O. T. Yokoyama: Russian Peasant Letters

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Titel
Russian Peasant Letters. Texts and Contexts


Autor(en)
Yokoyama, Olga T.
Reihe
Slavistische Studienbücher. Neue Folge 18
Erschienen
Wiesbaden 2008: Harrassowitz Verlag
Anzahl Seiten
486 S. + 487 S.
Preis
€ 148,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
David Feest, Seminar für mittlere und neuere Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen

Die Familie Schernakow aus dem Ort Pasderi im nordrussischen Gouvernement Wjatka unterschied sich zu Beginn 1880er-Jahre nur wenig von anderen russischen Bauernfamilien. Wie diese litt sie unter schlechten Ernten und ein neben der Landwirtschaft betriebenes Ladengeschäft brachte wenig Gewinn. Während der Vater Lawr trank und die Mutter Elizaweta Trost in der Religion suchte, versuchten die ältesten Söhne Aleksei und Wassili ihr Glück im westsibirischen Tjumen, um die Familie von dort aus mehr schlecht als recht zu unterstützen. Und doch waren die Schernakows anders als die meisten ihrer Nachbarn: Sie bewiesen in der wirtschaftlich angespannten Lage großen Mut und überdurchschnittliche Voraussicht, als sie 1881 ein Güterschiffahrtsunternehmen gründeten, das durch ein Erbe nach dem Tod von Lawrs Adoptivvater zielstrebig ausgebaut werden konnte. Bald reichten ihre ökonomischen Aktivitäten bis nach Kasan und Nischni Nowgorod, und mindestens einer der „Brüder Schernakow”, wie das Unternehmen nun hieß, stieg auch offiziell in den Kaufmannsstand auf. Die Landwirtschaft gab man nach einigen Jahren vollständig auf. Darüber hinaus zeichnete sich die Familie Schernakow aber noch dadurch aus, dass ihre Mitglieder untereinander regelmäßig Briefe austauschten. Und während ihr wirtschaftliches Geschick besonders ihnen selbst zugute kam, ist der durch den Briefverkehr entstandene Quellenkorpus ein großer Glücksfall für die historische Forschung.

Die Sprachwissenschaftlerin Olga Yokoyama hat den Briefwechsel in einer eindrucksvollen zweibändigen Publikation der Forschung zugänglich gemacht. Der Korpus umfasst 91 Briefe und Telegramme aus den Jahren 1881 bis 1896. Und waren es zunächst hauptsächlich die halbliteraten Eltern, die mithilfe schreibkundiger Verwandter den ausgewanderten ältesten Sohn Aleksei bedrängten, das versprochene Geld zu schicken, rückten bald auch der jüngere Sohn Iwan sowie ab 1894 besonders die Tochter Tatjana in die Rolle der Schreibenden, die ein breiteres Themenspektrum behandelten und auch private Dinge nicht aussparten. Ab 1891 kam noch der fünfte Sohn Gawril als Autor hinzu. Empfänger wurde immer häufiger Wassili, dem es mit aller Wahrscheinlichkeit zu verdanken ist, dass die Briefe aufbewahrt wurden, um schließlich in das Staatsarchiv von Omsk zu gelangen.

Yokoyama hat die Briefe gleich in dreifacher Weise aufgearbeitet: Werden sie zunächst in Originalform wiedergegeben, um sie morphologischer und phonologischer Erforschung zugänglich zu machen, ermöglicht eine ins normalisierte Russisch übertragene Fassung eine Konzentration auf Syntax und Soziolinguistik. Beide Fassungen sind mit einem umfangreichen Anmerkungsapparat versehen. Zuletzt eröffnet eine sorgfältige Übersetzung ins Englische die Quellen auch Interessenten, die nicht der russischen Sprache mächtig sind. Hier dienen die Anmerkungen besonders dem Verständnis und der Kontextualisierung der genannten Ereignisse, Orte und Personen. Knappe Einleitungen zu jedem Brief fassen die wesentlichen Inhalte zusammen, eine einleitende Zusammenfassung der in den Briefen geschilderten Geschichte ermöglicht den schnellen Überblick.

Insgesamt ist die Akribie der Bearbeitung bemerkenswert. Erfährt der Lesende schon in den Fußnoten eine Vielzahl von Details - sie reichen von enzyklopädischem Grundlagenwissen wie der Geschichte und Bedeutung der Stadt Riga bis hin zu Alltagsgegenständen wie den Schwierigkeiten, dritten Zähnen im Mund Halt zu verschaffen - wurde jede der drei Brieffassungen noch mit einem fachspezifischen Essay ergänzt. Für die Geschichtswissenschaften ist besonders der Kommentar zur englischen Version hilfreich. Er behandelt Geschichte und Topographie der Orte, an denen sich die Schreibenden aufhielten, und entschlüsselt auf Grundlage eigenständiger Archivarbeiten die Identität der in den Briefen genannten Personen sowie ihre Beziehung untereinander. Im Anhang finden sich zur Veranschaulichung Stammbäume, Fotografien, Karten und Faksimiles einzelner Briefe.

Für die historische Forschung bietet der Briefwechsel eine ganze Reihe von Zugängen. So lässt sich an ihm etwa der Komplex familiärer Beziehungen detailliert nachvollziehen. Als Mitschreibende, Grüßende oder Beschriebene tauchen eine ganze Reihe von Mitgliedern der „erweiterten Familie” auf, Verwandte und Paten, in deren Dörfern die Schernakows nicht selten zu Besuch sind und auf deren Schreibfähigkeit gerade die Eltern bei ihren Briefen bauen. Doch auch die Veränderungen im engeren Familienkreis lassen sich unschwer ablesen. Während der Vater Lawr in den Briefen der Jahre 1881-1885 noch als der Entscheidungsträger der Familie auftritt, ist er in den Folgejahren nicht einmal mehr als Schreiber präsent. Nicht nur in der Führung des aufsteigenden Familienbetriebs wird er sukzessive durch seine Söhne Aleksei und Wassili abgelöst, auch in der Korrespondenz übernimmt die nachfolgende Generation die Regie.

Diese Schreibtätigkeit ist schon an und für sich Indiz für das Ende der traditionellen Familienstruktur: Man schreibt sich mehr, als man sich sieht. Doch auch inhaltlich zeugen die Briefe vom starken Drang der jüngeren Generation, die Enge des dörflichen Lebens hinter sich zu lassen. Gerade Iwan und Tatjana klagen in ihren Briefen an die älteren Brüder über die unerträglich angespannte Lage im Elternhaus und bitten um Unterstützung ihrer Bemühungen, aus ihm zu entkommen. Sozialer Wandel und Generationskonflikt gehen Hand in Hand.

Auch das in den Briefen dokumentierte Heiratsverhalten kann sowohl als Indiz pragmatischer Planung als auch eines allmählichen Wertewandels gesehen werden. Während Aleksei seine Eltern hinters Licht führen muss, um von ihnen die Zustimmung zu einer letztlich vorteilhaften Heirat einer Frau aus Riga zu erhalten, ziehen sich Iwans immer wieder scheiternde Versuche, eine Ehe anzubahnen, wie ein roter Faden durch die Dokumentation. Sie vermitteln ein plastisches Bild der Praktiken und Kriterien der Brautsuche. Wassili dagegen heiratet, wie seine Schwester feststellt, aus Liebe, während sich diese selbst dem Druck der Mutter, bald einen Mann zu finden, mit der provokativen Frage widersetzt, was denn so schlimm daran sei, eine alte Jungfer zu werden (S. 185/367).

Tatjanas emotionaler und direkter Stil machen gerade ihre Briefe zu einer besonders vergnüglichen Lektüre, die gleichzeitig tiefe Einblicke in die sich wandelnde Welt des russischen Dorfes gibt. Allein die Tatsache, dass sie die Möglichkeit erhält, das Gymnasium in Sarapul zu besuchen, zeugt nicht nur vom steigenden Wohlstand der Familie, sondern auch von grundlegend neuen Vorstellungen über die Bildung von Mädchen. Später setzt sich Tatjana gegen ihren Vater mit dem Wunsch durch, eine Ausbildung zur Lehrerin zu machen. Und während ihr die Notwendigkeit des Französischunterrichts nicht einleuchtet („ich bin doch keine Adelige” [S. 76/283]), ist sie hungrig nach „größerer intellektueller Bildung” und der Meinung, dass „Lesen allgemein gut ist, natürlich nicht alles, was man in die Finger kriegt, sondern unter der Anleitung der gebildeten Leute” (S. 149/335). Damit geht unweigerlich ein kultureller Wandel einher. Die Flüche der Bauern lassen Tatjana die „Haare zu Berge stehen” (S. 139/325), ihr eigenes Interesse gilt dagegen „Geld für Parfum, für Pomade, für Nähnadeln, Stecknadeln und Haarklammern” - Gegenstände, die ein junges Mädchen brauche, um „Spaß zu haben”, aber auch, um auf dem Heiratsmarkt zu bestehen (S. 136/323). Das Mädchen vom Dorf grenzt sich damit selbstbewusster von der Generation der Eltern ab als ihr Bruder Iwan, der resigniert feststellt, er habe durch den stetigen Umgang mit den Bauern „seinen Charakter verdorben” (S. 95/296). Mit dem ältesten Bruder Aleksei ist es dagegen bald so weit gekommen, dass seine Mutter ihn ermahnen muss, häufiger in die Kirche zu gehen und „nicht einmal einen Blick” in das in Tjumen jüngst gegründete Theater zu werfen (S. 165/348).

Auch über andere Themenbereiche bietet die Briefsammlung anschaulich Auskunft. Wirtschaftshistoriker etwa können hier am konkreten Beispiel ökonomische Praktiken und Funktionsweisen eines kleinen Familienbetriebs nachvollziehen, ethnologisch Interessierte finden lebensnahe Auskunft über Sitten und Brauchtum des nordrussischen Dorfes. Weitere Zugänge werden sich leicht finden lassen. Gegenüber den bereits in der Forschung rezipierten Tagebüchern von Bauern haben diese Briefe den Vorteil, dass sie nie mit dem Gedanken an ein breiteres Lesepublikum verfasst wurden.[1] Sie geben unmittelbar Auskunft darüber, worüber und wie Aufsteiger aus dem Bauernstand untereinander kommunizierten. Damit leisten sie einen unermesslichen Beitrag für unser Verständnis vom russischen Dorf.

Das Buch endet mit einer erleichternden Botschaft: Auch Iwan findet endlich eine Frau und Tatjanas letzter Brief schildert zufrieden die Hochzeit. Die exzellent bearbeitete Briefedition ist auch in ihrer Eigenschaft als Familienroman keine Enttäuschung.

Anmerkung:
[1] Julia Herzberg, Autobiographik als historische Quelle in „Ost” und „West”, in: Julia Herzberg / Christoph Schmidt (Hrsg.), Vom Wir zum Ich. Individuum und Autobiographik im Zarenreich, Köln 2007, S. 15-62. Dies., „Selbstbildung” und Gemeinwohl. Das Aushandeln eines besseren Russlands in bäuerlichen Briefen und Autobiographien, in: Walter Sperling (Hrsg.), Jenseits der Zarenmacht. Dimensionen des Politischen im Russischen Reich 1800-1917, Frankfurt am Main 2008, S. 255-277.

Redaktion
Veröffentlicht am
13.04.2010
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