L. Bluma u.a. (Hrsg.): Boom – Crisis – Heritage

Cover
Titel
Boom – Crisis – Heritage. King Coal and the Energy Revolutions after 1945


Herausgeber
Bluma, Lars; Farrenkopf, Michael; Meyer, Torsten
Reihe
Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum (242)
Erschienen
Anzahl Seiten
306 S.
Preis
€ 69,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Benz, Institut für Industriearchäologie, Wissenschafts- und Technikgeschichte, TU Bergakademie Freiberg

Eine zeitliche Differenz von vier Jahren zwischen der Durchführung einer Konferenz und der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse in Form eines Tagungsbands ist an und für sich nicht ungewöhnlich. Allerdings dürfte dies bei früheren Publikationen weniger bedeutsam gewesen sein als in heutigen Zeiten, wie der Sammelband Boom – Crisis – Heritage. King Coal and the Energy Revolutions after 1945 zeigt. Er basiert auf einer zweitägigen Tagung, die unter gleichem Titel im März 2018 am Deutschen Bergbau-Museum Bochum stattfand.[1] Auf die mit der Corona-Pandemie in Verbindung stehenden Verwerfungen konnten die Herausgeber in ihrer Einleitung noch eingehen. Dagegen bleibt es Aufgabe der Leserinnen und Leser, den Bezug zur aktuellen Weltlage herzustellen. Anknüpfungspunkte bietet der Band mit seinen 19 Einzelaufsätzen einige, die stärksten wohl im Beitrag von Per Högselius. In einem historischen Querschnitt zeigt er eindrucksvoll die europäische Abhängigkeit von sämtlichen Energieformen jenseits der Braunkohle auf – ein Aspekt, der mit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine schlagartig zum dominierenden Thema der öffentlichen politischen Debatte wurde.

Unter dem Eindruck jener aktuellen Ereignisse droht das eigentliche Ziel von Tagung und Sammelband fast etwas aus dem Blick zugeraten, was bedauerlich wäre, stellen sie doch den lobenswerten Versuch dar, die Ergebnisse eines von der RAG-Stiftung geförderten Projekts zur deutschen Kohleindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg[2] in einen breiteren, internationalen Kontext zu stellen. Indirekt wird dabei auch die Frage aufgeworfen, ob und in welcher Form sich der für die deutsche Kohleindustrie titelgebende Dreiklang von Boom, Krise und Erbe verallgemeinern lässt, wobei Michael Farrenkopf auch für die Bundesrepublik eine etwas negativere Version wählt und von „short-term rise and decades of decline“ (S. 131ff.) spricht.

Gegliedert ist der Band in zwei übergeordnete Kapitel, welche sich wiederum an den beiden thematischen Linien des Forschungsprojekts orientieren: „Politics of coal“ stellvertretend für den Wandel von Innovationskulturen sowie „Mining, heritage, legacy“ für die Transformation von Industrielandschaften. Dies erleichtert einerseits die Orientierung, auf der anderen Seite ist nicht bei jedem Aufsatz ersichtlich, warum er sich in jenem und nicht im anderen Teil des Buches wiederfindet. Insgesamt ist die Auswahl nachvollziehbar und stimmig. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass ganz unterschiedliche historische Forschungsfelder zum Tragen kommen. So arbeitet Sigrun Lehnert die propagandistische Rolle, die der Bergbau in den Wochenschauberichten in Ost- und Westdeutschland spielte, gut heraus. Und auch der Bereich der Fotogeschichte wird mit dem Beitrag von Gisela Parak über das Künstlerehepaar Bernd und Hilla Becher und deren Fotografien von Industriebauten berücksichtigt, ebenso die Kultur- und Umweltgeschichte mit Pia Eiringhaus‘ Text zum Narrativ der Begrünung des Ruhrgebiets.

Betrachtet man die beiden thematischen Blöcke als Ganzes, so widmet sich „Politics of coal“ vor allem dem tiefgreifenden und radikalen Wandel des Energiesektors ab den 1960er-Jahren mit der Verdrängung heimischer Kohle durch Erdöl, Gas und Kernenergie. Erkennbar ist das Bemühen der Herausgeber, die insgesamt acht Beiträge zumindest in kleinerem Maße miteinander zu verknüpfen. Sehr schön gelingt dies mit den beiden Aufsätzen von Alain Beltran und Douglas Yates in Bezug auf das zentralistische Frankreich und dessen unternehmerische Eliten im Energiebereich, die den Wandel vom familienbasierten Kapitalismus des 19. Jahrhunderts zu multilateralen Großkonzernen vermitteln. Hier finden sich auch Verweise auf die Bedeutung des Energiesektors für den europäischen Einigungsprozess, die an anderer Stelle hinsichtlich des gemeinsamen Marktes für den Kohlesektor präzisiert werden. So zeigt Brain Shaev anhand der Akten zur Hohen Behörde deren Machtlosigkeit zwischen verschiedenen politischen Ebenen auf, die sowohl nationalen als auch parteipolitischen Interessen unterlagen. Ein weiterer institutioneller Akteur, dem sich eine Untersuchung widmet, ist die Internationale Energieagentur mit ihren Plänen zur Reaktivierung der Kohle als Reaktion auf die Ölkrisen in den 1970er-Jahren. Henning Türk verdeutlich, wie schnell sich einerseits Trends im Energiesektor wandeln und wie wenig zuverlässig zugleich langfristige Prognosen sein können.

Einen dritten Block innerhalb des ersten Teilabschnitts bilden drei sozialgeschichtliche Einzelstudien, die für einen internationalen Vergleich nur bedingt aussagekräftig, für die bundesrepublikanische Entwicklung aber sehr aufschlussreich sind. Lars Bluma zeigt, dass die Bedeutung der von der sozialliberalen Koalition in den 1970er-Jahren initiierten Projekte zur „Humanisierung der Arbeit“ trotz aller Erfolge begrenzt blieb. Noch spezifischer ist die Studie von Sara-Marie Demiriz über Qualifizierungen der sogenannten Gastarbeiter im Rahmen der „Revierarbeitsgemeinschaft für kulturelle Bergmannsbetreuung“ (REVAG). Hier wird klar herausgearbeitet, dass auf regionaler Ebene schon sehr viel früher zielgerichtete Migrationspolitik betrieben wurde als auf Ebene der ‚großen‘ Politik. Mit Fragen der Weiterbildung setzt sich Jan Kellersohn auseinander, indem er kritisch die Bedeutung von Wissen im Zuge der Bergbaukrise hinterfragt und die Bedeutung der Faktoren „Mobilität“ und „Qualifikation“ hervorhebt.

In sich geschlossener wirken die elf Beiträge des zweiten Themenblocks „Mining, heritage, legacy“, zwischen denen sich auch recht gut grenzüberschreitende Vergleiche ziehen lassen. Teilweise werden allgemeine Tendenzen über den eigenen geografischen Untersuchungsbereich hinaus aufgezeigt, etwa von Miles Oglethorpe, der die Defizite beim Erhalt der Bergbauhinterlassenschaften in Schottland in einen europäischen Kontext einbettet. Noch deutlicher wird dies bei Jörg Arnold, der die Folgen des Wandels der britischen Kohleindustrie in den 1970er- und 1980er-Jahren analysiert und bezüglich der Erinnerungskultur zu dem bitteren Ergebnis gelangt, dass hier – in Anlehnung an den Buchtitel – die Abfolge „triumph – crisis – destruction“ (S. 179) lauten müsste. Andere Beiträge sind eher Überblicksdarstellungen, so etwa Malte Helfers Ausführungen zum Erbe der belgischen und französischen Kohleregionen. Sie runden das Bild ab, bieten aber kaum Ansätze für einen analytischen Vergleich. Dies gelingt neben Arnhold vor allem Barry Stiefel. Er setzt sich mit der Rückständigkeit der Pflege nordamerikanischer Kohlestätten auseinander und erklärt diese durch strukturelle und mentalitätsgeschichtliche Unterschiede, da diesbezügliche Initiativen in den USA und Kanada lange Zeit fast ausschließlich privater und lokaler Natur waren.

In Erinnerung bleiben vor allem die beiden letzten Beiträge des Buches, welche das sogenannte Anthropozän behandeln. Zunächst überrascht Torsten Meyer mit seinem Bericht über frühzeitige Rekultivierungsversuche des Niederlausitzer Braunkohlereviers in der DDR der 1950er-Jahre. Auch hier handelt es sich zuvorderst um eine Einzel(personen)studie, doch schlägt Meyer mit dem Begriff „Biofakt“ geschickt den Bogen zu einem gegenwärtigen globalen Diskurs. Anschließend rechnet Timothy LeCain in einem polarisierenden Beitrag mit der postmodernen Deutung des Begriffs „Anthropozän“ ab, da dieser dem Menschen eine – im Guten wie im Bösen – schöpferische Macht über bio- und geochemische Prozesse zukommen lasse, die er nicht besitze. Vielmehr seien wir „people who were made by coal“ (S. 289). Ganz gleich, ob man die neomaterialistische Position des Autors teilt oder nicht: Er fesselt mit seiner Argumentation und liefert mit dem „Carbocenes“ ein Alternativkonzept, bei dem der Kohle eine herausragende Bedeutung zukommt, schuf sie doch die Grundlage für eine „breathtakingly arrogant human culture and society“ (S. 291).

So bildet LeCain sprachlich wie inhaltlich den spektakulären Abschluss eines Buches, in dessen Zentrum – wie bei Tagungsbänden durchaus üblich – weitgehend separate Fallstudien stehen. Die damit verbundene Heterogenität ist kein Makel, eher schon die Tatsache, dass mit Ausnahme des Beitrags von Stiefel sowie der ausführlichen und leidenschaftlichen Geschichte des Bergbaureviers Ostrava-Karviná von Andrea Pokludová und Petr Popelka der Blick weitgehend auf Westeuropa, wenn nicht sogar auf die alte Bundesrepublik, beschränkt bleibt. Dies ist hinsichtlich des zugrunde liegenden Forschungsprojekts verständlich, erzeugt jedoch ein gewisses Unbehagen, insbesondere weil die größten Kohleproduzenten und -konsumenten der Welt – allen voran China – in der Betrachtung weitgehend außen vor bleiben. Dies soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei „Boom – Crisis – Heritage“ um einen gelungenen Beitrag zur modernen Bergbaugeschichtsforschung handelt; macht der Band doch deutlich, dass das Zeitalter der Kohle mitnichten vorbei ist. Und zwar nicht nur, weil sich die großen Kohleproduzenten dem Prozess der Dekarbonisierung (wieder) entziehen, sondern auch, weil – und das ist auch das Anliegen der Herausgeber – „the new, post-industrial King Coal lives on“ (S. 10).

Anmerkungen:
[1] Vgl. den Tagungsbericht unter https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-126303.
[2] Vgl. die Projektbeschreibung unter https://www.bergbaumuseum.de/forschung/forschungsprojekte/projekt-detailseite/vom-boom-zur-krise-der-deutsche-steinkohlenbergbau-nach-1945.