R. Utz: Russlands unbrauchbare Vergangenheit

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Titel
Russlands unbrauchbare Vergangenheit. Nationalismus und Außenpolitik im Zarenreich


Autor(en)
Utz, Raphael
Reihe
Forschungen zur osteuropäischen Geschichte 3
Erschienen
Wiesbaden 2008: Harrassowitz Verlag
Anzahl Seiten
288 S.
Preis
€ 58,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dietmar Wulff, Fakultät für Geschichtswissenschaften, Philosphie und Theologie, Universität Bielefeld

Die Monographie von Raphael Utz, eine 2006 in Heidelberg vorgelegte, für den Druck überarbeitete und gekürzte Dissertation, gibt sich ambitioniert: Gegenstand der Analyse ist nichts weniger als die Interdependenz von Nationalismus und Außenpolitik in Russland von der Regierungszeit Peters I. bis zum Untergang des Zarenreiches im Jahre 1917, also in einem Zeitabschnitt von mehr als zwei Jahrhunderten. Dem Verfasser geht es ebenso um die diskursive Ebene der Nationalismusdiskussionen wie um deren Konsequenzen für die Außenpolitik; doch Letzteres spielt in der gesamten Darstellung dann allerdings eine eher untergeordnete Rolle. Den Angelpunkt des Wechselspiels zwischen Nationalismus und Außenpolitik im Zarenreich bildet nach seiner Auffassung die Konstruktion einer brauchbaren Vergangenheit. Damit soll, in Anlehnung an politikwissenschaftliche Konzepte, die Suche der herrschenden Eliten nach historischen Erfahrungen beschrieben werden, mit deren Hilfe politische Herrschaft legitimiert und stabilisiert werden kann. Eine Vergangenheit sei dann brauchbar, so konstatiert Utz, wenn es einen „Konsens in ihrer Bewertung durch mehr als einzelne und idealerweise durch die Mehrheit des Volkes gibt“ (S. 24).

Obwohl die Konstruktion einer Vergangenheit in Russland das Problem einer verschwindend kleinen Elite war, erweist sich dieser Ansatz vor allem im ersten Teil der Untersuchung durchaus als fruchtbar. Peter I. hat, so lautet hier das Fazit des Verfassers, durch seine militärischen Siege und politischen Erfolge Russland nicht nur zur europäischen Großmacht erhoben. Sein höchst ambivalentes Reformwerk habe auch dazu beigetragen, den Boden für die Nationwerdung Russlands zu bereiten. Dabei sei es Peter dann weniger um die Öffnung des berühmten Fensters nach Westen gegangen. Wichtiger war ihm vielmehr der Neuanfang, die Tabula Rasa, die dann zum Urknall des Nationalismus im Zarenreich wurde. Katharina fügte der aufkommenden Nationalidee die Aufklärung hinzu. Nun wurde „la patrie“ zum Identität stiftenden Element der Elite. Die Zarin verankerte die autokratische Idee im Nationalismus, verknüpfte diese mit einer historischen Mission – der Eroberung Konstantinopels – und begründete so das ressentimentgeladene Verhältnis des russischen Nationalismus zum Westen. Dabei betrieb sie aktive Geschichtspolitik, um die Vergangenheit brauchbar zu machen. In ihr spielten das Volk und Volkstümlichkeit (narodnost), aber auch die Unausweichlichkeit fremder Herrschaft eine zentrale Rolle. Diese Erzählung wirkt ohne Zweifel anregend – auch wenn der Leser bisweilen zu glauben scheint, dies alles so oder nur wenig anders schon einmal gelesen zu haben. Das verwundert nicht, kompiliert der Autor hier doch kenntnisreich und geschickt die vorhandene Forschungsliteratur.

Ähnlich geht es weiter, auch wenn nun nicht mehr die Zaren im Mittelpunkt der Darstellung stehen. Ausführlich würdigt Utz den im Auftrag Alexanders I. unternommenen Versuch N. M. Karamsins, in Gestalt der fünfbändigen „Geschichte des russländischen Staates“ ein nationales Geschichtsnarrativ zu schaffen. Ebenso eingehend behandelt er die Gedankenwelt der russischen Außenminister im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts. Bemerkenswert erscheinen in diesem Zusammenhang die Ausführungen über die Außenminister polnischer beziehungsweise griechischer Herkunft, Czartoryski und Kapodistria, die den russischen Nationalismus für die nationale Entfaltung ihres Herkunftslandes zu instrumentalisieren suchten. Diese Versuche waren aber, so konstatiert der Verfasser, wenig erfolgreich. Die Annäherung des Slawentums und der orthodoxen Völker unter russischer Führung erwies sich nämlich als Illusion. Die Ideenwelt des langjährigen Ministers für Volksaufklärung und geistliche Angelegenheiten unter dem Kaiser Nikolaus I., S. S. Uwarow, behandelt Utz ebenso ausführlich. Uwarow galt als Schöpfer der offiziellen Ideologie der „narodnost“, einer Art imperialen Nationalismus. Dies war ein Konzept, mit dessen Hilfe die unter Alexander I. unbrauchbar gewordene Vergangenheit brauchbar gemacht werden sollte. Hierfür dienten die Überhöhung russischer Volkstümlichkeit, die eindringliche Visualisierung der Bande zwischen Autokratie und Volk und die Beschwörung der historischen Mission Russlands in Konstantinopel als Vehikel. Doch letztlich blieb diese Konstruktion einer brauchbaren Vergangenheit in Russland ohne Erfolg, so lautet das Fazit von Utz. Als besonders verhängnisvoll erwiesen sich dabei der Mangel an Partizipationsmöglichkeiten für das Volk und die Realitätsferne einer Eroberung Konstantinopels. Aufgrund der machtpolitischen Schwäche des Zarenreiches blieb dieses Ziel für immer außerhalb der Reichweite russischer Politik.

So anregend sich die Arbeit von Utz in Teilen auch liest, so stellt sie doch keine in sich geschlossene Monographie dar. Bei ihr handelt es sich vielmehr um die Anhäufung verschiedenartiger Versatzstücke. Stehen zu Beginn nämlich allein die Monarchen im Mittelpunkt der Analyse, so werden im Verlauf der Untersuchung, etwa seit Beginn des 19. Jahrhunderts, Minister und slawophile Ideologen zum Untersuchungsgegenstand. In jenem Teil schließlich, der die Zeit nach den Großen Reformen der 1860er- und 70er-Jahre erfasst, geraten dann die Diplomaten ins Blickfeld. Diese werden nun im Unterschied zu den Protagonisten der vorangegangenen Teile nicht mehr unter ideen-, sondern unter sozialgeschichtlichen Aspekten analysiert. Wenn also die ideologische Matrix des russischen Nationalismus den roten Faden des Bandes bildet, so endet dieser spätestens hier. Den Schlusspunkt bildet eine nunmehr diplomatiegeschichtliche Analyse der Orientkrise von 1876-1879, die allerdings kaum Neues bietet. Das angestrebte Ziel – die Gesamtschau der Entwicklungsgeschichte des russischen Nationalismus von seinen Anfängen bis zum Ersten Weltkrieg – erreicht Utz weder in chronologischer noch inhaltlicher Hinsicht. So bleiben die letzten drei Jahrzehnte des „langen“ 19. Jahrhunderts, in denen der russische Nationalismus seinen Höhepunkt erreichte, im Wesentlichen ausgespart. Es fehlt ferner eine systematische Analyse der Anschauungen der Slawophilen, des Pan- und Neoslawismus. Prägende Figuren des russischen Nationalismus wie M. N. Katkow, V. P. Meschtscherski oder N. I. Danilewski kommen nur am Rande vor. Letztlich vermag es der Verfasser auch nicht, terminologische Unklarheiten auszuräumen. Obwohl zu Beginn der Untersuchung „Nation“ und „Nationalismus“ definiert werden, figurieren im Text Begriffe wie „Vaterlandsliebe“, „Patriotismus“, „nationale Idee“ und „Heimatliebe“ geradezu synonym. Offen bleibt letztlich auch die grundlegende Frage, ob und inwieweit Nationalismus als Phänomen der Moderne überhaupt als Kategorie für das 18. Jahrhundert in Russland taugen kann.

Abschließend seien noch zwei Bemerkungen zu den Quellen und der in der Arbeit verwendeten Literatur gestattet: Der Klappentext des Buches verheißt neue Quellen, die die kritische Auseinandersetzung mit den Traditionen und Mustern russischer Außenpolitik und Identität vor der Revolution von 1917 ermöglichen sollen. Bei näherer Betrachtung stellt sich allerdings heraus, dass es sich hierbei um Personalakten einiger russischer Diplomaten handelt, die nach Eingeständnis des Autors lediglich die Fühlungnahme mit Tendenzen und Entwicklungen innerhalb der diplomatischen Elite Russlands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlaubt (S. 188). Und auch die wenigen, von der Zarin Marija Aleksandrowna, der Gattin Alexanders II., an ihre Verwandten in Darmstadt gerichteten Briefe aus dem Hessischen Staatsarchiv werfen kein neues Licht auf die russische Außenpolitik. Die Darstellung verlässt sich somit auf die internationale Forschungsliteratur. Hier fällt es dann schon ins Gewicht, wenn wichtige Bereiche dieser Literatur ausgespart bleiben. Dies betrifft insbesondere die zahlreichen innovativen Untersuchungen russischer Historiker zum Konservatismus im Zarenreich im 19. Jahrhundert. Deren Berücksichtigung hätte es erlaubt, Impulse von konservativer Seite für die Entwicklung des Nationalismus russischer Prägung präziser zu erfassen. Aber auch neuere russische Forschungen zur Außenpolitik im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert findet man in den Fußnoten und im Literaturverzeichnis nur selten. Nur am Rande sei angemerkt, dass dieses hochnäsige Verhältnis zur neuen Historiographie in Russland für die deutsche Osteuropaforschung durchaus nicht untypisch ist. Insgesamt handelt es sich um eine Arbeit, in der Anspruch und Realität häufig auseinanderklaffen.

Redaktion
Veröffentlicht am
20.10.2009
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