P. Rückert u.a. (Hrsg.): Starke Frauen?

Cover
Titel
Starke Frauen?. Adelige Damen im Südwesten des spätmittelalterlichen Reiches


Herausgeber
Rückert, Peter; Oschema, Klaus; Thaller, Anja
Reihe
Sonderveröffentlichungen des Landesarchivs Baden-Württemberg
Erschienen
Stuttgart 2022: Kohlhammer Verlag
Anzahl Seiten
292 S.
Preis
€ 28,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Simone Wagner, Max-Weber-Kolleg, Universität Erfurt

Bereits vor 50 Jahren forderten Vertreterinnen der Frauengeschichte, neben den großen Männern auch Frauen in der Analyse zu berücksichtigen. Dennoch ist diese Forderung lange Zeit in der deutschsprachigen Forschung nicht umgesetzt worden. Auch wenn sich die Forschung der letzten 20 Jahre zunehmend den fürstlichen Frauen und Herrscherinnen im Spätmittelalter zuwandte, sind noch immer zu viele Archivbestände zu diesen hochadligen Frauen unausgewertet. Das Verdienst des vorliegenden Sammelbandes ist es, eine dieser Forschungslücken angegangen zu haben. Im Zentrum des Bandes, der aus einer Tagung anlässlich der Sonderausstellung zu dieser im Hauptstaatsarchiv Stuttgart entstand, steht Margarethe von Savoyen (1420–1479). Diese war die Tochter Amadeus VIII. von Savoyen, dem späteren Papst Felix V. Als Mädchen wurde sie zu einem wichtigen Objekt der ambitionierten savoyischen Heiratspolitik und mit Ludwig III. von Anjou, König von Neapel und Sizilien, vermählt. Jedoch starb ihr Ehemann bald nach der Hochzeit. Nach einer weiteren kurzen Ehe mit dem Pfalzgrafen Ludwig IV. verheiratete sie sich ein drittes Mal mit Graf Ulrich V. von Württemberg.

Die Stärke des Bandes liegt darin, Margarethe von Savoyen nicht als isoliertes Fallbeispiel zu untersuchen, sondern diese mit anderen Fürstinnen zu vergleichen. Geographisch fokussiert der Band auf einen weit verstandenen Südwesten des Reiches und plädiert dafür, den landesgeschichtlichen Blick nicht nach heutigen nationalstaatlichen Grenzen auszurichten. Da sich die Herausgeber:innen von einem Max Weber entlehnten Machtbegriff abgrenzen, fragt der Band nach den Handlungsmöglichkeiten und Rollen hochadliger Frauen. Die Suche nach „starken Frauen“ im Spätmittelalter wird mit der Frage verbunden, inwiefern die Frauen ihr Leben eigenständig gestalten konnten. Jörg Peltzer weist in seinem Beitrag darauf hin, dass die Formulierung „starke Frau“ als Korrektur einer paternalistischen Vorstellung von weiblicher Schwäche verwendet wird. Insofern benutzten die Beitragenden einen kontrollierten Anachronismus (Caroline Arni), um neue Erkenntnisse zur Frauenforschung zu generieren.1

Dass die Herausgeber:innen Margarethes Wirken in Württemberg in einen größeren Kontext stellten, schlägt sich in der Struktur des Bandes nieder. Der erste Teil des Sammelbandes geht auf die Herkunft Margarethe von Savoyens ein. Nach einer Einführung in die Herrschaft Savoyen und ihrer Verbindungen in den Südwesten des Reiches (Klaus Oschema) analysieren weitere Beiträge das Heiratsverhalten der Herzöge von Savoyen (Thalia Brero) und die Politik von Margarethes Vater, Amadeus VIII. (Elisa Mongiano). Diese drei Beiträge dienen als Hintergrund, um Margarethes drei Heiratsprojekte zu erklären. Schließlich fokussiert der zweite Teil als Herzstück des Bandes auf die Person Margarethes und ihre Handlungsmöglichkeiten in ihrer ersten Ehe (Eva Pibiri), während der Konflikte mit ihrem Schwager Friedrich von der Pfalz um ihr Wittum (Erwin Frauenknecht), und als Gräfin von Württemberg (Anja Thaller). Im dritten Teil kontextualisieren die Beitragenden Margarethes Wirken vor dem Hintergrund anderer weltlicher und geistlicher Fürstinnen im Südwesten. So verglichen Peter Rückert und Christina Antenhofer Margarethes Handlungsmöglichkeiten mit anderen „internationalen“ Ehefrauen der Württemberger und Habsburger. Weitere Beiträge beschäftigen sich mit verschiedenen Aufgabenbereichen weltlicher Fürstinnen und Adligen. Martina Backes und Christa Bertelsmeier-Kierst widmen sich der Rolle von adligen Frauen als literarischen Gönnerinnen sowie als Akteurinnen im Transfer von Literatur zwischen den verschiedenen europäischen Regionen und als eigenständigen Textproduzentinnen. Daneben wurde der Anteil der Ehefrauen an der hochadligen materiellen Hofkultur berücksichtigt (Ingrid Sybille Hoffmann und Julia Bischoff). Den Lebensweg Margarethes als Ehefrau von Fürsten und Grafen kontrastierten Sigrid Hirbodian und Racha Kirakosian mit der Alternative, eine geistliche Frau zu werden.

Durch diese vergleichende Perspektive auf hochadlige Frauen gewinnt der Sammelband nicht nur neue Erkenntnisse zu Margarethe, sondern bietet auch einige allgemeine Beobachtungen. Die Zusammenschau der Beiträge zeigt, dass es vom Alter und der Bedeutung der Frauen für die Heiratspolitik ihrer Familie abhing, inwiefern sie eigenständige Entscheidungen treffen konnten. Besonders Anja Thaller kann für Margarethes Zeit als Gräfin von Württemberg nachweisen, dass diese auch eigenständig handelte und mit ihrem Ehemann eine „partnerschaftliche Kooperation“ einging. Dagegen erscheint sie während ihrer ersten Ehe mit Ludwig III. von Anjou gemäß Eva Pibiri als passive Schachbrettfigur, die sich den Entscheidungen ihrer Familie fügte. Die einzelnen Beiträge arbeiten auch geschlechtsspezifische Bedingungen heraus, die das Leben von hochadligen Frauen bestimmten. So mussten meist nur die Frauen für ihre Heirat ihre Heimat verlassen und sich in einem fremden Hof einfügen. Wie sehr die Frauen an diesen Höfen akzeptiert wurden und in diesen aktiv werden konnten, hing aber gemäß Christina Antenhofer von anderen Bedingungen wie etwa dem Rang ihrer Herkunftsfamilie ab.

Einziges Manko des Bandes ist, dass an manchen Stellen eine Begriffsschärfung wünschenswert gewesen wäre. So verwenden die Beitragenden die Begriffe „Handlungsmöglichkeit“, „Handlungsspielraum“ und „agency“, ohne diese explizit voneinander abzugrenzen oder zu definieren. Außerdem benutzen die Beitragenden „stark“ als Kategorie nicht immer konsistent. Während Christina Antenhofer etwa offen legt, dass Stärke damit gleichzusetzen sei, wie die Fürstinnen handeln konnten, sah Eva Piribi Margarethes Stärke im Ertragen und Überleben widriger Umstände. Racha Kirakosian betont zurecht, dass sich aus emischer oder etischer Perspektive unterscheidet, was als „stark“ gilt. Auf Grund dieser begrifflichen Unschärfe bleibt im Sammelband offen, ob Stärke daraus resultierte, Erwartungshaltungen an adlige Töchter und Ehefrauen zu erfüllen oder diese brechen zu können und trotzdem handlungsfähig zu bleiben. Ebenso unterscheiden sich die einzelnen Beiträge darin, wie stark sie die Handlungsmöglichkeiten der (nachgeborenen) Söhne hochadliger Familien berücksichtigen. Es könnte die Analyse schärfen, diesen Vergleich expliziter zu wagen, um geschlechtsspezifische Bedingungen besser bewerten zu können. Doch das gilt nicht nur für diesen Sammelband. Die Frage nach den Handlungsspielräumen und -möglichkeiten wird in der deutschsprachigen Mediävistik meist getrennt für Frauen und Männer gestellt. Gerade durch den Vergleich wird aber deutlich, inwiefern sich Erwartungen ihrer Familien und Einschränkungen in ihrem Handeln unterschieden.

Ungeachtet dieser kleinen Punkte handelt es sich bei dem Sammelband um eine gelungene Aufarbeitung von Margarethes Leben in einem breiten Kontext. Er sei allen ans Herz gelegt, die sich für spätmittelalterliche Fürstinnen und hochadlige Ehefrauen interessieren. Aus dem Band wird deutlich, welches Potenzial darin stecken kann, Archivbestände zu Frauen stärker zu berücksichtigen bzw. diese auf geschlechtergeschichtliche Fragestellungen quer zu lesen. Vielleicht kann er zuletzt auch als Anregung dienen, sich stärker ebenfalls den niederadligen Frauen und Familien zuzuwenden, deren Adelsarchive bislang selten auf geschlechtergeschichtliche Fragestellungen ausgewertet wurden.

Anmerkung:
1 Caroline Arni, Zeitlichkeit, Anachronismus und Anachronien. Gegenwart und Transformationen der Geschlechtergeschichte aus geschichtstheoretischer Perspektive, in: L’Homme 18 (2007), 2, S. 53–76, hier S. 59–64.

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