Ellsbergs nutzt, zu erreichen und zu knacken (S. 67).

Damit ist die Weitergabe des Handlungsdrucks von den Verantwortlichen zu den Ausführenden bereits nachvollzogen. Schon der Titel „Krieg ohne Fronten“ deutet an, was Greiner im Verlauf der Studie ausführt: Im Vietnamkrieg konnte es, so Greiners Darstellung, wegen der materiellen Unterlegenheit der einen Seite keine Fronten eines klassischen Krieges geben. In genauen Untersuchungen des militärischen Alltags in Vietnam zeigt Greiner, wie die Kampfzone ausgeweitet und auf terroristische Mittel zurückgegriffen wurde (S. 50). Dazu gehören Vergewaltigungen und Folter, die Greiner explizit zu den „Alltagspraktiken“ der Armee zählt (S. 106ff.). Greiner zeigt am Beispiel „My Lais“, wie ein Kommandeur seine Truppen „heiß“ machte (S. 298f.), indem er sie in Todesangst versetzte. Die spätere Aussage eines Soldaten, er habe Frauen und Kinder deswegen erschossen, weil er Angst hatte, dass selbst Babys mit Bomben ausgestattet sein könnten, wertet Greiner daher als „subjektiv ehrliche Antwort“ (S. 181). Vermutlich 49 Soldaten begangen am 16. März 1968 in wenigen Stunden ein Massaker an 420 Zivilisten. Sie gehörten zu einer Truppe, die vor allem durch Minenexplosionen aufgezehrt war und von deren eigentlich 150 Mann nur 105 zur Verfügung standen. In seiner genauen Rekonstruktion des Geschehens gibt Greiner Tätern wie Opfern Namen und liefert zudem einträgliche Auswertungen der bekannten Fotos von Ronald Haeberle.

Das Herausfordernde an Greiners Erklärungsansatz besteht darin, dass er erläutern muss, weswegen er angesichts dieser Situation in Vietnam gegen die in der amerikanischen Öffentlichkeit verbreitete Sicht argumentiert, dass es sich bei den des Massakers angeklagten Soldaten nur um „Sündenböcke“ handelte, die einen Befehl ausgeführt hätten. Greiner tut dies, indem er Verantwortlichkeiten benennt und zeigt, dass Abweichung und Verweigerung möglich waren. Er macht zudem deutlich, dass Kriegsrecht und „Rules of Engagement“ keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielten und den Soldaten nicht oder nicht ausreichend vermittelt wurden (S. 280). Die Bewertung amerikanischer Einsätze anhand von „Body Count“ und „Kill-Quote“ hat den Krieg zusätzlich eskalieren lassen (S. 83, 86). Der Eindruck eines Soldaten, es sei normal, wie er und seine Kameraden sich in Vietnam verhielten (S. 284), war demnach von der militärischen Führung erwünscht. Greiner argumentiert sogar, es sei die Entscheidung getroffen worden, die Soldaten „an der langen Leine“ zu führen (S. 286). Wer sich aber auf einen asymmetrischen Krieg ohne klare Fronten einlasse, wendet Greiner ein, der müsse über Vorgesetzte verfügen, „die militärische Expertise mit politischem Sachverstand verbinden und die Konsequenzen ihres Handelns auch und gerade unter moralisch-ethischen Gesichtspunkten wägen“ (S. 122). Doch solche Erwägungen traten in diesem Krieg, „der durch die Pole ‚Glaubwürdigkeit’ auf der politischen Seite und ‚Abnutzung’ auf der militärischen Seite definiert“ war und in seiner Programmatik gegen ein „Denken in ‚exit options’ resistent“ (S. 90), deutlich in den Hintergrund.

Greiner liefert mit dieser Studie eine akribische, quellengesättigte und dabei sehr gut lesbare Arbeit. Gemeinhin werde über den Vietnamkrieg geschrieben, so Greiner in der Einleitung, ohne dass der Krieg als solcher beschrieben werde (S. 23). Dass Romane „die Wirklichkeit“ des Vietnamkriegs sehr viel besser darstellen als geschichtswissenschaftliche Aufarbeitungen, ist in der Tat ein oft gehörtes Argument.[2] Unter dem Versuch, eine eindringliche Schilderung zu liefern, leidet die Sprache jedoch manches Mal: So ist etwa zu lesen, dass Soldaten „Wachs in den Händen der Ausbilder“ waren. Gerade weil Greiner sich von gängigen diplomatie- und kulturgeschichtlichen Untersuchungen abgrenzt (S. 23), ist bedauerlich, dass er oft keine weitere Einbettung seiner Arbeit vornimmt: In den Kapiteln zur Kriegführung sind Einordnungen der Ergebnisse in die Sekundärliteratur und das größere Geschehen nur knappe Anhänge. Auf die weitere Erläuterung von selbstverständlich verwendeten Begriffen wie „shock and awe“ oder „Ausweitung der Kampfzone“ verzichtet Greiner. Zur Erläuterung des Begriffs „asymmetrische Kriegführung“ belässt er es bei einer Fußnote. Doch dies sind Kleinigkeiten bei einer Arbeit, deren Schwerpunkt – anders als bei einigen jüngst erschienen Abhandlungen – in der Zeit des offiziellen amerikanischen Krieges ab 1965 liegt. Diesen „Krieg ohne Fronten“ schildert und erklärt Greiner in dessen Konsequenz und Grausamkeit so beeindruckend wie überzeugend.

Anmerkungen:
[1] Greiner, Bernd, Nicht aufhören können. Die Vietnampolitik Richard Nixons als Paradigma des Kalten Kriegs, in: Mittelweg 36 (2005), 6, S. 29-48.
[2] So schrieb der kanadische Journalist Peter C. Newman: „It seems strange to me that the most memorable insights on Vietnam came out of a novel – David Halberstam’s One Very Hot Day. But perhaps it’s that kind of a war.” – The media and Vietnam: an appraisal. Survey and Commentary, in: Columbia Journalism Review 9 (Winter 1970/71), 4, S. 26/27, hier: S. 27.

Zitation
Lars Klein: Rezension zu: : Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam. Hamburg  2007 , in: H-Soz-Kult, 21.01.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9833>.
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21.01.2008
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