E. Matthes u.a. (Hrsg.): Studienbuch Erziehungs- und Bildungsgeschichte

Cover
Titel
Studienbuch Erziehungs- und Bildungsgeschichte. Vom 18. Jahrhundert bis zum Ende des 20. Jahrhunderts


Herausgeber
Matthes, Eva; Kesper-Biermann, Sylvia; Link, Jörg-W.; Schütze, Sylvia
Erschienen
Stuttgart 2021: UTB
Anzahl Seiten
349 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Gisela Miller-Kipp, Philosophische Fakultät, Heinrich Heine Universität Düsseldorf

Das „Studienbuch“ ist eine besondere Spezies in der Gattung „wissenschaftliche Literatur“: es liegt zwischen Fachbuch und Schulbuch und sollte, wenn es denn seiner Art gerecht wird, den Wissensbestand, den Diskurs und die Logik einer jeweiligen Wissenschaft so abbilden, dass der Einstieg in sie ohne Verlust an Substanz möglich wird. Es muss also Anfängern Erkenntnis- und Kompetenzfortschritt ermöglichen, Insidern aber auch einen systematischen Überblick bieten. Beides leistet der angezeigte Band trotz einer auffälligen Lücke (s.u.) vorzüglich und das für eine komplexe Disziplin. Die Erziehungs- und Bildungsgeschichte gehört von der Sache her zum Kernbestand der Erziehungswissenschaft, ist als Fach in der universitären Lehre institutionell aber durchaus nicht gesichert. So ist zu verstehen, dass die Herausgeber des Bandes einleitend eine Rechtfertigung seines Gegenstandes in wissenschaftstheoretischer und in pragmatischer Hinsicht vortragen, wobei sie die Leistung der Erziehungs- und Bildungsgeschichte in der Erziehungswissenschaft und für die gesellschaftliche Erziehungs- und Bildungspraxis hervorheben. In der Wissenschaft steht solche Leistung außer Frage, in der Wissenschaftsverwaltung sollte sie sich im Blick auf die Implementierung der Historischen Pädagogik/Historischen Bildungsforschung[1] in die erziehungswissenschaftlichen Studiengänge womöglich besser herumsprechen. Dazu leistet der Band selbst einen überzeugenden Beitrag.

Er ist zu seinem Zweck geschickt angelegt: Er beginnt mit drei wissenschaftsbezogenen Beiträgen, rekonstruiert alsdann die Geschichte einzelner gesellschaftlicher Sektoren von Erziehung und Bildung und schließt mit einer Skizze zur historischen Entwicklung der Allgemeinen Pädagogik als der Bezugsdisziplin zur Historischen Pädagogik/Historischen Bildungsforschung. Alle 16 Beiträge sind gleich aufgebaut: sie beginnen mit einer methodologischen und einer systematisch-begrifflichen Grundlegung, referieren den Wissensbestand, berücksichtigen dabei auch Differenzdiskurse, Forschungskontroversen und strittige Befunde und bringen zuletzt kommentierte Literaturhinweise und ein – soweit ich sehe – jeweils nahezu vollständiges Literaturverzeichnis. Mit beiden Verzeichnissen schließt das Studienbuch an den 2005 abgeschlossenen sechsbändigen Klassiker der pädagogischen Historiographie an.[2] Im Anhang weist ein Personenregister die im Band berücksichtigten Akteure (in) der Erziehungs- und Bildungsgeschichte nach. Wenn sich die Rezensentin nicht verzählt hat, nennt das Register 287 Personen; daran kann man den Reichtum der hier rekonstruierten und dokumentierten Geschichte ermessen.

Die drei wissenschaftsbezogenen Beiträge beginnen mit einer grundlegenden Einführung zu den „Quellen und Methoden der Historischen Bildungsforschung“ (S. 11), geschrieben von einem Autorenkollektiv (Sabine Reh, Kathrin Berdelmann, Stefan Cramme, Monika Mattes, Lars Müller, Bettina Reimers), das für eine solche Einführung denkbar gut geeignet ist: es ist an der Materialquelle der Disziplin zu Hause, i.e. in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (BBF) in Berlin, eine der größten Spezialbibliotheken ihrer Art in Europa. Dieser Grundlegung folgt ein vorzüglicher historisch-systematischer Überblick zur „Geschichte der pädagogischen Historiographie“ (S. 30) von ihrer Entwicklung gegen Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Der Autor, Jörg-W. Link, orientiert sich dabei an den zahllosen Geschichten und Systematiken der Historischen Pädagogik, die in diesem Zeitraum geschrieben wurden, womit zugleich die Begriffe, die diese Wissenschaft jeweils von sich selbst hatte, mitgegeben sind. Link selbst fasst ihre Geschichte mit den Begriffen „Traditionsbildung, Kanonisierung und Mythenbildung, Kritik und Ausdifferenzierung“ (S. 31) entschieden informativer und aufschlussreicher als die allgemein übliche Beschreibung des historischen Wissenschaftsprozesses im Dual von Ideengeschichte und Sozialgeschichte. Der anschließende Beitrag zur „mentalitäten- und ideengeschichtlichen Rahmung ‚moderner‘ Pädagogik“ (S. 51) von Andreas Lischewski thematisiert dazu nur einen besonderen Aspekt.

In den nachfolgenden 11 Beiträgen zur Erziehungs- und Bildungsgeschichte werden einzelne gesellschaftliche Segmente von Erziehung und Bildung vorgenommen. Das sind hier: die Familienerziehung samt historischer Soziologie der Familie (Carola Goppe) und die „Familienersatzerziehung“ (S. 93; Carola Kuhlmann). In den Namen der einzelnen Institutionen der „Familienersatzerziehung“ zeichnet sich deren Geschichte kapitelweise ab; es sind hier die Findel-, Waisen- und Rettungshäuser (Kaiserreich), die Fürsorgeanstalten und deren Reformprojekte (Weimarer Republik), die Jugendheimstätten und Jugendkonzentrationslager („Drittes Reich“), alsdann Wochenheime und Jugendwerkhöfe (DDR) sowie die Heimerziehung und deren Reformen (BRD). Dem historischen Überblick folgen exemplarische Einblicke in einzelne Praxen der „Familienersatzerziehung“. Den beiden genannten Beiträgen folgen: die Geschichte der institutionalisierten Kleinkindererziehung (Sylvia Schütze), des niederen Schulwesens (Uwe Sandfuchs), des höheren Schulwesens (Frank Tosch), der schulischen Berufsbildung (Karin Büchter), der Förderschulbildung (Alexandra Schotte), der Lehrer- und Lehrerinnenbildung (Joachim Scholz), der universitären Bildung (Jonas Flöter), der außerschulischen Jugendbildung (Jakob Benecke) und zuletzt der Erwachsenen- und Weiterbildung (Elisabeth Mailhammer).

Trotz überblickshafter Kürze ist jeder dieser Beiträge informativ im Einzelnen und hinreichend komplex im Ganzen – die Autoren sind ausgewiesene Vertreter ihrer Disziplin. Alle Beiträge pflegen die nationale historiographische Perspektive. Der Überschreitung des nationalen Horizontes dient ein eigener Beitrag über „transnationale Beziehungen in der Geschichte der Pädagogik“ (S. 295; Sylvia Kesper-Biermann), der „grenzübergreifende Interaktionen“ (S. 296) von Ideen und Prozessen der Bildung historisch nachverfolgt. Im Berichtsteil fällt eine Lücke auf: die außerschulische Berufsbildung, damit die zweite Hälfte des dualen Systems von Schule und Beruf der Berufsbildung in Deutschland – es wirkte international vorbildlich – wird nicht thematisiert; die körperschaftlich getragene betriebliche Berufsbildung besetzt den gesellschaftlichen Sektor „Berufsbildung“ derzeit mit 324 anerkannten Ausbildungsberufen.[3]

Das Studienbuch schließt mit einem geschichtlichen Überblick zur „Entwicklung der Pädagogik als Wissenschaft“ (S. 316; Eva Matthes). Der Beitrag konzentriert sich auf zwei Prozesse: auf die „Anerkennung der Pädagogik als eigenständige universitäre Disziplin“, die bereits in der Einleitung des Bandes angesprochen wurde (s.o.), und auf den „tiefgreifenden Erkenntnis- und Methodenstreit in der pädagogischen Wissenschaft“ (S. 317), dessen Gipfel, wenn man so will, in der paradigmatischen sozialwissenschaftlichen Wendung der Pädagogik in den 1970er-Jahren bereits von Jörg-W. Link rekonstruiert wurde (s.o.). Matthes legt in ihrem Beitrag aufschlussreiche Zahlen zur öffentlichen Nachfrage nach Pädagogik und zu deren institutioneller Expansion als Wissenschaft vor; dazu wird in zugegeben „knapper“ Manier (ebd.) deren Geschichte in konventionellen Kapiteln skizziert. Als Forschungsdesiderat nennt die Autorin abschließend insbesondere die international mit „europäischen und nicht-europäischen Ländern“ vergleichende Betrachtung der Geschichte der Pädagogik (S. 334). Der angezeigte Band ist auch als Anregung zu dieser derzeit höchst wünschenswerten Forschung sehr gut geeignet.

Anmerkungen:
[1] Zusammenführung der üblichen Unterscheidung zwischen ideengeschichtlich basierter „Historischer Pädagogik“ und sozialwissenschaftlich und systemtheoretisch orientierter „Historischer Bildungsforschung“.
[2] Christa Berg u.a. (Hrsg.), Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Sechs Bände, München 1987–2005.
[3] Bundesamt für Berufsbildung (BBI), Statistik 2021.

Redaktion
Veröffentlicht am
07.03.2022
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). https://bildungsgeschichte.de/
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