J. Springer: Die Bundeswehr und die Belgischen Streitkräfte in Deutschland

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Titel
Die Bundeswehr und die Belgischen Streitkräfte in Deutschland. Akteure, Herausforderungen und Verflechtungsprozesse militärischer Zusammenarbeit bis 1990


Autor(en)
Springer, Jonas
Reihe
Historische Dimensionen Europäischer Integration (32)
Erschienen
Baden-Baden 2022: Nomos Verlag
Anzahl Seiten
305 S.
Preis
€ 64,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter M. Quadflieg, Stadtarchiv Wiesbaden

Auf dem Höhepunkt des „Kalten Krieges“ lebten bis zu 40.000 belgische Soldaten nebst ihren Familien in der Bundesrepublik Deutschland. Ihren Dienst leisteten die Soldaten vornehmlich bei den beiden in der Bundesrepublik Deutschland stationierten Großverbänden, der 1. Infanteriedivision und der 16. Panzerdivision. Hinzu kamen im Laufe der Jahrzehnte für eine siebenstellige Zahl belgischer Rekruten kurzfristige Aufenthalte auf den großen in Deutschland gelegenen belgischen Truppenübungsplätzen, insbesondere im „Camp Vogelsang“ in der deutschen Eifel. Als Belgien 1994 die Wehrpflicht abschaffte, besaß also nahezu jede belgische Familie mindestens einen, meist mehrere Familienangehörige, die in Westdeutschland mehr oder weniger lang gedient hatten. Trotz dieser nicht zu unterschätzenden kollektiven „Deutschlanderfahrung“ vieler Belgier liegt eine geschlossene historische Darstellung der belgischen Militärpräsenz in der Bundesrepublik bis heute nicht vor.

Der Forschungsstand umfasst wenige, oft populärwissenschaftliche Detailstudien zu einzelnen Einheiten und Verbänden sowie zur Geschichte der Garnisonen. Erst 2020 erschien in Folge der 2018 veranstalteten Tagung „Belgier in Deutschland“ ein Sammelband, der den Versuch unternahm, zentrale Aspekte der belgischen Militärpräsenz in Westdeutschland nachzuzeichnen.[1] Guido Thiemeyer forderte im Fazit dieses Bandes, „die Beziehungsgeschichte zwischen den BSD [Belgischen Streitkräften in Deutschland] und der deutschen Bevölkerung entlang von militärischen, politischen und gesellschaftlich-kulturellen inklusive erinnerungskulturellen Analyse-Achsen zu untersuchen“.[2]

Diese Forschungslücke zu schließen, hat sich Jonas Springer mit seiner Dissertation zur Aufgabe gemacht. Als Band 32 der Reihe „Historische Dimensionen Europäischer Integration“ wurde sie nun in überarbeiteter Form von Springers Doktorvater Guido Thiemeyer und Christian Henrich-Franke herausgegeben. Springer möchte die angemahnte „Strukturanalyse der deutsch-belgischen Militärkooperation im Kontext des Kalten Krieges“ (S. 10) liefern, wobei er einen chronologischen Schwerpunkt auf die Zeit ab 1955 legt.

Seine Untersuchung baut Jonas Springer in drei großen Abschnitten auf. Nach einer methodischen Einleitung, die auch auf die Quellenlage und den Forschungsstand eingeht, folgt das erste Hauptkapitel, das sich auf rund 40 Seiten mit der Rolle Belgiens und der Einbindung der belgischen Militärmacht in die westlichen Bündnissysteme der Nachkriegszeit beschäftigt. Damit widmet der Autor einen nicht unbedeutenden Teil seiner Arbeit der Vorgeschichte der militärischen Zusammenarbeit zwischen Belgiern und Deutschen, die im Zentrum der Arbeit stehen soll.

Springer bietet in diesem ersten Abschnitt nacheinander eine Einführung zur Rolle des belgischen Heers in der britischen Besatzungszone, zur Entstehungsgeschichte von Brüsseler Pakt und NATO, zur Auseinandersetzung zwischen Briten und Belgiern um die beabsichtigte Verlegung des belgischen Hauptquartiers nach Bonn („Bonn-Affäre“). Die Reibereien zwischen den beiden Besatzungsmächten schildert er etwa am Beispiel der Zuständigkeit für die Militärgerichtsbarkeit belgischer Armeeangehöriger sowie der Übergabe der Truppenübungsgelände „Vogelsang“ in der Eifel und „Wahner Heide“ bei Köln von der British Army an die Armée belge.

Wenngleich die Rekapitulation der nunmehr endgültigen Entscheidung des Königreichs zur Integration in den Brüsseler Pakt und dann in das neu geschaffene Nordatlantikbündnis und damit die endgültige Abkehr von der seit 1936 verfolgten und durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochenen Neutralitätspolitik nicht uninteressant zu lesen ist, wartet man im zweiten Hauptteil doch auf das Vordringen zum eigentlichen Thema der Arbeit. Dies auch deshalb, weil im Mittelpunkt dieses Abschnitts mehr die belgisch-britischen Debatten um die Rolle der belgischen Besatzungsstreitkräfte (force belge d’occupation) als die Auseinandersetzungen zwischen Belgiern und Deutschen im Vordergrund stehen. Zudem stützt sich der erste Hauptteil vornehmlich auf die einschlägige Literatur, vor allem auf die Dissertation und weitere Arbeiten von Christoph Brüll[3] sowie auf die Arbeiten von Johannes Koll[4] und Norbert Wiggershaus[5] – und stellt somit mehr ein Kompendium bestehender als eine Präsentation neuer Forschungserkenntnisse dar.

Die eigentliche Entwicklung der Beziehungen zwischen belgischen Streitkräften und deutschen Militär- und Zivilbehörden bis zum vollständigen Abzug der belgischen Streitkräfte aus Deutschland am 1. Januar 2006 steht dann im Zentrum des zweiten Hauptteils der Arbeit. Springer beschäftigt sich darin mit interessanten „ausgewählten Stationen“ zu der belgisch-deutschen NATO-Kooperation im „Kalten Krieg“. Der Autor kann hier keine umfassende Darstellung des Dreiklangs von belgischen, bundesdeutschen und bündnispolitischen, d.h. auch und vor allem amerikanischen, politischen und militärischen Interessen leisten. Die militärstrategische Bedeutung, die das I. Belgische Korps mit seinen beiden Hauptverbänden entlang der sich verändernden NATO-Doktrinen hatte, bleibt undeutlich. Entsprechend wird die Bedeutung, die die strategische Zusammenarbeit für die Bundeswehr oder die Politik einnahm, nur ansatzweise kontextualisiert.

Stattdessen konzentriert sich Springer zunächst auf einzelne geografische Berührungspunkte des militärischen belgisch-deutschen Kontaktraums. Dazu zählen der Truppenübungsplatz „Camp Vogelsang“, der Truppenübungsplatz „Wahner Heide“ und die militärische Nutzung des benachbarten Flughafens Köln-Bonn sowie die persönlichen Beziehungen einzelner bedeutender Akteure der militärischen Liaison.

Im zweiten Abschnitt des zweiten Hauptkapitels wechselt der Autor die Perspektive. Nun nimmt Springer die Frage des Austauschs zwischen politischen und militärischen Entscheidungsgremien zur Effizienzsteigerung der militärischen Kooperation auf rechtlicher Ebene in den Blick. Dabei behandelt er die eigentliche innere militärische Zusammenarbeit im Rahmen der NATO, insbesondere in Hinblick auf gemeinsame Manöver und den zunehmend gefestigten kameradschaftlichen Austausch zwischen einzelnen Truppenführern, Einheiten und Verbänden. Letzterer wird exemplarisch geschildert anhand der „Bataillonspatenschaft“ zwischen dem Panzerbataillon 343 der Bundeswehr und dem traditionsreichen, niederländischsprachigen 2de Regiment Gidsen, die beide seit den 1960er-Jahren mit dem deutschen Kampfpanzer Leopard 1 als Hauptbewaffnung ausgerüstet waren.

Ein abschließendes Unterkapitel betrachtet Formen der „Repräsentation und Werbestrategien“. Die Tage der „Offenen Tür“ auf dem belgischen NATO-Truppenübungsplatz „Vogelsang“ waren zwischen 1972 und 1990 charakteristisch für eine gewisse Öffnung auch gegenüber der deutschen Zivilbevölkerung.

Die Arbeit endet mit einem rund zwanzigseitigen Fazit, in dem Jonas Springer zu dem Ergebnis kommt, dass die persönlichen Beziehungen zwischen den handelnden Akteuren, wie dem 1956 eingerichteten belgischen Verbindungskommando und seinen deutschen Bezugsstellen, von zentraler Bedeutung waren. Er hebt die Sprachkenntnisse und Kompromissbereitschaft in Bezug auf die jeweiligen singulären Interessen der beiden beteiligten Seiten hervor, etwa beim deutschen Wunsch nach Ausbau des zivilen Flughafens Köln-Bonn 1959. Darüber hinaus betont der Autor die katalytische Wirkung verbindlicher Rechtsstrukturen für die Kooperation. Klar arbeitet er die Bedeutung der durch mehrere deutsch-belgische Verwaltungsabkommen zunehmend normierten und institutionalisierten Zusammenarbeit vor Ort heraus.

Ebenso deutlich wird die Bedeutung der verstärkten Zusammenarbeit bei der Ausbildung an gemeinsam verwendeten Großwaffensystemen wie dem Kampfpanzer Leopard 1 oder die gemeinsame Nutzung militärischer Infrastruktur. Als mittelbare Folge dieser Entwicklung sieht Springer die von Brüll bereits 2020 aufgestellte These bestätigt, dass sich eine gemeinsame ideologische Selbstwahrnehmung als NATO-Truppen und Friedensgaranten gegen die sowjetische Bedrohung etablierte.

Ganz zweifellos stellte der Quellenzugang für Springer insbesondere auf belgischer Seite ein Problem dar, was er auch in seiner Einleitung transparent macht. In der Tat unterliegen Akten der belgischen Streitkräfte nicht dem belgischen Staatsarchiv, sondern werden durch die Armee selbst verwaltet. Einschränkungen durch die Pandemie erschwerten Springers Recherchen in Belgien zusätzlich. Diese Lücke versuchte er durch Akten aus deutschen Archiven und insbesondere durch die Dokumentensammlung zum belgischen Truppenübungsplatz in der NS-Dokumentationsstelle Vogelsang IP zu schließen. So bleiben die gewonnenen Erkenntnisse weitestgehend im Rahmen der bereits 2020 im oben genannten Sammelband aufgestellten Thesen.

Was Springer nicht gelingt, und auf Grundlage seiner Quellenbasis nicht gelingen kann, ist eine Darstellung der Rückkopplung dieser Beziehungserfahrung auf der Mikroebene, den Kommandoebenen von Bundeswehr und Belgischen Streitkräften. Hierzu müssten auf belgischer Seite die Akten des 1. Korps und des Generalstab bzw. auf deutscher Seite der korrespondieren Kommandoeinheiten des benachbarten III. Korps der Bundeswehr sowie die jeweiligen nationalen Akten zu den entsprechenden NATO-Kommandoebenen der Heeresgruppe Nord ausgewertet werden. Springer standen Akten der Belgischen Streitkräfte jenseits von veröffentlichtem Informationsmaterial nicht und Akten der Bundeswehr in der Regel nur bis Ende der 1960er-Jahre zur Verfügung – und hier auch nur die mit der Unterbringung der belgischen Truppen zusammenhängenden Stücke, wie das Quellenverzeichnis zeigt.

Mithin ist Springer eine gut lesbare Studie gelungen, die den Forschungsstand konsistent zusammenfasst und die insbesondere in Bezug auf den „Kontaktraum Vogelsang“ auch partiell neue Detailerkenntnisse liefert. Eine umfassende Analyse der belgischen Militärpräsenz auf deutschem Boden bzw. der deutsch-belgischen militärischen Kooperation im Rahmen der NATO bleibt jedoch aus.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Christoph Brüll / Christian Henrich-Franke / Claudia Hiepel / Guido Thiemeyer (Hrsg.), Belgisch-deutsche Kontakträume in Rheinland und Westfalen, 1945–1995, Baden-Baden 2020.
[2] Vgl. die Rezension des Bandes: Peter M. Quadflieg: Rezension zu: Christoph Brüll / Christian Henrich-Franke / Claudia Hiepel / Guido Thiemeyer (Hrsg.), Belgisch-deutsche Kontakträume in Rheinland und Westfalen, 1945–1995, Baden-Baden 2020, in: H-Soz-Kult, 17.02.2021, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-93443 (21.06.2022).
[3] Vgl. Christoph Brüll, Belgien im Nachkriegsdeutschland. Besatzung, Annäherung, Ausgleich 1944–1958, Essen 2009.
[4] Vgl. Johannes Koll, Geschichtlicher Überblick, in: Ders., Belgien. Geschichte, Politik, Kultur, Wirtschaft, Münster 2007.
[5] Vgl. Norbert Wigershaus, Zum Problem einer militärischen Integration Westdeutschlands, in: Roland G. Foerster / Norbert Wiggershaus (Hrsg.), Die westliche Sicherheitsgemeinschaft 1948–1950. Gemeinsame Probleme und grundsätzliche Nationalinteressen in der Gründungsphase der Nordatlantischen Allianz, Boppard am Rhein 1988.

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Veröffentlicht am
28.06.2022
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